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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ich bin Jogger, müß ihr wissen ...
Eingestellt am 15. 04. 2003 17:19


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Zarathustra
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March - winds and April – showers,
so heisst ein Song vom grossen Al Jolson aus der goldenen Swing Aera der 40er Jahre.

Warum mir das gerade heute einfällt?
Ich bin Jogger, müß ihr wissen, eine fliegende Seele; bin schon Mitte 40 - au weia willst du sagen - die Gelenke; - ich sage na ja, lauf doch einmal mit mir.

So Mitte April – durch den Ebersberger Forst. Dann werdet auch ihr begossen wie die Pudel!
March - winds and April - showers ....



Gerade mal 4 Grad Plus zeigte das Autothermometer als ich die Familienkutsche im Waldparkplatz von Anzing abstellte. Gleich gegenüber ist der Tennispark „Sepp Maier“ – Und wer kennt ihn nicht? Die Katze von Anzing? Den kauzigen Torwart des FC Bayern München, der zusammen mit Beckenbauer und Müller, in den glorreichen 70er Jahren seinen Siegeszug durch Europas Fußballarenen startete?

Hell leuchteten ihre Sterne am Himmel des Sports ...
...und nur diesig schimmert das Licht aus den überdachten Tenniscourts zu mir herüber. Nur wenige Spaziergänger und Jogger sind heute unterwegs.

Kein Wunder:

Kälteeinbruch bis minus 10 Grad, der Wind dreht von Nord nach Ost, kaum Sonne, dafür ausgiebige Regenschauer und in den höheren Lagen des Voralpenlandes – vereinzelt Schneeschauer; - so meldete Bayern 3 um 18:30 Uhr.

Das kann ja heiter werden! Die Endmoränen, die von den Gletschern aus der Würmeiszeit übrig geblieben waren, liegen 620 m hoch; - und da muss ich durch - irgendwie!

Der Ebersberger Forst ist das größte zusammenhängende Waldgebiet um München. Leider haben die Landschaftsgestalter nach dem Motto: quadratisch, praktisch – gut, in den ganzen Wald Schneisen schnurgerader Forststrassen geschlagen.

Anzinger Weg, Jodel Geräumt, Reitöster Geräumt – von Planquardrat XI/8 des Forst Eggelsee bis hinüber zu Planquadrat IX/18 – wo es bei Ingelsberg wieder aus dem Holz herausgeht. Das ist doch furchtbar albernes Vermessungsamtskauderwelsch - nicht wahr?

Aber es hilft nichts. Wer so 15 bis 20 oder auch mehr km; so ganz nach Belieben; - unter die Beine bekommen will, ist auf dieses „Dorado“ angewiesen. Und wer sich ein bisserl auskennt, der kann den schnurgeraden Fluchtlinien, die zum 8 km entfernten Horizont führen, schon einmal ein Schnippchen schlagen. Aber wehe, wer sich nicht merkt, wo er rechts – oder war es doch links - abgebogen ist! Er verheddert sich zwangsläufig im Netz der Planquadrate und braucht die Hilfe eines freundlichen Waldarbeiters oder Spaziergängers um wieder zurück in die Zivilisation zu finden.

Nicht so bei mir. Diese Irrungen und Wirrungen habe ich schon hinter mir. (Hat ganz schön Kondition aufgebaut, das Verlaufen, das könnt ihr mir glauben. Oft wurden aus 45 Minuten – über eine Stunde, oder aus 32 km, stolze 38!)

Also, - genug geplaudert! 2 Km will ich mich einlaufen. Quer hinüber zum Anzinger Geräumt brauche ich 14 Minuten. Dann steigere ich auf HF 165, - das Marathontempo, das mir der allseits geliebte Ekkehard - alias Vino, empfohlen hat.

.... sine amore, sine arte, non vita est! – So signiert er doch immer seine Postings im Internetforum!

Ohne Liebe, ohne Kunst .. ist es wohl kein Leben! Wo er Recht hat, hat er Recht!

Liebe hin und die schöne Kunst her. Ich muss jetzt den kalten Gegenwind bekämpfen. Von Osten her will er mich zurück nach Anzing schieben. Die Wipfel der Bäume beginnen zu schaukeln. Dunkelgrau und ungestüm zieht etwas herauf. Es beginnt leicht zu tröpfeln. – Macht nichts! Rede ich mir ein.

Nach 45 Minuten und mit harten Wadenmuskeln bin ich am Egelhartinger Wildgatter angekommen. 90 Grad nach links und dann im lustigen Fahrtspiel die Ausläufer der Endmoränen entlang. Fahrtspiel ja, - lustig nein! Mittlerweile ist es kühl geworden. Aus dem eingangs zitierten Jazz – Klassiker - March winds and April showers – ist eine ordentliche wagnerianische Götterdämmerung geworden. Nichts ist es mit rhythmischen Fingerschnippen; - ich warte nur noch darauf, dass Wotan seinen Hammer schwingt!

Dann ist es auch schon so weit: Das Forsthaus Diana, mit seinen niedlichen Ziegelzinnen, dem malerischen Maibaum – in weiß – blau , sehe ich nur noch ganz undeutlich im Schneegestöber vor mir auftauchen – und gleich wieder im Gebräu des aufsteigenden Nebels verschwinden.

Halbzeit; - und ich bin pudelnass. Die Finger werden klamm, und an meinem Bart setzten sich kleine Eiszapfen fest. Wenn mir jetzt jemand begegnet, der denkt sicherlich: Herr Waldschrat – und das höchstpersönlich - ist wieder unterwegs um die Wirtstochter aus Dianas Bierstube zu entführen...

Auf meine Herzfrequenz achte ich schon lange nicht mehr. Ich laufe nach Gefühl. Unter meinen Beinen wird es langsam aber sicher rutschig. Nasser, schwerer Schnee bedeckt die Pfützen. Ich renne und trample weiter.

Wann taucht denn endlich die Anzinger Sauschütt’ vor mir auf? Von dort weg sind es gerade noch 2 km!

Zuerst aber aufgepasst! Ein aufgescheuchter Keiler quert vom Unterholz und rennt im Schweinsgalopp in das Walddickicht hinein. Was er da im wilden Zorn so alles anstellt?

Das Schneetreiben wird so dicht, dass ich bei den Abzweigungen mitzählen muss um mich nicht zu verlaufen. Erste, dann die Zweite, die Dritte; - ja die Vierte Abzweigung ist es. Menschenskind: Rechts herum!

Das graue Schieferdach der Sauschütt ist weiß geworden; kaum von den Holunderbüschen, die wie ein Spalier Zinnsoldaten drum-herum stehen, zu unterscheiden.

Wieder linksherum. Da steht dann gleich die Hubertuskapelle mit einer Marienstatue.
Ja liebe Lauffreude, - ob ihrs glaubt oder nicht, – „unsere liebe Frau im Walde“ – war schon oft die letzte Rettung erschöpfter Jogger.

Weil es halt nur noch 1,8 km sind, bis die Lichter Anzings aus dem Dämmerdunst auftauchen. Ich renne, - weiter einfach weiter – ich will das Letzte geben; - ich will ins Trockene. Der Boden unter mir ist schmierig und dunkel; - Pfützen und Unebenheiten kann ich nicht mehr erkennen, dazu ist es zu dunkel. Geschneit hat es hier nicht. Dafür regnet es wie aus Kübeln. Mein Kreislauf rast. Herzfrequenz 175; - nein bestimmt mehr. Anerobe Schwelle!

Ich heuche und hechle die letzten Meter dem trüben Schimmer des Tennisparks entgegen. Das Shirt, die Windjacke, alles klebt mir wie eine zweite Haut am Leib.

Ein paar Schritte noch, dann habe ich es endlich geschafft. Nur noch die Stoppuhr aufhalten, austrudeln und tief durchschnaufen.

19,2 km in 1:46:30 Std. bei - March winds and April showers – so werde ich es in mein Lauftagebuch eintragen.

__________________
Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt! (Bertold Brecht)

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kaffeehausintellektuelle
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ein satz passt nicht hinein, nämlich:
ich laufe mit gefühl.

davon merkt man nämlich gar nichts. es wirkt, als ob joggen ein kampf wäre für dich.
ich sag das, weil ich auch jogge, und ich spür den weichen waldboden unter mir, in meinen kopfhörern singt "element of crime", meine gedanken kommen und gehen wie die wolken am himmel, ich halte nichts fest, ich atme die blumen ein und die rinde, ich finde meinen rhythmus, die sonne glitzert durch die baumkronen, ein eichkätzchen klettert den stamm entlang, ich höre den specht. langsam breitet sich eine friedliche stimmung in mir aus. langsam sind meine gedanken hier und jetzt. und irgendwann hab ich den weisen rat eines gelehrten aus einem persischen märchen im ohr:
ich gehe, wenn ich gehe.
ich stehe, wenn ich stehe.
ich sitze, wenn ich sitze.
und ich liege, wenn ich liege.

mir ist völlig wurscht, wie man richtig und effektiv laufe. ich laufe. und wenn ich laufe, laufe ich.

die k.

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Zarathustra
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mit Gefühl

danke für deinen Input.

Der Satz: ich laufe mit Gefühl, passt nicht hinein ...
da hast du teilweise recht.
Ich habe aber geschrieben: Ich laufe ...nach Gefühl...
den Herzfrequenzmesser habe ich vergessen..

Laufen ist für mich auch Kampf! Da hast du recht. Im Marathon - Tempodauerlauftraining allemal! Und Kampf ist auch Gefühl! Man kann nur kämpfen mit Gefühl...
Wenn man mit dem Kopf durch die Wand will, hat man auch Gefühle ...
man muß nicht immer entrückt sein...
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kaffeehausintellektuelle
Guest
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ja, da hast du recht.
ich hab nur gemerkt, dass mich beim lesen die vielen zahlen überfordert haben, weil ich joggen einfach nicht mit zahlen assoziiere, sondern mit leichtheit, freiheit und körper und seele spüren.

es geht mir auch nicht darum, zu werten, was gut oder schlecht ist, mir fiel nur ins auge, wie unterschiedlich wir joggen.

den kampf hast du gut rübergebracht.
die k.

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