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Leselupe.de > Erzählungen
Hundertfünfzehn Kilometer
Eingestellt am 03. 06. 2017 16:43


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CPMan
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Sonntag

Wir befinden uns ungefähr drei Kilometer vor Portomarin. Insgesamt haben wir etwas mehr als zwanzig Kilometer zurückgelegt, für den ersten Tag sind wir ganz zufrieden, vor allem wenn man bedenkt, dass wir erst gegen Mittag in Sarria gestartet sind. Wir haben eine kleine Herberge gefunden, die Übernachtung im Doppelzimmer kostet 20 Euro, das Abendessen 10. Die Herbergsmutter ist eine ältere Dänin, offen und warmherzig.
Nachdem wir die Betten bezogen haben, machen wir einen kleinen Spaziergang durch die ländliche Idylle. Doch auch hier, wie schon den ganzen Tag über, wird die beschauliche Stille der Landschaft von der Logorrhoe meines achtzigjährigen Vaters zunichte gemacht.
„Weißt du watt datt is?“, fragt er, mit dem ausgestreckten Arm auf eine Pflanze am Wegrand zeigend.
Ich zucke mit den Schultern. Meine Ahnungslosigkeit ist nicht gespielt. Meine Gleichgültigkeit auch nicht.
„Schafgarben“, beantwortet mein Vater seine eigene Frage mit einer Mischung aus Triumph und Bestürzung ob meiner Ignoranz.
Ich versuche ruhig und geduldig zu bleiben, Nachsicht zu üben mit dem alten Mann, der nur noch auswendig gelerntes Wissen zum Besten geben kann, aber nicht mehr imstande ist, eine längere, sinnstiftende Unterhaltung zu bestreiten.
„Aha“, sage ich, in der Hoffnung, dass meine Einsilbigkeit ansteckend wirkt. Das Gegenteil ist der Fall.

Das Abendessen verbringen wir mit den anderen Gästen der Herberge: sieben wuchtige Österreicherinnen, die ich im Geiste fortan nur noch als die Kugelstoßerinnen bezeichne und eine Dänin Anfang Vierzig, die den Jakobsweg gegen den Strom läuft, also in Santiago gestartet ist und bis nach Saint-Jean-Pied-de-Port laufen will. Von ihr erfahre ich, dass unsere Herbergsmutter Annemarie heißt und die Unterkunft gemeinsam mit ihrem südafrikanischen Mann Gordon betreibt, der uns das Essen kredenzt. Es gibt typisch galizische Entrées, ein kräftiges Chili con Carne und einen leckeren Pudding als Dessert. Zwischen den Gängen erzählt mein Vater den Österreicherinnen Anekdoten aus seinem Leben, die ich Wort für Wort schon tausend Mal gehört habe: Wie er als kleiner, achtjähriger Junge bei einem Angriff britischer Flieger mit seiner Mutter von der Dorfschule nach Hause rannte und erst bei der Ankunft bemerkte, dass er den Griffel und die kleine Tafel noch in der Hand hielt. Wie sein älterer Bruder, mein Onkel Bernhard, aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, abgemagert, fahrig und erschöpft. Wie er als sogenanntes Mikätzchen den Sprung vom Bauerssohn in den Lehrerberuf und Beamtenstatus schaffte. Wie er unsere Mutter in London kennenlernte. Die Kugelstoßerinnen hören zu, ich kann nicht erkennen, ob sie es angestrengt oder aufmerksam tun. Vielleicht beides.

Ich unterhalte mich derweil mit Anita, der Dänin, die gegen den Strom läuft, auf Englisch. Sie erzählt mir, dass sie bis zum fünfunddreißigsten Lebensjahr in Aarhus im Bereich Marketing gearbeitet und es gehasst hat, dass sie nun seit zwei Jahren als Lehrerin arbeitet und jeden Sommer einen camino läuft. Ich lerne, dass es nicht nur den camino francés gibt, sondern auch einen camino inglés und einen camino portugues, die sie alle schon komplett gelaufen ist. Sie hat bereits über 1500 Kilometer auf den verschiedenen Jakobswegen zurückgelegt. Dagegen nehme ich mich mit meinen zwanzig Kilometern ziemlich mickrig aus.
But the camino is not a competition“, sagt sie beschwichtigend.
„Vielleicht nicht“, erwidere ich, „trotzdem beginnt jeder Smalltalk mit einem Pilger mit der Frage, wo man gestartet ist und wie viele Kilometer man schon gelaufen ist. Man könnte mich doch auch fragen, warum ich den camino mache.“

Well, why are you walking the camino?

Ich erweise meinem Vater einen letzten Gefallen. Viele Reisen wird er nicht mehr machen und bald wird sein Körper ihm diese Strapazen nicht mehr erlauben, auch wenn er jetzt noch rüstig ist. Ein letztes Mal will ich ihm und meiner Mutter noch glauben machen, ich sei ein frommer Katholik, obwohl ich letztes Jahr aus der Kirche ausgetreten bin und eigentlich immer schon einen inneren Widerstand gegen die bigotte Frömmigkeit meiner Mutter und die Scheinheiligkeit unserer kleinbürgerlich-katholischen Gemeinde verspürt habe. Ich mache diese Reise auch, weil ich mir von meinem Vater Antworten auf Fragen erhoffe, die ich nie zu stellen wagte: Warum hast du uns Kinder nicht vor unserer Mutter beschützt? War sie schon immer so? Warum bist du so feige gewesen?

Aber auch auf dieser Reise, auf diesem Weg, das ahne ich bereits, werde ich darauf keine Antworten bekommen. Denn auch ich bin feige.


Montag


Und es geht wieder los. Kaum sind wir aufgewacht, lässt mein Vater mich an einem seiner Bonmots teilhaben. Einmal mehr ist es jenes Küchenlatein, das meiner Generation völlig abgeht, aber der Generation meines Vaters offenbar zu allerlei amüsanten Abenden verholfen hat.
Caesar ora classis Romana?“.
Mein Vater intoniert es als Frage. Dass ich in Nicolas Bouvier’s L’usage du monde vertieft zu sein vorgebe, kümmert ihn nicht.
Cäsar, Küste, Flotte, Römerin. Im Kopf übersetze ich es Wort für Wort.
„Cäsar küsste die flotte Römerin“, löst mein Vaters das Rätsel schelmisch grinsend auf.
Weiß er wirklich nicht, dass er diesen Kalauer schon hundertmal zum Besten gegeben hat?

Wir liegen noch eine Weile im Bett, die anderen Gäste haben schon längst das Weite gesucht. Nicht wenige Pilger machen sich noch vor sieben Uhr auf den Weg, um ihre Etappe von zwanzig bis dreißig Kilometer am frühen Nachmittag bewältigt zu haben. Danach kann es manchmal unangenehm heiß werden, obwohl ich das Klima in Galizien überraschend mild finde, auch am Nachmittag.
Wir duschen und ziehen uns an, dann gehen wir runter zum Frühstück. Annemarie begrüßt uns herzlich, vor allem meinen Vater scheint sie ins Herz geschlossen zu haben. Ich schäme und wundere mich, dass ihm allenthalben so viel Sympathie entgegen schlägt und nur ich von ihm genervt zu sein scheine. Wieder erkläre ich es damit, dass ich seine Geschichten tausendfach gehört habe, alle anderen aber zum ersten Mal, wohl wissend, dass es das alleine nicht sein kann.
Die Kugelstoßerinnen sind schon weg, ihr Gepäck ist aber noch da. Es wird von einem Fahrservice zur nächsten Herberge gefahren, der Unterton, mit dem Annemarie uns darauf hinweist, lässt erahnen, wie viel sie von den Österreicherinnen hält. Sofort fühlen mein Vater und ich uns wie richtige Pilger, denn wir schleppen schwere Rucksäcke mit uns herum, wobei meiner zumindest ein komfortabler Backpacker Rucksack ist. Mein Vater hingegen hat einen alten Bundeswehr Rucksack dabei, dessen Trägerriemen schon rote Striemen in seinen knochiger werdenden Torso geritzt haben. Dass ich mit ihm tauschen könnte, fällt mir auf der gesamten Reise nicht ein.

Anita, die Dänin, ist noch da, sie hat sich für heute nicht allzu viel vorgenommen, überlegt gar, noch einen weiteren Tag in Annemaries Herberge zu verbringen. Man begegnet nicht allzu vielen Dänen, meint sie, und mit Annemarie zu sprechen verschaffe ihr ein Gefühl von Heimat.
Wir umarmen uns zum Abschied, dann mache ich mich mit meinem Vater wieder auf den Weg. Für ungefähr zwanzig Minuten laufen wir schweigend nebeneinander her und genießen die mit der aufsteigenden Sonne einhergehende Stimmung. Dann brabbelt er wieder los und ich verbringe den Vormittag mit dem Versuch, ihm davonzueilen. Was mir nicht wirklich gelingt, mein alter Herr ist nämlich zäh und hartnäckig und mag sich vor mir keine Blöße geben. Kurz vor Mittag ändere ich meine Strategie und versuche, mich zurückfallen zu lassen. Das funktioniert besser.

Gegen Mittag machen wir Rast in einer kleinen Bar am Wegesrand, die tatsächlich ‚Die zwei Deutschen’ heißt. Hinter der Theke aber stehen zwei unfreundliche, füllige Spanierinnen, die auch nicht lächeln, als ich höflich dos cervezas bestelle.
Als ich mit den Bieren auf die Terrasse gehe, ist mein Vater gerade im Begriff, mit seinem Handy zu telefonieren. Von einem Zettel liest er die Nummer des Mobiltelefons ab, mit dem meine Mutter in Santiago de Compostela in einer privaten Unterkunft sitzt. Sie wollte unbedingt mitfliegen, obwohl klar war, dass sie nicht würde mitlaufen können. Aber sie beharrte darauf und erklärte, dass sie die paar Tage in Santiago schon alleine klar käme, trotz nicht vorhandener Spanischkenntnisse.
„Hallo! Hallo! Mariaaaa! Huhu!“
Mein Vater ruft laut in sein Handy hinein, trotzdem scheint meine Mutter am anderen Ende ihn kaum zu verstehen. Sie ist schwerhörig.
„Hallo! Mariaaa?! Huhu!“

Die beiden Spanierinnen hinter der Theke müssen fast losprusten, als sie die verzweifelten Kontaktversuche meines Vaters mitbekommen. Anschließend imitieren sie seine Stimme und ahmen seine Gesten nach. Die feine Ironie, dass da ein Pilger über ein Handy mit einer Frau namens Maria Kontakt aufzunehmen versucht, geht an ihnen vorbei. Sie sind einfach nur albern. Ich rege mich über sie auf, lasse sie aber gewähren. Wäre dieser alte Mann dort ein Fremder, ich fühlte mich vielleicht versucht, ebenso albern und hämisch zu sein.

Am frühen Abend machen wir wieder Halt vor den Toren des nächsten größeren Ortes, Palas de Rei. Die Herberge mutet ähnlich idyllisch aber etwas weniger rustikal an als unsere erste. Diesmal allerdings sind keine Einzelzimmer, bzw. Doppelzimmer mehr frei und so müssen wir uns mit einem Schlafsaal für acht Pilger begnügen.
Als die junge Kellnerin, die unten an der Bar ihren Dienst verrichtet, uns die Stiege zur Schlafkammer hinaufführt, nehmen mein Vater und ich bereits das österreichische Geschnatter der Kugelstoßerinnen wahr. Als wir oben sind, gibt es ein großes Hallo und irgendwie ist es tatsächlich schön, alte Bekannte zu treffen. Drei aus der Siebenergruppe sehen ziemlich mitgenommen aus, sie verarzten sich gegenseitig ihre lädierten Füße mit allerlei Verbandszeug. Zwei der noch frisch wirkenden Kugelstoßerinnen gestehen, die letzten fünf Kilometer der Strecke per Taxi zurückgelegt zu haben. Wir geben uns beide nachsichtig und mein Vater macht eine wegwerfende Handbewegung, als spiele das keine Rolle, dennoch sehe ich auf seinem Gesicht das gleiche Triumphgefühl, das auch ich empfinde. Nachdem die Kellnerin uns unsere Betten gezeigt hat, fragt sie noch, ob wir am gemeinsamen Abendessen teilnehmen wollen. Wir sagen sofort Ja.

Das Abendessen findet draußen statt, mein Vater unterhält wieder die Kugelstoßerinnen, diesmal mit Geschichten von seiner Zeit aus London. Ich dagegen mache Bekanntschaft mit einem älteren, hageren Mann, der den ganzen Abend wie ein Sonderling über das Gelände wandelte und ziemlich unfreundlich dreinschaute. Im Gespräch gibt er sich als Québecois zu erkennen, sein Akzent ist unverwechselbar. Ich verstehe nicht alles, aber doch das Meiste. Er ist vor gerade mal zweiundzwanzig Tagen gestartet und hat bereits siebenhundert Kilometer abgelaufen.
Pourtant, je marche pas vite“, meint er dazu, was ich nicht ganz glauben kann. Er wirkt dafür zu gehetzt, zu rastlos.
Er erzählt mir vom Start seiner Tour in den Pyrenäen, von der Herzlichkeit der Bewohner dort und von dem Gemeinschaftsgefühl der wenigen Pilger, das abnimmt, je näher man dem Ziel kommt. Jetzt, auf den letzten Kilometern, so meint er, verkomme der Jakobsweg immer stärker zum bloßen Geschäft mit Touristen.

Sein interessantester Gesprächsbeitrag ist sein Eindruck von der spanischen Agrarkultur. Diese winzigen Gehöfte, diese zutiefst ursprüngliche und liebevolle Art der Viehzüchtung nötigt ihm größten Respekt ab. Er kennt aus Kanada lediglich riesige Mastbetriebe mit bis zu zwanzigtausend Kühen und hier darf er nun auf dem Jakobsweg den alten Bauern dabei zusehen, wie sie am Morgen und am Abend ihre zwanzig Tiere von der Scheune auf die Weide und zurück treiben und dabei mit Namen ansprechen. Seine leuchtenden Augen, als er von dieser traditionellen und für ihn einzig vernünftigen Art der Landwirtschaft erzählt, werden einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen.

Wir gehen früh ins Bett. Morgen wollen wir zeitig los.


Dienstag


Um sieben Uhr klingelt mein Wecker, aber ich bin schon längst wach. Die anderen Pilger sind schuld. Einer aus dem Schlafsaal ist schon um vier Uhr dreißig aufgestanden und hat sich fertig gemacht. Sein Bemühen, es leise und unaufgeregt zu machen, war zwar erkennbar, aber mein Schlaf war trotzdem zu leicht. Gegen sechs Uhr machten sich dann die Österreicherinnen und zwei weitere Pilger auf den Weg, so dass mein Vater und ich uns jetzt wieder wie Langschläfer und Morgenmuffel fühlen müssen.

Mit kontinental kargem Frühstück im Bauch machen wir uns kurz vor Acht auf den Weg. Es ist noch neblig, nass und auch recht kalt. Ich trage eine kurze Hose, vertrauend darauf, dass es bald aufklart. Was es auch tut. Meine Strategie vom Vortag aber, mich immer wieder zurück fallen zu lassen und so eine Distanz zwischen mir und meinem Vater zu schaffen, funktioniert nicht. Er wird dann auch langsamer und das resultiert wiederum in einem lächerlichen Tempo.
Also ergebe ich mich in mein Schicksal und höre ihm zu. Dabei erkenne ich noch deutlicher, warum kein wirkliches Gespräch zwischen mir und meinem Vater aufkommen mag: Er fragt nichts, er konstatiert nur. Eine Katze läuft uns über den Weg, mein Vater zeigt auf sie und sagt: „Schau, eine Katze.“ Am Himmel über uns zieht ein Mäusebussard seine Kreise, mein Vater zeigt auf ihn und sagt: „Schau, ein Mäusebussard in Lauerstellung.“ Wie soll ich auf solche Äußerungen reagieren? Wie kann man aus bloßen Beobachtungen eine interessante Unterhaltung spinnen?
Was ich dabei auch lerne: Sein ganzes, fast enzyklopädisches Wissen ist unnütz, weil er es nicht reflektiert. Er hat es lediglich auswendig gelernt. Er sieht eine Blume und zitiert Shakespeare: „A rose by any other name...“, aber er hat nie darüber nachgedacht, was Shakespeare damit sagen wollte. Er hat es bestenfalls nachgelesen.

Gegen Mittag machen wir in einem Café mit großer Terrasse Rast. Da fast alle Tische belegt sind, fragen wir eine ältere Frau, die mit ihrer ungefähr fünfundzwanzigjährigen Tochter auf Pilgerschaft zu sein scheint, ob die beiden freien Plätze an ihrem Tisch schon belegt sind. Sie verneint und wir können uns setzen. Die ungefähr sechzigjährige Mutter trägt praktische Funktionskleidung, ihre Tochter ist legerer und alternativer gekleidet. Ihre Haare sind rot eingefärbt, sie hat ein Nasenpiercing, auf ihrem Oberarm prangt ein Tattoo: „..als hätt der Himmel die Erde still geküsst“.
„Das ist doch Eichendorff“, sagt mein Vater und die beiden Frauen sind sichtlich beeindruckt. Auch ich muss eingestehen, dass er mir diesbezüglich weit voraus ist. Der Name des Dichters ist mir zwar vertraut, aber die Zeile auf dem Oberarm hätte ich nie im Leben zuordnen können.

Die beiden Pilgerinnen wollen weiterziehen, und so halten wir nur einen kleinen Plausch. Sie kommen auch aus Österreich und es ist tatsächlich eine Tochter mit ihrer Mutter. Die Tochter, Johanna, ist in St-Jean-Pied-de-Port gestartet, ihre Mutter, Sabine, ist in Burgos dazu gestoßen. Ich fühle mich wieder wie ein falscher Fuffziger im Angesicht echter Pilger. Bevor aber das Schamgefühl zu groß wird, verabschieden die beiden sich schon und wünschen einen guten Tag.
Mein Vater verbringt den Rest der kurzen Erholungsphase damit, Eichendorffs Gedicht wieder in Gänze rekonstruieren zu wollen. Er fabuliert zunächst von gespannten Seelen, sacht wogenden Ähren und sternenklaren Nächten, verhaspelt sich aber immer wieder im Ablauf der Strophen, geht dann zunächst dazu über mit anderen literarischen Ergüssen Eichendorffs zu bramarbasieren, bis er schließlich irgendwelche Gedichte rezitiert, die er in der Volksschule lernen musste. Als er über ein von Blut fettes Schwert und eine donnernde Karthaun erzählt, stehe ich auf, um ein Signal zu setzen.
„Wir sollten weiter“, sage ich lapidar und bringe das Tablett mit den leeren Biergläsern zurück ins Café.

Am späten Nachmittag erreichen wir Melide. Zum ersten Mal gehen wir in einen etwas größeren Ort hinein und suchen dort nach einer Unterkunft. Ein Fehler, wie sich herausstellt, denn alles was wir finden ist eine schmucklose Sammelunterkunft, die alles verströmt, aber keine angenehme Atmosphäre. Darüber hinaus sind mein Vater und ich so ziemlich die einzigen Gäste, was dem großen, mit Plastiklaminat und Doppelhochbetten versehenen Schlafsaal etwas Gespenstisches verleiht. Ich dusche in einem ähnlich sterilen Gemeinschaftsbad, ziehe frische Klamotten an und unterhalte mich anschließend mit dem marokkanischen Betreiber der Unterkunft. Er erzählt mir, dass er vor acht Jahren hierher gezogen sei und seine spanische Frau geheiratet und mit ihr ein Kind gezeugt habe. Die Frau, die abseits sitzt, lächelt mir lieb zu, ein junges, vielleicht zweijähriges Mädchen mit glatten, schwarzen Haaren schmiegt sich an ihren Vater. Wir sprechen über Schweinefleisch, Immigration (er mag die Schwarzafrikaner, die in Marokko leben, nicht) und über die Arbeitslosigkeit in Spanien. Das wahre Paradies, so meint er, sei Deutschland, dort gebe es Arbeit für alle, sein Bruder lebe dort und betreibe eine kleine Pizzeria in der Nähe von Frankfurt.

Als mein Vater auch frisch geduscht und neu eingekleidet ist, gehen wir in das Zentrum von Melide und essen Gegrilltes in einem netten Restaurant. Danach streunen wir ein bisschen wie die Hunde durch den Ort, inspizieren die Kirche und trinken noch zwei cervezas in einer Sportbar. Unsere Blicke bleiben die ganze Zeit über an den Fernseher geheftet, es läuft irgendein Spiel der Primera Division. Ich genieße das seltene, gemeinsame Schweigen. Danach gehen wir zurück in die Unterkunft, aber es ist noch sehr früh am Abend und wir sterben fast vor Langeweile. Also gehen wir wieder in eine Bar, trinken diesmal ein Glas Wein und essen dabei Oliven und Käsewürfel. Wir wundern uns beim Bezahlen über die kleinen Preise und schlendern dann leicht angetrunken zurück in die Unterkunft. Ich lese noch ein bisschen, dann mach ich das Licht aus, enttäuscht von der Ereignislosigkeit des Abends.


Mittwoch


Wir verlassen unsere schmucklose Herberge am frühen Morgen ohne Abschiedsgruß an den marokkanischen Herbergsvater. Zum ersten Mal sind wir vor sieben Uhr schon unterwegs und zum ersten Mal spüre ich so etwas wie Schmerzen in den Füßen.
Mein Vater, ausgeruht und quicklebendig, beginnt nach zehn Minuten strammen Marschierens schon wieder mit seinem Gequatsche. Diesmal wird zumindest ein Thema durchgängig behandelt, fast ist ein roter Faden erkennbar. Er redet hauptsächlich von Verwandten und Freunden, deren Namen mir teilweise auch geläufig sind. Anekdotenhaft erzählt er von den verschiedensten Familienmitgliedern, Freunden und Berufskollegen, denen fast allen eins gemein ist: die Liebe zum Alkohol. Schnell entspinnt sich das Porträt einer westfälischen Bauernfamilie, deren Existenz vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts sich so arm und eintönig gestaltete, dass die Zuflucht im Alkohol fast schon wie ein Naturgesetz erschien. Alle Geschichten erzählt mein Vater mit einer schelmenhaften Freude und Gelassenheit, die mich befremdet. Die Geschichte meiner Familie ist eine Geschichte von Säufern, die ihre Frauen auf den Höfen im Stich gelassen haben und dies mit einer Selbstverständlichkeit taten, für die ich nur Verachtung empfinden kann. Aber anstatt dagegen zu halten und meinem Vater meine Wahrnehmung zu schildern, nicke ich alles ab und lache höflich bei den skurrilsten Geschichten über die Alkoholexzesse meiner Ahnen.

Gegen elf Uhr machen wir wieder Rast, wieder in einem Café entlang des Weges. Ich ziehe meine Schuhe aus und begutachte meine erste Blase. Mein Vater holt zwei Bier, wir trinken sie schweigend, dann sackt das Kinn meines Vaters auf die Brust und er schläft ein. Ein paar Minuten später schnarcht er mal mehr, mal weniger laut vor sich hin. Ich nutze die Zeit, um sein Gesicht zu studieren. Er ist alt geworden, denke ich, und müde. Er sollte sich einen Haartrimmer für Nase und Ohren besorgen. Er hat noch relativ viele Kopfhaare. Er könnte sich besser kleiden. Nicht zwangsweise schicker, aber besser.
Da mir langweilig ist, hole ich das erste Mal mein Reisejournal hervor, in das ich eigentlich häufiger schreiben wollte. Ohne wirkliche Absicht schreibe ich so etwas wie einen Nachruf auf meinen noch lebenden Vater:

Vater, ich habe es mir nicht ausgesucht, aber wir sind durch unser Blut verbunden. Du warst ein guter Vater, ruhig, gelassen und gesellig, ich habe dich nie in Rage erlebt. Du warst ein weicher Vater, den ich mir manchmal härter, männlicher gewünscht hätte. Du hast mir die Welt der Bücher gezeigt, die Welt der Sprachen, die du dir mühsam erschließen musstest, damit sie mir zur zweiten Natur werden konnte. Ich habe schöne Erinnerungen, aber da sind auch Erinnerungen, für die ich Scham empfinde, eigene und fremde. Ich wünschte manchmal, wir hätten ein innigeres, tieferes Verhältnis, ich wünschte, ich könnte dich und du könntest mich besser verstehen. Du warst ein treuer Ehemann, aber warum? Du hast nicht mehr allzu lange, aber eins wirst du doch immer und allem zum Trotz bleiben: Mein Vater.


Ich habe es zu schnell ins Unreine geschrieben, denke ich. Ich reiße die Seite raus, unzufrieden und beschämt ob des Geschriebenen. Ich gehe aufs Klo und spüle den Schrieb die Toilette hinunter. Als ich zurückkomme, ist mein Vater schon aufgewacht. Er hat den irritierten Blick eines frisch Aufgewachten. Es braucht ein paar Sekunden bis er wieder weiß, wo und wer er ist.

Am Nachmittag kommen immer mehr Pilger hinzu. Auf den letzten fünfzig Kilometern, so scheint es, besteht die Schar zu großen Teilen aus Menschen, die in zwei bis drei Tagen einen spirituellen Quickie erleben wollen. Durch den Andrang auf den teils engen Pfaden entsteht aber genau der umgekehrte Effekt. Zur Besinnung kommt hier, zwischen laut lachenden Jugendlichen, die alle zehn Meter ein Selfie von sich machen, niemand mehr. Auch ich, der zwar ohnehin keine Erleuchtung erwartet hat, bin zunehmend genervt von den kommerziellen Umtrieben der Pilgerschaft. Auch die Gespräche mit anderen Pilgern werden kürzer und oberflächlicher. Ich unterhalte mich mit einer Engländerin, die nur für drei Tage in Spanien ist und morgen wieder abfliegen will. Ich spreche mit einem Portugiesen, der sein durchwachsenes Deutsch an mir ausprobieren will und mich fragt, wie alt mein Vater ist. Ein Franzose mit seiner Frau bittet mich, ein Foto von ihnen zu machen, auch mit ihnen spreche ich kurz. Plötzlich kommt mir das ganze Unterfangen unendlich beliebig und sinnlos vor. Das ist keine religiöse Bewegung, das ist kein zutiefst sinnliches Erlebnis, keine Offenbarung. Alles, was ich sehe ist ein Haufen verlorener Seelen, die teils schmucklose Pfade entlang trotten, um in eine spanische Stadt mit einer großen Kirche zu gelangen.

Zweiunddreißig Kilometer vor dem Ziel, in einer kleinen Herberge namens Taberna Vella, lassen wir uns nieder. Wir sind beide erschöpft, sowohl von den Strapazen als auch den Eindrücken. Mein Vater ist still wie bisher noch nicht.
Die Herberge wird von drei Freiwilligen bewirtschaftet, alle drei sind Deutsche: Martin, ein beleibter, bärtiger Sozialarbeiter aus Berlin, Uwe, ein arbeitsloser Maurer aus Leipzig und Tobias, ein extrem stiller und zurückhaltender Auszubildender aus Gelsenkirchen, der vor allem fürs Essenmachen zuständig ist.
Martin macht mit uns eine Führung durch die Herberge, die von außen recht schmucklos, aber innen sehr liebevoll und auch überraschend modern eingerichtet ist. Wir schlafen in einem Vierbettzimmer, Martin sagt, dass für den späten Abend noch die Ankunft einer Mutter mit ihrer Tochter erwartet wird. Ich habe eine leise Ahnung, wer das sein könnte.
Das Außengelände der Herberge ist ein ausladender, wild gewachsener Garten mit Gemüseplatz und Grillstelle. Es ist wunderschön. Wir spazieren ein wenig umher und lassen das überall wuchernde Grün auf uns wirken. Dann setzen wir uns auf die Holzbänke neben der Grillstelle und kommen mit Martin ganz zwanglos ins Gespräch. Die beiden anderen Deutschen interessieren sich nicht für uns.

Als es langsam dunkel wird, klopft es an der Gartenpforte. Wie vermutet sind es Johanna und Sabine, der weibliche Gegenpart unsers Vater-Sohn Gespanns. Ich freue mich über den Zufall, der die beiden ausgerechnet zu dieser Herberge geführt hat. Auch Johanna und Sabine, so meine ich, freuen sich über unsere erneute Begegnung.

Es wird ein ausschließlich germanophoner Abend, was einerseits etwas unspektakulär ist, andrerseits aber auch eine echte und niemanden ausschließende Unterhaltung ermöglicht. Wir reden über unsere Erfahrungen auf dem camino, über Politik, über Deutschland, über das deutsch-österreichische Verhältnis und zwischendurch streut mein Vater wieder seine Anekdoten ein, die meiner Ansicht nach den Gesprächsfluss unterbrechen, allen anderen aber eine angenehme Auflockerung der doch recht ernsten Themen zu sein scheinen.
Im Verlauf des Abends komme ich vor allem mit Martin und Johanna ins Gespräch, die, wie sich herausstellt, auch als Sozialarbeiterin arbeitet. Ihre Erfahrungen mit Jugendlichen kontrastiere ich mit den meinigen, wobei klar wird, dass ich als Lehrer eine ganz andere Perspektive als Martin und Johanna einnehme. Während Johanna unablässig betont, dass das Leben der Jugendlichen gerade während der Pubertät „eine riesengroße Baustelle“ sei und man deshalb nachsichtig sein müsse, vertrete ich die altbewährten Tugenden Ordnung, Disziplin und Sauberkeit. Meine arg konservativ anmutende Einstellung zur Arbeit mit Jugendlichen erklären Martin und Johanna mit dem Erziehungsstil meiner Elterngeneration. Die Generation meines Vaters, so behaupten sie, sei vor allem auf Gehorsam gedrillt worden. Sie mutmaßen, dass die Eltern meines Vaters ihm nie auf Augenhöhe begegnet sein und körperliche Nähe als sittenwidrig verurteilt hätten. Ich gebe zu, dass mein Vater, vor allem aber meine Mutter, tatsächlich auch absoluten Gehorsam von uns Kindern verlangt hätten und nie besonders zärtlich zu uns gewesen seien. Auch hätte ich mir als Kind das ein oder andere Mal eine Umarmung gewünscht, die ich aber nie bekommen habe. Andrerseits haben meine Eltern mich auch früh zur Selbstständigkeit erzogen, was ich wiederum heutigen Elterngenerationen, die ich als überbehütend empfinde, nicht nachsagen kann.
So entspinnt sich eine lebhafte, tiefgründige und auf gegenseitigem Respekt beruhende Unterhaltung zwischen uns dreien, die den Abend zu einem nachhaltigen Erlebnis werden lässt. Als wir gegen dreiundzwanzig Uhr ins Bett gehen, denke ich, dass es genau diese Art von Unterhaltung ist, die ich mir für mich und meinen Vater wünsche.


Donnerstag


Wir stehen um sieben Uhr auf und gehen um acht Uhr los. Johanna und Sabine sind da bereits unterwegs, aber ich habe Johannas Handynummer, so dass wir unterwegs in Kontakt bleiben können. Die beiden haben sich vorgenommen, heute bis Lavacolla zu laufen und in der Nähe des Flughafens eine Unterkunft zu suchen. Lavacolla ist nur dreizehn Kilometer von Santiago entfernt, dennoch gefällt mir die Idee vorher nochmal in eine Herberge zu gehen. Ich schreibe ihr, dass wir uns gerne dazu gesellen würden.

Und so laufen mein Vater und ich auf stärker schmerzenden Füßen die härter werdenden Pfade entlang und ergehen uns wie die Tage zuvor in einseitigen Gesprächen oder kurzlebigen Austauschen von Banalitäten. Jetzt, da ich am Vorabend erlebt habe, wie sinnstiftende Gespräche verlaufen können, bin ich noch enttäuschter darüber, dass mein Vater und ich es nicht hinbekommen, mittels Sprache eine Brücke zu bauen, auf der wir uns treffen könnten. Stattdessen, um im Bild zu bleiben, stehen wir nach wie vor an den zwei Ufern eines Flusses und rufen uns über den reißenden Strom hinweg allerlei Nichtigkeiten zu, die nicht darüber hinwegtäuschen können, dass unser Blut uns zwar eint, das Wasser uns aber trennt.

Und so kommuniziere ich über den Tag hinweg mehr mit Johanna als mit meinem Vater. Ich schicke ihr Textnachrichten oder Fotos von den Kilometersteinen, an denen wir vorbeigehen, um zu erfahren, wie weit wir hinter ihnen sind. Ich erzähle ihr in kurzen SMS von einer Begegnung mit einer Gruppe südamerikanischer Nonnen, der sie eine Stunde zuvor auch begegnet ist und von einem als Jesus verkleideten Mann, den die anderen Pilger misstrauisch beäugen, weil sie vermuten, dass er sich über sie lustig machen will. Ich bin so ins Handy vertieft, dass ich dem ein oder anderen Pilger in die Hacken laufe.
Fünfzehn Kilometer vor Santiago und zwei Kilometer vor Lavacolla holen wir Johanna und Sabine schließlich ein. Wir umarmen uns alle herzlich, dann machen wir uns auf die Suche nach einer Unterkunft. Doch weit und breit ist nichts zu finden. Offensichtlich geht niemand davon aus, dass so kurz vor dem Ziel noch jemand übernachten möchte. Entlang des Jakobswegs jedenfalls gibt es nichts. Als wir den Flughafen passieren, entschließen wir uns dazu, den Pilgerpfad zu verlassen und trotten müde und erschöpft eine Kraftfahrstraße entlang, bis wir auf ein richtiges Hotel stoßen. Es hat vier Sterne und in unserem Zustand sind wir alle dazu bereit, die Kosten für ein richtiges Zimmer in einem richtigen Hotel auf uns zu nehmen.

Als mein Vater und ich verstaubt und verdreckt mit unseren Rucksäcken in das saubere, klimatisierte und geräumige Doppelzimmer mit Bad kommen, fühlen wir uns augenblicklich vom Luxus verwöhnt. Ich nehme zunächst eine lange, heiße Dusche und fläze mich dann im vom Hotel bereitgestellten Bademantel aufs Bett. Während mein Vater im Badezimmer verschwindet, schalte ich den Fernseher an und zappe mich durch die spanischen Kanäle. Frisch geduscht im Bett zu liegen und nichts tun zu müssen fühlt sich herrlich an. Der Verzicht und die Strapazen der letzten Tage haben zumindest bewirkt, dass ich Selbstverständlichkeiten wie eine heiße Dusche oder saubere Klamotten wieder zu schätzen weiß. Ein bescheidener Erfolg des Jakobswegs.

Gegen acht Uhr treffen wir uns mit Johanna und Sabine zum Abendessen im Hotelrestaurant. Wir sind alle frisch geduscht, leger gekleidet und so hungrig wie durstig. Wir lassen uns kalt gestellten Weißwein bringen und bestellen alle vier kostspielige Entrées und Hauptgerichte mit Meeresfrüchten. Unsere Unterhaltung passt an diesem Abend hervorragend zu unserem Essen: leicht und bekömmlich. Es wird geplaudert, herumgealbert und viel gelacht. Obwohl wir uns erst seit vierundzwanzig Stunden kennen, fühlt es sich viel inniger und tiefer an. Diese Unbeschwertheit, diese Gelassenheit und die Wirkung des Weißweines lassen mich von Minute zu Minute beschwingter werden. Herrlich!

Als mein Vater und ich gegen dreiundzwanzig Uhr erschöpft und glücklich in die Betten fallen, muss ich mir eingestehen, dass dies der bisher schönste Abend war. Fast empfinde ich so etwas wie Liebe und Zuneigung für meinen Vater. Das muss der Alkohol sein, denke ich, bevor ich in einer Traumwelt verschwinde.


Freitag


Wieder einmal hinken wir hinterher, im wahrsten Sinne des Wortes. Johanna und Sabine sind schon um sieben Uhr gestartet. Wir zwingen uns erst um Acht zum Aufbruch. Die geruhsame Nacht hat unseren Gliedern genügend Zeit gegeben, um zu realisieren, was wir ihnen im Verlauf der Woche angetan haben. Sie senden Hilfeschreie ans Gehirn, doch die Unvernunft obsiegt und treibt den geschundenen Körper weiter an. Vorwärts, vorwärts, schreit sie. Es sind doch nur noch wenige Kilometer. Ich bin trotz der Wehwehchen versöhnlich gestimmt und ertrage das wieder zunehmende Gequassel meines Vaters leichten Herzens. Auch die Gewissheit, dass wir es bald geschafft haben, spielt dabei sicherlich eine Rolle.

Nach knapp drei Stunden erreichen wir die Außenbezirke von Santiago de Compostela. Das gelobte Land. Beim Einlauf in die Stadt nimmt niemand Notiz von uns. Alle Bürger der Stadt nehmen die Pilger wie bewegliche Hindernisse wahr und umschiffen sie mit einer Selbstverständlichkeit, die an Gleichgültigkeit grenzt. Ich setze eine besonders intensive Leidensmiene auf, um glauben zu machen, ich sei die ganzen knapp achthundert Kilometer gelaufen, aber auch das bringt mir keine Bewunderung ein, von niemanden. Und so kämpfen mein Vater und ich uns bis ins Zentrum der Stadt vor und erreichen nach einigen Umwegen die Plaza del Obradoiro. Auf dem riesigen Platz direkt vor der Kathedrale tummeln sich auf engstem Raum über tausend Pilger. Eine Kakophonie verschiedenster Sprachen erfüllt die Luft um uns herum. Wir setzen uns erschöpft auf den steinernen Boden und lassen diesen gewaltigen Menschenauflauf fast eine ganze Stunde glücklich und beseelt auf uns wirken.
Dann geht es über einen Hintereingang in die riesige Kathedrale hinein. Jeden Mittag findet eine so genannte Pilgermesse statt. Zusammen mit anderen erschöpften Pilgern drücken wir uns in die Bänke des gewaltigen Kirchenschiffs, eine Arche Noah aus verziertem Stein. Der Gottesdienst beginnt und alle starren gebannt auf den Priester, der vorne klerikale Sätze in drei verschiedenen Sprachen von sich gibt. Der Höhepunkt dieses Hochamtes ist das Schwenken des botafumeiro, eines vierundfünfzig Kilo schweren Weihrauchkessels, der an einem zwanzig Meter langen Seil durch das gesamte Querschiff der Kathedrale geschleudert wird und den Innenraum in einen dichten Nebel aus kokelndem, luftgetrocknetem Gummiharz hüllt. Der Geruch erinnert mich an seichte Drogen.

Als wir uns im Anschluss der Messe aus dem Hinterausgang bewegen, sehe ich im Gedränge die Kugelstoßerinnen und etwas weiter weg auch Johanna und Sabine. Auch das französische Paar, das ich fotografiert habe und die südamerikanischen Nonnen laufen mir über den Weg. Die meisten von ihnen wollen sich im Anschluss an die Messe wohl den finalen Stempel in ihren Wanderpass machen lassen, meinem Vater und mir aber ist diese Dokumentation unserer Pilgerschaft nicht so wichtig.
Ich will noch im Zentrum bleiben aber mein Vater will unbedingt zur Unterkunft, wo nach wie vor seine Frau und meine Mutter auf uns wartet. Ich verliere Johanna und Sabine aus den Augen und sehe sie auch nicht wieder.

*

Als wir die Tür zur Herberge aufschließen, sitzt meine Mutter am Küchentisch und schlürft Earl Grey. Mein Vater umarmt und küsst sie und ich bin doch leicht verwundert ob der zur Schau gestellten Zuneigung. Ich gebe ihr, wie ich es gewohnt bin, lediglich die Hand.
Den Rest des Tages schlendern wir gemeinsam durch die Stadt. Zufällig ist auch das Fest des heiligen Jakob, das mit einer Kirmes einhergeht, die den spirituellen Anspruch des Wallfahrtsortes ins Gegenteil verkehrt. Es ist laut und dreckig, Fahrgeschäfte tuten mit ihren Sirenen und in der Luft hängt der Geruch von Zuckerwatte, Paradiesäpfeln und gebrannten Mandeln. Meine Eltern und ich sind bald ziemlich genervt davon und so suchen wir das Weite.

Am Abend gehen wir in ein Restaurant und statt zu zweit verlieren wir uns nun zu dritt in einer Kommunikation, die keinen Anspruch besitzt und „von Höcksken auf Stöcksken“ kommt, wie wir sagen. Als die Flasche Wein serviert wird, möchte meine Mutter sofort wissen, wie teuer die ist und bittet mich den Kellner zu fragen. Ich frage den Kellner stattdessen etwas anderes und sage meiner Mutter, dass er mich nicht verstanden hat. Ich möchte einfach unbeschwert genießen können und nicht wieder ein schlechtes Gewissen haben, weil es ein etwas teurerer Wein ist. Überhaupt bin ich den ganzen Abend gereizt vom spießbürgerlichen Geschwafel meiner Eltern. Ich sehne die Nacht und den Abflug am nächsten Tag herbei. Erst als ich von Johanna noch eine Textnachricht mit einem Foto bekomme, auf dem wir beide Arm in Arm neben einem Kilometerstein stehen, bessert sich meine Laune. Ich nehme doch etwas Schönes mit, denke ich.


Samstag


Wir verbringen die Nacht in unserer bescheidenen Unterkunft und am nächsten Morgen machen wir uns ganz früh auf zum Flughafen. Ein Taxi bringt uns hin, dann steigen wir hastig aus und lassen die üblichen Schikanen des Eincheckens über uns ergehen. Auch die Kugelstoßerinnen sind im Terminal und ich frage mich, ob wir sie jemals los werden. Eher unfreiwillig halte ich mit zweien von ihnen ein Schwätzchen, bei dem ich merke, dass einige von ihnen eigentlich ganz in Ordnung sind.

Wir fliegen ab und landen zwei Stunden später wieder in Deutschland. Am Bahnhof verabschiede ich mich von meinen Eltern. Als ich ihnen den Rücken kehre und mich von ihnen immer weiter entferne, muss ich feststellen, dass ich mit jedem Schritt beschwingter werde. Wieder kommt da dieses Gefühl von Scham auf, weil ich meine Eltern als anstrengend empfinde und generell eher wenig Geduld für sie aufbringe. Aber ich kann mir nicht helfen, ein Gefühl von Freiheit keimt in mir auf. Ich fühle wie ich fühle. Immerhin: Ich habe mit meinem Vater etwas erlebt. Eine gemeinsame Erinnerung, eine insgesamt gute, wird bleiben.

*

Ich sitze im Zug und freue mich auf Lena.

Wie war es?, wird Lena mich fragen.

Sehr schön, werde ich sagen, und es wohl irgendwie auch so meinen. Aber mir ist auch klar, dass ich dieses positive Fazit im Nachgang ironisch brechen werde.

Schön schrecklich.

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Ji Rina
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Hallo CPMan,
In Deiner Erzählung lese ich vom Jakobsweg, von Menschen die man dort trifft, wer von wo kommt, wer wo hingeht, wer welchen Beruf ausübt, Bier wird hier und da getrunken; Beschreibungen diese, die ein wenig als “oberflächliche Lektüre” dienen, da es bekannt ist, wer alles auf dem Jakobsweg unterwegs ist. Der Vater bleibt an der Oberfläche; keine wirklich Nähe ist mit ihm möglich. Der Sohn stösst auf die ewigen Barrieren, wie wohl auch in seiner Kindheit, in seiner Jugend und noch vor der Reise. Er wünscht sich einen “Durchbruch”; eine “Aussprache mit dem Vater, die aber mit keinem Versuch eingeleitet wird; Interessant wäre, wenn der Sohn den Vater in ein ernstes Gespräch “gezwungen” hätte – und dessen Reaktionen dazu. Stattdessen folgen weitere Beschreibungen über die Gegend, Hotel und Hotelzimmer; neue Menschen die man trifft, etc..Die Bekanntschaft mit Johanna und Sabine die beinahe“familiärer/wärmer” erscheint, als die Beziehung zum eigenen Vater (aber auch hier kam bei mir kein richtiges Gefühl hoch). Am Ende geht jeder wieder seinen gewohnten Weg.

Was ich vermisst habe, ist wenigstens einen Einzigen Versuch vom Sohn, dem Vater wirklich mal nahe zu kommen (Auch hätte ich mir als Kind das ein oder andere Mal eine Umarmung gewünscht, die ich aber nie bekommen habe.) da sich der Jakobsweg geradezu perfekt für solche “menschlichen Experimente” eignet (man ist stundenlang, tagelang zum Teil allein unterwegs und auf den anderen /gerade auf emotionaler Ebene/ angewiesen. Wie auf langen Reisen, die Freunde gemeinsam unternehmen, eignet sich auch diese Pilgerreise wunderbar um das “wahre Gesicht” der anderen herauszufinden) Leider unternimmt der Sohn nicht einen Einzigen Versuch; dabei hätte gerade diese Konfrontation der interessante Kern der Erzählung sein können. Auch der Vater bleibt mir in der Geschichte fremd; richtig einordnen konnte ich ihn nicht. Vielleicht hätte man sich entscheiden sollen: Entweder den Jakobsweg zu beschreiben – oder den Vater/Sohn Konflikt als zentralen Kern der Geschichte zu beleuchten.
Aber villeicht war das alles überhaupt nicht in Deinem Sinn. Vielleicht wolltest Du genau das zeigen, was Du beschrieben hast, ohne weitere Tiefe. Was ich dann aber ein bisschen schade finde.

Ein Satz, der mir nahe gegangen ist:

quote:
Das ist keine religiöse Bewegung, das ist kein zutiefst sinnliches Erlebnis, keine Offenbarung. Alles, was ich sehe ist ein Haufen verlorener Seelen, die teils schmucklose Pfade entlang trotten, um in eine spanische Stadt mit einer großen Kirche zu gelangen.

Meine Benotung gilt Deiner wunderbaren Sprache. Es ist ein Genuss dies zu lesen.
Mit Gruss,
Jirina

__________________
Der Leser hat´s gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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aligaga
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Der Jakobsweg ist beim literarisch bemühten Fußvolk derzeit ebenso angesagt wie Tiraden gegen den Rüpel aus den USA, Geschreibsel gegen rechte Ränder oder Gesänge über den Untergang des Abendlandes via Globalismus.

Der Kritiker amüsiert sich über das Bemühn der Berichterstatter, in all jenen, die auf diesen entsetzlich ausgetrampelten Pfaden trampeln und in summa eine riesige, weithin sichtbare Staubwolke erzeugen, etwas Lästiges zu erkennen, das es zu vermeiden oder zu konterkarieren gelte. Wie sonderbar doch, dass sie nicht im Traum darauf kommen, sich selbst als eines dieser Teilchen zu sehen oder gar in Frage zu stellen!

Dabei wäre eine nähere Beschäftigung mit St. Jakob und dem mit ihm veranstalteten Brimborium durchaus interessant! Angeblich war er ja ein Jünger Jesu; populär wurde die Gestalt aber erst etwa tausend Jahre später, wo sie sich im Kampf gegen die "Mauren" hervorgetan haben soll - ein besonders dunkles Kapitel der Kirchengeschichte. Einer der Grundsteinleger für den heutigen "Jakobsweg" war General Franco.

Ganz gleich, ob man mit seinem angejahrten Erzeuger auf einen Berg steigt, zum Angeln geht oder gemeinsam ein Stückerl Jakobswegs stolpert - man sollte die Gelegenheit nicht versäumen, ihn wenigstens da eine Rolle spielen zu lassen, die er im vorherigen Leben offenbar auch schon nicht hatte. Uns einen Typen zeigen, der Wesensmerkmale aufweist und den man, spät, aber nicht zu spät, doch noch schätzen (oder erst recht zu verabscheuen) lernt.

In diesem Stückerl finden sich zwar jede Menge überflüssiger Beschreibungen überflüssiger Personen und deren Banalitäten, ans Eingemachte - also an ein eigentliches Ziel dieser Schinderei - gelangen am Ende weder der Autor noch der Leser. Am Schluss kommt's zu dem Resümee, es sei dies alles "schön schrecklich" gewesen.

Dem pflichtet der Kritiker bei. Die Story ist wirklich schrecklich langweilig. Von Erleuchtung keine Spur!

Heiter immer weiter

aligaga

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CPMan
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Lieber Arno,

die Tatsache, dass es sich hier um den Jakobsweg handelt, empfinde ich auch als eher nebensächlich. Denn allen, ich sage jetzt mal 'Urlaubsbekanntschaften' ist eines gemein: sie sind so nett wie oberflächlich. Mit einem guten Freund wanderte ich mal mit einer Reisegruppe in einer Zwei-Tages-Tour zum Machu Picchu. Dabei verstanden wir uns mit zwei Chileninnen sehr gut. Als die Tour endete, stand die Frage im Raum, ob es auf der weiteren Reiseroute Überschneidungen gäbe und man sich wiedersehen könne. Wir versprachen über Handy in Kontakt zu bleiben. Als die Chileninnen aber dann von dannen zogen, meinte mein guter Freund, dass er die schöne (oberflächliche) Erinnerung an diese Begegnung nicht durch weitere Treffen mit den Chileninnen 'entzaubern und kaputt machen wolle'. Ich war anderer Meinung, verstand aber, wie er das meinte.

Im Kontrast zu diesen oberflächlichen Begegnungen steht wiederum das Vater/Sohn Verhältnis. Hier kann der Ich-Erzähler nicht einfach 'Lebwohl' und 'War nett mit dir' sagen. Beide sind auf Gedeih und Verderb miteinander verbunden.

Wie schon beim 'Klassentreffen' enthält der Text autobiographische Anleihen, entspricht aber nicht den Tatsachen. Es ging mir auch nicht darum, allein das zugegebenermaßen manchmal schwierige (oder besser gesagt, wenig tiefgründige) Verhältnis zu meinem Vater zu problematisieren. Ich erwähne meinen Vater eigentlich stellvertretend für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration und ihren Umgang mit der eigenen Biographie. Ein Beispiel: Unlängst las ich eine Biographie über Hannelore Kohl und wurde dadurch an eine Biographie über Richard von Weizsäcker erinnert. Beide stellten ihr Leben in den Dienst preußischer Tugenden und beide handelten ihr Leben so sachlich und distanziert ab, dass mir ihr Leben trotz der gebotenen Dramatik und Fülle nicht nahe ging. Ganz anders dagegen Frank McCourt's Die Asche meiner Mutter. Hier wird ehrlich und direkt, mit allerlei Peinlichkeiten und fiesem Humor vom Leben erzählt.

Als ich 'Das weiße Band' von Michael Haneke sah, glaubte ich zum ersten Mal, besser verstehen zu können, warum meine/unsere Elterngeneration m.E. so wenig reflektiert ist/war: Selbstreflektion ,das Eingeständnis von Schwäche oder eine allzu starke Auseinandersetzung mit sich selbst waren schlichtweg nicht vorgesehen. Bildung bestand aus Drill, aus Zahlen und Fakten, Gefühle spielten im Lehrplan und im Elternhaus keine Rolle. Ich meine das nicht nur abwertend, unsere manchmal allzu gefühlige Erziehungsweise ist ebenso kritikwürdig, aber dennoch ist die Elterngeneration dadurch geworden, wie sie nunmal (größtenteils) ist.

So, hier ende ich erstmal. Vielen dank, lieber Arno, für deine Rückmeldung und natürlich die gute Bewertung.

LG,

CPMan

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aligaga
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Einer der größten Fehler, den "Literaten" immer wieder neu machen, ist, aus ihrem eigenen Unvermögen und aus ihren trivialen Lebensumständen auf Gesamtheiten zu schließen. Sie sagen

quote:
Denn allen, ich sage jetzt mal 'Urlaubsbekanntschaften' ist eines gemein: sie sind so nett wie oberflächlich.
oder
quote:
... glaubte ich zum ersten Mal, besser verstehen zu können, warum meine/unsere Elterngeneration m.E. so wenig reflektiert ist/war: Selbstreflektion ,das Eingeständnis von Schwäche oder eine allzu starke Auseinandersetzung mit sich selbst waren schlichtweg nicht vorgesehen.
und meinen, dass ihr kleiner Bauchnabel das Zentrum des großen Ganzen sei.

Was für ein tragischer Irrthum! Das so genannte Eigenleben pflegt erst dort zu beginnen, wo man die ausgelatschten Jakobswege verlässt und entweder neue findet oder sich durch's Dickicht schlägt.

Wen interesieren denn schon die Reisetagebücher eines Langweilers? Dem nur "Nette" begegnen? Der seinem Pappi gegenüber nie offen und ehrlich zu sein wagte?

Es gibt mindestens so viele Unnette wie Nette auf der Welt, und es ist ein Gerücht, dass Väter und Söhne sich nicht aussprächen. Zumindest in der besseren Literatur sollte es neben dem Licht auch den Schatten geben, denn er macht sichtbar und interessant. Natürlich kann man sich auch darüber verbreiten, wie Wandfarbe in der prallen Mittagssonne trocknet, und dass Protagonisten zwar geräuschvoll sind, aber nichts zu sagen haben. Nur: Wer sollte so einen Schmarren lesen?

Gähnend

aligaga

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James Blond
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Erwartungen

Es ist schon sehr betrüblich, hier auf einen ausgezeichneten Text zu stoßen und anschließend auf Kommentare, in denen sich lediglich die enttäuschten Erwartungen und das Ego der Kritiker spiegeln.

Denn dieser Text in Form eines Reisetagebuchs glänzt durch seinen zurückhaltenden, "einfachen" Stil, durch seine leichte, angenehm unprätentiöse Sprache, die sich zu einer lakonischen Treffsicherheit des Wesentlichen präzisiert, ohne dabei den Faden der Chronik aufzugeben. Das ist Erzählkunst, die aus ihrer Gestaltungssicherheit die Kraft zu einer Integration äußerer und innerer Vorgänge schöpft.

Die erhoffte Annäherung an den alten Vater misslingt, wie auch die spirituelle Offenbarung des Jakobswegs unter den wachen Augen des Beobachters ausbleibt, und doch ist die Geschichte weit mehr als nur die von scheiternden Bemühungen. Die Chronologie gemeinsamer Erfahrungen schafft Verbindung, die Wahrnehmung des Anderen zugleich Befremden. Die Wanderung als ein Pendeln zwischen Nähe und Distanz endet, wo sie begonnen hatte: Manches ist deutlicher geworden, doch geändert hat sich eigentlich nichts.

Vielleicht sind es stets die Erwartungen, die einer fruchtbaren Erfahrung entgegenstehen. Mir hat der Text sehr gefallen.

Grüße
JB

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