Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5438
Themen:   92250
Momentan online:
76 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich bin prominent...!
Eingestellt am 28. 10. 2002 14:33


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Hannes Nygaard
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2002

Werke: 7
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hannes Nygaard eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ach, warum h├Ârt man immer nur von diesen Prominenten? Und keiner spricht von mir. Wenn einmal ├╝ber mich geredet wird, dann h├Âchstens in meinem Treppenhaus, weil ich gestern wieder einmal etwas ger├Ąuschvoller von meinem Kegelabend heim gekommen bin. Nat├╝rlich ist auch die letzte Party, die in meiner Wohnung stattfand, noch in aller Munde. Ebenso wird gelegentlich noch ├╝ber den Tieflader gesprochen, der mein im Halteverbot stehenden Auto abgeschleppt hat.

Aber eigentlich meine ich nicht dieses. Ich w├Ąre so gerne – nur einmal – prominent.

Wenn ich ein gut besuchtes Restaurant betrete, dass im Augenblick in der ├Ârtlichen Presse als „in“ hochgelobt wird, kommt mir ein wei├čbesch├╝rzter Kellner mit ausgebreiteten Armen entgegen. In seinen finster dreinblickenden Augen erkenne ich schon von weitem, was er mir gleich darauf mit harschem Ton verk├╝ndet: F├╝r mich ist hier kein Tisch frei. Also versuche ich es im gutb├╝rgerlichen Lokal um die Ecke. Dort residiert heute eine geschlossene Gesellschaft, in der ich auch nicht willkommen bin. Nicht einmal in diesen bodenst├Ąndigen Kreisen kennt man mich.

Mit unsicheren Schritten steuere ich eine Eckkneipe an, in der auch durchreisende G├Ąste willkommen sind. Immer wieder h├Ârt man davon, dass diese Einrichtungen der sozialen Kommunikation auf lokaler Ebene dienlich sind.

Aber auch dort stelle ich fest, dass der Tresen bis auf den letzten Hocker umlagert ist. Niemand nimmt Notiz von mir. An den freien Tisch mit dem schmiedeeisernen St├Ąnder „Stammtisch“ wage ich mich gar nicht erst zu setzen.

Was bleibt mir ├╝brig, als den Abend in einem Fast-Food-Restaurant zu beschlie├čen. Hier ist letztendlich jemand bereit, zumindest mit mir zu kommunizieren. Zugegeben, es war nur ein recht kurzer Dialog. Wenn ich ganz ehrlich bin, war es nur ein einziges Wort: „Dreif├╝nfundsiebzig!“ Mehr hat das Wesen mit dem blau-wei├č gestreiften K├Ąppi nicht f├╝r mich ├╝brig gehabt.

Zumindest der Hund, der mir auf der Bank vor dem Schnellrestaurant Gesellschaft leistete, ist anst├Ąndigerweise so lange geblieben, bis mein Hamburger aufgegessen war und ich nichts mehr zum F├╝ttern hatte.

Beim schon mit leichtem seelischen Kummer begleiteten Wandern durch die Nebenstrassen heben die Leute, die mir begegnen, nicht einmal den Kopf, wenn sie vorbeihasten. Ich glaube manchmal, einige wechseln sogar die Stra├čenseite.

Niemand spricht von mir. Wobei das auch nur bedingt richtig ist. Als es mir vor kurzem gelungen ist, mittags in der Betriebskantine einen vollen Teller hei├čer Suppe quer durch den Raum segeln zu lassen und nach einer gut angelegten ballistischen Kurve den stellvertretenden Gesch├Ąftsf├╝hrer zu treffen, war ich vor├╝bergehend richtig bekannt. Aber, wenn ich ehrlich bin, hatte ich mir Prominenz eigentlich ein wenig anders vorgestellt.

Mir w├╝rde ein wenig Publicity ja schon gen├╝gen. In einer bescheidenen zweiten Hauptrolle in einem kleinen Theater am Ende der Vorstellung den Applaus des dankbaren Publikums entgegennehmen – das w├Ąre sch├Ân. Stattdessen hat keiner geklatscht, schon gar nicht „Zugabe“ gerufen, als ich das letzte Mal vor einer gr├Â├čeren Menschenmenge brillierte. Es war eher ein Drama, zumindest f├╝r mich, obwohl die Grenzen zur Kom├Âdie ja durchaus flie├čend sein k├Ânnen. Es war es fast ausverkauftes Haus, wenn ich unsere ├Âffentlichen Strassen einmal symbolhaft so bezeichnen darf. Dabei habe ich nur – ein ganz klein wenig – Bremse und Gaspedal verwechselt und bei dieser Gelegenheit den vor mir haltenden Streifenwagen auf die drei vor ihm stehende Fahrzeuge aufgeschoben. Zugegeben, es war das bisher zahlenm├Ą├čig gr├Â├čte Publikum, das ich mit einer einzelnen Soloaktion erreicht habe.

Vor kurzem aber war das anders. Nach dem Verlassen meiner Wohnung begegnete ich auf der Treppe einem Mitbewohner, der mich gro├č anstarrte und mit offenem Mund sogar das sonst von ihm gewohnte „Guten Morgen“ missen lie├č.

Als mich auf der Strasse zahlreiche Leute ansahen, ja sogar, was mir ein verstohlener Blick ├╝ber die Schulter best├Ątigte, hinter mit her blickten, wurde ich etwas unsicher. Was stellte ich an diesem Morgen etwas Besonderes da? Es konnte unm├Âglich an dem neuen Rasierwasser liegen, das ich probeweise seit wenigen Tagen nutzte. Gestern waren mir zwar alle Katzen auf meinem morgendlichen Weg zum Arbeitsplatz ausgewichen, aber die haben ja schlie├člich auch eine besonders feine Nase.

Ich hatte weder eine neue schreiendbunte Krawatte um noch trug ich einen farbigen Lidschatten. Meine Haare waren wie immer frisiert – Deinem Mund entspringt jetzt ein Erkennendes: ach, wieder einmal ungek├Ąmmt - . Ich trug keinen Hut mit Gamsbart und war auch sonst normal gekleidet.

Nichts, aber wirklich nichts unterschied mich an diesem ganz normalen Morgen von anderen Tagen, an denen meine Mitmenschen, ohne Notiz von mir zu nehmen, vorbeihasteten.

Jetzt begegneten mir die Leute mit gro├čen Augen, sahen mich an. Manche l├Ąchelten mir freundlich zu, vor allem aber Frauen widmeten mir ├╝berraschenderweise ihre visuelle Zuwendung.

Du kannst es mir glauben. Irgendwie irritierte mich es schon, dass ich pl├Âtzlich im Mittelpunkt des Interesses stand. Ich f├╝hrte es darauf zur├╝ck, dass ich noch unge├╝bt im Repr├Ąsentieren war. So gab ich mir alle M├╝he, meine K├Ârperhaltung zu straffen und mit erhobenen Haupt und etwas verz├Âgertem Schritt gemessen meines Weges zu schreiten. Es sah sicher etwas staksig aus, aber jeder beginnt im kleinen. In den n├Ąchsten Tagen w├╝rde ich bestimmt mehr Selbstsicherheit an den Tag legen und meine neugewonnene Popularit├Ąt mehr genie├čen k├Ânnen.

Als ich an einem Kiosk vorbeikam, sprangen mit die Abbildungen der anderen Pseudoprominenten ins Auge. Ha! Was bedeutete schon das Erscheinen auf einem Titelblatt. Mich umschmeichelte das wahre Leben. Die liebenswerten Menschen aus Fleisch und Blut, denen ich begegnete, st├Ąrkten durch ihre urpl├Âtzliche Aufmerksamkeit, die sie mir entgegenbrachten, meine W├╝rde.

Ich hatte die Nacht ├╝ber fest und traumlos geschlafen und offensichtlich wohl nichts von der wunderbaren Zauberfee mitbekommen, die an meinem Bett erschienen war und mit ihren wundersamen Kr├Ąften meinen Herzenswunsch nach Prominenz erf├╝llt hatte. Eine andere Erkl├Ąrung kann ich Dir nicht geben f├╝r die fast liebevolle Zuwendung, die ich nun in der ├ľffentlichkeit erfuhr.

Die Aura, die mich umgab, wirkte unmittelbar auf die Umstehenden, die mir Entgegenkommenden, auf alle freundlichen Zeitgenossen, die mich an diesem Morgen sahen.

Das setzte sich in der U-Bahn, die mich zu meinem Arbeitsplatz transportieren sollte, fort. Ich hatte den Eindruck, die Leute dr├Ąngelten gar ein wenig, um meiner Ansicht habhaft zu werden.

Ich hatte mich schon ein wenig an diese Aufmerksamkeit gew├Âhnt und genoss es mittlerweile. Aus den Augenwinkeln nahm ich wahr, dass die beiden mir gegen├╝ber sitzenden weiblichen Wesen sich nur wenig auf ihre Morgenlekt├╝re konzentrieren konnten, sondern mich immer wieder verstohlen ansahen.

Heimlich warf ich einen Blick in das Fenster, um ein Spiegelbild von mir zu erhaschen. Du magst mir glauben, eigentlich geht man immer viel zu selbstkritisch mit sich selbst um. Das war gar nicht ├╝bel, was ich dort sah. Ich muss eingestehen, dass die beiden freundlichen Frauen vis-a-vis einen guten Geschmack hatten.

War das angenehm, sich in einer solchen Wonne badend, dem Arbeitsplatz zu n├Ąhern. Leider gab es an diesem Morgen keine Versp├Ątung. Erstmals hatte ich auch den Eindruck, die Bahn w├Ąre viel zu schnell und w├╝rde lange vor der bestimmungsm├Ą├čigen Zeit ihr Ziel erreichen. Du kannst es mir glauben, ich w├Ąre noch stundenlang weitergefahren.

Endlich sa├č ich an meinem Schreibtisch. Vorsichtig schloss ich die Augen und lie├č noch einmal die wundersame F├╝gung des Schicksals Revue passieren.

Meine Ausstrahlung, mein Charisma und mein Erscheinungsbild wirkte nachhaltig auf meine Umgebung.

Endlich! Ich war wer!

Ich stand auf und ├Âffnete die T├╝r des Garderobenteils der Schrankwand, um mich im gro├čen Innenspiegel einmal ganz bewundern zu k├Ânnen.

.....und dann hatte ich beschlossen, nie wieder prominent zu sein, wieder anonym in der gro├čen Menge mitzuschwimmen, ich wollte einfach nicht mehr im Mittelpunkt stehen und die Blicke auf mich ziehen, besonders nicht die der leicht l├Ąchelnden d weiblichen Welt.

Und ganz bestimmt w├╝rde ich ab morgen fr├╝h ganz besonders darauf achten, dass mein Hosenschlitz auch fest verschlossen ist, wenn ich das Haus verlasse.

__________________
Hannes Nygaard

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


margot
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 298
Kommentare: 3340
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

nett. mit welch einfachem handgriff man(n) doch
prominenz erreicht.
__________________
schlagt mich bitte nicht tot. ich bin kitzlig.

Bearbeiten/Löschen    


Sansibar
Guest
Registriert: Not Yet

Peinlich,peinlich

Hallo Hannes,
ja,so kann es gehen im Leben. Dabei ist diese "Peinlichkeit" ja leicht zu verkraften, denke nur an die Peinlichkeiten eines gewissen Bohlen.Ich selbst stell es mir sehr unangenehm vor, ber├╝hmt, promminent oder sonstwas zu sein -( ich gen├╝ge mir und meinen Anspr├╝chen), nein, diese st├Ąndige Opfer von Presse und Neugierigen zu sein, ich glaube das es sehr unangenehm sein kann. Sicher, es gibt Menschen die stellen wer wei├č was an um "bekannt" zu werden, die vor rein nichts zur├╝ckschrecken.Aber so einer bist du bestimmt nicht!!
Gru├č Sansibar

Bearbeiten/Löschen    


margot
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 298
Kommentare: 3340
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

und ist mein ruf erst ruiniert, lebt es sich ganz
ungeniert.

ralph
__________________
schlagt mich bitte nicht tot. ich bin kitzlig.

Bearbeiten/Löschen    


Hannes Nygaard
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2002

Werke: 7
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hannes Nygaard eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Margot,

dieser uns├Ągliche Wunsch nach Aufmerksamkeit und Prominenz hat vielf├Ąltige Ausrucksformen; nehmen wir als Beispiel die Gesichtsmaskierungen vieler Mitb├╝rger, die bunten Farbtupfer der in der Natur nicht auftretenden Haarschattierungen...
Da erschien es mir reizvoll, der Phantasie einmal freien Lauf zu lassen, obwohl mir pers├Ânlich ein solches Mi├čgeschick(bisher) noch nicht widerfahren ist. Aber, was nicht ist, kann ja noch werden, obwohl ich nach meinen eigenen Zeilen jetzt eine besondere Qualit├Ątskontrolle vor dem Verlassen des Hauses durchzuf├╝hren pflege.
Interessant w├Ąre es nat├╝rlich, wenn wirklich jeman(n)d auf die Idee k├Ąme, dieses M├Âglichkeit als Mittel zur Erzielung von Aufmerksamkeit einzusetzen. Diese Welt ist eben spannend.

Gru├č
Hannes


__________________
Hannes Nygaard

Bearbeiten/Löschen    


Hannes Nygaard
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Sep 2002

Werke: 7
Kommentare: 28
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Hannes Nygaard eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Peinlich Peinlich...

Hallo Sansibar,

sch├Ân, wieder einmal von Dir zu h├Âren.

Ich stimme Dir zu, dass ein ruhiges Auftreten ohne gesteigerte Popularit├Ąt f├╝r viele Menschen sicher attraktiver ist als die ├╝berzogene Sucht nach Aufmerksamkeit. Du hast es sch├Ân formuliert, dass Wohlbefinden auch dadurch erzielt werden kann, wenn man seinen eigenen Anspr├╝chen gerecht wird und diesen auch gen├╝gt.

Trotzdem sei mit meinem Text der kleine Seitenhieb erlaubt, allein wenn wir an jene (vielleicht bedauernswerte) Mitmenschen denken, die ihr Innenleben in den sog.Talkshows vor aller ├ľffentlichkeit entbl├Â├čen. Da erscheint mir die symbolische kleine "Entbl├Â├čung" meines imagin├Ąren Protagonisten doch noch zivilisierter.

Mit einem fr├Âhlichen Gru├č aus M├╝nster
Hannes




__________________
Hannes Nygaard

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!