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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich denke oft an Flocke
Eingestellt am 01. 11. 2005 11:31


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mariavonlinden
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Oct 2005

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Die etwas andere Weihnachtsgeschichte

Ich denke oft an Flocke.

Aber immer dann, wenn der Herbst sich mit all seiner Farbenpracht verabschiedet und der Winter Einzug h├Ąlt ins Land, dann denke ich besonders oft an ihn. Und hier beginnt Sie, meine Weihnachtsgeschichte.

Es war an jenem kalten frostigen Dezemberabend vor genau vier Jahren. Das kleine Dorf in dem ich mit meinen Eltern wohne, bereitete sich auf das nahende Weihnachtsfest vor. Nur noch drei Tage bis Heiligabend. Ich mochte diese Zeit so kurz vor Weihnachten besonders gern. Die meisten Menschen hatten ihre Weihnachtseink├Ąufe erledigt, die H├Ąuser geputzt und dekoriert, die Pl├Ątzchen gebacken und auch der Weihnachtsbaum stand fix uns fertig geschm├╝ckt im Wohnzimmer und wartete auf seinen Lichtereinsatz. Ringsherum kehrte endlich Stille ein in die H├Ąuser der Menschen. Stille, Behaglichkeit und Frieden.

Im offenen Kamin im Wohnzimmer prasselte gem├╝tlich ein Feuer vor sich hin und die wohlige W├Ąrme und der unverkennbare Geruch verbrennenden Holzes str├Âmten bald durchs ganze Haus. Eingekuschelt in meinen Sessel sah ich zufrieden den hell auflodernden Flammen zu, wie sie gierig an den gl├╝henden Holzst├╝cken z├╝ngelten.

Draussen vor dem Fenster fielen lautlos die ersten kleinen, wei├čen Schneeflocken von einem schneeverhangenen Nachthimmel herab und streiften im Nu der Wiese und dem dahinter liegenden Wald ein wei├čes, glitzerndes Winterkleid ├╝ber. Als hielte die Natur vor lauter Bewunderung ├╝ber diese neue wei├če Pracht den Atem an, st├Ârte kein Ger├Ąusch, kein einziger Laut bis auf das leise Knistern im Kamin diese sich langsam ausbreitende, erholsame und sehr friedvolle Stille.

Ich wei├č nicht, wie lange er da unten am Waldesrand unter der dicken Eiche im Schneegest├Âber gesessen, und mit seinen gro├čen, traurigen Hundeaugen zu mir in das warme kuschelige Wohnzimmer hinaufgeschaut hat. Es war wohl eher ein Gef├╝hl als die Gewissheit beobachtet zu werden, dass mich pl├Âtzlich aufstehen, und auf die Terrasse hinaustreten lie├č. Und es war auch ein Gef├╝hl, das mich direkt zu der dicken verschneiten Eiche hin├╝berblicken lie├č. Da hockte er. Seinen Anblick werde ich wohl nie wieder vergessen k├Ânnen. Ganz still sass er da. Es war noch nicht mal sein ├äu├čeres, warum mein Herz sich gleich auf so schmerzliche Weise zusammenkrampfte. Ich mochte Hunde, liebte ihr freundliches, lustiges verspieltes Wesen. Aber dieser Hund, der sich da drau├čen zitternd vor K├Ąlte fest an den Stamm des dicken Eichenbaums presste, war anders. Sein Fell unter dem abgemagerten K├Ârper sah sehr stark mitgenommen aus, hier und da wies es sogar kahle Stellen auf. Sondern es war vielmehr die Art, wie er dort sass. Voller Scheu und Demut traute er sich zuerst nicht, mich anzusehen. Seine Nase ber├╝hrte fast den eingeschneiten Boden so tief lie├č er seinen Kopf h├Ąngen und diese unendliche Traurigkeit, die von ihm ausging, stockte mir fast den Atem.

Er hat bestimmt Hunger, schoss es mir durch den Kopf. Auf dem Absatz machte ich kehrt, eilte zum K├╝hlschrank, zerrte hastig ein paar Wurstst├╝cke hinaus und eilte wieder auf die Terrasse zur├╝ck. Meine Sorge, dieses mitleiderregende Etwas auf vier Pfoten k├Ânnte in der Zwischenzeit in dem dunklen Wald verschwunden sein, erwies sich als vollkommen unbegr├╝ndet. Nach wie vor hockte er zitternd unter der Eiche, wo eine Schneeflocke nach der anderen langsam sein braunes Fell bedeckte.

Er kam nicht gleich. Mit den Wurstst├╝cken in meiner Hand verlie├č ich die Terrasse und ging mit langsamen, vorsichtigen Bewegungen auf ihn zu. Immer noch schaute er mich nicht an. Aus Angst, er k├Ânne weglaufen, k├Ąme ich ihm zu nahe, blieb ich ein paar Meter vor ihm stehen. Um eine engelsgleiche Stimme bem├╝ht, versuchte ich ihn zu locken. Aber Flocke, wie ich spontan diesen sch├Ąferhundgro├čen Mischling mit dem mittlerweile zugeschneiten Fell taufte, r├╝hrte sich einfach nicht und ich hatte Scheu, ihm noch n├Ąher zukommen. Ob er wohl gesp├╝rt hat, dass ich aufgeben wollte? Denn er kam. Ganz pl├Âtzlich. Mit eingeklemmter Route und gesenktem Kopf wagte er sich Schrittchen f├╝r Schrittchen immer mehr in meine Richtung. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor, als seine kalte Hundeschnauze endlich ganz vorsichtig meine ausgestreckte Hand mit den Leckereien ber├╝hrte. So als k├Ânnte er sein Gl├╝ck gar nicht fassen, verputzte er dankbar ein Wurstst├╝ckchen nach dem anderen.

Nur zu gut erinnere ich mich noch heute an den entsetzten Gesichtsausdruck meiner Eltern, als sie sp├Ąt in der Nacht nach Hause kamen und zum ersten Mal Bekanntschaft mit Flocke schlossen. Immer noch sehe ich das entsetze Gesicht meines Vaters vor mir, wie er respektvoll Abstand haltend in die Hocke ging und Flocke aus mitleidigen Augen musterte. Du armer Hund. Was hat man dir blo├č angetan?

In dieser Nacht schlief Flocke neben dem Kamin im Wohnzimmer auf einer kuschelig warmen weichen Decke.

Niemand aus der Familie z├Âgerte auch nur eine Minute. Wir wollten alle nur das eine: Flocke behalten, ihn aufp├Ąppeln, ihm ein liebvolles Zuhause bieten und alles Menschenm├Âgliche daf├╝r tun, um die Qualen seiner wohl eher weniger guten Vergangenheit recht bald zu lindern. Aber nat├╝rlich konnten wir Flocke nicht einfach mal eben behalten. So klapperten wir am n├Ąchsten Tag die umliegenden Tierheime ab um sicherzustellen, dass Flocke nicht doch irgendwo ausgeb├╝xt war und schon sehns├╝chtig gesucht wurde. Bei seinem Zustand wohl eher unwahrscheinlich, aber nichts desto trotz erkundigten wir uns lieber danach. Bei dem dritten Tierheim wurden wir f├╝ndig. Die Heimleiterin freute sich sehr ├╝ber das unverhoffte Widersehen mit ihrem Sch├╝tzling, der sich eine Minute der Unaufmerksamkeit seiner Pflegerin zunutzte gemacht, und vorgestern einfach ausgeb├╝xt war.

Und so erfuhren wir Tamis - wie er in Wirklichkeit hie├č - Geschichte. Der Tr├Ąnenflut, die uns schon sehr bald die Wangen hinunterliefen sch├Ąmten wir uns alle nicht. Wir erfuhren, dass Tami einst sein Hundeleben als Stra├čenhund in Spanien fristete. Und zwar genau bis zu dem Tag, wo er von Tierf├Ąngern gefangen, und in eine T├Âtungsstation gebracht wurde. Dort lebte er einige Wochen ohne ausreichend Futter und Wasser mit anderen elendig dahinvegetierenden Kreaturen wie Katzen und Hunden in einer viel zu engen, kalten, nur aus Betonboden bestehenden, zugigen Todeszelle. Tag f├╝r Tag musste er mit ansehen, wie seine Freunde entweder von anderen Hunden zu Tode gebissen oder aber von den Menschen kurzerhand umgebracht wurden. Tami selber hatte sich schon l├Ąngst aufgegeben und wartete geduldig auf seinen Tod. Damit, so endete die Tierheimleiterin hatte er sich l├Ąngst abgefunden, unser Tami. Seine Befreiung gelang uns in wirklich allerletzter Sekunde.

Tami ist erst vor zwei Wochen mit dem Flieger nach Deutschland gekommen, erkl├Ąrte uns die Heimleiterin weiter. ├äu├čerlich weist er kaum Blessuren auf und f├╝r einen Hund aus einer T├Âtungsstation sieht er wirklich noch relativ gut aus. Aber seine Seele hat wohl unter diesen schrecklichen Dingen, die er in seinem jungen Hundeleben am eigenen Leibe erfahren musste, sehr gelitten. Wahrscheinlich wird er nie ganz ├╝ber den tiefen Kummer und Schmerz, der in ihm wie ein vernichtendes Feuer brennt, hinwegkommen k├Ânnen. Dabei ist er so ein lieber und dankbarer Hund. Und mir scheint, dass er trotz alldem den Glauben an uns Menschen nicht ganz verloren hat, obwohl er uns wohl nie freundlich und liebevoll erleben durfte.

Wir taten alles f├╝r Tami. Wir schenkten ihm unsere ganze Aufmerksamkeit, lie├čen ihm all unsere Liebe und F├╝rsorge zuteil werden gaben ihm unz├Ąhlige Schmusis und Streicheleinheiten und versuchten so, seinen Schmerz der Vergangenheit etwas zu mildern. Eine ganze Woche lang lie├č er es zu. Dann, am Heiligenabend, verabschiedete Tami sich von uns. Im Kreis sassen wir um ihn auf dem Wohnzimmerboden herum; streichelten ihn, kraulten ihn. Den ganzen Tag ├╝ber hatte er nichts gefressen. Schon seit gestern verhielt er sich so anders wie sonst. Wie er jetzt so dalag, kraft- und lustlos auf seiner Kuscheldecke, brach mir sein Anblick fast das Herz.

Bevor er starb, schenkte er mir einen unendlich langen sehr intensiven Blick, den ich meinen Lebtag nie wieder vergessen werde. Als erstes war mir, als wolle er sich daf├╝r entschuldigen, dass seine Kr├Ąfte trotz der Liebe, die ihm durch uns zum ersten Mal in seinem viel zu kurzen Hundeleben zuteil wurde, nun doch nicht mehr ausreichten.

Es war ein weiter, schmerzvoller Weg in eure lieben H├Ąnde, doch ich habe zu viel erlebt, zu viel mitgemacht, ich habe keine Kraft mehr, ich muss gehen. Danke f├╝r alles, was ihr f├╝r mich getan habt, Freunde.

Aber da war noch etwas anderes in seinem Blick und ich meine, ihn verstanden zu haben. Nicht nur ich teile solch ein Schicksal. Vergesst meine Freunde nicht, die immer noch in solch einer grausamen T├Âtungsstation auf ihren unausweichlichen Tod warten. Helft Ihnen wenn ihr k├Ânnt, rettet ihre Seelen. So still und lautlos wie ich Tami kennen lernen durfte, so still und lautlos ging er auch von uns.

Es ist einige Zeit vergangen seit jenem traurigen Tag und es ist wieder Winter. Schneeflocken tanzen vor dem gro├čen Panoramafenster im Wohnzimmer auf und ab. Meine Augen sehen hinaus in die Dunkelheit; der Platz unter der Eiche aber bleibt leer. Mein Blick wandert hinauf gen Himmel. Irgendwo dort oben hast du deinen Platz gefunden, Tami, und ich bete daf├╝r, dass es dir da, wo du nun auch immer sein magst, besser geht. Dass dir all die Liebe und W├Ąrme zuteil wird, die du hier auf der Erde so schmerzlich vermisst hast. Ich denke oft an dich, Tami. Du warst etwas ganz besonderes, auch wenn wir dich nicht lang genug auf deinem Weg begleiten durften. Auch wenn f├╝r dich unsere Liebe und Zuwendung zu sp├Ąt kamen, so hoffe ich inst├Ąndig, dass wir Jessis und Barnis Schmerzen lindern k├Ânnen, die wir aus der T├Âtungsstation im vergangenen Fr├╝hjahr aus Spanien bei uns aufgenommen haben.

Wir vermissen dich.


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Tinka
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2005

Werke: 46
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Hallo Mariavonlinden,
In deiner Vita habe ich gelesen, dass du - wie ich - eine Tierfreundin bist! Vor diesem Hintergrund hat mich dein Text angesprochen.
Es ist eine Schande, was wir Menschen unseren Mit-Kreaturen antuen!
Sch├Ân fand ich das Stimmungsbild am Anfang.
Mit dem Rest habe ich,- obwohl: s.o. -, ein wenig Schwierigkeiten.
Ich verstehe gut, was du mit diesem Text sagen und transportieren m├Âchtest!!
Vielleicht k├Ąme er aber besser daher, wenn du ihn ein wenig k├╝rzen k├Ânntest. Auf die "Belehrungen" und "Erkl├Ąrungen" w├╝rde ich an deiner Stelle verzichten - auch wenn sie gut und richtig sind!
Sollen die Leser doch selber nachdenken, sich mit dem Text und der Problematik auseinandersetzen. So werden sie (denktechnisch) aktiv und m├╝ssen nicht nur Vorgekautes oder Vorgedachtes verdauen - das geht zu schnell!
Liebe Gr├╝├če von Tinka

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