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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Huayna Potosi - Geschichte einer Freundschaft
Eingestellt am 19. 11. 2017 12:26


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CPMan
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Wir waren ungefĂ€hr Mitte Zwanzig, vielleicht ein bisschen Ă€lter und wieder einmal gemeinsam unterwegs. Ich glaube in Norwegen, mit dem Wohnwagen deiner Eltern. In der Abendsonne saßen wir zusammen, tranken Bier, genossen die Aussicht auf irgendeinen Fjord und sprachen ĂŒber Freundschaft.
„FrĂŒher“, sagtest du,“ war es mir immer wichtig, gute und intensive GesprĂ€che zu fĂŒhren. TiefgrĂŒndig miteinander zu sein. Jetzt ist mir das egal geworden.“

Ich nickte. Nicht, weil ich einverstanden war, sondern weil ich es nachvollziehen konnte. Ich selbst war aber noch nicht so weit. Wenn ich potentielle Freunde traf, dann wollte ich irgendwann die OberflĂ€che durchdringen, ich wollte tief eintauchen in die Seele des Anderen und mich dabei ebenso öffnen, ich wollte dem GegenĂŒber die Einsicht ermöglichen die ich selbst einforderte.


*


Wir verließen unser Hostel Luna y Sol in Coroico am spĂ€ten Mittag, und als wir am örtlichen terrapuerto in den Kleinbus nach La Paz stiegen, hatte ich fĂŒr einen Moment das GefĂŒhl, das Paradies verlassen zu mĂŒssen. Der subtropische Garten und Wald, in dem unsere von einer deutschen Aussteigerin gefĂŒhrte Herberge lag, hatten mich schon bei der Ankunft in den Bann geschlagen. Frank und ich hatten hier ein paar wunderschöne, entspannte Tage verbracht. Faulenzen in der HĂ€ngematte, Lesen am natĂŒrlichen Pool, sĂŒĂŸe Pfannkuchen und frisch gepresster Orangensaft zum Mittag: es hĂ€tte ewig so weitergehen können. Zudem lag Coroico nur auf 1744 Meter auf einem Bergsporn oberhalb des Tales des RĂ­o Coroico und setzte unserem Kreislauf nicht so arg zu wie das auf fast 4000 Meter liegende Copacabana am Titicacasee.

Aber wir hatten unser Schicksal ja selbst gewÀhlt; tags zuvor hatten wir Barbara, unsere Herbergsmutter, bei einer Agentur in La Paz anrufen lassen, um eine 2-Tages-Tour auf den 6088 Meter hohen Huayna Potosi, einem vergletscherten Berggipfel in der Cordillera Real, 25km nördlich von Boliviens Hauptstadt, buchen zu lassen.
„Habt ihr Erfahrung im Bergsteigen?“, hatte Barbara im Namen des Mitarbeiters der Agentur uns gefragt. Wir schĂŒttelten beide den Kopf.
„No tienen experiencia“, ĂŒbersetzte Barbara unser KopfschĂŒtteln. „Pero son alemanes.“
Frank und ich mussten lachen, denn so viel Spanisch verstanden wir noch. Vielleicht hĂ€tten wir sagen sollen, dass wir aus dem MĂŒnsterland stammten, nicht aus den Alpen. Aber wir wollten ja unbedingt diese Tour machen, also schwiegen wir.
„Geht klar“, sagte Barbara schließlich. „Ihr könnt ĂŒbermorgen auf den Berg.“
Wir guckten uns an und freuten uns.

Wir hatten ja keine Ahnung.

*


Kennengelernt haben wir uns in der Schule. Wir gingen nicht in dieselbe Klasse, aber als wir in der achten Klasse Französisch bekamen, waren wir im selben Kopplungskurs bei Frau Astner. Ich weiß noch, wie wir einmal nach der RĂŒckgabe einer Klassenarbeit vor der TĂŒr standen, in unsere Hefte mit den Noten schauten und gemeinsam ĂŒber unsere Erfolglosigkeit lachen mussten.
„Alter, wie schlecht sind wir denn?“, hast du gefragt. Ich lachte laut auf.
Gemeinsam schlecht zu sein in etwas, das war es, was uns am Anfang verband.

In den Pausen kamst du dann gelegentlich zu mir und den Jungs meiner Klasse herĂŒber. Du registriertest, dass es bei uns nur darum ging, den anderen nieder zu machen um sich selbst zu erhöhen.

„Hier gefĂ€llt’s mir nicht“, sagtest du prompt und zogst von dannen.

Es dauerte eine Weile, bis ich mich abwandte und dir folgte.


*


Als wir am Abend in La Paz ankamen, machten wir uns direkt auf den Weg zu der Reiseagentur. Das BĂŒro befand sich in einem der weniger angesagten Viertel und sah von innen auch fĂŒr bolivianische VerhĂ€ltnisse nicht besonders vertrauenserweckend aus.
„Hello, amigos“, wurden wir von einem untersetzten, etwas dicklichen Bolivianer begrĂŒĂŸt, als wir eintraten. Nachdem wir ihm unsere Reservierungsnummer nannten, erklĂ€rte er uns in Windeseile den Ablauf der 2-Tages-Tour, kassierte den vereinbarten Betrag in bar, wies uns auf die AusrĂŒstung hin, die wir gestellt bekommen wĂŒrden und auf die Dinge, die wir selber mitbringen sollten: Thermounterhose, Thermohemd, MĂŒtze, ein Schal und eine extra Paar Socken. Zum GlĂŒck konnte man in den umliegenden GeschĂ€ften die nötige Kleidung fĂŒr wenig Geld erstehen, so dass wir noch Zeit fanden, um ruhig zu Abend zu essen, bevor wir uns dann im Hotel La Valle einander ‚Gute Nacht’ sagten.

Am nĂ€chsten Morgen fanden wir uns um Punkt Neun wieder im BĂŒro ein, wo wir gemeinsam mit zwei Argentiniern, die die 3-Tages-Tour gebucht hatten, auf den Abtransport warteten. Wir mussten eine gute Weile ausharren, dann aber kam ein Kleinbus vorgefahren und wir fuhren zu einem kleinen Lager außerhalb der Stadt, wo wir unsere beiden bolivianischen Sherpas trafen, die fĂŒr uns die notwendige AusrĂŒstung zusammen suchten und uns bei der Anprobe halfen: Plastik-Bergstiefel, wasserfeste Hose und Jacke, Gamaschen, Handschuhe, Helm, Eispickel und Steigeisen. Hinzu kamen noch eine Stirnlampe und ein Schlafsack. Als wir alles an und wieder ausgezogen hatten, stellte man uns jeweils einen olivgrĂŒnen Seesack hin, in den wir die ganze AusrĂŒstung profften. Wir luden die SĂ€cke in den Kleinbus und fuhren dann gute zwei Stunden ĂŒber den Zongo-Pass zum ‚jungen Berg’. Gegen Mittag erreichten wir das Hotel Refugio Huayna PotosĂ­, malerisch gelegen an einem grĂŒn schimmernden Stausee. Als Frank beim Ausladen einen der Argentinier auf Englisch fragte, ob er wisse, wie hoch wir seien, antwortete dieser: 4600 metres.
„Das erklĂ€rt mein SchwindelgefĂŒhl“, sagte Frank grinsend zu mir und schulterte seinen Seesack.

Im Refugio bekamen wir eine Suppe und Nudeln angeboten, aber beides schmeckte nicht besonders und ich hatte ĂŒberdies keinen großen Hunger. Mit uns am Tisch saß ein Mann, den alle nur El Doctor nannten. Wir erfuhren, dass er der Besitzer unserer Reiseagentur, aber eigentlich ausgebildeter und praktizierender Notarzt war.
„I founded this company thirty years ago, together with Martin, from Austria.“
Er deutete auf ein gerahmtes Foto an der Wand, dass ihn in jungen Jahren und einen weiteren Mann in der gleichen AusrĂŒstung, die wir dabei hatten, auf dem Gipfel eines Berges zeigte, die HĂ€nde stolz in die Höhe gereckt.

*


Nach dem Abitur gingst du fĂŒr ein Jahr nach Philadelphia um dort ein soziales Jahr in einer Einrichtung fĂŒr geistig behinderte Kinder zu machen. Als ich meinen Wehrdienst hinter mir hatte, besuchte ich dich und wir fuhren sechs Wochen lange mit einem Ford Country Squire ĂŒber Umwege von der Ost- zur WestkĂŒste. Die Abenteuer, die wir, zwei unbedarfte NeunzehnjĂ€hrige mit gefĂ€lschten Personalausweisen, dort erlebten, legten den Grundstein fĂŒr unsere außergewöhnliche Freundschaft.

Aber war es das alleine? Gemeinsam verbrachte Zeit in einem fremden Land in jungen Jahren? Gemeinsame Herkunft, Ă€hnliche VerhĂ€ltnisse, vergleichbare Sozialisation? Wurden unter solchen Bedingungen zwei MĂ€nner immer gute Freunde? Oder gab und gibt es etwas Spezielles unter uns, das die Franzosen ‚Ce je ne sais quoi’ nennen und das uns zu Seelenverwandten machte?


*


Nach dem Mittagessen, das keines war, signalisierten uns unsere beiden eher maulfaulen Sherpas, dass es an der Zeit sei, aufzubrechen. Wir schulterten unsere SeesĂ€cke und machten uns auf den Weg zum Campo Alto Roca in 5130 Metern Höhe. Wir passierten die BrĂŒcke ĂŒber dem Stausee und betraten dann steiniges, unwegsames GelĂ€nde. Es ging fast in einem fort bergauf, jede Steigung wurde nur kurz von einer kleinen Ebene mit einem richtigen Pfad unterbrochen. Die Schweigsamkeit unserer Sherpas ĂŒbertrug sich auf uns, und so machten wir uns wortlos an den Aufstieg. Die Stille, gepaart mit dem Ausblick, hatte etwas sehr Schönes, fast Erhabenes an sich. Ich spĂŒrte die Last auf meinen Schultern, ich fĂŒhlte meinen Körper und schnaufte mit Frank im Takt. Die Sherpas hingegen schienen das Ganze fĂŒr einen besseren Spaziergang zu halten, sie hĂŒpften entspannt und locker den Berg hinauf und ihre Gesichter glĂ€nzten nicht vor Schweiß so wie unsere. Sie hatten aber auch nur leichtes GepĂ€ck dabei.

Nach einer guten Stunde tauchte zwischen zwei Felsen plötzlich ein hutzeliges MĂ€nnchen auf, das uns mit einem zahnlosen Mund anlĂ€chelte. Vor ihm, auf einem kleinen Holztisch, lag ein großes, altes Buch, in dem die vorbeikommenden Bergsteiger das Datum, ihren Namen und ihre NationalitĂ€t eintragen mussten.
„So merken sie, wenn wir nicht zurĂŒckkommen“, scherzte Frank.
Ich glaubte, dass es tatsÀchlich so war.

Je höher wir kamen, desto hĂ€ufiger kam in uns beiden der Wunsch nach einer Pause auf. Aber auf die Gefahr hin, dass die beiden Sherpas uns fĂŒr schwache Gringos halten könnten, kĂ€mpften wir verbissen gegen diesen Wunsch an. Auch zwischen mir und Frank setzte ein unterschwelliger Konkurrenzkampf ein, in dem sich keiner die BlĂ¶ĂŸe vor dem Anderen geben wollte. Sobald Frank um eine Pause bat, tat ich so, als könnte ich noch ewig weiterlaufen, obwohl ich gefĂŒhlt kurz vor der Bewusstlosigkeit war. Frank legte das gleiche Gebaren an den Tag, sobald ich es war, der um eine Pause bat. Die beiden Sherpas kamen unserer Bitte nach Rast zwar jedes Mal nach, aber sie blieben dabei immer stehen und schauten ungeduldig in der Gegend rum. Mit dem Ergebnis, dass ich mich wie eine Landratte im Angesicht zweier erfahrener Seeleute fĂŒhlte und so schnell wie möglich wieder aufraffte.

Nach einer endlos erscheinenden Wanderung ĂŒber spitzes Geröll stießen wir schließlich auf das Eis des eigentlichen Gletschers. Die Sherpas setzten sich auf einen Felsen und spannten sich Spikes unter ihre Wanderschuhe. Frank und ich holten die Bergstiefel aus dem Seesack, zogen sie umstĂ€ndlich an und fixierten unseres Spikes darunter. Unsere Wanderschuhe kamen in den Seesack. Dann ging es weiter, in das ewige Eis hinein.

Eine Stunde spĂ€ter erreichten wir endlich das Campo Alto Roca, doch dieses recht komfortable Lager war nicht fĂŒr uns bestimmt. Wir liefen noch zehn Minuten weiter, bis wir an eine sehr spartanische HĂŒtte aus rotem Wellblech gelangten, in der gerade einmal Platz fĂŒr vierzehn Leute war. Wir betraten die HĂŒtte durch eine kleine TĂŒr und gelangten in einen kleinen Vorraum, in dem bereits vier, fĂŒnf Bergsteiger hockten und Mate de Coca gegen die Höhenkrankheit El Soroche tranken. Wir grĂŒĂŸten kurz und gingen dann weiter in den eigentlichen Schlafraum. Dort trafen wir auf einige Sherpas, die sich angeregt unterhielten und uns keines Blickes wĂŒrdigten. Hinter ihnen befanden sich vier Reihen mit jeweils vier Doppelhochbetten: unser Nachtlager.

Frank und ich entledigten uns unserer SeesĂ€cke und setzten uns auf sie drauf. Wir keuchten und schnauften, unser Atem ging schnell und wir nahmen ihn ganz bewusst wahr. Es fĂŒhlte sich an, als hyperventilierten wir.
„Boah, Alter“, fluchte Frank. „Mein Puls geht gar nicht mehr runter.“
Er war kreidebleich.
Ich fĂŒhlte eine Mischung aus Sorge und Stolz in mir. Sorge um den Freund, und Stolz, dass ich die Höhe anscheinend besser verkraftete.

*


Anschließend studiertest du Psychologie in Mannheim, ich ging nach Maastricht um International Business zu studieren und anschließend nach Bonn. Wir taten unser Möglichstes, so bĂŒrgerlich zu enden wie unsere Eltern. Auch unsere ersten Freundinnen spiegelten das wider: deine Esther war Tochter eines Richters, meine Sarah Tochter eines Bankiers. Unsere GesprĂ€che fĂŒhlten sich an wie das Geschwafel eines FDP Politikers, obwohl wir uns beide viel weiter links glaubten. Der gesellschaftliche Gegenentwurf, der Roman der Freiheit lag immer irgendwo in unserer Schublade. Nur mit dem Unterschied, dass du diesen Entwurf als Anleitung verstanden hast und ich als fiktiven Roman. Und so holtest du diesen Entwurf eines Tages hervor, wĂ€hrend ich meinen immer weiter in die Schublade hinein schob.


*


Bis zum Einbruch der Dunkelheit sprachen wir mit den anderen Touristen, die im Vorraum saßen und ebenfalls den Berg besteigen wollten: eine fĂŒnfundzwanzigjĂ€hrige Frau aus Spanien (die viel Wert darauf legte, dass wir sie als Baskin wahrnahmen), ein junger, sehr muskulöser EnglĂ€nder, der wie Frank ĂŒber Kopfschmerzen klagte, ein Mann namens Carlos aus Brasilien und ein FĂŒnfzigjĂ€hriger aus Portugal. Da unser Spanisch, bzw. Portugiesisch nicht besonders gut waren und die anderen wenig Englisch sprachen, gestalteten sich unsere Dialoge kurz oder unfreiwillig komisch. Frank und ich gingen deshalb noch vor die TĂŒr um die AbenddĂ€mmerung auf 5000 Metern Höhe zu erleben. Die Sonne verschwand allmĂ€hlich hinter den WolkenbĂ€ndern, die wie eine gigantische Meeresgischt die Berge umspielten, und tauchte den Himmel in ein feuriges Rot. Wir waren so ergriffen, dass es uns nicht einmal einfiel, diesen Moment fotografisch festzuhalten. Wir standen einfach nur da.

Gegen achtzehn Uhr meinten unsere Sherpas, dass wir jetzt schlafen gehen sollten. Sie wĂŒrden uns um ein Uhr nachts wecken, damit wir zum Sonnenaufgang den Gipfel des Huyana Potosi erreichten. Frank und ich, die bisher einen ganz anderen Schlafrhythmus gewohnt waren, legten uns zwar mit nahezu der kompletten Garnitur in die uns zugewiesenen Hochbetten, machten aber kein Auge zu. Die bittere KĂ€lte, die uns nicht schlafen ließ, aber auch das Schnarchen der Sherpas und der knurrende, leere Magen hinderten uns daran. Hinzu kam noch die Aufregung, die der bevor stehende Kraftakt in uns auslöste. Und so lagen wir gute sechs Stunden einfach nur da, allein mit unserem kalten Atem, und warteten auf das Startsignal.

Gegen halb Eins in der Nacht ging dann plötzlich das Licht an und auf einen Schlag herrschte geschĂ€ftiges Treiben. Alle Mann erhoben sich von ihren Betten, zwĂ€ngten sich auf engstem Raum in ihre AusrĂŒstungen, prĂŒften gegenseitig den Halt der Schuhe, der Jacke und der Stirnlampe und traten dann durch die kleine TĂŒr ins Freie. Es war stockfinster, es wehte ein eisiger Wind, das Licht der Stirnlampe reichte gerade bis zum Boden direkt vor einem und die Sherpas wollten, so schien es uns, alle zuerst mit ihren SchĂŒtzlingen im Schlepptau den Berg bezwingen. Einzig und allein unsere Sherpas ließen sich von der Hektik nicht beirren und klickten uns mit Karabinerhaken in ihr Rettungsseil. Ein Sherpa verband sich mit uns und unserem Seil, der andere beabsichtigte offenbar, alleine zu laufen.

Als wir los stapften waren alle anderen Gruppen mit ihren BergfĂŒhrern bereits davon geeilt. Ich fĂŒhlte mich wie ein Formel 1 Fahrer, dem man die Pole Position streitig gemacht hatte. Aber keine fĂŒnfzig Meter weiter erkannten wir, dass ein zu ehrgeiziges Tempo auch gefĂ€hrlich war: Die junge Spanierin hing vornĂŒber gebeugt auf einem kleinen Felsen und ĂŒbergab sich lautstark. Man hörte förmlich, wie sich der Magen von innen nach außen stĂŒlpte und der Inhalt sich ĂŒber den Schnee verteilte. Im Schein der Stirnlampe erkannte ich das gespenstisch weiße Gesicht der stolzen Baskin und den besorgten Blick des Sherpas, der sie begleitete.

Wir liefen still an ihr vorbei und kletterten weiter.

*


Du gingst nach Berlin und plötzlich war es, als hĂ€tte diese Stadt einen schlafenden Riesen in dir geweckt. Dieser Riese war wild und unbezĂ€hmbar, er verweigerte sich jeder gesellschaftlichen Konvention, erklĂ€rte Schwarz zu Weiß und die Nacht zum Tag. Im Netzhemd und mit Hundehalsband ging es jetzt in den KitKatClub oder bis FĂŒnf in der FrĂŒh ins Berghain. Gelegentlich warfst du Tabletten ein.

Wenn ich dich besuchte, dann fĂŒhlte ich mich inmitten deiner Freunde wie ein verstockter SpießbĂŒrger, der sich nach Woodstock verlaufen hatte. Ich ging mit euch mit, aber ich war nicht dabei. Um ein Uhr in der FrĂŒhe, spĂ€testens, wurde ich mĂŒde und lief zurĂŒck in deine WG, um zu schlafen. Wenn ich wieder aufwachte, konnte es sein, dass du immer noch unterwegs warst.

Wenn ich dich zu mir nach Bonn einlud, dann troff deine Antwort vor Berliner Arroganz: „Nach Bonn?! Was soll ich denn da?!“
Damit war klar, dass ich allein dir nicht mehr genĂŒgte, und so besuchte ich dich zehnmal in Berlin und du kamst nur ein einziges Mal nach Bonn.


*


Die ersten zwei Stunden des Aufstiegs gingen schnell, aber nicht spurlos an uns vorbei. Wir liefen auf ausgetretenen Pfaden, auf denen sich schon Tausende Möchtegern-Bergsteiger wie wir ein unvergessliches Erlebnis erklommen hatten. Die Steigung war nicht allzu groß, wir benötigten den Eispickel nur in den seltensten FĂ€llen und die Spikes verhalfen uns zu einem festen Auftritt. Allein die dĂŒnne Luft und der darauf reagierende Kreislauf ließen den Wunsch nach einer Pause immer stĂ€rker Raum greifen. Da unser Sherpa aber keine Anstalten machte, sich mit uns auszuruhen, sondern im Gegenteil vom Willen beseelt schien, die jeweils nĂ€chste Gruppe vor uns zu ĂŒberholen, gelang es mir nicht, die einzigartige AtmosphĂ€re einer nĂ€chtlichen Bergbesteigung in mir aufzunehmen. Stattdessen verlor ich mich im Mikrokosmos des vor mir liegenden Schnees. Ich schaute auf den spĂ€rlich beleuchteten Boden, setzte einen Fuß vor den anderen, atmete oder keuchte aus, sog mit aller Kraft so viel Luft wie möglich ein und wiederholte diese Prozedur unablĂ€ssig.

Gegen drei oder vier Uhr morgens, so genau kann ich das nicht sagen, begann dann der eigentliche Kampf mit mir und den Elementen. Feuchtigkeit durchdrang meine semi-professionelle Kleidung, der Wind pfiff mir ins Gesicht und verschlug mir den wenigen Atem, der Boden stieg steiler an, wurde hĂ€rter und glitschiger und das Feuer des Ehrgeizes erlosch in meinem Innern. Ich verspĂŒrte den Wunsch, mich einfach in den Schnee zu legen und zu schlafen.
Pausa, rief ich dann in einem Moment, in dem mein Stolz und mein Ehrgeiz sich verflĂŒchtigt hatten.
Ich legte mich in den Schnee und Frank, der meinem Wunsch nach einer Pause in wenigen Nanosekunden nachkam, ging zunĂ€chst in die Hocke, ließ sich dann aber auch in den Schnee fallen.
Unsere beiden Sherpas blieben stehen und ließen uns nach Luft schnappen. Im Dunkeln konnte ich es natĂŒrlich nicht erkennen, aber ich war mir sicher, dass sie uns verĂ€chtlich anstarrten und ihnen das spanische Wort fĂŒr ‚Waschlappen’ in den Sinn kam. Es war diese Erniedrigung, diese DemĂŒtigung der problemlos bergsteigenden Sherpas, die mich doch wieder in den Stand und in den Lauf zwangen.

Aber sobald wir wieder losgingen, verpuffte die zuvor gemachte Pause im Nu und ich war wieder da, wo ich eine Sekunde vor der letzten Pause schon gewesen war: am Ende meiner KrÀfte.


*


Ich heiratete, du nicht. Ich bekam Kinder, du nicht. Ich zog in eine große Wohnung, du in einen Bauwagen auf einem GelĂ€nde nahe Ostkreuz. Ich arbeitete Vollzeit, du reihtest ein Sabbatjahr ans nĂ€chste. Ich blieb zuhause bei Frau und Kind, du zogst in die Welt hinaus. An Weihnachten riefst du mich per Videoanruf aus Nepal an, braungebrannt, vollbĂ€rtig, zerzaust. Ich saß frisch rasiert mit meiner Tochter im Wohnzimmer unserer Wohnung und fĂŒhlte den Neid auf deine Freiheit. In zehn oder zwanzig Jahren, beruhigte ich mich, wird er mit leeren HĂ€nden da stehen, ohne Frau und ohne Kinder.

Aber darf man so ĂŒber seinen besten Freund denken? Darf man sich wĂŒnschen, dass er sein Leben am Ende gegen die Wand fĂ€hrt und man selbst besser da steht?


*


Die Luft wurde immer dĂŒnner. Die stille, sternenklare Nacht ĂŒber uns und das weiße, knarzende Eis unter uns waren die einzige Orientierung in unserem Kampf mit dem Berg. Frank und ich waren fast ausschließlich mit der eigenen Qual beschĂ€ftigt. Der Atem wurde flacher und flacher. Der Mund war weit geöffnet, allein, es gab kaum Sauerstoff. Wir inhalierten Luft wie Todgeweihte, als sögen wir mit einem kaputten Strohhalm ein paar Wassertropfen aus einem tiefen Brunnen.
Aber selbst jetzt noch spĂŒrten wir unseren Stolz. Die Lunge, das Herz und der Kopf schrien alle paar Minuten nach einer Pause, nur der Stolz verbat uns, eine einzufordern.

Soll Frank doch eine Pause einfordern, dachte ich.

Pausa, rief Frank dann und ich fiel augenblicklich in den Schnee um meine mĂŒden Glieder auszuruhen und nach Luft zu schnappen.

Unterdessen standen unsere beiden Sherpas weiterhin aufrecht im Schnee. Unsere Anstrengungen nötigten ihnen nicht den geringsten Respekt ab. Einer von ihnen Ă€ffte sogar mein Atmen nach. Zugegeben, ich klang wie ein Apnoetaucher, der zu lange unter Wasser gewesen und nun an die OberflĂ€che geschwommen war, aber ich glaubte dennoch, ein bisschen Respekt fĂŒr meine Leistung verdient zu haben.

Das Verhalten des Sherpas machte mich wĂŒtend, aber die Wut gab mir Kraft, es dem Sherpa zu zeigen. Ich stand wieder auf, sobald ich konnte und hechelte ein schwaches Vamos. Als sich der Schein meiner Stirnlampe kurz ĂŒber Frank’ Gesicht verbreitete, sah ich in ein grĂŒnlich-gelbes Gesicht mit blauen, faserigen Lappen. Mein Gott, dachte ich, er gehört in ein Krankenhaus, sofort.
Aber selbst jetzt war ich zu sehr auf das eigene Erleben konzentriert, so dass sich dieser solidarische Gedanke schnell im eisig pfeifenden Wind verlor. Dieser Berg, dachte ich nur, dieser verdammte Berg. Ich will da rauf, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

*


Ich bin kein Mann, der eine Aussprache sucht. Meine Freundschaft zu ihm in Frage stellen, was wĂŒrde das bringen? Es kĂ€me zu verkrampften Treffen, er wĂŒrde sich ĂŒberwinden, hierher kommen und sich langweilen. Ich wĂŒrde ihm GesprĂ€che aufzwingen, tiefgrĂŒndig schĂŒrfen nach dem Gold unserer Freundschaft. Die LĂ€ssigkeit im Umgang miteinander wĂ€re weg.

In einem Zeitungsartikel wurde kĂŒrzlich das Konzept der Freundschaft grundsĂ€tzlich in Frage gestellt. Jemanden als seinen Freund zu bezeichnen, hĂ€tte vor allem ausschließenden Charakter. Dieser hier ist mein Freund, das heißt: Alle anderen sind es nicht.

Trotzdem missfÀllt mir die Entwicklung. Ein Baustein im Fundament meines Lebens beginnt zu bröckeln und ich frage mich: hÀlt denn nichts ein Leben lang?

Gleichzeitig habe ich gelernt, Dinge geschehen zu lassen, Entwicklungen zu akzeptieren, die ich nicht beeinflussen kann. Ist nicht die Erinnerung an eine Freundschaft immer noch eine Form der Freundschaft?


*



Als am Horizont die Sonne aufging und wir den Berggipfel endlich sehen konnten, verspĂŒrte ich einen vitalisierenden Schub. Wir hatten nicht wenige der Gruppen vor uns ĂŒberholt und wĂŒrden es pĂŒnktlich zum Sonnenaufgang schaffen, wenn wir nur nicht aufgaben. Mir schien es, als böte uns der anbrechende Tag auch mehr Sauerstoff als die verschwindende Nacht und nun, da wir so weit gekommen waren, sollten die letzten fĂŒnfzig Höhenmeter auch noch drin sein.

Da uns der Konkurrenzkampf bis hierhin gebracht hatte, und Frank und ich Gewissheit ĂŒber unseren Erfolg hatten, streiften wir diesen nĂŒtzlichen, brĂŒderlichen Zwist ab und genossen gemeinsam den letzten Weg. Wir stiegen eine vormontierte Eisentreppe hoch, die uns auf den Bergkamm fĂŒhrte. Als wir oben waren, standen wir auf dem unteren Ende des Gipfels, links neben uns ein brĂŒchiges GelĂ€nder aus Stein und Eis, hinter dem es steil bergab ging. Weit entfernt, im Tal, sahen wir die Lichter von La Paz. Ein eisiger Wind pfiff uns ins Gesicht als wir unserem Sherpa behutsam folgten.

Nach weiteren fĂŒnf Minuten standen wir am Eisenkreuz, zusammen mit einem professioneller wirkenden Team, das wohl schon lĂ€nger da war. An diesem Punkt legte auch unser Sherpa sein reserviertes GemĂŒt wie ein Gewand ab und umarmte uns. Frank und ich umarmten uns auch und konnten noch gar nicht fassen, dass wir tatsĂ€chlich aus 6088 Metern auf Bolivien schauten. Ein GlĂŒcksgefĂŒhl, von dem ich glaubte, dass es Frank genauso erfasste, durchströmte meinen Körper und ich fĂŒhlte die ohnehin starke Verbindung zu ihm noch stĂ€rker.

Unser gemeinsamer Weg, der in einer Stadt im MĂŒnsterland vor mehr als zwanzig Jahren begann, hatte uns bis auf diesen hohen Berg gefĂŒhrt. Wir hatten eine extreme Situation gemeinsam erlebt. Unsere Freundschaft und unsere RivalitĂ€t hatten uns den Berg bezwingen lassen.


Von nun an ging es nur noch bergab.





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SilberneDelfine
???
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Hallo CPMan,

hier noch eine etwas ausfĂŒhrlichere Kritik: Die ErzĂ€hlung hat mich mitgerissen, aber eigentlich ist der Konflikt zwischen den Freunden nicht richtig ausgearbeitet. Die Freunde hĂ€tten auf dem Berg zu richtigen Kontrahenten werden und sich anschließend wieder versöhnen oder bis in alle Ewigkeit verfeinden können (Konflikt - Krise - Höhepunkt - Auflösung, siehe "Dramatisches Schreiben", das als Standardwerk anerkannte Buch von Lars Egri). Den Konflikt hast du ein wenig zu schwach umgesetzt.

LG SilberneDelfine

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aligaga
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Wenn man in ein AbenteuerurlaubsstĂŒckerl filosofisch-reflektierende Betrachtungen ĂŒber die Menschheit als solche einstreuen möchte, sollte man darauf achten, sich nicht zu weit von den simplen Grundgegebenheiten zu entfernen, die eine, sagen wir mal, "MĂ€nnerfreundschaft" ausmachen.

Soweit verstĂ€ndlich und ersichtlich, sind hier ehemalige Schulfreunde dabei, sich gemeinsam auf einer (sicher teuer bezahlten) Bergtour zu ĂŒberfordern und werden dabei zu einer Art "WaffenbrĂŒder", wie es sie im Krieg, im Sport oder im Krankenhaus gibt, wo's an Eingemachte geht und die Verstellerei ein Ende hat.

Wer ĂŒber solche Art von Freundschaften filosofieren möchte, mĂŒsste als Oberstes auf dem Schirm haben, dass es sie ohne Sandkasten, ohne Schule, ohne Krieg, Olympische Spiele oder ein halbes Jahr Unfallkrankenhaus nicht gibt. Sie sind stets zeitlich und rĂ€umlich begrenzt.

Wer ihnen, so wie unser Ich-Protz, nachzureisen versucht, landet im Nirgendwo: Tempora mutantur et nos mutamur in illis, wussten schon die ollen Griechen und Römer. Wenn man ein filosofisch behauchtes StĂŒckerl ĂŒber die besagte Art von Freundschaften schreibt, darf man nicht den Fehler machen, sie aktuellen zwischenmenschlichen (~mĂ€nnlichen?) Beziehungen vergleichend an die Seite zu stellen und darĂŒber klagen, dass man Einstiges nicht wiederfĂ€nde - das ist nĂ€mlich so stinknormal wie nur irgendetwas.

Freundschaften sind Beziehungen, die dauernder Nahrung bedĂŒrfen und ohne aktuelle BezĂŒge nicht auskommen. Es gibt Leuz, die sich gegen das Erwachsenwerden strĂ€uben und mit (buchstĂ€blich) allen Mitteln versuchen, in der Embryonalphase zu bleiben, aber damit nichts erreichen, als die Kluft zu vergrĂ¶ĂŸern, die zwischen ihrem Schein und dem Sein besteht - bis zum endgĂŒltigen Blackout.

DarĂŒber könnte man tatsĂ€chlich filosofieren und fragen, ob es in unseren Gesellschaften nicht Inseln gĂ€be, wo man sich selbst und den anderen getreu bis in den Tod bleiben könnte.

Es gibt sie in der Tat, aber es sind leider so genannte "Geschlossene Gesellschaften": Heilanstalten etwa, KnÀste und politische Parteien.

Froh und munter

aligaga

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FrankK
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Hallo CPMan
Da haben Dein Ich-Prot mit seinem Freund Frank aber ein gewaltiges StĂŒck zurĂŒckgelegt. Nicht nur an Höhenmetern, sondern auch an emotionaler Kompetenz.

In langsamen Etappen erzĂ€hlst Du uns davon, wie der Prot mit immer grĂ¶ĂŸer werdenden Zweifeln auf seinen Freund hinabblickt und fast so etwas wie „Verachtung“ fĂŒr ihn empfindet, auch wenn er nicht direkt daran denkt.
Diese kursiv ausgefĂŒhrten gedanklichen und emotionalen Reflektierungen sind Dir besonders gut gelungen. Der Ich-Prot wirkte ĂŒberzeugend auf mich, sein Freund war – obwohl er faktisch nie direkt in Erscheinung trat – doch immer prĂ€sent.
Der innere Konflikt des Prots kam langsam zur Geltung, baute sich kontinuierlich auf, bis kurz vor dem Gipfel (in beiderlei Hinsicht):

quote:
Soll Frank doch eine Pause einfordern, dachte ich.

WĂ€re die Besteigung an dieser Stelle abgebrochen worden – wĂ€re wohl auch die Freundschaft entzwei gebrochen. Aber sie haben es beide geschafft – bis nach oben.

Der innere Konflikt resultierte im Missfallen des Ich-Prot ĂŒber die Freiheiten, die Frank genoss. Er hatte den Mut aufgebracht, kein „Spießer“ zu werden:
quote:
Der gesellschaftliche Gegenentwurf, der Roman der Freiheit lag immer irgendwo in unserer Schublade. Nur mit dem Unterschied, dass du diesen Entwurf als Anleitung verstanden hast und ich als fiktiven Roman. Und so holtest du diesen Entwurf eines Tages hervor, wÀhrend ich meinen immer weiter in die Schublade hinein schob.

Das ist fĂŒr mich die SchlĂŒsselszene. Hier liegt der Hund begraben.
Ab dieser Stelle hĂ€tte auch eine Diskussion beginnen können – wer von beiden hat mehr vom leben. Der Ich-Prot macht es in seinen Selbstreflektionen alleine:
quote:
Ich heiratete, du nicht. Ich bekam Kinder, du nicht. Ich zog in eine große Wohnung, du in einen Bauwagen auf einem GelĂ€nde nahe Ostkreuz. Ich arbeitete Vollzeit, du reihtest ein Sabbatjahr ans nĂ€chste.
...
Aber darf man so ĂŒber seinen besten Freund denken? Darf man sich wĂŒnschen, dass er sein Leben am Ende gegen die Wand fĂ€hrt und man selbst besser da steht?

Hier kippt die Denkweise, wir sind nahe dem Höhepunkt. Der Ich-Prot beginnt indirekt ĂŒber sein eigenes Leben nachzudenken, stellt in Frage, wesen Leben besser verlaufen sein könnte. Sein Freund Frank mit allen möglichen Freiheiten oder der Ich-Prot selbst mit Frau, Kind und den Verpflichtungen der sozialen TretmĂŒhle.
quote:
Ich bin kein Mann, der eine Aussprache sucht. Meine Freundschaft zu ihm in Frage stellen, was wĂŒrde das bringen?
...
Trotzdem missfÀllt mir die Entwicklung. Ein Baustein im Fundament meines Lebens beginnt zu bröckeln und ich frage mich: hÀlt denn nichts ein Leben lang?

Gleichzeitig habe ich gelernt, Dinge geschehen zu lassen, Entwicklungen zu akzeptieren, die ich nicht beeinflussen kann. Ist nicht die Erinnerung an eine Freundschaft immer noch eine Form der Freundschaft?

Dies ist die Auflösung des Konflikts, der Ich-Prot sieht ein, dass sich im Leben alles verĂ€ndert, das auch Freundschaften sich entwickeln und verĂ€ndern und – unter UmstĂ€nden – auch auseinandergehen können.

Am Gipfel angekommen scheint es, als hÀtten beide ihren ganz persönlichen Jakobsweg absolviert.

Der Schlusssatz erscheint mir wie ein Hoffnungsseufzer.


Fazit:
Die Geschichte gefĂ€llt mir. Ich wĂŒsste nichts, was sich ohne Gefahr fĂŒr das Gesamtwerk verĂ€ndern ließe.
Selbst vereinzelte Detail-Überzeichnungen wĂŒrde ich bestehen lassen, verdichten sie doch eher die AtmosphĂ€re als dass sie ĂŒberzogen wirkten.


Einziges Erbschen:
quote:
Wir waren so ergriffen, dass uns es nicht einmal einfiel

Ich stolpere jedes mal darĂŒber – klingt irgendwie seltsam. Ich bin mir aber auch nicht sicher, ob es nicht einer regionalen Ausdrucksform angehört. Ich hĂ€tte „... dass es uns nicht ...“ geschrieben. Ersatzweise könnte das „es“ aber wohl auch rigoros entfallen.



Gerne gelesen und auch gerne damit beschÀftigt

Herzliche GrĂŒĂŸe
Frank

__________________
Leben und leben lassen.

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aligaga
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Dass eine Freundschaft zeit-, milieu- und altersabhĂ€ngig zu sein pflegt, wurde bereits gesagt und ist so banal, dass man darĂŒber nicht mehr grundsĂ€tzlich filsofieren kann. Sie ist und bleibt etwas Sterbliches oder zumindest Wandelbares wie jede Liebschaft.

Da es sich bei Freundschaften in aller Regel um Zweier-, seltener um Mehrfachbeziehungen dreht, steht kein "innerer Konflikt" (eine ohnehin saublöde Sprachschwurbelung fĂŒr das einfache und klare Wort "Zweifel"), sondern jener zwischen unterschiedlichen Ansichten und unterschiedlichen Protagonisten im Vordergrund, also ein "Ă€ußerer" - so wie ja auch hier.

Dem Autor zu raten, eine spannendere Bergsteigergeschichte zu schreiben, hilft dem hier vorliegenden Mangel nicht ab. Er besteht ja nicht darin, dass zu wenig "passiert", sondern liegt im Unvermögen des Autors, zu akzeptieren, dass "Freundschaft" altert wie jede andere Biomasse. Sich darĂŒber zu wundern oder zu lamentieren, ist mehr als langweilig: Milliarden Eltern leiden darunter oder nicht, dass ihre Kinder erwachsen werden und sich ihnen entfremden.

Der Begriff "Konflikt" ist in diesem Zusammenhang wenig passend. Besser wĂ€re das Wort "Diskrepanz"; die ~ ließe zu, dass man sich auseinanderlebt, ohne darĂŒber in Streit zu geraten; ein solcher wird in dem vorliegenden Text ja auch gar nicht gefĂŒhrt.

Daher noch mal: Der Ansatz, eine Freundschaft wie eine Seilschaft darzustellen und gleichzeitig (sozusagen aus dem "Off") danach zu fragen, was es denn sei, was diese immer wieder auseinanderrisse, wĂ€re ganz pfiffig. Aber es fehlt die DurchfĂŒhrung und der Kontrapunkt bei dem StĂŒckerl. Es hat keinen Schluss und fĂŒhrt zu keiner neuen Erkenntnis. Unfreundlich könnte man es als "Gerede" bezeichnen.

Heiter immer weiter

aligaga

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aligaga
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quote:
Damit wollte ich zeigen, dass selbst noch so tolle, intensive Momente der Freundschaft keine Garantie fĂŒr langanhaltende, unverwĂŒstliche Freundschaften sind. Eine Freundschaft benötigt stĂ€ndig neues Futter, gemeinsames Material, gemeinsam verbrachte Zeit, Austausch ĂŒber Aktuelles und gemeinsame Erlebnisse, sonst verkĂŒmmert sie. Eine schöne Erinnerung allein ist als Kitt fĂŒr die Freundschaft langfristig unbrauchbar.
Das musst du niemandem "zeigen", o @CPMan, denn, wie schon gesagt, das sind banalste Binsenweisheiten, deren simple Darstellung niemanden mehr vom Hocker reißen wird.

Interessant wĂ€re, darĂŒber zu filosofieren, ob's denn wirklich nichts gĂ€be, den natĂŒrlichen "Alterungsprozess" aufzuhalten. Oder mit welchem Mittel man der Leere ĂŒber die Erkenntnis, dass dem unweigerlich so sei, begegnen könnte. Erst das wĂ€re "der Schritt weiter", der aus bloßem Gerede einen sinnigen Text machte.

Warum sinnierst du darĂŒber, was bei einem selber denn schief gelaufen sein könnte, wenn man nicht mit seinen Kindern oder seiner Frau, sondern mit einem "Ehemaligen" auf einen viel zu hohen Berg kraxeln muss? Da wĂ€re manch interessanter Ansatz zu finden! Unter UmstĂ€nden kommt man gar zu der Erkenntnis, dass man nie die Freunde hatte, wie man sie sich gewĂŒnscht hĂ€tte - weder draußen im Lande, noch drinnen in der Familie. Sondern immer allein war.

Heiter

aligaga

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Sorry - es sollte natĂŒrlich heißen:

quote:
Warum sinnierst du denn nicht darĂŒber, was bei einem selber denn schief gelaufen sein könnte, wenn man nicht mit seinen Kindern oder seiner Frau, sondern mit einem "Ehemaligen" auf einen viel zu hohen Berg kraxeln muss?
Heiter

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