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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ich, Jörg und der Ball
Eingestellt am 24. 08. 2005 19:51


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Felene
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2004

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Ich, Jörg und der Ball

Samstagabend, ein Krimi im TV. Habe es mir gerade gemütlich gemacht, ein Gläschen Wein, ein Käse-Tomaten-Sandwich, es kann losgehen.
Doch was passiert? Jörg naht, zielstrebig greift er nach der Fernbedienung und noch während er sich fallen lässt wechselt er den Kanal. Mit Bier und Erdnüssen bewaffnet markiert er sein Revier und gibt seinem Weibchen so unmissverständlich die Unantastbarkeit der Fernsehbedienung zu verstehen. Resigniert lehne ich mich in den Sessel zurück, verabschiede mich lautlos von meinem englischen Krimi und frage mich, wieso ich mich ausgerechnet vor einem Spiel geschlagen gebe, bei dem 22 ständig ausspuckende Männer einem Ball hinterhasten. Ja, woran liegt es, dass frau angesichts dieser zweifelhaften Abendprogrammalternative stets kapituliert? Was ist dran an diesem „Fußball“? Ich bleibe heute einfach mal sitzen und sehe mir das ganze an.

Ein paar Männer laufen O-beinig auf und ab und stellen sich schließlich brav in einer Reihe auf, das Kinn siegessicher nach oben geschoben. Schweißabsorbierende Synthetikfasern in Nationalfarbe flattern andächtig um Beine und Oberkörper. Mal Hand aufs Herz, wenn die Nationalhymne Deutschlands ertönt, wer kann da schon von sich sagen, er kenne mehr als nur die erste Zeile? Viel anders scheint es auch den jungen Herren nicht zu gehen, die in dieser Disziplin eigentlich mehr als genug Erfahrung mitbringen sollten. Die in der Regel schon als Dreijährige auf einem wackligen Podest aus Bauklötzen den windigen Ehrenplatz einnehmen, mit ernsthaftem Ausdruck und feierlich geschlossenen Augen, den Weichgummiball fest unter dem Arm geklemmt, in hellen Tönen das „Deutschlandlied“ trällernd. Eben diese bewegen nun asynchron die Lippen, scheinen eher Kaugummi zu kauen als zu singen. Einzig der verstohlene, unprofessionell anmutende Blick in die vorbeiziehende Kamera kann erfolgreich vermieden werden. Und bei "blüh' im Glanze dieses Glückes, blühe, deutsches Vaterland" erscheint schließlich der blonde Torwartgorilla, der, ein Exempel statuierend, die Lippen fest zukneift.

Ganz anders die heißblütigen Brasilianer, die Augen gen Himmel, die Hymne im Griff, einheitliche Mundbewegungen - hier sitzt die Vaterlandsliebe tief. Ein Blick zu Jörg lässt erahnen, dass dieser Portugiesisch gleichfalls besser beherrscht als Deutsch, gebannt starrt er auf den Bildschirm, die Hand fest um die Taille der Bierflasche geschlossen, der Mund klappt auf und zu, die Zunge sorgt für ständige Feuchtigkeit. Ich bin verwirrt, schockiert, ja zutiefst verletzt – habe ich ihn schließlich noch nie in einem solchem Zustand zitternder Erregung gesehen. Keine andere Frau steckt dahinter, nein, aber nun erscheint ein Brasilianer auf dem Bildschirm, der lasziv seine nassen, schwarzen Locken schüttelt, sich mit seinen langen, schlanken Fingern hindurchfährt und - nein, Jörg wird das doch nicht etwa...? Ein Pfiff, ein Schuss, Jörg bewegt sich, Gott sei Dank, seinen Blick fest auf den weißen, durch die Luft sausenden Punkt gerichtet.

Nun vermengt sich die Herde rot-weißer und blau-gelber Neuzeitkrieger, der Kommentator im Off redet von Aufstellung und Taktik, von „Ballzauber“ und „Traumpässen“. Jörg nickt bedächtig. Männer, deren verbales Repertoire Wörter wie „Zauberei“ und „Traum“ in der Regel ausschließt, scheinen das Fußballspiel mit unbeholfener Romantik zu bedenken. Ich suche den Quell dieser Gefühlsausbrüche dagegen vergeblich auf streng gemähten Gras mit weißen Linien. Stelle stattdessen fest, dass die Deutschen vor allem durch große Nasen glänzen, einige sind dazu noch recht pickelig. Im Gegensatz zu den rassigen Brasilianern eine recht traurige Aussicht. Zwei brasilianische Spieler jagen den Ball nun auf das Tor zu, in dem der deutsche Torhüter bedrohlich hin und her wankt. Jörg scheint gleichzeitig immer mehr in seiner Sofaecke zu versinken, lediglich ein dumpfes Brummen, als habe er einen Schlag in die Magengegend erhalten, ist als Reaktion auf ein Tor der Brasilianer zu vernehmen. Dann mit einem mal springt er auf und ich lasse vor Schreck mein Sandwich fallen, als er einen aus tiefsten Magengegenden stammenden rauen Schrei ausstößt: "Toooooaaaaaaaarrrr! Toooooaaaaarrr!" Dann scheint ihm meine Anwesenheit in den Sinn zu kommen und er setzt sich mit leicht geröteten Wangen wieder hin. Er hat bei seiner sonderbaren Aktion ein wenig Bier auf meine neue Tischdecke geschüttet, was mir aber gar nicht weiter auffällt. Ich habe bei meinem sonst so unsicheren und wortkargen Freund soeben eine Gefühlsregung beobachten können, die einer Kreuzung aus Orgasmus und Lottohauptgewinn gleichkommt.

Jörg jedenfalls wirkt nun wesentlich entspannter, ja geradezu ausgeglichen und voll innerlichem Frieden, die Gesichtsmuskeln geglättet, siegessicher, die Karten neu gemischt. Nur seine Finger drippeln leise am Flaschenhals. Fasziniert von meinen neuerlichen Entdeckungen konzentriere ich mich wieder auf das Spiel, das ob der unglaublichen Reaktionen meines Freundes nun tatsächlich mein Interesse geweckt hat. Dann ein langer Pfiff, allesamt wanken sie vom Spielfeld. Schon vorbei? "Halbzeit", brummt Jörg, er muss meinen fragenden Blick im Augenwinkel aufgefangen haben. Dann holt er aus einer plötzlichen Eingebung heraus Papier und Bleistift. Ich bin vollkommen verdattert, als er -vollkommen ungefragt – beginnt, mir die geheimnisumwitterte Abseitsregel zu erklären. Und während er so von Aktiv und Passiv redet, von Torlinien und Spielgeschehen, von angreifenden Stürmern und abwehrenden Abwehrspielern, gehen mir ganz andere Dinge durch den Kopf. Woher kommt diese unbegreifliche Begeisterung? Ist Fußball die voyeuristische moderne Form des Jagen und Sammelns? Der uralte maskuline Konkurrenzkampf? Penisvergleich?
Natürlich habe ich die von Kreuzen und Pfeilen dominierte Darstellung der Abseitsregel nicht kapiert und Jörg hat sich schnell besinnt, dass ich doch nur eine Frau sei. Daraufhin hat er fix auf der Toilette vorbeigeschaut und sich ein neues Bier besorgt um rechtzeitig zur zweiten Halbzeit wieder in einer Haltung auf dem Sofa zu fläzen, als sei er nie aufgestanden.

Fasziniert werde ich nun Zeuge eines Déjà-Vues, erneut folgt auf depressives Brummen übermütiges Brüllen, diesmal scheinbar noch intensiver, was ich auf die fortschreitende Uhrzeit in der rechten oberen Bildschirmecke zurückführe. Es steht 2:2, ein Spiel dauert in der Regel 90 Minuten, eine Viertelstunde also noch. Soll Deutschland ins Finale, so muss es dieses Spiel gewinnen. Ja, so viel habe ich dann doch begriffen. Der Sprecher im Off teilt nun sein gesamtes Programm an Hintergrundinformation zu dieser Konstellation mit, die tickende Uhr scheint auch ihn zu beunruhigen. Der Ball fliegt, vom Torwart weggebolzt quer über das ganze Feld, gebannt verfolgen ihn meine Augen. Ein Gelb-Grüner nimmt ihn, er kickt, er passt, ein anderer dribbelt und schießt, der Ball überquert diverse weiße Linen, ich spüre wie sich mein Magen verkrampft, meine Hände zu Fäuste ballen, mein Atem stockt und als der Ball über die finale Torlinie fliegt und der Gorilla ins Leere greift entweicht meinen Lippen, völlig bar meiner Kontrolle, ein schrilles "Neiiiiiiin!"

Überrascht blickt Jörg mich an, hat seine eigene Enttäuschung über den Gegentreffer angesichts meiner ungeahnten Reaktion beinahe vergessen. Ich bin selber ganz verwirrt. Etwas unglaubliches ist geschehen. Ein Gefühl der Verzweiflung hat meinen Körper gestreift, hat es geschafft, mich ein wenig mit zuschleifen, hat eine Welle der Verzweiflung durch mich durch gespült – und das alles wegen eines Fußballspiels.
Dass das Finale nach weiteren 15 Minuten für Deutschland verloren ist, scheint gar nicht mehr so wichtig. "Mini WM" meint Jörg abwinkend, in seinen Augen glaube ich ein feuchtes Funkeln zu erkennen. „Nächstes Jahr ist die WM, da zeigen wir’s denen“, sagt er und bedenkt mich mit einem kollegialen Lächeln. Vielleicht habe ich nun unbeabsichtigt den Schritt in den heiligen Bund der Fußballkumpels begangen. Jörg jedenfalls ist zu mir rübergerutscht, hat den Arm um mich gelegt und mir sogar die Ehre zukommen lassen, den weiteren Fernsehabend frei zu bestimmen. Ich weiß nicht, ob ich der Lösung des Rätsels Fußball in irgendeiner Weise näher gekommen bin. Stattdessen kann ich nun von mir behaupten, dass ich so etwas wie kribbelnde Vorfreude auf die Revanche im kommenden Jahr verspüre. Da bin ich Jörg gar dankbar, dass er mich um meinen Krimi gebracht hat.

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jon
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Erst dachte ich: „Nicht schooon wieder dieses Thema“, aber dann habe ich mit schnell wachsendem Vergügen gelesen. Vor allem wohl, weil es trotz "typisch!" sehr glaubhaft als selbst erlebt rüberkommt. Es hat Kurzgeschichten-Qualität – aber als Kolumne lasse ich mir das auch sehr gefallen.


PS: „…Jörg hat sich schnell besinnt, dass …“ Er hat sich schnell besonnen. Überhaupt hakt es hier ein klein wenig. Vorschlag: “… und Jörg gab ob der Tatsache, dass ich nur ein Frau bin, auf."
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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