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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich bin 12 Jahre alt
Eingestellt am 02. 04. 2003 17:39


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Cora Horn
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2002

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Ich bin 12 Jahre alt


Ich bin 12 Jahre alt.
Von meinem Fenster aus kann ich dir verdorrten BĂ€ume sehen. Ihre Äste recken sich in den Wind empor, wie die Arme von Schulkindern, die eine Antwort geben wollen.
Mein Zimmer hat vier WĂ€nde. In den Regalen stehen meine Spielsachen. Wir sind nicht arm, ich habe eine Menge. Die Barby-Puppen sind meine liebsten. Sie sitzen in einer Glasvitrine neben meiner TĂŒr und sehen mir immer zu, wenn ich in meinem Bett gegenĂŒber schlafe.
Ich bin 12 Jahre alt.
Der Keller ist kalt, doch ich liege auf einer Decke und umarme meine Lieblingsbarbypuppe und erzÀhle ihr kleine Geschichten. Wenn sie einschlÀft, bin auch ich bald eingeschlafen.
Ich bin 12 Jahre alt.
In der Schule sitze ich ganz vorne und die Lehrerin redet mit mir, wenn die anderen Aufgaben machen und sie keine Lust hat, Arbeiten zu korrigieren. Sie ist jung und hat Sommersprossen und ich finde sie sehr schön. Sie sagt immer, die Brille “deformiere” ihr Gesicht. Ich lache dann immer leise und sage, dass ich das nicht finde. Ich höre an ihrem Tonfall, dass es etwas Schlechtes sein muss, aber ich frage sie nie, was “deformiert” ist.
Unser Schulhof ist sehr klein und von einer hohen Mauer umgeben. Wir sollen nicht an der Mauer spielen, meistens sind wir in der Mitte des Hofes und spielen Murmeln. Nach der Hofpause gehen wir in den Keller und dort ist die nÀchste Stunde. Als wir wieder nach oben kommen, fÀllt der Nachmittagsunterricht aus.
Ich bin 12 Jahre alt
Es ist Sonntag. Meine Mutter trĂ€gt das Sonntagsessen auf. Dabei lĂ€chelt sie, aber ich sehe, dass ihre Augen nicht so leuchten, wie sie immer leuchten, wenn sie lĂ€chelt. Sie lĂ€chelt weiter und stellt das Sonntagsessen auf den Tisch. Sie lĂ€chelt immer noch, als mein Vater sagt, das sei doch nicht nötig gewesen. Das “nicht nötig” sagt er mit einer Stimme, die erhoben ist und irgendwie ein bisschen böse klingt. Nein, nicht böse, sie klingt... sie klingt einfach nur so, und meine Mutter lĂ€chelt immer noch.
Ich bin 12 Jahre alt.
Ich gehe Milch kaufen. Der Laden liegt auf dem gleichen Weg, den ich zur Schule gehe. Die Straße sieht anders aus und ich ĂŒberlege auf dem Weg, wieso. Auf dem RĂŒckweg klettere ich ĂŒber die großen Steine, ohne dass es mir eingefallen ist. Der Staub kitzelt mich in der Nase und ich setze meine kleine weiße Maske aus Papier auf. Als ich zu Hause bin, nimmt meine Mutter mir die Milch weg und umarmt mich. Sie hat TrĂ€nen in den Augen.
Ich bin 12 Jahre alt.
Als ich erwache, höre ich den Ton viel deutlicher. Das kommt wohl, weil ich ihn jetzt lauter höre, weil ich nicht mehr schlafe. Draußen ist es nacht und die verdorrten BĂ€ume schlafen. FrĂŒher waren es mehr BĂ€ume, jetzt sind ein paar nicht mehr da. Aber die anderen schlafen trotzdem weiter, so wie sie immer geschlafen haben. Den Ton höre ich jetzt nicht mehr. Ich stehe aber auf, nehme meine Decke und möchte mir meine Barbypuppe aussuchen. Aber vom Flur ruft meine Mutter, dass ich mich beeilen soll, weil die Sirenen schon aufgehört habe zu heulen. Ich lĂ€chele meine Lieblingspuppe an und hebe die Schultern, um mich bei ihr zu entschuldigen. Den anderen Puppen winke ich im VorĂŒbergehen zu und lasse hinter mir die TĂŒr offen.
Der Flur ist dunkel, genauso wie das Treppenhaus, die VorhÀnge sind alle schwarz und lassen niemals Licht durch. Ich finde den Weg, indem ich an einem EisengelÀnder entlanglaufe.
Im Keller ist es heute dunkel und ich finde den Platz fĂŒr meine Decke nicht. Oben höre ich das Pfeifen und die EinchlĂ€ge. Mal sind sie in der NĂ€he, mal sind sie weit weg. Manchmal dringt ein helles, gelbes oder weißes Licht durch die schwarzen VorhĂ€nge, wie bei einem Gewitter. Aber das Donnern klingt anders.
Ein Streichholz wird angezĂŒndet. Die Leute bei uns im Keller sitzen stumm auf ihren BĂ€nken an den WĂ€nden oder hocken auf dem Boden und sehen jeder auf einen Fleck vor seinen FĂŒĂŸen. Mit den GerĂ€uschen heben sich auch ihre Augen. Sie sehen die Decke an, als wĂŒrden die GerĂ€usche da oben, neben der nackten GlĂŒhbirne kleben, die aber heut nicht angeschaltet ist.
Mein Vater sagt mir, ich solle mich schlafen legen, und ich nehme mir einfach eine andere Stelle, um meine Decke auszubreiten. Mit geschlossenen Augen klingen die GerÀusche und das Knallen anders. Das laute Pfeifen ist manchmal ganz leise und wird manchmal auch ganz laut. Aber ich kenne die GerÀusche schon und schlafe langsam wieder ein.
Ich bin 12 Jahre alt.
Als ich erwache, sind wir immer noch im Keller, und die Sonne scheint ganz leise durch die schwarzen VorhĂ€nge und beleuchtet den Staub, der in der Luft ĂŒber mir schwebt. Ich stehe auf und gehe zu dem Platz, wo immer das Wasser ist, um mich zu waschen. Aber mein Vater ist da und sagt mir, ich darf das Wasser nur zum Trinken nehmen, und dass wir den ganzen Tag im Keller bleiben. Ich nehme mir eine Tasser Wasser und gehe zurĂŒck zu meiner Decke. Mein Vater bleibt bei der Wasserstelle und gibt den anderen das Wasser - immer nur ein bisschen, nie soviel wie alle wollen. SpĂ€ter sagt er mir, dass meine Tasse Wasser fĂŒr den ganzen Tag sein soll. Ich hebe mir die HĂ€lfte auf und warte bis zum Schluss, um sie zu trinken.
Irgendwann am Tag werde ich wieder mĂŒde. Ich schlafe sehr oft, meine Mutter sagt immer, dass ich viel zu viel schlafe in meinem Alter. Bevor die Nacht hereinbricht, bin ich wieder eingeschlafen.
Ich bin 12 Jahre alt.
Mein Zimmer hat drei WĂ€nde. Das Regal mit meinen Kuscheltieren ist jetzt weg und ich kann ĂŒber die ganze Straße sehen. Die BĂ€ume sind auch alle weg, und einige von den HĂ€usern, die ich sehe, wenn ich aus der HaustĂŒr gehe, sind jetzt nur noch Steine auf der Straße. Die Laternen brennen, aber es ist trotzdem dunkel und die Luft scheint zu leben, sie bewegt sich stĂ€ndig und in verschiedenen Schattenfarben.
Ich liege in meinem Bett. In meinem Zimmer ist es jetzt viel kĂ€lter, aber ich habe noch eine Decke. Meine Mutter hat sie mir gebracht, mir meinen Gutenachtkuss gegeben und ist rausgegangen. Sie hat nichts gesagt, mich nur gekĂŒsst und ist gegangen. Die TĂŒr war offen, deshalb kann meine Mutter sie jetzt zumachen.
Mein Zimmer hat drei WĂ€nde, und ich bin 12 Jahre alt.
Ich gehe einen anderen Weg zur Schule. Mein gewohnter Schulweg ist gesperrt. Mein Vater hat gesagt, ich solle nicht zur Schule gehen, ich solle zu Hause bleiben. Aber meine Mutter hat mit ihm gesprochen und gesagt, ich mĂŒsse in die Schule gehen, sonst wĂ€re es doch das alles nicht wert. Ich habe den Satz nicht verstanden, aber ich gehe zur Schule .
Ich bin 12 Jahre alt.
Der Unterricht des Vormittags fĂ€llt heute aus. Ich gehe mit zwei Freunden durch die Stadt und schaue mir die Straßen an. Sie sehen jede Woche anders aus, aber wir haben sie uns lange nicht mehr angesehen, weil wir nicht nach draußen zum Spielen gehen sollten. Ich habe in meinem Zimmer mit meinen Barbys gesessen und sie Autos fahren lassen durch die Landschaft, voller Kuschelt...- nein, nicht voller Kuscheltiere! Welche Kuscheltiere? Ich habe doch keine Kuscheltiere!
Wir schauen uns das Loch in der Mauer unseres Schulhofs an. Der Unterricht fĂ€llt aus, weil unsere Lehrerin nicht kommen konnte und Ersatz am Nachmittag erst aus der nĂ€chsten Stadt kommt. Das Loch ist gar nicht so groß, wie ich es mir vorgestellt habe. Es ist sogar ziemlich klein fĂŒr so einen großen Einschlag. Aber der Einschlag war ja auch nicht in der Mauer, das Geschoss hat ja das Haus nebenan getroffen! Eine Freundin hat in diesem Haus gewohnt, sie war nicht in der Schule. Wir ĂŒberlegen, ob wir sie besuchen gehen, aber das Krankenhaus ist am Ende der Stadt und dann verpassen wir den nĂ€chsten Unterricht. Außerdem wissen wir ja gar nicht, ob wir sie dort finden werden.
Wir sind wieder in der Schule. Ich sitze ganz hinten und der neue Lehrer sieht mich ĂŒberhaupt nicht an. Mein Bein tut weh, wo ich vorhin an einem EisentrĂ€ger eines Hauses angestoßen bin. Ich glaube, dass es blutet, aber das ist nur ein Kratzer und wird irgendwann auch wieder aufhören damit. Von der Bank hinten kann ich aus einem der Fenster sehen. Das Loch in der Mauer macht den Blick frei auf das Haus von meiner Freundin - nein, den Rest davon. Es ist ĂŒberhaupt kein Haus zu sehen. Und doch konnte ich mich an einem der TrĂ€ger verletzen, die die WĂ€nde zusammenhielten. Neben dem Loch hĂ€ngt ein Bild von meiner Lehrerin, darunter Blumen. Meine Lehrerin hatte Sommersprossen und trug eine Brille, die sie deformierte. Ich weiß nicht mal, was das ist.
Ich bin 12 Jahre alt.
Der Heimweg ist verstaubt und meine weiße kleine Maske aus Papier ist schon ganz schmutzig. Ich habe zu meiner Mutter gesagt, dass ich sie waschen muss, aber mein Vater hat gesagt, das Papier wĂŒrde sich auflösen, dann hĂ€tte ich keine mehr. Außerdem gibt er fĂŒrs Waschen kein Wasser mehr aus.
Ich bin 12 Jahre alt.
Vor einem Haus bleibe ich stehen, das noch da ist, als ich die Sirene höre. Ich ĂŒberlege, wie ich hineinkomme und wo der Keller ist, und halte meine kleine Tasche mit den Heften fest umklammert. Als der Einschlag ist, bin ich noch immer vor dem Haus. Ich sehe die Steine auseinanderspritzen und ĂŒberall auf dem Boden landen. Manche fliegen weiter durch die Luft und nehmen ein paar EisentrĂ€ger und mindestens eine Wolke Staub mit sich.
An einem TrÀger habe ich mir meine Wade aufgeritzt. Mein Zimmer hat drei WÀnde. Meine Lehrerin hÀngt an der Mauer. Sie ist deformiert. Das Haus ist nicht mehr da.
Ich war 12 Jahre alt.

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blaustrumpf
???
Registriert: Mar 2003

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Hallo, Cora Horn

Was fĂŒr eine Tour de force!

Der Text ist zu gut, um neidisch zu sein, dass ich ihn nicht geschrieben habe.

Neidlos applaudiert

blaustrumpf
__________________
DafĂŒr bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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mako
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Registriert: Not Yet

Hallo, Cora,

eigentlich wollte ich Deine Geschichte einfach "ĂŒberfliegen", nun las ich sie schon zum dritten Mal.

Mir bleibt auch nur zu sagen:
WOW, was fĂŒr eine Geschichte.

Die AktualitĂ€t Deiner Geschichte vor dem Hintergrund des Irak-Krieges hat mir zusĂ€tzlich kalte Schauer ĂŒber den RĂŒcken gejagt.

Ich hoffe, Du musstest das nicht wirklich erleben.

Gruss
Mako

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Parsifal
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Cora,

schön fĂŒr Dich, daß Du diese Zeit nicht erlebt hast! Vom Alter her mĂŒĂŸtest Du dann etwa 72 Jahre alt sein und wĂŒĂŸtest auch, daß es damals keine Barbypuppen gab.

Ansonsten hast Du Dich recht gut in die Zeit der BombennĂ€chte eingefĂŒhlt, wenn es auch wesentlich grauenhafter war, als Du es schilderst.

Aber (ohne Überschrift) zwölfmal der Satz "Ich bin zwölf Jahre alt" dient kaum noch der Steigerung oder Intensivierung, und der Satz "Mein Zimmer hat drei WĂ€nde, und ich bin 12 Jahre alt" kommt mir vor wie "Der Löwe ist gelb und großmĂŒtig". Was haben diese beiden Feststellungen miteinander zu tun?

VG
Parsifal

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caruso
Guest
Registriert: Not Yet

ciao cora,

in der Sache muss ich Parsifal recht geben, in der Drammatik jedoch bin ich von Deinem Schreibtstil fasziniert.

Gut erzÀhlt, LG caruso

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Cora Horn
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Mar 2002

Werke: 20
Kommentare: 51
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mhm, hab ich das jetzt doch so geschrieben?

Dankeschön fĂŒr eure Antworten und euer Lob !

Das kommt davon, wenn man zu viele Dinge auf einmal macht. Ich gebe euch beiden völlig recht, das klingt echt komisch. Also machen wir zwei SÀtze draus.
Der Satz Ich bin 12 Jahre alt soll einfach nur die ZeitsprĂŒnge abgrenzen, er kommt immer dann, wenn zum Beispiel ein neuer Tag beginnt. Er sollte also eigentlich nicht in dem Sinne zur Steigerung beitragen, sondern wird sozusagen einfach als Motiv mitgeschleppt. Aber wenn ihr der Meinung seid, dass er zu oft vorkommt und stört, guck ich noch einmal rein, wo ich ihn eventuell streichen könnte.

Und ich wollte noch hinzufĂŒgen, dass ich nicht 72 bin, glĂŒcklicherweise keinen Krieg erlebt habe, aber auch die Handlung nicht direkt in den Irak-Krieg gesetzt habe, auch wenn dieser Auslöser fĂŒr die Überlegung war. Es ging darum, Krieg in einem industrialisierten Land zu thematisieren, (wo es Barbies gibt) an einem Ort, an dem er noch deplacierter und abstrakter erscheint, als an einem Ort der allgemeinen Armut. Ich denke hier zum Beispiel an Israel im gegensatz zu Afghanistan.

Aber ich bin doch "froh", dass ich das mit den BombennĂ€chten einigermaßen hingekriegt habe, Parsifal, denn wie gesagt kann ich mich "nur" hineinfĂŒhlen und ich hatte etwas Sorge, dass ich das nicht ordentlich geschafft habe. Ich kann mir auch denken, dass das Ganze noch grauenhafter war. Aber ich wollte keine Actionstory machen, die Geschichte sollte einen allgemein surrealen Charakter haben.

Also dankeschön noch mal und eine wunderschöne Nacht noch.

Cora

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