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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich glaube, mein Kopf explodiert
Eingestellt am 18. 02. 2016 05:11


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JcPosch
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jan 2016

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Ich glaube, mein Kopf explodiert. Irgendetwas drückt sich von Innen gegen meine Kopfhaut. Wie ein Ballon, den man versucht in einer Metallkugel aufzupumpen. Es ist ein widerliches Gefühl. Ich öffne meine Augen und erblicke den Raum, in dem ich liege. Zunächst ist noch alles unscharf. Als dieser Zustand verschwindet, wird mir klar, dass ich in meinem Bett bin. Ich liege an der Bettkante und sehe in den hellen Raum. Aufgehellt von der Sonne, die durch das Fenster scheint, bildet jedes Hindernis kleine Schatten. Planlos gleitet meine Hand über den Boden, auf der Suche nach meinem Telefon. Ich finde es nicht. Der Boden vor meinem Bett ist voller Krümel, jedoch kein Handy. Ein Blick auf meine Armbanduhr: 10:23 Uhr. Zehn Uhr dreiundzwanzig. Ich brauche einen kurzen Moment um darüber nachzudenken was für heute ansteht. Die Kopfschmerzen tragen nicht gerade zur Bewältigung dieses Problems bei. Heute ist… Freitag. Nein heute ist Donnerstag. Und Donnerstags… muss ich… ARBEITEN! FUCK. FUCK FUCK FUCK FUCK FUCK. Als würde mir von hinten ein Tiger auflauern, springe ich auf, ziehe mir die Hose an die noch auf dem Boden liegt. Das Shirt. Das schwarze Hemd, dass im Flur liegt. Alles in Lichtgeschwindigkeit. Nein, noch schneller. Ich renne ins Bad, stecke mir eine der beiden Zahnbürste in den Mund und rufe einen Kollegen an. Keiner geht ran. FUCK. Ich spucke aus, ziehe mir die Schuhe an, stolpere noch fast über die beiden Pizzakartons, die in meinem Flur liegen und stürme heraus. Das Treppenhaus hinunter, durch die Tür, die Straße entlang zu meinem Auto. Wie von einem wilden Tier verfolgt, springe ins Auto, mache den Motor an und fahre los. Noch einen Versuch einen Kollegen zu erreichen. Vergeblich. Als ich an einer Ampel stehe, werfe einen Blick auf meine Fingerknöchel, die gerade so unter den Ärmeln des Hemdes zu erkennen sind. Blutige, aufgeplatzte Knöchel. Was zur Hölle? Meine ganze Hand ist blutverschmiert. Wo –? Was –? Was ist gestern passiert? Das Hupen des Porsches hinter mir lässt mich aus meinem Tagtraum erwachen. Ich fahre los. Was ist letzte Nacht passiert? Ich versuche mich zu erinnern. Ich war in dieser Bar. Das war’s. Scheiße, wie bin ich Hause gekommen? 
Ich parke vor dem Verlag und stürme ins Gebäude. Als Kolumnist arbeite ich auf der dritten Etage. Der Aufzug ist besetzt, also nehme ich die Treppe. Erste, zweite, dritte Etage. Ich reiße die Tür auf und mit dem Streiten durch die Tür verlangsamt sich meine Bewegungen schlagartig. Das Blut schießt durch mein Herz, mein Puls hat den Rhythmus eines Maschinengewehrs, mit nahe zu nie endender Munition. Doch man sieht es mir nicht an. Ich bleibe ganz ruhig. »Jim!« Ich vernehme eine Stimme, größtenteils in meinem linken Ohr, »Jim. Gut, dass ich Sie gerade sehe. Ich wollte gerade zu Ihnen.« 
Glück gehabt. Es ist mein Chef.
»Was kann ich für Sie tun?«
»Die heutige Kolumne muss etwas früher fertig sein. Bitte schicken Sie sie mir den Text bis ein Uhr.«
Ich schaue auf meine Uhr: Knapp zwei Stunden bleiben mir noch.
Ich schiebe ihm ein Lächeln zu und setzte mich auf meinen Platz. Zwei Stunden, ich habe noch kein Thema und mein Kater frisst mich langsam und qualvoll von Innen auf. Fuck.
»Jim. Wo warst du?«
»Wo soll ich gewesen sein?«
Es ist ein Kollege. Der einzige, den ich nicht angerufen hatte. 
»Du bist doch gerade erst gekommen.«
»Ja«, antworte ich. 
Er wartet auf eine richtige Antwort, vergeblich. 
»Du hast Glück, dass der Chef heute Morgen nicht bei der Besprechung war«, sein Blick wandert auf meine Hände, »was ist mit deinen Händen, Jim? Hast du dich geprügelt?«
Ich sehe ihm noch einen kurzen Moment ins Gesicht, bevor ich aufstehe und wortlos gehe. 
Meine Füße führen mich in die Küche, wahrscheinlich um mir einen Kaffee zu machen. Während das jaulen der Kaffeemaschine meine Kopfschmerzen auf ein völlig neues Level bringt, versuche ich ein Thema für die heutige Kolumne zu finden. Eigentlich sind es immer nur Kurzgeschichte. Am Anfang habe ich mich noch über simple Dinge, wie die Vergewaltigung des deutschen Wortschatzes, die überzogenen Sexerwartungen junger Erwachsener oder überhebliche Wertvorstellungen ausgekotzt. Mittlerweile sind es jedoch einfach nur noch Kurzgeschichte. Ich gehe mal davon aus, dass mein Chef sich meine Text gar nicht mehr durchliest und es sonst niemanden groß interessiert, was ich so fabriziere. Dann erblicke ich einen zweiten Kollegen, der den Raum betritt. 
Ich spreche ihn sofort auf sein T-Shirt an: »Oho, ein Ramones Fan.« 
»Ein was?«
»Na, Ramones. Die Band? Du trägst deren Shirt.«
»Oh, ach so! Oh nein, ich kenne den gar nicht. Ich finde das T-Shirt nur cool.« 
»Die. Die Band.«
Er erschien mir bis jetzt eigentlich noch Recht sympathisch. Zumindest im Gegensatz zu den anderen Vollidioten, die hier arbeiten. Aber anscheinend nicht für sein Musikinteresse. 
»Was machen die denn so für Musik?«
»Punk. Habe ich mal irgendwo gehört.«
»Selbst du weißt es nicht genau. Puuh, da bin ich ja beruhigt.«
Und Sarkasmus versteht er zudem auch nicht; ich muss meine Bewertungskriterien für das Urteil »sympathisch« wohl nochmal überarbeiten. 
Gut, ich war nie ein großer Ramones Fan, und trotzdem liegt neben meinem Plattenspieler – zwischen »Hooker’n’Heat«, meiner Meinung das beste Album, das je kreiert wurde und den Soundtracks zu »Easy Rider« – auch »It’s Alive«, ein geniales Live Album. 
Das ist es! Ich schreibe wieder eine gute alte Kolumne. Eine Kolumne über Menschen, die T-Shirts von Bands tragen und nicht mal ein einziges Lied dieser Gruppe kennen.
Ich setzte mich also hin schreibe meinen Text, gebe ihn meinem Chef und fahre wieder in mein Apartment. 
Als ich die Tür aufschließen, erblicke ich wieder die beiden Pizzakartons. Den einen öffne ich, zwei Stück sind noch drin, belegt mit Spinat. Ich nehme mir ein Stück heraus und beiße ab. Mein Magen reagiert sofort und mein Körper bereitet sich auf meinen längst überfälligen Bierschiss vor. Eine Stufe trennt mich vom Badezimmer. Ich ziehe meine Hose herunter, will mich gerade hinsetzten und erblicke eine zweite Zahnbürste auf dem Porzellanwaschbecken. Eine fremde Zweite. Nein, nicht fremd, es ist eine Ersatzzahnbürste aus meinem Schrank. Warum liegt sie draußen? Zwei Pizzakartons, eine zweite Zahnbürste? Ich lehne mich aus der Tür und spähe in den einzigen Raum der Wohnung. Ich glaube ich spinne: Da liegt jemand in meinem Bett. Fuck. Was zur verfickten Hölle ist gestern passiert?
Lange, braune Haare liegen auf dem Kopfkissen, ein Ohr ist zu erkennen. Der Rest ist unter einer Decke versteckt, sodass man nur den Umriss eines Körpers darunter erkennen kann. Ich schiebe meinen Kopf wieder ins Badezimmer und setzte mich auf den Pott. Nach meiner ersten Wurst und einem langen ins Nichts starren, schließe ich die Tür und greife zu meinem Telefon. Ich wähle die Rick’s Nummer. Er ist sowas wie ein Bruder von einer anderen Mutter. Klingt auf Deutsch irgendwie blöd, weil es sich nicht reimt. Aber jetzt ins Englische zu wechseln, erscheint mir noch blöder.
»Was geht ab?« So meldet er sich.
»Rick.«
»Ja?«
»Was ist gestern passiert?«
»Ich habe keine Ahnung, sag du es mir?«
»Da liegt eine Frau in meinem Bett?«
»Ja… und?«
»Was soll ich jetzt machen?«
»Was machst du denn sonst immer in der Situation?«
»Rick, ich bin aufgewacht und zur Arbeit gefahren. Als ich wieder bei mir angekommen bin, lag sie da.«
»Du meinst, sie hat sich während du auf der Arbeit war in dein Bett geschlichen? Klingt doch nett. Die musst du mir mal vorstellen.«
»Nein, ich meine, ich weiß es nicht mehr. Als ich aufgewacht bin, lagen zwei Pizzakartons im Flur und gerade ist mir die zweite Zahnbürste aufgefallen, die an meinem Waschbecken liegt.«
»Hört sich so an, als hätte sie die Nacht mit dir verbracht. Und sie hat sich sogar noch die Zähne für dich geputzt. Wow, so eine würde ich auch mal gerne mit nach Hause nehmen.«
Oh Mann.
»Und was mache ich jetzt?«
»Ist sie denn heiß?«
»Warum, Rick? Was hat das damit zu tun?«
»Na, wenn sie heiß ist, würde ich ihr einen Kaffee machen und Brötchen holen, wenn nicht dann hau ab und warte bis sie weg ist.«
»Es ist scheißegal, ob sie gut aussieht oder nicht, Arschloch.«
»Gut dann schick mir wenigstens ein Foto.«
»Das werde ich auf keinen Fall machen.«
»Und warum rufst du mich dann an?«, fragt Rick mich ernsthaft. 
»Was zur Hölle soll ich tun?«
»Ich weiß es nicht. Geh hin und leg dich dazu.«
»Warum?« Ich klinge entsetzt.
»Ach, Jim. Ich habe keine Ahnung. Du hast sie mitgenommen. Du musst das jetzt ausbaden. Hast du sie denn – gefickt?«
»Woher soll ich das denn wissen?« Ich werde lauter, merke es allerdings sofort und versuche leiser zu sprechen, um die Dame in meinem Bett nicht aufzuwecken.
»Schon gut, schon gut!«
»Scheiße. Ich überlege mir etwas.«
»Gut, sag mir Bescheid wie es ausgegangen ist.«
Dann lege ich auf. Als ich fertig bin, wische ich mir noch den Hintern ab und beschließe einfach zu improvisieren. Ich trete aus dem Bad und laufe in das Zimmer. Das Bett ist leer und bevor ich mich überhaupt wundern kann, erblicke ich eine schlanke Gestalt in Unterwäsche, die sich gerade den BH zuschließt. Ihre langen brauen Haare fallen ihren Rücken herunter und Enden kurz vor ihrem Hintern. Ein schön geformter Po, in einem dazu passenden hell blauen Höschen. Sieht nicht so aus, als wäre sie mein Kaliber. Der Busenhalter ist zu und sie dreht sich um. »Hey«, begrüßt sie mich. Sie ist hübsch. Scheiße; und ich Vollidiot kann mich noch nicht einmal daran erinnern. 
»Hi.«
»Ich wollte so gegen zwölf schon abhauen, aber du hast die Tür abgeschlossen. Da habe ich mich wieder ins Bett gelegt.«
Fuck. Ich habe sie echt hier eingeschlossen.
»Oh… das… Scheiße… also…«
»Schon gut«, sagt sie und fängt dezent an zu lachen, »ist ja nichts passiert.« Sie zieht sich noch ihre Hose an, gleitet in Ihre Jacke und schlüpft in ihre Schuhe. Dann läuft sie zu mir, küsst mich auf die Wange und geht an mir vorbei. Ich höre die Tür hinter mir aufgehen. Dann schließt sie sich wieder. Ich bin erstarrt. Ist das gerade echt passiert? Als ich wieder aus meinen Gedanken komme, drehe ich mich um und sie ist weg. Rick hatte Recht, es war mir Sicherheit nicht mein erster nächtlicher Damenbesuch, aber das?
Und so bleibe ich zurück, mit tausend ungeklärten Fragen, die nie beantwortet werden würden. Ich setzte mich auf einen Stuhl, fasse in meine Tasche und zünde mir eine Zigarette an.


Version vom 18. 02. 2016 05:11

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Wipfel
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Keiner traut sich...

Hi, ich habe deine Alltagswahnsinnsgeschichte gern gelesen. Manchmal dachte ich - nicht hingeschrieben, eher hingekippt. Hier zum Beispiel:

quote:
Rick hatte Recht, es war mir Sicherheit nicht mein erster nächtlicher Damenbesuch, aber das –
Und so bleibe ich zurück...
Aber das bekommst du bei nochmaligen Durchlesen gleich erledig. Lohnt sich daran zu arbeiten, finde ich.

Grüße von wipfel

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