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Leselupe.de > Kurzgeschichten
I Can See For Miles
Eingestellt am 27. 01. 2010 13:10


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Bad Rabbit
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Die Uni hinter ihm, hundertsechzig Sachen auf der Autobahn und The Who als Soundtrack. Gaaanz laut. Manchmal war das Leben fĂŒr eine kurze Zeitspanne absolut perfekt.
FĂŒr Tom begannen und endeten diese Abschnitte jeden zweiten Freitag und Montag.
Es war eine gute Woche gewesen: In den Vorlesungen gut mitgekommen, Dienstag Abend Pokern mit den Jungs aus dem Wohnheim (Elena war seine beste Freundin, was sie auch zu so etwas wie einem „Jungen“ machte), und am Donnerstag hatte eine Band im Tivoli Songs von The Doors und Spirit gecovert. Und dennoch fĂŒhlte er sich dort eingesperrt. Keine Gitter, nur die unsichtbare Eisenkette um seinen Brustkorb, die ihm allmĂ€hlich den Atem nahm. Doch das alles war nun egal. Er war unterwegs, und er wĂŒrde jede Minute genießen. Die Stunde bis zu seinen Eltern ging immer sehr schnell vorbei, denn er gehörte zu den Menschen, die ungern langsam fahren.
Doch an diesem Tag wĂŒrde er lĂ€nger brauchen.
Der Verkehr wurde langsam dichter, Tom langsamer, und irgendwann begannen die anderen Fahrer, ihre Warnleuchten einzuschalten. Dann: Totaler Stillstand.
Tom schaltete den Motor aus und stieg aus seinem Skoda Fabia. Er hob sein Gesicht und genoss fĂŒr ein paar Sekunden die WĂ€rme und, durch seine Sonnenbrille, den Anblick der Sonne, bevor er wieder auf die Straße sah.
„Der lĂ€ngste Supermarktparkplatz der Welt“, murmelte er und stieg wieder in sein Auto, wo er das Radio einschaltete und nach einem Sender suchte, auf dem Verkehrsfunk lief.
„ 
 und hier ist Karl Eberhardt mit den aktuellen Verkehrsnachrichten. Es gibt einiges zu melden auf sĂ€chsischen Highways. Der Verkehr auf der A4 fließt wieder, aber dafĂŒr gab es einen schweren Unfall auf der A72 in Richtung Chemnitz, direkt an der Abfahrt Stollberg. Zur Zeit sind dort zwei Kilometer Stau. Vollsperrung. Bitte fahren Sie schon vorher ab. Auf der B196 ...“
„Du bist spĂ€t dran, Kumpel.“
Tom schaltete wieder auf den CD-Player um.
Shit, dachte er. Machen wir das Beste draus.
Das Thermometer zeigte sechsundzwanzig Grad. Perfekt. Er stieg aus, ging zum Kofferraum und holte eine Decke heraus, die er sich besorgt hatte, nachdem an einem Abend im letzten Winter die Autobahn komplett vereist gewesen war und er sechs Stunden fĂŒr die vierzig Kilometer nach Hause gebraucht hatte.
Diesmal breitete er sie neben seinem Auto auf der Straße aus. Dann zog er sein T-Shirt aus und machte es sich bequem.
Sein bescheidenes Soundsystem (Serienausstattung, mit Skodalogo auf dem Radio) mĂŒhte sich mehr oder weniger erfolgreich ab, die CD in maximaler LautstĂ€rke einigermaßen ertrĂ€glich wiederzugeben.
„... I can see for miiiles and miiiles and miiiilesss ...“
Roger Daltray ist ein Gott und die Whos sind seine Engel.
Er streckte sich und verschrĂ€nkte die HĂ€nde hinter seinem Kopf. Wenn man schon an so einem tollen Tag im Stau steckte, dann sollte man das irgendwie genießen.
Er schaute zu einem Auto, das in der Spur links von ihm stand. Ein schwarzer Ford mit einer hĂŒbschen Blondine auf dem Beifahrersitz. Er hob kurz seinen Kopf, um auch den Fahrer sehen zu können. Es war die StandardausfĂŒhrung: Sonnenstudio-braun, muskulös, kurz geschorene Haare, Ohrring, viel zu enges weißes T-Shirt. Wahrscheinlich trug er eine GĂŒrteltasche, wenn er in der Disco zu irgendwelchem Technomist tanzte.
Schubladendenken rulez, dachte Tom und lachte leise. Die beiden unterhielten sich. Er gestikulierte wild, wĂ€hrend sie einfach nur genervt aussah. Die Blonde war scharf und bot Tom fĂŒr einige Minuten einen netten Anblick. Gott segne den Erfinder der Sonnenbrille.
Staus waren lÀstig, keine Frage, doch dieser hier konnte ruhig noch etwas lÀnger dauern.
Er hatte es nicht eilig, zu seinen Eltern zu kommen. Das Drehbuch fĂŒr das bevorstehende Wochenende war in seinem Kopf bereits fertig:
Verkrampfte GesprĂ€che, VorwĂŒrfe, ihm beim Trinken zusehen, sich möglichst ruhig verhalten um keinen Streit zu provozieren (was sehr schwer war, wenn schon eine Scheibe zu viel Wurst auf dem Brot als Egoismus ausgelegt wurde und eine Predigt samt Beschimpfungen und umher fliegendem Geschirr bedeutete) und am Sonntag wieder verschwinden. Eine kurze lange Zeit.
Wir wollen dein Bestes. Mach nicht die selben Fehler wie wir. Wir wollen dich nicht kontrollieren, du sollst nur ein paar mal am Tag eine SMS schreiben oder anrufen. Du brauchst keine Freundin, du musst dich auf dein Studium konzentrieren.
Ihm wurde langweilig. Seine Mutter konnte vielleicht eine Stunde reglos in der Sonne schmoren, doch er brauchte immer irgendeine BeschÀftigung. Er stand auf und zog sich sein Shirt wieder an, packte die Decke weg, dann schaltete er das Radio aus und schloss den Wagen ab.
Das Schild, laut dem die Abfahrt noch einen Kilometer entfernt war, stand nur ein paar hundert Meter weiter.
Gehen wir ein StĂŒck.
Auf dem Weg zur Abfahrt kam er an einigen Lastern vorbei. Er hĂ€tte gern bei einem an die TĂŒr geklopft und den Fahrer gefragt, ob er ĂŒber Funk irgendwelche Neuigkeiten gehört hat, aber sie hatten alle polnische oder litauische Kennzeichen.
In einem Stau die Fernfahrer nach Informationen zu fragen gehörte zu wenigen nĂŒtzlichen Sachen, die er von seinem Vater gelernt hatte.
Der Mistkerl war ein mieser kleiner Möchtegern-NapolĂ©on und Westentaschenphilosoph, aber auf der Straße kannte er sich aus wie kein Zweiter.
Der große und bedeutende Berufskraftfahrer! Hört ihm zu, er weiß Bescheid!
Warum wollte sie sich gleich nochmal NICHT scheiden lassen? Nun, er konnte wenigstens erklÀren, wie schwarze Löcher entstehen.
Die Frage, warum er sich das antat, konnte er zwar beantworten, aber die Antwort schmeckte verflucht bitter.
Nach der HĂ€lfte des Weges traf er auf eine Kolonne von fĂŒnf Trabis. Ein paar waren mit Aufklebern ĂŒbersĂ€t, aber jeder von ihnen hatte eine Plakette mit der Aufschrift „IFA-Club Aue/Schwarzenberg“ auf der Stoßstange. Die Fahrer saßen rauchend und Bier trinkend auf CampingstĂŒhlen neben ihren kultigen Dreckschleudern und unterhielten sich. Die Stimmung war wirklich gut.
„Hey, Leute!“, rief Tom und nickte der Gruppe zu.
Einige erwiderten den Gruß, indem sie ihm zuprosteten.
„Wisst ihr, was da los ist?“
„Da ist irgendein Motorradfahrer verunglĂŒckt. Muss ĂŒbel sein, denn vorhin ist ein Hubschrauber gelandet.“
„War einer von euch mal vorne? Ist die Abfahrt echt dicht?“
Tom hatte mit dem Gedanken gespielt, auf dem Seitenstreifen bis zur Abfahrt zu fahren und dann die Bundesstraße zu nehmen.
„Ja“, sagte ein Typ mit einem Piercing in der Unterlippe. „Da geht nichts mehr. Willst du ein Bier?“
Einige seiner schlechtesten Erinnerungen hatten mit Bier zu tun. Stinkender Atem, wenn einem Drohungen ins Ohr geflĂŒstert wurden.
„Nein, danke.“
Tom verabschiedete sich und ging weiter. Nach einigen hundert Metern konnte er den Helikopter sehen. Die Abfahrt schien frei zu sein, wurde aber von einem orangen Laster, wahrscheinlich von der Autobahnmeisterei, blockiert. Die Polizei und RettungskrÀfte parkten auf dem Seitenstreifen hinter der Abfahrt.
Neben Tom standen einige Jugendliche, offenbar ein paar Jahre jĂŒnger als er. Sie gehörten zu einem schrottigen Honda Accord. Eine Fahrgemeinschaft.
„Hey, wie geht’s?“, fragte er ein MĂ€dchen aus der Gruppe.
„Gut. Echt heiß, was?“
„Scheiße, ja. Ihr seid auch aus Chemnitz?“
Er hatte das Kennzeichen gesehen.
„Ja. Wir machen in Zwickau eine Ausbildung zu DiĂ€tassistenten.“
An der Art wie sie sprach erkannte er, dass sie nicht das hellste Licht am Leuchter war.
WÀre sie attraktiver gewesen, hÀtte er vielleicht mit ihr geflirtet, aber so entschied er sich, sie in Ruhe zu lassen. Sie hatte offensichtlich auch kein Interesse an einem GesprÀch, denn sie holte ein Handy aus ihrer Tasche und begann, wie wild darauf herum zu tippen.
Der Hubschrauber. Herumlaufende Menschen in grĂŒn und rot-gelb.
Zwei der Rot-Gelben trugen etwas zu dem Hubschrauber. Eine Trage.
Kurz nachdem er sie nicht mehr sehen konnte, startete das Triebwerk des Hubschraubers. Langsam begannen die Rotoren, sich zu drehen. Es erinnerte ihn daran, dass er Hubschrauberpilot bei der Armee werden wollte. Leider waren seine Augen zu schlecht.
Alles in allem war das ein guter Nachmittag. FĂŒr Tom. Das arme Schwein da vorne hatte den Preis gezahlt.
Alles Gute, Kumpel.
Er machte sich auf den RĂŒckweg.
Als er das Knattern des Triebwerks hören konnte, drehte er sich noch einmal kurz um und sah, wie der Helikopter abhob, dann ging er weiter.
Oh man, die werden die Straße bestimmt gleich wieder freigeben.
Nur ein GefĂŒhl. Trotzdem begann er, zu laufen.
Er passierte Lastwagen, Trabis, Wohnmobile, Protzkarren, Schrottkarren und erreichte schließlich sein Baby Zwei (Baby Eins war sein Hund).
Er hatte richtig gelegen: Nur kurz nachdem er sich angeschnallt hatte, begann der Verkehr wieder zu rollen. Der bunt glĂ€nzende Gletscher setzte sich allmĂ€hlich in Bewegung, und nach einem Kilometer konnte er schon wieder hundert fahren ohne seinem Vordermann auf die Pelle zu rĂŒcken.
Er schlingerte ein wenig, als er am Radio herumfummelte, um ein anderes Lied zu suchen.
Seine Wahl fiel auf Magic Bus.
Die Uni hinter ihm, die Autobahn vor ihm.
Immer der Big Sky entgegen – jedenfalls fĂŒr die nĂ€chsten zwanzig Minuten.
__________________
Ein Wolf im Schafspelz bleibt trotzdem ein Wolf.

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gerian
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2006

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Hallo Bad Rabbit,
der Einstieg deiner Geschichte klingt gut (und der Leser erfÀhrt, dass da ein auktorialer ErzÀhler spricht, schreibt).

Alles in allem erscheint mir deine Geschichte eher als eine Berichterstattung, weniger eine Kurzgeschichte.

Das mit der RĂŒckblende zu den Vorlesungen ist ohne Bedeutung, kannst du weglassen, denn es fĂŒgt sich kaum in die Geschichte, die dein ErzĂ€hler erzĂ€hlt.

Ich verstehe nicht: " und dennoch fĂŒhlte er sich dort eingesperrt..."
"doch das alles war ihm nun egal."

Im Absatz berichtest du, dass er unterwegs sei und "wĂŒrde jede Minute genießen...?

Das bist du allerdings dem Leser schuldig geblieben, warum?

Deine Geschichte verliert sich in vielen Szenen und sie hat nichts von dem, was eigentlich eine Geschichte ausmacht, ohne Spannungsbogen, nur Berichterstattung auf dem "sÀchsischen Hightway."
Eigentlich passiert nichts.
Außer technokratische Selbstbetrachtung, oder so.

Versteh mich bitte nicht falsch. Aus diesem Plot kannst du wesentlich mehr machen.

GrĂŒĂŸe
Gerian

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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hallo bad rabbit,
mir gefaellt der ton in dem der erzaehler
deines textes spricht.
hat was von kerouac " ON THE ROAD" - kennst du moeglicherweise -

zwei dinge :
wie gerian sagte , kann man der geschichte vorwerfen das sie sich nicht bewegt. du sagst das sei absicht. es sei nur eine szene.
das ist dein gutes recht. ist aber auch irgendwie schade.
denn gerade aus dem stau als hintergrundbild, liesse sich
auf emotionaler ebene beim prot eine menge bewegen.
in sofern waere das bild des durch den stau laufenden prot.
ein hervorragender ansatzpunkt, den du aber nicht nutzt.

zum anderen:

der gesamte abschnitt, der den blick in die zukunft zeigt;
sprich wochendende zuhause, stress mit eltern etc. bringt die szene nicht vorran. ganz im gegenteil sie ist sogar sperriger
als der stau.
ich habe die geschichte fuer mich ohne diesen absatz gelesen
und empfehle dir das auch mal zu machen.
der text bekommt gleich mehr fahrt.

lesevorschlag: bis.... Staus waren laestig.Keine Frage...
lassen

dann streichen bis: Seine Mutter konnt vielleicht stundenlang...

all in all

hit the road jack

gerne gelesen
ralf
__________________
RL

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Bad Rabbit
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Jul 2006

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Hallo Ralf!

Danke fĂŒr deinen Kommentar und schön, dass es dir gefallen hat.
Die von dir bemÀngelte Stelle ist sehr wichtig, weil sie hilft, den Prot zu verstehen.
Grade diese Stelle wurde auch in einem anderen Literaturforum gelobt ... und die ganze Geschichte wurde auch anders ... richtig ... verstanden.
Ich glaube, sie ist so persönlich, dass sie nur jemand versteht und gut findet, der sich mit dem Prot wirklich identifizieren kann. Ist nicht fĂŒr die breite Masse, aber so war es auch nicht gedacht. Es wurde erzĂ€hlt, was erzĂ€hlt werden musste.

Zur Handlung: Was soll da noch rein? Ich hab keine Idee. Schließlich ist es nur ein Stau.

MfG
Tim
__________________
Ein Wolf im Schafspelz bleibt trotzdem ein Wolf.

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