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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Hunkelers neunter "Fall"- Ein Krimi vom Feinsten
Eingestellt am 17. 09. 2015 12:45


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Hansjörg Schneider, Hunkelers Geheimnis, Diogenes 2015, ISBN 978-3-257-06937-2

Der pensionierte Basler Kommiss√§r Peter Hunkeler liegt im Krankenhaus. Er ist an der Prostata operiert worden, und es hat sich herausgestellt, dass es kein Krebs war. Hunkeler f√ľhlt sich verschont und sp√ľrt, wie schon in den fr√ľheren Jahren so etwas wie Dankbarkeit f√ľr sein Leben, auch wenn seine Erinnerungen mit steigendem Alter immer intensiver werden.
Hansjörg Schneider, der in einem Interview bestätigt hat, das Hunkeler, seine Lebensgeschichte und seine Gedanken sehr mit seiner eigenen Biographie und seinen Gedanken zu tun haben.

Hunkeler liegt also im Krankenhaus und neben ihm im gleichen Zimmer ein alter Bekannter: Stephan Fankhauser, einst wie Hunkeler bei den Achtundsechzigern, ist er durch die Institutionen marschiert und Leiter der Balser Volkssparkasse geworden. Nun ist er schwerkrank. Eines Nachts beobachtet Hunkeler, wie eine Krankenschwester mit einen Rubinring an der Hand, Fankhauser eine Spritze setzt. Der wehrt sich heftig und ist am nächsten Morgen tot. Hunkeler weiß nicht recht, ob er einer Täuschung durch die eigenen Medikamente aufgesessen ist, doch es wird sich später herausstellen, dass er richtig beobachtet hat.

Sp√§ter, w√§hrend einer Handlung, in der Schneider wieder in die Schweizer Geschichte zur√ľckgeht und sie parallel setzt zu zeitgen√∂ssischen Ereignissen, hier die Finanzkrise.
Und während der er Hunkeler seien eigenen Gedanken denken lässt:
‚ÄěIn seiner Jugend, dachte Hunkeler, waren die Schweizer stolz gewesen auf ihr Land. Man sprach vom freien Schweizer und meinte sich selbst. Man war stolz darauf, dass man den Fl√ľchtlingen Asyl gew√§hrte. Man war auch stolz auf die Banken. Denn in ihnen lag das Geld unschuldig Verfolgter in sicherer Verwahrung. Ein St√ľck vom Freiheitsk√§mpfer Wilhelm Tell steckte in jedem Eidgenossen und jeder Eidgenossin.‚Äú

Doch die Fl√ľchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg hat sich als rassistisch herausgestellt und die einst angesehenen Banken sind in unglaubliche Skandale verwickelt. Und was zun√§chst aussieht wie eine Sinnest√§uschung hat Zusammenh√§nge bis in die ferne Vergangenheit.

Seit 1993, als der Basler Schriftsteller Hansj√∂rg Schneider seinen ersten Kriminalroman um den Kommiss√§r Peter Hunkeler ver√∂ffentlichte, ist er als Krimiautor ein Geheimtipp geworden. Obwohl seine B√ľcher keine hohen Auflagen erreichen, wie etwa die seiner modern gewordenen schwedischen Kollegen, sind die Romane auf h√∂chstem Niveau, mit viel politischer Analyse, gesellschaftlich-hintergr√ľndigem Witz und immer auch angereichert mit einer subtilen Kritik an den gesellschaftlichen Verh√§ltnissen, besonders denen in Basel und in der Schweiz.

Peter Hunkeler war fr√ľher verheiratet, hat aus dieser Ehe auch eine erwachsene Tochter, mit der sein Kontakt aber sp√§rlich ist. Seit vielen Jahren ist er zusammen mit Hedwig, einer engagierten Erzieherin, die es trotz allem Stress versteht, ihr Leben zu genie√üen und auf diese Weise Peter Hunkeler immer wieder einen guten Ruhepol bietet, auch wenn ihre Streitgespr√§che ein wahrer Lesegenuss sind. Besonders wenn sie Wochenenden oder andere freie Tage in ihrem H√§uschen im Elsass direkt hinter der franz√∂sisch-schweizerischen Grenze verbringen.

Hunkeler hat eine bewegte Lebensgeschichte hinter sich. In der Studentenbewegung engagiert, hat er sich eine libert√§r-liberal-linke Position bewahrt, die nie dogmatisch war oder wird. Vielleicht ist er darin das treue Abbild seines genialen Sch√∂pfers. Er kennt in Basel Gott und die Welt und seine sozialen Kontakte machen vor Klassenschranken und sozialen Milieus nicht Halt. Er verkehrt mit Schriftstellern, K√ľnstlern und Theaterleuten, Lebensk√ľnstlern, halbseidenen Figuren an der Grenze zur Unterwelt. Er trifft sie auf der Stra√üe, in Cafes, vor allem aber abends und nachts in den alten Basler Beizen, die vom Aussterben bedroht sind, und denen Hansj√∂rg Schneider in seinen B√ľchern nebenbei ein Denkmal setzt.

Er liebt Menschen und die Geschichten, die mit ihnen verbunden sind. Und weil er sich so gut in Menschen hinein versetzen kann, l√∂st er alle seine F√§lle mit diesem "Gsp√ľri". Auch diesen Fall, er ihm nach seiner Entlassung aus dem Krankhaus keine Ruhe l√§sst. Und wie schon zu seiner aktiven Zeit meiden ihn die Kollegen, mit denen er wieder zu tun bekommt. Seine Eigenst√§ndigkeit und innere Ruhe machen ihnen Angst, erst recht, wo er nun keine Verpflichtungen mehr hat. Und wie schon damals erweist sich der Staatsanwalt Suter als heimlicher Unterst√ľtzer.

Das vorliegende Buch Schneiders ist vielleicht der Beste aller neun Hunkelerb√§nde. Seine Altersweisheit und sein unideologischer Blick auch auf seine eigene Vergangenheit lassen ihn erkennen, was trotz allem sein Basel f√ľr ihn liebenswert macht, auch als politische Heimat.




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