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Ich geh dir nach
Eingestellt am 01. 07. 2009 09:36


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Hedwig Storch
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In Hugo von Hofmannsthals Gesellschaftskom├Âdie "Der Schwierige" dominiert, wie bekanntlich in jeder Kom├Âdie,
das mi├čverst├Ąndliche Gerede. Aber "Durchs Reden kommt ja alles auf der Welt zustande". Den Satz spricht der 39j├Ąhrige Graf Hans Karl B├╝hl, im St├╝ck liebevoll Kari genannt, gelassen aus. Adelig sind sie alle - durchweg Grafen bzw. Gr├Ąfinnen - die Herrschaften in Hofmannsthals Lustspiel.
Baron Theophil von Neuhoff aus Norddeutschland pa├čt allerdings ├╝berhaupt nicht in die vom Autor vorgef├╝hrte feine Wiener Gesellschaft. Hofmannsthal tut zum Auff├╝hrungszeitpunkt, also gegen Ende 1921, so, als w├Ąre diese Gesellschaft noch gar nicht untergegangen, als w├Ąre alles beim Alten. Das kann er ja eigentlich auch, denn das St├╝ck spielt im Jahr 1918. Zu der Zeit ist das Ende der Donaumonarchie wohl absehbar. Doch Hofmannsthal geht - wie gesagt - einfach dar├╝ber hinweg. Nein, nicht ganz. Es gibt ein paar wenige Stellen - an denen wird Klartext geredet. Der Fremde mit dem sprechenden Namen Neuhoff ├╝bernimmt das im Wiener Salon anno 1918: "Alle diese Menschen, die Ihnen hier begegnen, existieren ja in Wirklichkeit nicht mehr. Das sind ja alles nur mehr Schatten." Gewi├č hat der Norddeutsche Recht. Doch seine Behauptung trifft keinesfalls auf Kari und die junge Gr├Ąfin Helene Altenwyl zu. Den Beweis daf├╝r will Hugo von Hofmannsthal in seinem St├╝ck erbringen. Dem Autor gelingt dieses Vorhaben auf bemerkenswerte Art - beinahe ganz ohne genrebedingten Klamauk.
Kari war 1915 mit seinen Sch├╝tzen in den Waldkarpaten, wurde verwundet und kam w├Ąhrend der Genesung im Feldspital zur Besinnung. Falsch gelebt hatte er vor dem Kriege. Aber Kari wurde sich w├Ąhrend des langen Spitalaufenthalts auch bewu├čt, wie richtig zu leben sei: Mit Helene an seiner Seite. Das sagt er Helene, w├Ąhrend er sich von ihr "verabschiedet". Er soll das junge M├Ądchen n├Ąmlich mit seinem Neffen verkuppeln. Der konziliante Kari, ein Mann von Welt, f├╝hrt alle Auftr├Ąge seiner adeligen Verwandtschaft gewissenhaft aus - auch diesen. Dabei richtet er - wie k├Ânnte es in einer Kom├Âdie anders sein - heilloses Durcheinander an. "Durchs Reden kommt ja alles auf der Welt zustande" - sowohl das Wirrwarr als auch die eigene Verlobung. Helene ├╝berh├Ârt selbstverst├Ąndlich die Liebeserkl├Ąrung aus Karis "Abschiedsworten" nicht, und ihr Auftritt gipfelt in der Erwiderung: "Ich geh dir nach."
Es k├Ânnte nun noch seitenlang ├╝ber die Wiener Gesellschaft, wie sie Hugo von Hofmannsthal in dem St├╝ck auf die B├╝hne stellt, reflektiert werden. Ich schlage Ihnen aber vor, lesen Sie das am├╝sante, anr├╝hrende St├╝ck. Es sind nur 152 Seiten. Weil oben von einem Lustspiel ohne viel Klamauk die Rede war, soll in dem Zusammenhang noch kurz auf den Kern des Werkes eingegangen werden. Immer, wenn Kari das Wort "drau├čen" in den Mund nimmt, er meint, drau├čen im Felde, also seinen Kriegseinsatz in den Waldkarpaten, wird es wesentlich. Der Autor schreibt gegen die Trostlosigkeit nach dem Kriege an, gegen das "tierische Dahintaumeln" und findet auch das Mittel zur Besinnung: die Familie, die Ehe und die Kinder, die daraus hervorgehen k├Ânnen. Kari, im Spital, mu├čte seinen alten Zynismus ablegen. Und auf einmal, in sein Wien heimgekehrt, vermag er in den Gesichtern der Menschen zu lesen. Kurios, aber letztendlich doch irgendwie menschlich - Karis Liebeserkl├Ąrung an Helene h├Ąngt ebenfalls direkt mit "drau├čen" zusammen. Er gesteht ihr, in den Sekunden, als er im Felde versch├╝ttet war, da kamen ihm die Sekunden, die es gewesen sein sollen, wie eine Ewigkeit vor und da war auf einmal im Angesicht des Todes Helene seine Frau.

Zitate
"Wenn man die Karten leichtsinnig in die Hand nimmt, dann kommt's Gl├╝ck." (85,31) (alle Zitate aus der Quelle (s.u.) werden in der Form (Seite, Zeile von oben) nachgewiesen)
"In jedem Anfang liegt die Ewigkeit." (92,34)
"Wenn alle Menschen w├╝├čten, wie unwichtig sie sind, w├╝rde keiner den Mund aufmachen." (107,10)
"Das ganze Leben ist ein ewiges Wiederanfangen." (131,22)
"Man bleibt, was man ist." (138,10)

Hugo von Hofmannsthal wurde am 1. Februar 1874 in Wien geboren und starb am 15. Juli 1929.
"Der Schwierige" wurde am 8. November 1921 im M├╝nchner Residenztheater unter der Regie von Max Reinhardt uraufgef├╝hrt.

Quelle:
Hugo von Hofmannsthal: Der Schwierige. Lustspiel in drei Akten
Herausgegeben von Ursula Renner.
Philipp Reclam jun. Stuttgart 2000. 199 Seiten, ISBN 3-15-018040-6

Hedwig Storch 7/2009

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Hedwig

Version vom 01. 07. 2009 09:36

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jon
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Man merkt, dass dir das St├╝ck am Herzen liegt und auch warum. Allerdings w├Ąr es viel geschmeidiger, wenn du die Zitate nicht so hinten dran h├Ąngen m├╝sstest.
Was mich wirklich st├Ârt, ist der Einstieg mit der Urauff├╝hrung. Ich habe einige Zeilen lang erwartet, ├╝ber sie zu lesen (und mich gefragt, wie du eine Rezi dar├╝ber schreiben kannst). Du schreibst aber "nur" ├╝ber das Buch, ├╝ber den Text und wie H. ihn gemeint hat (haben mag) und er bei dir wirkt. Reicht auch; wie ein dritter (der Regisseur der Urauff├╝hrung) den Text interpretiert, ist ein anderes Thema ÔÇŽ
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Hedwig Storch
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Mit der Leselupe im Parkett

Hallo jon, danke f├╝r Deine R├╝ck├Ąu├čerung.
Freue mich auch, da├č Du Dich damit abfinden konntest, da├č ich nicht ein Kerr im Westentaschenformat werden m├Âchte.
Das Urauff├╝hrungsdatum ist ein sehr sehr wichtiger Parameter eines St├╝cks. Gibt es doch zahllose B├╝hnenautoren, die nie gespielt wurden.
Das Hintenanklecksen der Zitate ist wirklich ein Makel.
Ja - auch hier bin ich mit Dir einer Meinung: Theaterleute sind Interpreten, zwar auf ganz andere Art als wir Schreiberlinge - aber eben Interpreten. Kerr hat also die Interpretation der Interpretation zelebriert.
In dem oben besprochenen St├╝ck fasziniert mich u.a. die Behandlung der 1. Weltkriegsproblematik. Und nat├╝rlich wird unser ewiges Thema, die Liebe zwischen Mann und Frau, durchgenommen.
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jon
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Die Urauff├╝hrung k├Ânnte man vielleicht als Satz nach den Lebensdaten anh├Ąngen ÔÇô dann w├Ąre die Info da, w├╝rde aber den Text nicht "belasten".
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