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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Hubert Selby - Autorenvorstellung
Eingestellt am 30. 10. 2002 10:09


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„The horrors of a loveless world“


Huber Selby jr. wurde am 23. Juli 1928 in New York City geboren und wuchs in Brooklyn auf. Seine Eltern waren wie zwei gegensĂ€tzliche Pole – der Vater trank viel, war gewalttĂ€tig und wankelmĂŒtig, die Mutter hingegen war eine willensstarke und dominante Persönlichkeit.
Der junge Hubert versuchte es den beiden recht zu machen und fand sich vor ein schier auswegloses Problem gestellt. SpĂ€ter habe er sich, so erzĂ€hlt er in einem Interview (1) mehr an dem Vater orientiert. Jener flĂŒchtete vor Frau und Heim und fuhr 1942 erneut zur See. Hubert besuchte damals die Peter Styvesant High School und jobbte vor und nach dem Unterricht. 1944, gerade einmal 15jĂ€hrig, heuerte er bei der Handelsmarine an, trank, lungerte herum und bediente sich der derben Seemannssprache, was seiner Mutter ĂŒberhaupt nicht in den Kram passte. Die konnte diese „bad language“ nicht ausstehen. Sie steckte ihm nach alter Manier Seife in den Mund wenn er ein „dreckiges Wort“ benutzt hatte! Und schon das Wort „lousy“ galt fĂŒr sie bereits als ein Schimpfwort.
WĂ€hrend Huberts Zeit auf See endete der 2. Weltkrieg. In Deutschland zog sich der inzwischen 18jĂ€hrige die Tuberkulose zu und die Ärzte prophezeiten ihm, dass er nur noch wenige Monate zu Leben hĂ€tte. Selby ging zurĂŒck in die USA - um zu sterben. Im Verlauf eines 4jĂ€hrigen Krankenhausaufenthaltes entfernte man ihm zehn Rippen und einen Großteil der Lunge. Von einem einschneidenden Erlebnis berichtet der Autor spĂ€ter: „One doctor told me that I could not live, I just didnÂŽt have enough lung capacity, and I should just go home and sit quietly and I would soon be dead. Now, I am blessed with a rotten attitude, and my response to statements of this nature is, Fuck you, no one tells me what to do!“(2) Hubert Selby fĂŒhlte sich, wie er sich selbst ausdrĂŒckte, „um sein Leben betrogen.“ Ihm wurde reichlich Morphium verabreicht um die Schmerzen zu lindern und so wird es kaum jemand verwundern, dass er alsbald der dumpfen VergnĂŒglichkeit der Droge verfiel. Nach seiner Zeit im Krankenhaus begann er Storys zu schreiben. „I knew the alphabet. Maybe I could be a writer“ dachte er sich. Seine frĂŒhen Werke erschienen in den 50igern in Zeitschriften wie dem „Black Mountain Review“, „Yugen“, „Open City“ oder „Kulchur“. Beruflich schlug er sich als Lehrer, SekretĂ€r, Stenotypist und Versicherungsangestellter durchs Leben. Selby schrieb jeden Tag nach der Arbeit - nach sechs Jahren war sein erster Roman fertig.
1955 heiratete er, 1964 erschien sein DebĂŒt „Last Exit to Brooklyn“ („Letzte Ausfahrt Brooklyn“) – ein Buch, das fĂŒr eine Welle der Empörung sorgen sollte. 1988 wurde der Roman verfilmt und sorgte fĂŒr neuerliches Interesse an dem amerikanischen Autor. GlĂŒcklicherweise wurde der Roman nicht von einem romantisierenden Hollywoodregisseur, sondern von dem deutschen Uli Edel in Szene gesetzt, der sich dem schwierigen und auch schweren Stoff einfĂŒhlsam annahm. Der Film wurde ein Erfolg. Doch dazu an spĂ€terer Stelle mehr.
Die Protagonisten in „Last Exit to Brooklyn“ sind (wie in allen seinen ErzĂ€hlungen) die SpĂ€ne, die beim Hobeln in einem kapitalistischen, nach Erfolg ausgerichteten System, fallen. Personen, ĂŒber die man normalerweise nichts lesen will und wenn, dann sollten sie mit einer gehörigen Portion Melancholie und falscher RĂŒhrseligkeit ausgestattet sein.
Ausweglose Personen. Personen, die in der Kloake stecken, die dort geboren sind und auch dort sterben werden. Personen, die in der Kloake trÀumen. Diese Leute haben keinen Ausweg.
Interessant in diesem Zusammenhang erscheint die Tatsache, dass Hubert Selby in einer frĂŒhen Fassung von „Last Exit to Brooklyn“ den Protagonisten Harry Black im Kapitel „Streik“ sterben lassen wollte. Erst spĂ€ter hat er sich dafĂŒr entschieden, Harry weiterleben zu lassen. Vielleicht eine weitaus schlimmere Alternative zum Tod. Vielleicht war sich Hubert Selby aber auch klar darĂŒber, dass in dem Buch schon zu viele Menschen gestorben waren.
Die Übersetzung, zweifelsohne souverĂ€n von Kai Molvig bewerkstelligt, hinkt dem amerikanischen Original hinterher – muss hinterher hinken, denn der Slang der Gosse lĂ€ĂŸt sich nur bedingt ins Deutsche ĂŒbertragen. Da wird aus „shiteatingbastard“ ein „mieser Hurenbock“ und aus „Motherfucka“ die „beschissene Sau“. (Man beachte auch die Schreibweise.)
„Wo die Helden der Beat-Generation ihr eigenes Leben, den Strom ihres Bewußtseins in den Mittelpunkt ihrer Literatur rĂŒckten, warf Selby seinen LeserInnen das Leben gescheiterter Existenzen zur Ansicht vor.“ schreibt Andreas Schnell (3). Und weiter: „Der Autor erscheint dabei lediglich als Medium, das in einer mitreißenden Prosa möglichst viel von den Gedanken und GefĂŒhlen der gequĂ€lten Existenz notieren will.“
Gilbert Sorrentino notiert in „Hubert Selby und seine Kunst“(4): „... Selby hat ein untrĂŒgliches Auge und Ohr fĂŒr das soziale Milieu und die dazugehörigen Ansichten und Wertskalen, fĂŒr das, was die Menschen eines bestimmten Milieus schĂ€tzen und sich ersehnen...“
Wie wahr! Hubert Selby schreibt ohne erhobenen Zeigefinger und sein imperialer Daumen richtet sich weder nach oben, noch nach unten. Er bewertet keinen seiner Protagonisten, sieht sich nur als ein Aufzeichner dieser kargen Welten, als Reporter, der ĂŒber das Innere berichtet. Selbys Stil wird z.B. durch fehlende Apostrophe, Kommatas - manchmal auch durch fehlende Interpunktion - unterstrichen. GedankengĂ€nge, gesprochene SĂ€tze, Taten und die Beschreibung der Umgebung gehen ineinander ĂŒber. Das macht es dem Leser nicht leicht – er kann diese Texte nicht einfach so „mal schnell“ konsumieren, er muss sich mit ihnen auseinandersetzen, muss ĂŒberlegen, wo gesprochen, gedacht oder gehandelt wird. Durch dieses intensive Befassen mit dem Text steigert sich auch das persönliche Interesse am weiteren Hergang der Story. Und, so unglaublich es sich fĂŒr denjenigen anhören mag, der noch nichts von Selby gelesen hat: Nach einiger Zeit fĂ€llt es einem nicht mehr schwer, zwischen Sprache, Gedanken und Handlung zu unterscheiden, weil man die Charaktere der Protagonisten schon so gut kennt, dass man weiß, was gerade beschrieben wird. Die fiktiven Gestalten sind vielleicht nicht zu guten Freunden geworden – zu guten Bekannten aber auf jeden Fall.
Die IntensitĂ€t, die diesem Roman innewohnt, war es dann wohl auch, die die „SaubermĂ€nner“ der Gesellschaft auf den Plan riefen. Man bezichtigte Hubert Selby der Pornographie. Ein Vorwurf, der ungerechtfertigter kaum sein könnte. Wer „Letzte Ausfahrt Brooklyn“ liest, dĂŒrfte darin keinerlei Pornographie ansichtig werden – es sei denn, man hat eine perverse Veranlagung! In England sollte in einem Prozeß geklĂ€rt werden, ob das Buch auf den Index gestellt werden sollte, ob es unmoralisch und obzön sei. Über die Gerichtsverhandlung sind mehrere Protokolle im Umlauf. Die Aussagen der Beamten lesen sich heute wie dokumentiertes PharisĂ€ertum – und etwas anderes war es wohl auch damals nicht. Doch schlechte Publicity ist auch eine Publicity und Selbys literarischer Erstling verkaufte sich ausgesprochen gut.
Und noch ein Zitat zu „Last Exit to Brooklyn“ möchte ich an dieser Stelle anfĂŒgen: „In Selbys Buch herrscht das (in jedem Sinne) nackte Entsetzen. Der Autor gibt ein Panorama des Schreckens, in welchem das Sexuelle nichts anderes ist als ein Signal der Verzweiflung unter vielen, Ausdruck eines Lebens, das nur noch in den wĂŒsten Mechanismen von Rausch, SelbstbetĂ€ubung und Vergessen ertragen werden kann.“ schreibt GĂŒnter BlĂŒckner am 7. Dezember 1968. Noch ausfĂŒhrlicher soll an dieser Stelle der Roman nicht mehr behandelt werden. Es gibt unzĂ€hlige weitere Dissertationen zu dem Erstlingswerk Hubert Selbys.
Vielleicht hatte der zweifelhafte Ruhm dieses Buches damit zu tun, dass sich der Autor anschließend verstĂ€rkt den Drogen und dem Alkohol zuwandte. 1967 wurde er wegen Heroinbesitzes festgenommen. 1969 ließ sich Hubert scheiden und heiratete noch im gleichen Jahr erneut. Er zog mit seiner neuen Frau nach Los Angeles, wo er fĂŒr das Fernsehen schrieb und 1971 „The Room“ („Mauern“) fertig stellte. „The Room“ ist fĂŒr viele Leser sein beeindruckendstes, aber auch sein abstoßendstes Werk. Der Erfolg, den er mit „Last Exit to Brooklyn“ hatte, wiederholte sich mit „The Room“ nicht, obwohl es sicherlich ebenso ein Meisterwerk der amerikanischen Literatur ist, wie sein erster Roman. FĂŒr mich ist „The Room“ ist noch um einiges intensiver und schockierender als „Last Exit to Brooklyn“. In „The Room“ geht es um einen zu Unrecht inhaftierten Mann, der sich in der Einsamkeit seiner Zelle ausmalt, wie er sich an den Polizeibeamten, die ihn festgenommen haben, rĂ€chen wĂŒrde, wie er zusammen mit den besten AnwĂ€lten in einem aufsehenerregenden Prozeß gegen die korrupten Beamten gewinnen wĂŒrde, u.s.w. Es sind Hass- und Gewaltphantasien, die den HĂ€ftling in den langen Tagen und NĂ€chten verfolgen, mit denen er seine Zeit ausfĂŒllt. Die Macht der Worte trifft den Leser wie HammerschlĂ€ge. Man ist versucht, das Buch zur Seite zu legen, mit dem Lesen aufzuhören – und kann es nicht! Hubert Selby schĂŒrt die Neugier, das unverhohlene Interesse! Wie ein Kind, das einen Behinderten, einen verkrĂŒppelten Menschen anstarrt, so starrt der Leser auf die Verkommenheit und die Gewalt und die Perversionen, die Selbys BĂŒcher dominieren. Das dieses zweite Buch kaum auf öffentliches Interesse stieß, hatte einen ganz gewichtigen Grund: „Insbesondere Mauern... ...war Anfang der Siebziger Jahre mehr, als sich ein zwischen Vietnam und Altamont irre gewordenes Amerika zumuten wollte. Zudem entdeckten die AnhĂ€nger des „ungeschminkten Realismus“ mit Charles Bukowski einen pflegeleichteren Autor, der das Elend der „dreckigen alten MĂ€nner“ romantisch verklĂ€rte...(5)“
„The Room“ darf man mit Sicherheit als eines der wortgewaltigsten BĂŒcher aller Zeiten bezeichnen.
FĂŒnf Jahre spĂ€ter erscheint „The Demon“; auch hier handelt es sich wieder um einen Gestrandeten, einen Menschen in einer ausweglosen Situation. Harry White (6) fĂŒhrt ein Doppelleben: Auf der einen Seite ist er ein erfolgversprechender dynamischer junger Mann, der sich in einem New Yorker BĂŒro nach oben kĂ€mpft, auf der anderen Seite ist er mit einer schier unstillbaren sexuellen Sucht geschlagen. Er geht mit allen möglichen Frauen ins Bett, wenn sich ihm nur die Gelegenheit bietet. Meist sind es einsame oder gelangweilte Hausfrauen; eine wahre Befriedigung seiner Triebe bleibt aus. Er rotiert in einem Universum aus Leere und Verlangen. Dann heiratet er Linda und wird Vater, doch das geordnete Leben ist trĂŒgerisch. Der alte DĂ€mon der Lust greift wieder nach Harry, die AnstĂ€ndigkeit zersplittert in tausend Teilchen und die Selbstzerfleischung beginnt von neuem.
Meiner Meinung nach ist „Der DĂ€mon“ der Roman von
Hubert Selby, der den Leser am wenigsten anspricht. Hier fehlen die Momente, in denen man mitfiebern, mitzittern kann. Es plĂ€tschert ein wenig oberflĂ€chlich dahin. Sicher: Im Vergleich zu anderen BĂŒchern dieser (unserer) Epoche ist auch „Der DĂ€mon“ ergreifend und sehr drastisch, dennoch halte ich es fĂŒr sein schwĂ€chstes StĂŒck.
Lesenswerte ist da schon wieder „Requiem for a Dream“ („Requiem fĂŒr einen Traum“), erschienen 1978. Hier lĂ€uft Hubert Selby wieder zu Höchstformen auf. In „Requiem for a Dream“ behandelt Selby das Thema der Drogensucht in zwei Varianten: Die „freiwillige“ Drogensucht (der Junkie beginnt aus Neugierde o.Ă€., also aus freien StĂŒcken Drogen zu konsumieren) und die „unfreiwillige“ Drogensucht (Tablettensucht). Letzterer Kathegorie verfĂ€llt Sandra Goldfarb, eine Witwe mittleren Alters, die mit ihrem „freiwillig“ drogensĂŒchtigen Sohn Harry (wieder einmal taucht dieser Name auf!!) allerlei Schereien hat. Harry, seine Freundin Marion und sein Kumpel Tyron sind kleine Westentaschendealer, die sich mit dubiosen GeschĂ€ften ihre Drogensucht finanzieren. Dabei kommt es schon mal vor, dass die eigene Mutter eingeperrt wird, um ungestört ihr FernsehgerĂ€t zu stehlen. Alle vier Protagonisten des Buches zieht es in den Strudel der Hoffnungslosigkeit und des Verfalls.
„Die Umkehrung des Traums vom `American way of lifeÂŽ in eine RealitĂ€t des Grauens ist Selbys erneut große gesellschaftskritische Leistung“ berichtete der „Hessische Rundfunk“ bei Erscheinen des Buches.
Hubert Selby wußte, worĂŒber er schrieb. Wie bereits an anderer Stelle erwĂ€hnt hatte auch er ausgiebig Erfahrungen mit Drogen gemacht. Das Wissen um die VerfĂŒhrbarkeit durch diese Rauschgifte, das Umsetzen-können der GefĂŒhle in Worte, dies alles macht „Requiem for a Dream“ zu einem beeindruckenden StĂŒck Belletristik zum Thema „Drogensucht“. Ohne erneut Superlativen anwenden zu wollen, muss man sagen, dass „Requiem for a Dream“ neben „The Room“ und „Last Exit to Brooklyn“ zu seinen ausgereiftesten Werken gehört.
Die Verfilmung von „Requiem for a Dream“, die 2000 in Cannes vorgestellt wurde, erfĂŒllte die Erwartungen der Kritiker nicht. Darren Aronofsky missglĂŒckte es, den Stoff von „Requiem for a Dream“ auf die Leinwand zu zaubern. Markus Aicher resĂŒmierte fĂŒr BR3 ein „ÜberflĂŒssig!“ und die SĂŒddeutsche Zeitung meldete (7) etwas gönnerhaft: „Heute wirkt das Material... ...schon so, als habe es sein Verfallsdatum leicht ĂŒberschritten.“ Hubert Selby hat es sich nicht nehmen lassen (wie auch schon in „Last Exit to Brooklyn“) einen kleineren Part im Film selbst zu ĂŒbernehmen – diesmal mimt er einen GefĂ€ngniswĂ€rter.
Apropos Film - um die chronologische Reihenfolge etwas zu unterbrechen: 1989 erschien die vormals erwĂ€hnte Verfilmung von „Last Exit to Brooklyn“ mit Jennifer Jason Leigh in der Rolle der „Tralala“. Der Streifen ist, ebenso wie das Buch, starker Tobak, wurde aber von Uli Edel genial in Szene gesetzt. Eine der wenigen filmischen Umsetzungen, die einen Vergleich mit der litaratischen Vorlage nicht zu fĂŒrchten braucht.
Ebenfalls im Jahre 1989 kam Hubert Selby zusammen mit dem Musiker und SĂ€nger (und inzwischen liebgewonnenen Freund) Henry Rollins auf seiner „The Spoken World Tour“ in die „alte Welt“. Film und Lesungstour entfachten erneut das Interesse an dem Schriftsteller - allein in Berlin waren mehr als 800 Zuhörer bei seiner Lesung anwesend.
1986 erschien „Song of the Silent Snow“. In diesem Band sind 15 Kurzgeschichten abgedruckt worden, die zum Teil schon zwanzig Jahre alt sind. Sie schwanken zwischen Melancholie und (erstaunlicherweise, zum ersten Mal) einem Funken Hoffnung, der gelegentlich schwach durch die Texte schimmert. Und jetzt raten Sie mal, wie die Hauptperson in jeder der 15 Storys heißt! Richtig! Harry!
Im 2.13.61-Verlag (8) von Henry Rollins erschien 1988 die Anthologie „The Best Of Publications“ und darin findet sich – neben Autoren und Musikern wie Henry Miller, Joe Cole, Henry Rollins und Iggy Pop – auch zwei Kurzgeschichten von Hubert Selby Jr.: „It never rains when the crocus sing“ und „The healing“.
Dann gab es fĂŒr lange Zeit nicht viel ĂŒber Hubert Selby jr. zu hören – geschweige denn zu lesen (wenn man von Interviews und gelegentlichen Shortstorys in Magazinen u.Ă€. absieht). 1997 erschien „Understanding Hubert Selby Jr. – Understanding Contemporary American Literature“ von James Richard Giles. In diesem Buch wird versucht (und um mehr als einen Versuch kann es sich nicht handeln, denn seine StĂŒcke können kaum klassifiziert werden) Hubert Selbys Romane und Kurzgeschichten und seinen Stil zu analysieren. „Understanding Hubert Selby Jr.“ wurde bislang nicht ins Deutsche ĂŒbersetzt.
Die deutschen Fans bekamen ihn erst zehn Jahre nach seiner letzten Lesung, nĂ€mlich im September 1999, wieder zu sehen. Mit im GepĂ€ck auf der neuerlichen Lese-Tour: sein neuestes Werk „Willow Tree“.
In „Willow Tree“, in dem diesmal KEIN Harry eine Hauptrolle spielt, scheint zum ersten Mal so etwas wie die berechtigte Hoffnung auf eine VerĂ€nderung, eine EindĂ€mmung des Hasses zu entstehen. Vergeblich. Im Vergleich zu seinen anderen BĂŒchern ist „Willow Tree“ eher vorsichtig, ja beinahe spröde geschrieben. Sein Stil ist weicher geworden, so scheint es. Nachgiebiger. Die Story des Buches ist schnell erzĂ€hlt: Ein Schwarzer (Bobby) hat eine puertoricanische Freundin. Eine puertoricanische Gang hĂ€lt die beiden auf und weil er mit einem „ihrer“ MĂ€dchen geht, schlagen sie Bobby halb tot und schĂŒtten dem MĂ€dchen
SĂ€ure ins Gesicht. Das MĂ€dchen begeht Selbstmord (eine von Selby Ă€ußerst schwach beschriebene Szene) und der Junge wird von einem ehemaligen KZ-HĂ€ftling gesund gepflegt. Die beiden lernen sich schließlich nĂ€her kennen, es wird geradezu krampfhaft viel und grundlos gelacht - dann muss Bobby los, um sich zu rĂ€chen. „Willow Tree“ zĂ€hlt nach meiner EinschĂ€tzung nicht gerade zu Selbys besten BĂŒchern. Trotzdem ist es erfreulich, dass er nicht fĂŒr immer und ewig auf seiner „Schiene der Hoffnunglosigkeit“ dahinfahren will und sich neue Ziele setzt. Das macht es auch fĂŒr den Leser interessanter. Trotz dieser guten VorsĂ€tze wirkt das Buch ĂŒbertrieben theatralisch, zum ersten Mal hatte ich bei einem Selby-StĂŒck das GefĂŒhl, den Schatten eines erhobenen Zeigefingers ĂŒber die Buchseiten huschen zu sehen. Mit der Meinung, dass „Willow Tree“ nicht gerade das MeisterstĂŒck Hubert Selbys ist, stehe ich nicht allein. „Die Welt“ rezensiert (9): „...Hier hat sich ein alter Mann etwas von der Seele gegospelt. Ein ehrsames Dokument guten Willens. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.“
Gespannt sein kann man hingegen wieder auf den nĂ€chsten Roman des inzwischen 73jĂ€hrigen. Etwas von dem Plot hat der Autor inzwischen bekannt gegeban: Es soll sich darin um einen Protagonisten handeln, der sich zum Suizid durchgerungen hat. Er geht in einen Waffenladen und will ein Gewehr kaufen, um sich damit das Gehirn wegzublasen, aber es dauert fĂŒnf Tage, bis er die Lizenz erhĂ€lt und so hat er noch diese fĂŒnf Tage „Restleben“ ĂŒbrig. In dieser Zeit mutiert er vom Selbstmörder zum Mörder. Er tötet auf eine ganz spezielle Art und Weise: Er zĂŒchtet Salmonellen heran und lĂ€dt sein Opfer zum Essen ein...


(1) mit Robert Couteau
(2) LA Weekly in der Wochenausgabe vom 26. Februar bis 04. MĂ€rz 1999
(3) INTRO Nr. 68, Oktober 1999
(4) Enthalten in den „Marginalen zu Hubert Selbys Letzte Ausfahrt Brooklyn“
(5) Gunter Blank fĂŒr den Tages-Anzeiger, 06. Januar 2000
(6) Wir erinnern uns: Der Hauptdarsteller in „Last Exit To Brooklyn“ im Kapitel „Streik“ hat den Namen Harry Black. Ein Zufall? WĂ€hrend Harry Black in der heute erhĂ€ltlichen Fassung nicht stirbt, nimmt sich Harry White in „Der DĂ€mon“ dass Leben – ein Ende, dass Harry Black anfangs auch zugedacht worden war.
(7) am 18. Mai 2000
(8) P.O. Box 1910, Los Angeles, California, 90078, USA (Der Verlagsname begrĂŒndet sich ĂŒbrigens aus dem Geburtsdatum von Henry Rollins.)
(9) am 25. MĂ€rz 2000

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