Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92257
Momentan online:
212 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
ICH GEH INS WASSER!
Eingestellt am 29. 08. 2007 20:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
paulenullnullzwei
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jun 2007

Werke: 57
Kommentare: 184
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um paulenullnullzwei eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Schwimmbad, Ende August, Sonne, 32 Grad im Schatten, ich auch. Mein Freibadbesuch dient weniger der Flucht vor der Hitze als der Suche nach AnonymitĂ€t in der Masse. In Badehosen sind alle gleich und ich hoffentlich noch ein StĂŒck gleicher. Die gestrigen Katastrophenereignisse auf der Hochzeit meines besten Freundes machen diesen Wunsch nach Unsichtbarkeit in mir verstĂ€ndlich. Aber von vorne:

1
Mein bester Freund ist Bruno Schmidt, welcher mich kĂŒrzlich als seinen Trauzeugen zwangsrekrutiert hatte und gestern Mittag hieß es angetreten im Standesamt Mitte.
Die toscastinkende Großtantenschaft ist vollzĂ€hlig zum Vollzug erschienen. Die Sonne verrichtet ihr Tagwerk mit Übereifer und brennt sich gnadenlos in den Betonsteinbelag des Vorplatzes. Der Parfumterror potenziert sich durch die Sonneneinwirkung und treibt mich in den einzig verfĂŒgbaren Schattenfetzen weit und breit, den die im Wind flatternde Stadtwappenfahne spendet. Immerhin Wind! Dummerweise lĂ€sst dieser den Aufenthaltsort des Fahnenschattens lustig hin und her wechseln und ich meinen auch, was auf die Zuschauer meines unfreiwilligen Tanzes etwas verstörend wirken muss.

Was mach ich hier eigentlich? Die aller erste BĂŒrgerpflicht von besten Freunden ist das Ledigbleiben. Am besten freilich gĂ€nzlich solo, aber ich will ja mal nicht pĂ€pstlicher sein als der Benedict. Heiraten ist jedoch der finale Genickschuss fĂŒr jede MĂ€nnerfreundschaft. Die „GlĂŒckliche“ kannte ich bis gestern nur aus zwei mehr feucht als fröhlichen Stammkneipenbesuchen, zu denen sie Bruno mitschleppte. Wenn es eine Maßskala fĂŒr Amusement gibt, dann steht ganz oben Kneipensaufen mit dem besten Kumpel und am anderen Ende Kneipensaufen mit dem besten Kumpel und dessen Freundin. Vor allem dann, wenn die Freundin Britta heißt und den ganzen Abend an einer einzigen „A-Schorle“ rumnuckelt. „Britta“ klingt nach Ökobessermensch, unrasierten Beinen und politisch korrektem Amerikahass, obwohl man selbstredend „Freunde in den Staaten“ hat. Amerikahass -die einzige Form des Rassismus neben dem Hass aufs eigene Volk, der unter den Brittas dieser Welt salonfĂ€hig ist. Ok, ich gebe zu, dass sie eigentlich ziemlich gut aussieht und ihre weltanschauliche Sicht ist mir auch eher unbekannt, aber was soll’s? Sie sieht gut aus und ich weiß nix von ihr. Ist das schon ein Grund sie gleich zu heiraten? Wenn sie sooo toll wĂ€re, wie Bruno nicht mĂŒde wird zu beteuern, um seinen Schritt ins „Profilager“ zu rechtfertigen, hĂ€tte ich mir das auch mit 100 Pils im Kopp gemerkt.

Bruno vermeidet peinlichst die Vokabeln Heirat, Ehe und Hochzeit, zumindest was seine eigene angeht. Hier hört man nur was vom erwĂ€hnten „Wechsel ins Profilager“, vom „Abschluss der Vertragsverhandlungen“ oder vom „Ligaaufstieg“. Nick Hornby hat mit Hilfe des Fußballs sein ganzes Leben erklĂ€rt, aber was zu weit geht, geht zu weit. Durch stakkatohaftes Ins-Ohr-BrĂŒllen der Zauberformel „LEBENSLANGE eheliche Bindung“ versuche ich ihm klar zu machen, dass eine Frau, die A-Schorle statt Apfelsaftschorle sagt, nichts fĂŒr ihn geschweige denn fĂŒr die Ehe ist, auch wenn sie tausendmal klasse aussieht. Bruno kriegt immer die Klasseaussehfrauen, was daran liegen mag, dass er dem jungen Richard Gere nicht unĂ€hnlich sieht. Mit ihm weggehen hieß immer nur die zweitbestaussehende Frau abbekommen. Aber immerhin. Die Zweitbestaussehendste nach den MĂ€dchen, die sich fĂŒr Bruno interessierten waren immer noch ziemlich hĂŒbsche Dinger. Und das soll jetzt alles vorbei sein?


2
So nun Steh ich hier und blas TrĂŒbsal vorm Trausaal. Es ist acht vor. Um 11 wird vollstreckt. Die Gesellschaft hat die Sonneglut mit dem Sixtiesstyle des Standesamtflurs getauscht. 4711 mischt sich mit den AusdĂŒnstungen des alten Linoleumbelags. Keine gut Melange in Anbetracht der Tatsache, dass der Restalkohol in mir seinen Tribut verlangt. Gestern war Junggesellenabschied. Aus GrĂŒnden des Anstands, will ich es hierbei belassen: sponsored bei Aspirin! Mir ist schlecht, was ich aber beim Versuch meine Kreislaufbeschwerden zu ignorieren zum GlĂŒck meist erfolgreich verdrĂ€nge. Was ist, wenn ich in den Trausaal kotze oder ohnmĂ€chtig werde oder beides und dann an meinem Erbrochenen ersticke, weil aus nachvollziehbarem Grund sich kein Freiwilliger fĂŒr die Mund-zu-mund-beatmung findet? Ach, was soll‘s? Nicht ich sollte hier panisch werden, sondern Bruno, der just in dem Moment mit Britta erscheint.

Wow! Ein wirklich schönes Paar. Er cool, wie immer, sie schön, wie nie. Langsam verstehe ich ihn. Keine affigen Brautleuteklamotten aus den einschlĂ€gigen Themen-ModelĂ€den, sondern zeitlose Eleganz. Ein unschĂ€tzbarer Vorteil, da man sich so das Kichern der zukĂŒnftigen Kinder ĂŒber die Hochzeitsfotos erspart. Der Standesbeamte bittet zum Vollzug. Mein Kopf dreht sich immer wilder. Ich bin Statist in einem surrealen osteuropĂ€ischen Kurzfilm mit spanischem Untertitel. Keine Ahnung was hier eigentlich passiert, geschweige denn meine Pflichten sind. Den gestrigen Vorbereitungstermin musste ich leider faulheitsbedingt schwĂ€nzen. „Ja und Amen“ werd ich wohl irgendwann sagen mĂŒssen –nur wann? Oder musste ich etwa die Ringe mitbringen? Das hat mir keiner gesagt. Hilfe!

Kurz vor dem Kollaps, bemerke ich unruhiges Tuscheln neben mir. Britta rĂŒttelt nervös an Brunos Ärmel und flĂŒstert ihm verstört kurze SĂ€tze ins Ohr. Sie wirkt, wie ein angeschossens Reh. Zumindest so, wie ich mir ein angeschossenes Reh vorstelle. Ich versuche etwas aufzuschnappen, da ich mir sicher bin, dass ich der Grund fĂŒr die entstandene NervositĂ€t bin. Sie scheint schon auf den Standesbeamten und die GĂ€ste ĂŒberzuschlagen. Das Hintergrundsgemurmel wird unĂŒberhörbar lauter. Wortfetzen Brittas dringen an mein Ohr:"... Notbremse... es ist noch nicht zu spĂ€t... kann dich nicht heiraten...tut mir so leid...verzeih... schluchz“ Oh-oh, ganz großes Hollywood-Kino. Godcha, der erste Korb fĂŒr Bruno in seinem Leben und dann gleich so ein Kaventsmann! Und ich bin völlig unschuldig. Alles scheint sich zum Guten zu wenden.


3
Bruno schaut ihr gefasst in die Augen. Keine Verzweiflung, kein Entsetzen bei ihm, nur VerstĂ€ndnis und Liebe. Wie? Was? Keine Szene, Ohrfeigen, Beleidigungen, Brautstraußumdieohrenschlagen? Er lĂ€chelt sie nur aufmunternd an. So erwachsen habe ich ihn noch nie gesehen. Ein Alles-wird-gut-LĂ€cheln, dann steht er auf, schaut sie beim Umdrehen noch einmal an und spricht zu den GĂ€sten: „Hallo Leute. Also so wie’s aussieht...Ă€h... Nun, wir haben uns soeben spontan entschieden, dass die Ehe fĂŒr uns...“ In diesem Moment zieht Britta ihn wieder zurĂŒck zu sich, gibt ihm einen trĂ€nenreichen Kuss und sagt „Danke! Danke, dass du „wir“ gesagt hast und dass es „unserer“ Entschluss war. Du hast mich nicht zur Schuldigen gemacht, sondern bis zum Schluss an uns geglaubt. Kannst du dir vorstellen, mich vielleicht doch zu heiraten. Ich weiß jetzt, dass ich genau dieses „wir“ will!“

– DĂŒĂŒd-dĂŒddeldĂŒĂŒd-dĂŒddeldĂŒĂŒd- ertönt in mir noch die Verlorene-Wetten-dass-Wette-Melodie, da setzt der Standesbeamte schon an mit seiner „Willst du, Bruno Schmidt die hier anwesende Britta ...“
„NEIN WILL ER NICHT der Bruno Schmidt!“ schreie ich in die das Trauzimmer. Totenstille! In diesem Moment wird mir fĂŒr eine ewige Sekunde klar, dass ich eigentlich nicht Bruno zurĂŒck will, sondern Britta haben will. Dann werde ich ohnmĂ€chtig.


4
Als ich wach werde schau ich in die Taschenlampe eines Notarztes. Er schickt mich mit Kreislauftabletten nach Hause. Das Taxi ist bereits da. Ich bin der letzte hier im Amt. Der Rest ist schon zum Feiern weitergezogen. Bruno hab ich mich seit dem nicht getraut anzurufen. Offensichtlich hat sich spontan ein nĂŒchternerer Ersatz fĂŒr meine ZeugentĂ€tigkeit gefunden. Ich werd ihn fragen gelegentlich –so in ein, zwei Jahren, wenn Gras ĂŒber alles gewachsen ist. Jetzt lieg ich hier im Waldschwimmbad, schau durch die BlĂ€tter in den stahlblauen Himmel, habe Sehnsucht nach Britta und hab nicht den blassesten Schimmer, wies weitergehen soll.

Es ist heiß. Viel zu heiß. Ich geh ins Wasser.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!