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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hugos Freundin
Eingestellt am 18. 03. 2018 21:52


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SilberneDelfine
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Mai 1976

Die Schule war endlich aus an diesem sch├Ânen, sonnigen, fast schon hei├čen Tag und die Sch├╝ler str├Âmten aus dem Geb├Ąude auf die Stra├če. Matze hatte keinen Sinn f├╝r das sch├Âne Wetter. Er trottete, ganz in seine Gedanken versunken, vorw├Ąrts. In seiner Schultasche steckte das Heft mit der letzten Englischarbeit, das er heute zur├╝ckbekommen hatte. In fetten Buchstaben hatte der olle Bintner, der nun schon seit dem letzten Schuljahr die Klasse in Englisch unterrichtete, "Mangelhaft!!!" darunter geschrieben und als ob die drei Ausrufungszeichen noch nicht reichten, um seiner Emp├Ârung Ausdruck zu verleihen, prangten unter der Note noch die drei Worte "Unterschrift des Vaters", ebenfalls mit drei Ausrufungszeichen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt! W├╝tend gab Matze einem Stein, der vor ihm auf der Stra├če lag, einen Tritt.
Der Stein flog ein St├╝ck durch die Luft, kam wieder auf der Stra├če auf, h├╝pfte dann noch einmal hoch und traf ein M├Ądchen, das in einiger Entfernung vor ihm ging, an ihrem nackten linken Bein unter ihrem Sommerrock, bevor er wieder aufsetzte und liegenblieb. Besonders schmerzhaft konnte das wohl nicht gewesen sein, trotzdem drehte das M├Ądchen sich um und warf Matze einen Blick zu, der ungef├Ąhr besagte, dass er ein Vollidiot war.
"Was guckste so?" blaffte er sie an. Das M├Ądchen antwortete nicht, sch├╝ttelte nur den Kopf und setzte dann ihren Weg fort. Ihre schulterlangen blonden Haare flatterten im Wind. Matze fiel auf, wie h├╝bsch ihre blaue Bluse unter den blonden Haaren aussah und ├╝berlegte, ob er sie schon einmal gesehen hatte, aber er konnte sie nicht einordnen. Allerdings w├Ąre es bei der Vielzahl von Sch├╝lern, die die hiesige Realschule besuchten, auch eher unwahrscheinlich gewesen, direkt zu wissen, wen man vor sich hatte, wenn er nicht gerade in der gleichen oder der Parallelklasse war.
In diesem Moment packte ihn jemand an der Schulter.
"Mensch, Roter! Ich schrei mir hier die Kehle aus dem Hals und du hast wohl Watte in den Ohren!"
Es war Lars, ein Junge aus seiner Stra├če. Lars ging auf die Hauptschule und war ein Jahr j├╝nger als Matze.
"Was gibt's?"
Lars holte tief Luft, sah ihn dann an wie jemand, der eine wichtige Mitteilung zu machen hatte und verk├╝ndete einfach nur: "Hugo."
"Was ist mit Hugo?"
"Er ist wieder da. Wir sollen nachher alle kommen, zum ├╝blichen Treffpunkt. 5 Uhr."
Der "├╝bliche Treffpunkt" war nichts weiter als ein kleines M├Ąuerchen, das in der N├Ąhe des Friedhofs eingelassen war. Aber von der Seite des Friedhofs aus wuchsen einige B├Ąume schr├Ąg hin├╝ber, sodass das M├Ąuerchen immer sch├Ân im Schatten lag und diejenigen, die sich darunter versammelt hatten, auf den ersten Blick nicht zu sehen waren. Manchmal sa├čen sie bei sch├Ânem Wetter einfach nur auf dem M├Ąuerchen, lie├čen die Beine baumeln und genossen das Nichtstun. Manchmal stie├čen sie mit einer Flasche Bier an, manchmal rauchten sie, fast immer schwang Hugo gro├če Reden und alle h├Ârten ihm and├Ąchtig zu. Und obwohl sein Vater es nicht m├╝de wurde, ihn vor Hugo, dem "Taugenichts und Tagedieb" zu warnen, konnte Matze sich der eigenartigen Faszination, die Hugo auf ihn aus├╝bte, nicht entziehen. Einige Male hatte er gedacht, er solle besser nach Hause gehen, um f├╝r die Schule zu lernen, statt seine Zeit mit Hugo und den anderen zu verbringen. Aber jedes Mal endete das Nachdenken dar├╝ber damit, dass er blieb, wo er war. Bei Hugo und den anderen. Bis Hugo genug von ihnen hatte und alle wegscheuchte.
"Ich wei├č nicht, ob ich kommen kann."
"Du machst wohl Witze." Lars sah ihn ungl├Ąubig an. Hugo sagte man nicht einfach ab. Wenn Hugo wollte, dass man kam - warum auch immer - dann hatte man dieser Aufforderung Folge zu leisten. Und sonst gar nichts.
"Ich krieg garantiert Hausarrest. Hab ne F├╝nf in Englisch."
"Mist. Erz├Ąhl's doch einfach nicht."
"Geht nicht. Mein Alter soll unterschreiben."
"Wann hast du denn wieder Englisch?"
"Mittwoch."
Lars strahlte. "Mann, dann ist doch alles geritzt. Erz├Ąhl es ihm erst morgen." Er schlug Matze auf die Schulter. "Ist doch einfach, Roter. Also bis nachher!" Und schon war Lars verschwunden.
"Der hat gut reden", dachte Matze.
Aber seinen Vorschlag befolgte er doch: Heute war Montag. Und so hatte er noch einen Tag Galgenfrist, ehe er seinem Vater mit der verpatzten Englischarbeit unter die Augen treten musste.

Um 5 Uhr fand er sich p├╝nktlich - wie alle anderen Anh├Ąnger Hugos - am ├╝blichen Treffpunkt ein. Sie waren zu sechst: Lars, Thomas, Dieter, Frank, Karl-Heinz und er.
"Und wo ist Hugo?" Dieter sah Lars ungeduldig an. "Viel Zeit hab ich n├Ąmlich nicht, ich muss meinem Alten beim H├╝hnerschlachten helfen."
"Er kommt schon noch. Er holt noch seine Freundin ab."
Bei dem Wort "Freundin" brachen alle in lautes Gejohle aus. Einige schrille Pfiffe ert├Ânen und Frank rief: "H├Ârt, h├Ârt!"
"Ihr seid ja ganz sch├Ân neidisch", stellte Lars fest und sonnte sich im Gef├╝hl, dass er als erster von Hugo ins Vertrauen gezogen worden war.
Und dann kam Hugo endlich, mit einem M├Ądchen im Schlepptau. Sie gingen nicht Hand in Hand. Es sah eher so aus, als m├╝sse das M├Ądchen einen geb├╝hrenden Abstand halten. Als beide bei den Wartenden angekommen waren, sah Hugo sich mit einem triumphierenden Gesichtsausdruck um.
"Leute, das ist Elke."
"Hallo", sagte Elke, mit einer recht piepsigen Stimme. Vor Aufregung? Oder redete sie immer so?
Matze hatte schon nach einem Blick auf das M├Ądchen festgestellt, dass es dasselbe M├Ądchen war, das er heute nach der Schule unabsichtlich mit dem Stein getroffen hatte. Er beschloss, nichts dar├╝ber zu sagen und betrachtete sie. H├╝bsch. Blonde lange Haare und blaue Augen. Schlank. Sie hatte ihn bestimmt erkannt, aber auch sie sagte nichts ├╝ber den Vorfall. ├ťberhaupt sagte sie nach der kurzen Vorstellung so gut wie gar nichts mehr.
Hugo bedeutete Elke mit einer Handbewegung, auf der Mauer Platz zu nehmen. Dann schwang er sich selbst neben sie und der Rest des Nachmittags verging damit, dass er wieder eine seiner Reden schwang und alle anderen zuh├Ârten. Oder zumindest so taten. Matze dachte unabl├Ąssig ├╝ber Elke nach. Wo hatte Hugo sie getroffen? Wie kam ausgerechnet Hugo an ein solches M├Ądchen?
Nach einer Stunde hatte Hugo offenbar genug davon, sich wichtig zu machen und hob die Versammlung auf. Matze hatte nicht wirklich mitbekommen, wor├╝ber er ├╝berhaupt gesprochen hatte. Es war ihm auch egal.
Er ging heimw├Ąrts und seine Gedanken besch├Ąftigten sich fast ausschlie├člich mit Elke. In einer Fensterscheibe erblickte er sein Spiegelbild: den flammendroten Haarschopf, der ihm den Spitznamen "Roter" eingebracht hatte, die nicht sehr gro├če, aber kr├Ąftige, fast gedrungen wirkende Statur. Er wusste selbst nicht, warum er, w├Ąhrend er auf sein Spiegelbild starrte, auf einmal daran dachte, ob es m├Âglich w├Ąre, Hugo im Zweikampf zu besiegen. Wahrscheinlich nicht. Hugo war zwei Jahre ├Ąlter als er, etwas gr├Â├čer, zwar schlank, aber sicher genauso kr├Ąftig wie er.
Und er hatte auch nicht wirklich eine Idee, warum er auf einmal so unglaublich w├╝tend auf Hugo war.

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Weltenwandler
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Hallo SilberneDelfine,


ich habe deine Geschichte gerne gelesen. Ich finde, die Qualit├Ąt steigert sich bis zum Ende und ist recht bitter im Abgang, aber das macht das Ganze (leider) sehr nachvollziehbar Gute Geschichte!

Anmerkungen habe ich keine wichtigen, vielleicht nur:

Falls Hugos Freundin die Schule besucht, kennt sie Matze wahrscheinlich. Beliebt, h├╝bsch, so jemanden kennt jeder Junge der Schule.

Die Bezeichnung "Taugenichts und Tagedieb" trifft zu, bricht aber irgendwie etwas mit dem sonst modern formulierten Text.


Der "olle" Bintner klingt f├╝r mich etwas flapsig, andererseits passt es perfekt in den Kontext Schule. Vielleicht findet sich da ja noch was perfekteres.


Liebe Gr├╝├če
Tobid

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