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Leselupe.de > Kurzgeschichten
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Eingestellt am 17. 02. 2002 19:14


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Costner
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 41
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Wenn man eine neue Herausforderung gefunden hat, mit der man besch├Ąftigt ist und von der man gedanklich nicht mehr loskommt, dann vergisst man den Schmerz an jene Vergangenheit, die Erinnerung und das Leid, dass einem in dem zur├╝ckliegenden Leben zuteil geworden ist, zur├╝ckholt.
Ich habe es durch gestanden, ich habe nicht aufgegeben, ich bin von Zuhause geflohen, aus dem allt├Ąglichen Trott unserer Gesellschaft. Ich habe mich in dieses Flugzeug gesetzt und gewartet, habe die Freiheit auf meiner Haut gesp├╝rt. Innerlich hat es ├╝berall gekribbelt, denn die Ver├Ąnderung in meinem Leben war gro├č und sie ist es noch. Ich befinde mich gerade mittendrin, in meinem neuen Leben, dass f├╝r mich die Herausforderung sein soll, damit ich all das, was hinter mir liegt, vergessen kann.
In meiner rechten Hand halte ich das OneWay ÔÇô Ticket auf dem mein Name steht, Marco. Mein schwerer Rucksack klebt am R├╝cken, da die Sonne brennt und der Schwei├č mir herunter l├Ąuft. Als ich zwischen Rinnstein und den Touristenhaufen, die sich alle f├╝nf Meter zu einer Traube sammelten und von allem und jedem ein beschissenes Foto schie├čen mussten, warf ich einen letzten Blick auf das Ticket, dass mich an meine alte Welt erinnerte. Ein bisschen tat es noch weh, doch die Herausforderung in mir wurde immer st├Ąrker und lies mich mehr und mehr vergessen. Ich ├Âffnete die Hand, die fest umklammert das Ticket umgriff. Es fiel wie ein Blatt vom Baum, wirbelte zuerst durch die Luft, bis es sich in einem belanglosen und dreckigen Rinnstein verlor, zwischen all dem M├╝ll, der sich immerzu mehrte.
Damit ich meinen Weg durch die uns├Ąglichen Massen finden konnte, schubste ich ein paar bescheuerte Touristen aus dem Weg. Ich wei├č, im Endeffekt war ich selbst ein Tourist, aber ich f├╝hlte mich nicht mehr als einer.
Ich war auf einer Reise, die mich zu einem neuen Anfang f├╝hren sollte. Die Tatsache, dass ich hier auf mich allein gestellt war, tat weh. Mir er├Âffnete sich ein solch gro├čes Land, es stand mir alles offen, nur wusste ich es nicht zu nutzen. Ich bin soweit gereist, um von meinen Erinnerungen und dem schmerzlichen langweiligen Leid in meiner Heimat, zu entkommen. Und jetzt stehe ich hier, eingequetscht zwischen den Massen der Menschen, die sich hier durchzw├Ąngten. Hier war alles anders als dort, wo ich hergekommen bin. Der schwere Rucksack auf meinem R├╝cken qu├Ąlte mich. Ich wollte sofort an den Strand, mich in die Sonne legen, ausruhen von dem langen Flug, der mir an den Nerven zerrte. Ich konnte zwar einige Stunden schlafen, dennoch ├╝berfiel mich eine M├╝digkeit, der ich mich nicht erwehren konnte. Ich schmiss den Rucksack in den hei├čen Sand, legte mein Handtuch aus und zog mich bis auf meine Hose aus. Es war verdammt hei├č und ich wusste nicht, wie lange ich das aushalten sollte. Nur ein bisschen ausruhen, mehr wollte ich gar nicht. Ich legte mich hin und versuchte, dem Rauschen des Wassers zu horchen, doch meine Gedanken zwangen mich dazu, mich zu erinnern. Ich schloss meine Augen und schlief schnell ein.
Als ich wieder aufwachte, sp├╝rte ich die kalte Luft, die ├╝ber meinen K├Ârper flog. Jemand r├╝ttelte mir am Fu├č und zeigte mit besorgten Blicken gen Himmel. Als ich mich aufbeugte, sah ich den dunklen Himmel und den Schauer, der auf uns zuraste. Der Strand war schon fast leer und die Hitze wie vom Erdboden verschluckt. Schnell packte ich meine Klamotten zusammen, zog mir ein Hemd ├╝ber und stopfte das Handtuch in den Rucksack. Die Leute rannten alle in Sicherheit. Es herrschte nur ein Unterschied zwischen mir und den Leuten, die von hier verschwanden. Sie brauchten nicht erst die notwendige Sicherheit zu suchen, sie rannten nur in ihre Hotels, auf ihre Zimmer, um dort dem Unwetter zu entgehen, w├Ąhrend ich hilflos auf mich allein gestellt auf dem Strand umher irrte und h├Ąnderingend versuchte, eine sch├╝tzende Palme zu finden. Tja, dass hier ist Thailand, man musste hier schon um einen Unterschlupf k├Ąmpfen. Die Touristen wucherten aus allen L├Âchern, alle Hotels waren besetzt, sogar die sch├Ąbigsten.
Viele Minuten und einige Blitze sp├Ąter und die Angst in meinem Innern, durch den str├Âmenden Regen zu ersaufen, fand ich unter einem kleinen Vorsprung einer gro├čen Bar etwas Schutz vor dem tobenden Wetter. Trotz des Vorsprungs peitschte mir der Regen ins Gesicht, immer wieder, ohne nachzugeben.
Die Schei├č Angst ist immer noch da. Nach dem schweren Unwetter hatte ich mich in ein Hotel zur├╝ckgezogen, dass noch ein paar Zimmer ├╝brig hatte. Ein Boden aus knarrenden Holzdielen, ein stinkendes Bett mit ausgewaschenen Bez├╝gen und ein kleiner h├Âlzerner Nachttisch zur linken Seite des Bettes lie├čen die Einrichtung des Zimmers vermuten. Ganz abgesehen von meinen Mitbewohnern, die unter dem Bett auf ihre Chance warteten, dass etwas Essbares auf den Boden fiel, schei├č Kakerlaken. Die Zimmer waren nicht einmal voneinander getrennt. Ein feines Fliegennetz war ├╝ber mehrere Zentimeter von der Decke aus zur Trennwand der Zimmer gespannt. Man konnte die Stimmen h├Âren, wenn sich die anderen Bewohner unterhielten.
Jetzt liege ich nachts in meinem Bett, die Decke beiseite gelegt, da ich trotz des Ventilators an der Decke schwitze wie selten zuvor. Von ├╝berall her kommen die Stimmen, die mich nicht zur Ruhe kommen lassen. Auf meiner Haut brennt noch immer die Sonne vom Strand, ich sp├╝rte den Sonnenbrand. ├ťberall stinkt es, man h├Ârt sogar die Stimmen von der Stra├če, die Menschenmassen, die vorbeiziehen, wie die Wolken am Himmel. Ich kann hier nicht schlafen.
Willkommen in meiner neuen Welt. Ich bin frei.

Ich bin durch das Land gereist und habe die Freiheit gesp├╝rt, was es bedeutet, um Essen zu k├Ąmpfen, um Essen zu betteln, wenn man kein Geld hat. Es gibt Typen hier, die fragen dich auf offener Stra├če, ob du viel Geld verdienen willst, wenn du eines deiner Organe spendest. Du l├Ąufst durch H├Ąuserschluchten, durch Tausende von Verkaufsst├Ąnden und alle f├╝nf Meter fragt dich ein anderes thail├Ąndisches Arschloch, ob du M├Ądchen oder Jungen ficken willst oder ob du etwas besonderes erleben m├Âchtest. Ich wei├č nicht mehr, ob dies meine Welt bedeuten soll. Dieser Konsum von verkauftem Fleisch, Drogen und anderen Dingen, die sie dir hier f├╝r weniger als einen halben Doller anbieten wollen.
Im Endeffekt kommt jeder hier her, weil er etwas Besonderes erleben m├Âchte, doch im Grunde tut jeder dasselbe. Ich wollte meine neue Welt finden, doch was ich bekam, war Leid an jeder Stra├čenecke, wie Kinder halbtot im Rinnstein liegen, wie M├╝tter ihre Kinder verkaufen, wie Drogendealer ihre Bandenkriege durchf├╝hren und wie die Polizei zusieht, weil die Angst vor einem Inferno zu gro├č ist. Und immer mehr w├Ąchst diese Gesellschaft zu dem, was sie selbst aus sich macht. Genau wie dort, ist es hier auch zum kotzen. Die Welt ist ein gro├čer Schei├čhaufen, auf dem wir versuchen, zu ├╝berleben. Allein wenn ich an dieses Leben denke, dann muss ich heulen, weil ich nicht mehr anders kann. Mein Herz schl├Ągt zwar f├╝r dieses Leben, aber wie lange es das noch alles aushalten soll, wei├č ich nicht.
Wieso k├Ânnen einige Dinge nicht anders laufen? Wieso muss es ein jeder so schwer haben? Ich bin hier hergekommen, um eine neue Erfahrung zu machen, um frei zu sein, endlich weit weg von dem, was mich m├╝rbe gemacht hat. Doch in den 2 langen und beschwerlichen Jahren, die ich hier in Thailand verbracht habe, bin ich doch nichts weiter als Tourist gewesen, der genau denselben Effekt in seiner Heimat miterlebt h├Ątte. Wie die Gesellschaft sich ausbreitet und alles nur noch schlimmer macht. Ich w├╝nschte, ich k├Ânnte etwas ├Ąndern, aber ich kann nicht.
Ich bin hungrig und ich habe Durst. Ich habe in den 2 Jahren mindestens 12 Kilo abgenommen, weil ich wenig zu Essen den Tag ├╝ber hatte. Tja, eines ist mir klar geworden, hier kann ich nicht bleiben. Diese Gesellschaft hier ist noch schlimmer, als die, von wo ich herkomme. So kehre ich jetzt eben zur├╝ck, in meine Heimat.
Ironischerweise hatte ich mir immer das Geld f├╝r einen R├╝ckfahrschein behalten, obwohl ich mir geschworen hatte, nicht wieder zur├╝ckzukehren. Doch ich bin am Ende, ich kann nicht mehr. Jetzt bin ich nur noch gespannt, was mich Zuhause erwarten wird. Ich habe Angst, aber ich wei├č, dass ich zur├╝ckkehren werde.

__________________
cu
M.

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