Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92211
Momentan online:
234 Gäste und 6 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Hypnagog
Eingestellt am 28. 11. 2002 04:05


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
doktordigitalis
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2001

Werke: 29
Kommentare: 46
Die besten Werke
 
Email senden
Profil



Herb verschrĂ€nkte die Arme unter dem Kopf und lauschte dem Abendgesang der Vögel in der herabsinkenden milden DĂ€mmerung des SpĂ€tapril. Die Bilder direkt vor dem Einschlafen ließ er langsam ablaufen. Es waren MinitrĂ€ume, in sich logisch ablaufende Sequenzen. Die SĂŒĂŸe des Schlafes war so verfĂŒhrerisch nahe, aber er wollte bewusst diese Schicht zwischen Tag und Traum wahrnehmen. Hier begannen die Gefilde des Unbewussten.. Ich gleiche einer Ahnung, die hungrig auf ihre Erfahrung ist, hörte er sich denken, bevor er mit dem Satz Ein Tag hat 150 Millionen Kubikmeter in die Mulde des Schlafes glitt.

Er hatte folgenden Traum: Die Selbstverantwortung lag gefesselt und geknebelt auf einem Pickup-Truck. Sie stöhnte leise unter der Plane, mit der man den Tennisplatz bei Regen abdeckte. Aber das machte ja nichts, es war ja bloß das Stadion Roland Garos im Sturmtief! Dann sah er Boris. Der kaute nachdenklich auf einer gerissenen Saite seines SchlĂ€gers; das Ausgleichsgewichtchen hing plĂ€rrend am Stiel. Boris hatte das gesamte mörderische Endspiel gegen Mc. Enroe bis zum Matchball getrĂ€umt, und er wusste, dass sein Gegner das gesamte Stadion, ja die ganze Nation gegen ihn aufhetzen wĂŒrde. Und genau dieses Spiel war jetzt unterbrochen; es wĂŒrde auch seinen Rhythmus unterbrechen. Er seufzte auf, ließ achtlos das durchgeschwitzte Hemd zu Boden gleiten und ging in die Dusche......

Herb erwachte wie auf Fingerschnips; kein Blinzeln, kein GĂ€hnen. Die DĂ€mmerung gebar den neuen Tag, und die GegenstĂ€nde im Zimmer warfen schon mal versuchsweise diffuse Schatten. Er wußte, daß es fĂŒnf vor fĂŒnf war, darin verschĂ€tzte er sich selten um mehr als 10 Minuten. Und wĂ€hrend seine Augen bemĂŒht waren, das Ergebnis am Zifferblatt der Uhr zu realisieren, durchzogen ihn die ersten Gedanken des Tages: Die Seele ist eine Festplatte und das Leben ist der CD-Brenner! Hier werden all die EindrĂŒcke und GefĂŒhlsnuancen gespeichert, jeder Gedanke und seine assoziativen Nebengedanken - dazu alle TrĂ€ume.

Herb pfiff lautlos durch die ZĂ€hne und griff nach seinem Tagebuch. Diesen Gedanken kannte er doch, aber wo hatte er ihn notiert? Er ließ den Traum entgleiten, ohne den Zipfel des Nachthemds - der Traum trug ein Nachthemd mit Sternen- festhalten zu wollen. Er begann damit, sich den zurĂŒckliegenden Tag vorzustellen, und zwar rĂŒckwĂ€rts. Er begann am letzten Abend und arbeitete sich in Gedanken weiter zurĂŒck - oder muß man „vor“ sagen? - bis zum Morgen. Doch beim ZurĂŒckfahren auf der Zeitspur fand er sich auf Nebengleisen wieder. Jeder Gedanke barg eine Ablenkung, eine Assoziation, die ihn auf einen Seitenzweig lockte. Und war er dem abwegigen Gedanken erst einmal gefolgt, mußte er die Strecke wieder zurĂŒckgehen, um mit kriminalistischem GespĂŒr die Stelle zu finden, wo ein Bild oder GefĂŒhl ihn von der Hauptstrecke hatte abweichen lassen. So brauchte er mehr als eine Stunde, um die Bilder und GefĂŒhle des vergangenen Tag vorbeiziehen zu lassen. Erstaunt bemerkte er, wie reichhaltig ein Tag an Bewegungen war, die in seinem Inneren ausgelöst wurden! „Am Schluß ist Vergangenheit nur etwas, das wir nicht verstanden oder verarbeitet haben“, dachte er. „Wie wĂ€re es wohl, diesen Aufsatz meinem alten Deutschlehrer, Herrn Pasch, zu zeigen?“

Er lehnte sich wieder ins Bett zurĂŒck, und in den noch warmen Kissen erinnerte Herb sich an alte Verhaltensweisen und nannte sie spaßeshalber Vergangenheits-Selbste. Im hypnagogen Raum zwischen Tag und Traum erhoben sich diese plötzlich wie Gestalten aus Rauch und traten ihm entgegen. „Herzlich willkommen! Kennt ihr mich noch, ÀÀh schon?“ Das war die falsche Frage! Die Vergangenheits-Selbste -es waren ungefĂ€hr sechs-, traten ĂŒberrascht einen Schritt zurĂŒck: „Wie, du bist unser Zukunfts-Selbst? Dann gibt es Zeit also gar nicht?“ „Doch, doch“, beruhigte er jetzt als das Zukunfts-Selbst, „ kein Grund zur Aufregung. Ich jedenfalls möchte meine SolidaritĂ€t ausdrĂŒcken fĂŒr .....Ă€h,...fĂŒr eueren Einsatz im Prozeß der Individuation meines, Ă€h...eures, ....na ja, .... unseres Wesens.“ Er war ins Stottern geraten. So ein GesprĂ€ch hatte er noch nie gefĂŒhrt. „Auf der Woge eurer Empfindungen bin ich bisher gesurft. DafĂŒr...Ă€h......ich danke euch.“ Verlegen ab nach Verbeugung. Die Vergangenheits-Selbste, die es nicht gewohnt waren, daß man sie lobte, fielen augenblicklich in Trance - und in den fĂŒr solche FĂ€lle vorbereiteten Zeitgleiter.

__________________
doktordigitalis

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
Kommentare: 791
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rainer eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

hallo doktordigitalis,

obwohl ich sonst mit deinen texten ehrlich gesagt nicht viel anfangen kann, finde ich diesen richtig gut. vor allem gefallen mir deine betrachtungen ĂŒber die pforte des bewußtseins zum traum, und das mir gut bekannte suchen nach dem ausgangspunkt eines gedankens. mit dem rest komme ich wie immer nicht so gut zurecht, aber das ist ja zum glĂŒck alles geschmackssache.

gruß

rainer

Bearbeiten/Löschen    


doktordigitalis
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2001

Werke: 29
Kommentare: 46
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hallo Rainer!
Danke fĂŒr Deinen Kommentar und das Lob.
Ich habe schon öfter durch Kommentare, die ich bekommen habe, gemerkt, dass lĂ€ngst nicht alle Dinge, die mir aus der Feder fließen, zugĂ€nglich sind. Erleben wir doch in der Leselupe eine kompetentere Reflexion, als wir sie bei Freunden und Bekannten herauskitzeln könnten. Bei letzteren könnte man ja noch Kritik abtun mit dem Satz: Der oder die versteht nichts davon.
Je mehr ich an Kommentaren zu anderen Geschichten poste, desto mehr hoffe ich, die Fehler, die ich anderen ankreide, selbst nicht mehr zu machen.

Vielleicht kann man unsere Texte auch wie ein Block Marmor verstehen, aus dem wir als Wort-Bildhauer dann mĂŒhsam alles wegschlagen mĂŒssen, was nicht zur Story gehört?
mit kollegialem Gruße

--------------
Take it easy, but take it!
__________________
doktordigitalis

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!