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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Ich habe Angst vor der Rose
Eingestellt am 03. 08. 2019 17:10


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Rahil Rayomand
Hobbydichter
Registriert: Aug 2019

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Ich habe Angst vor der Rose
Eines der schrecklichsten Bilder meiner Kindheit, an das ich mich erinnere ist die Szene, in der ein Kampfflugzeug eine Bombe in unseren Garten warf.
Zwei Monate zuvor, als die Angst die Seele unserer Stadt beherrschte, verliebten Jalda und ich uns mutig in die RosenblĂŒte. Ja, mutig.
In einer Zeit, in der das Zwitschern der Vögel durch den Laut von Sirenen ersetzt wird und die BĂ€che getrĂ€nkt sind mit Blut, bedarf es großen Muts sich sogar in eine Blume zu verlieben.
In solch einer Zeit, in der eine Kugel oder eine Bombe tausende Hoffnungen zerstören kann, hofften wir, die BlĂŒte der Rosen zu erleben.
Man hatte uns erzÀhlt, dass sich die Knospen in der MorgendÀmmerung öffnen
Mit der Hilfe von Jaldas Vaters pflanzten wir zwei Rosen in unserem Hof und gossen sie mit Liebe und Hoffnung jeden Tag.
Jaldas Vater war ein enger Freund meines Vaters. Die rauen HĂ€nde des Krieges hatten das Leben in ihrem Dorf erwĂŒrgt. Daher nahmen wir sie in unser Haus auf. Auch wenn die Kampfflugzeuge und Panzer ĂŒber dem Himmel und der Erde unserer Stadt brĂŒllten, atmete die Hoffnung des Lebens immer noch dort weiter.
Unser Haus mit 18 Zimmern entsprach in etwa der HĂ€lfte eines Fußballplatzes. Deswegen konnten wir spĂ€ter noch zwei weitere Familien unterbringen.
Jalda war zwei oder drei Jahre jĂŒnger als ich, acht oder vielleicht neun.
Wir beide gewöhnten uns aneinander. Eine Welt ohne Krieg und ohne Jalda konnte ich mir nicht mehr vorstellen.
HÀtte ich ihr Bild nicht, könnte ich mich dann an ihr Gesicht erinnern? Ich bin mir nicht sicher.
Manchmal starre ich stundenlang auf dieses Bild, so lang, dass ich tief in das Bild hineintauche, in diese Tage, in denen der Winter seine letzten AtemzĂŒge tat.
Die ersten Schultage waren in der dritten FrĂŒhlingswoche. Jaldas Beharren brachte ihren Vater dazu, ihr den Besuch der Schule zu erlauben.
Es war ein weißer Morgen. Der Schnee knirschte unter unseren Schuhen. Der Jackensaum von Jaldas Vater zerknitterte in ihrer Hand. Die Angst hielt ihr LĂ€cheln gefangen. Ihr Leben lang war sie kaum vier oder fĂŒnf Mal draußen gewesen.
Die MĂ€nner mit gebietenden Stimmen und schrecklichen AusrĂŒstungen dominierten die Straße. Als wir an diesen MĂ€nnern vorbeigingen, hielt Jalda die Jacke ihres Vaters fester und schmiegte sich enger an ihn.
Wir kamen zu einem Straßenfotografen. Obwohl Farbkameras nicht so schwer erhĂ€ltlich waren, akzeptierten die Behörden nur die Schwarzweißbilder.
Eine uralte Kamera, ein hoher hölzerner Dreifuß und natĂŒrlich ein Stativ waren alles, was sie besaßen. Zwischen dem Objektiv und dem Film gab es einen Balg, Ă€hnlich einer Ziehharmonika. Ich bin mir sicher, niemand wĂŒrde sich wundern, wenn man heutzutage mit solchen Kameras ein Lied auf der Straße spielt, jedenfalls nicht so sehr, als wenn man damit Fotos macht.
Der Kunde setzte sich auf den Dreifuß. Der Fotograf stand hinter der Kamera und bewegte sie wie ein JĂ€ger, genau und achtsam. Dieser Vorgang dauerte nicht lang. Der JĂ€ger wurde ein Kommandant und man konnte seine gebietende Stimme hören: „Kopf nach oben, bisschen nach unten, links, rechts...“ Wenn die Befehle wirkungslos waren, wurde der Kommandant ein Friseur, nahm den Kopf des Kunden in die HĂ€nde und bewegte ihn langsam und sorgfĂ€ltig Richtung Kamera.
Der Fotograf war wieder hinter der Kamera. Drei, zwei, eins ... und jener Moment wurde eine Erinnerung, eine Schwarzweiß-Erinnerung, die meistens in behördlichen Akten vergessen wurden.
Jalda schmiegte sich noch enger an ihren Vater. Er setzte sie auf den Dreifuß. Wie die Seele unserer Stadt beherrschte die Angst auch ihre Augen. Sie kannte die Kamera nicht. Sie vermutete, dass sie eine von den AusrĂŒstungen sei, die die bösen MĂ€nner auf der Straße trugen.
Wir hörten die gebietende Stimme des Fotografen: „In die Kamera schauen!“ Diese Stimme bestĂ€tigte Jaldas Vermutung.
Vor einigen Jahren, als sie noch jĂŒnger gewesen war, waren vier MĂ€nner mit verschiedenen AusrĂŒstungen in ihr Haus eingebrochen. Sie hatten ihren Vater geschlagen und nach ihrem Onkel gefragt. Der Vater hatte nichts gesagt. Einer der MĂ€nner hatte seine AusrĂŒstung auf Jalda gerichtet.
„Sprich, sonst...“ seine gebietende Stimme hatte Jaldas Herzchen zittern gemacht.
Der Vater und die Mutter waren dem Mann bettelnd zu FĂŒĂŸen gefallen und hatten geschworen, sie hĂ€tten seit Wochen keinen Kontakt zu ihm.
Sie hatten GlĂŒck gehabt. Die MĂ€nner hatten das Haus verlassen.
Jalda hatte nicht gewusst, wozu die MĂ€nner die AusrĂŒstungen getragen hatten. Sie hatte aber doch etwas gelernt. Sie hatte gelernt, die MĂ€nner mit gebietenden Stimmen und diesen AusrĂŒstungen waren böse MĂ€nner.
Ein paar Wochen danach waren die bösen MĂ€nner wieder aufgetaucht. Dieses Mal hatten sie Jaldas Onkel gefunden. Sie hatten ihn bis in den Garten geschlagen. Er hatte vor Schmerzen geschrien. „Du verstehst nur die Sprache der Waffen“ hatte einer der MĂ€nner gebrĂŒllt.
Der Onkel hatte weiter vor Schmerzen geschrien. Die bösen MĂ€nner hatten dann ihre AusrĂŒstungen auf ihn gerichtet. Unter dem Feuer hörte sein Schreien auf. Jalda hatte nicht nur den Namen der AusrĂŒstung sondern auch deren Verwendung gelernt.
Das war nicht alles.
Zuletzt hatte sie es erlebt, als sie auf dem Weg zu uns war. Mehrere böse MÀnner hatten die Reisenden, auch Jalda, ihre Mutter und ihren Vater, aus dem Bus herausgeholt.
Ihre furchterregenden Waffen, blutrĂŒnstigen Augen und gebietenden Stimmen hatten die Reisenden in Todesschreck versetzt. Die Befragungen waren unter Fluchen, SchlĂ€gen und Tritten gelaufen.
Plötzlich hatte es einen Aufruhr gegeben. Einer der MĂ€nner mit furchterregender Waffe war in die Mitte der Straße gerannt und hatte die Waffe ĂŒber seine Schulter gelegt. Das weiße Auto war flammend in die Luft geflogen. Als es wie ein Papier gebrannt hatte, war der Mann mit einem ĂŒberlegenen Lachen zurĂŒckgekommen.
Ein anderer böser Mann hatte sich zum Busfahrer gedreht und eine gebietende Stimme angenommen: „Nun weißt du was passiert, wenn du weiterfĂ€hrst!“
Ob der Busfahrer es gewusst hatte, kann ich nicht sagen. Jalda schon. Sie hatte nun die zerstörende Macht und Grausamkeit der Waffen erfahren.
Und jetzt richtete ein Mann seine AusrĂŒstung auf sie und noch schlimmer mit gebietender Stimme.
Sollte sie sich nicht fĂŒrchten?
Sollte sie nicht diese AusrĂŒstung als Waffe erkennen?
Sollte sie nicht in dem Fotografen einen der bösen MÀnner sehen?
Ich sage: Doch!
Da der Fotograf seine Befehle wirkungslos fand, ging er zu Jalda, um ihren Kopf Richtung Kamera zu drehen.
Er war kaum zwei Schritte gegangen, dann sprang Jalda wie ein Hase vom Dreifuß und versteckte sich hinter ihrem Vater.
Der Vater, der Fotograf und ich lachten uns tot. Nach einer Weile neigte sie ihren Kopf langsam zur Seite. Sie zitterte wie Espenlaub. Die Angst ließ die Farbe aus ihrem Gesicht entweichen, und TrĂ€nen rannen ĂŒber ihre Wangen.
Ich bereute sofort. Ich bereute, dass ich sie ausgelacht hatte. Ich bereue es immer noch.
Es dauerte eine Ewigkeit, sie zu ĂŒberzeugen, wieder in die Kamera zu schauen.
Drei, zwei, eins... jener Moment wurde eine Erinnerung, eine Schwarzweiß-Erinnerung, die nie den Weg in die Akten der Behörden fand. Denn der Krieg wĂŒtete in unserem Land. In den meisten Orten durften die MĂ€dchen die Schule nicht mehr besuchen. Damit blieb Jaldas Hoffnung fĂŒr immer eine Hoffnung.
Ich starre stundenlang auf ihr Bild. Weder ihre trÀnenverhangenen Augen, noch die Farblosigkeit des Bildes, noch die Angst können ihre Schönheit verbergen.
Sie hatte runde strahlende Augen. An die Farbe ihrer Augen erinnere ich mich nicht mehr, aber spĂ€ter sagte ihre Mutter, dass sie braun waren, GrĂŒnbraun. Ihr Gesicht war eines von den Gesichtern, die durch ein LĂ€cheln unbeschreiblich schön werden.
Ihr dichtes dunkles Haar vergesse ich nie. Sie liebte ihre Haare. Manchmal bat sie meine Mutter ihr Haar zu flechten, was meiner Mutter Freude bereitete.
WĂ€hrend meine Mutter Jaldas Haar flocht, schaute sie mich lĂ€chelnd an, sogar ihre Augen lachten. Und als der Zopf fertig war, nahm sie ihre geflochtenen Haare in die Hand, drehte ihr Gesicht leicht nach links, wie eine Königin vor einem Maler, und fragte mich: „Wie sehe ich aus?“
„Schön“, sagte ich, manchmal: „sehr schön“. Ehrlicherweise kannte ich nicht viele Worte, die die Schönheit ausmalen konnten. Ich wĂŒnsche mir, dass es damals keinen Krieg gegeben hĂ€tte, und ich anstatt der Worte Krieg, Waffen, Bombe, Panzer, Kampfflugzeug, Ruine, Verletzung, Tod ... die Wörter Niedlich, Reizend, Engelhaft, Charmant, Bezaubernd, LiebenswĂŒrdig... gekannt hĂ€tte. Und jedes Mal wenn sie mich fragte, wie sie aussĂ€he, hĂ€tte ich eines dieser Wörter benutzen können.
Anderthalb Monate vergingen. Wir wachten frĂŒher auf als die anderen, um das BlĂŒhen der Rosen zu sehen. FĂŒr mich war es Ă€ußerst schwer, morgens aufzustehen, und als ich wach war, sprach ich laut und ohne Ende.
Wir versuchten trotzdem die anderen nicht aufzuwecken. Sie wĂŒrden es uns sonst verbieten.
Jalda wusste, wie sie damit umzugehen hatte. Sie schlich in unser Schlafzimmer, hielt meinen Mund zu.
„Die Rose, die Rose ...“, flĂŒsterte sie mir ins Ohr. So wurde ich sanft und still geweckt.
Jedoch war es nicht immer ganz lautlos, denn sie hielt meinen Mund nie richtig zu.
Ich verstand nie warum.
Entweder waren ihre HÀnde nicht krÀftig genug, oder sie hatte Angst, mir weh zu tun.
So wie die Leidenschaft, sie blĂŒhen zu sehen, wurzelte die Liebe zur Rose in unseren Herzen. Diese Liebe ersetzte die Angst vor dem Krieg in unserem Leben.
Vielleicht mögen alle Menschen Blumen, aber wenn man eine mit seinen eigenen HĂ€nden pflanzt, sie tĂ€glich mit Leidenschaft und Hoffnung gießt und jeden Tag ihr ErgrĂŒnen und ErblĂŒhen erlebt, dann wird man sie mehr als mögen, dann wird sie ein Teil von einem selbst.
Ich erinnere mich an den letzten Morgen. Bis zum Sonnenaufgang saßen wir vor den Rosen. Leider blĂŒhten sie nicht.
Aus ihren Augen sprach Verzweiflung.
Unser ersehnter Moment, der Moment der BlĂŒte, morgen oder ĂŒbermorgen wird er kommen, versprach ich ihr.
Eine Weile schaute sie mir in die Augen, dann erschien ein LĂ€cheln voller Hoffnung und Vertrauen auf ihren Lippen und ihren Augen.
Vielleicht fragten ihre Augen: „Wirklich?“
Vielleicht antworteten meine Augen: „Ja!“
Wenn Menschen Augen lesen könnten, wĂ€ren SchwĂŒre nie erschaffen worden, und Worte wie Zweifel gĂ€be es in keinem Wörterbuch der Welt. LĂŒgen sind fĂŒr Augen unbekannt. Meine Augen logen auch nicht. Aber der Krieg...
Bis Mittag hatte ich mit Kindern unserer Nachbarn gespielt. Endlich kam mein Onkel, zog mich am Ohr und beförderte mich umgehend nach Hause.
Alle waren bereits zum Essen versammelt. Ich setzte mich still dazu. Meine Mutter schob mir das Essen zu. An das, was es war, erinnere ich mich nicht.
Jalda saß vor mir, mit dem RĂŒcken zum Fenster.
Die HĂ€nde des FrĂŒhlings berĂŒhrten unsere Gesichter und Haare durchs Fenster. Andere hörten langsam auf zu essen, auch Jalda. Sie schritt zur TĂŒr. „Ich gehe die Blumen gießen.“ sagte sie.
Mein Vater schimpfte mich, da ich zu spĂ€t gekommen war. Als ich aß, schaute ich Jalda durchs Fenster zu.
Mit der Gießkanne ging sie zu den Rosen.
Ich konnte nicht warten, zu ihr hinzugehen. Nicht die Worte meines Vaters hörte ich, nicht den Geschmack des Essens nahm ich wahr. All meine Aufmerksamkeit war auf Jalda gerichtet.
Trotz der Entfernung konnte ich sie sehr gut sehen. Sie trug ein grĂŒnes Kleid, grĂŒn wie der FrĂŒhling und mit beiden HĂ€nde hielt sie die Gießkanne.
Das Wasser rann langsam auf die Rosen.
Von so weit weg sah Jalda aus wie ein bewegliches GemĂ€lde. Ein GemĂ€lde mit den allerschönsten Farben der Welt, den Farben der Liebe, der Freiheit, Ehrlichkeit und Hoffnung. Mein Vater hatte mit den VorwĂŒrfen aufgehört. In jener Stille schaute ich nur zu Jalda hinĂŒber. Obwohl man die SchĂŒsse von fern hörte, nenne ich es Stille. Das war die Stille unseres Landes, welche nicht lange anhielt. Plötzlich fielen die Kampfflugzeuge ĂŒber unsere Stadt. Arme Jalda, sie sah aus wie ein Lamm, das sich zwischen Wölfen befindet.
Sie schaute nach oben, und als sie sich bewegen wollte, Ànderte sich alles. Alles. Das bunte GemÀlde wurde ein Bild aus Feuer und Rauch.
Der Krieg verwandelt die allerschönsten Erinnerungen in einem Augenblick in AlbtrĂ€ume. Er ist beschĂ€mend grausam, und ich erlebte es mit. Ich sah, wie Jalda zusammen mit noch nicht blĂŒhenden Knospen in StĂŒcke zerriss.
Ich stelle mir immer wieder vor, Jalda steht vor allen Rosen der Welt und sobald ich sie wahrnehme, wird sie ein Bild aus Feuer und Rauch.
Auch noch Jahre danach, erwĂŒrgt mich jemand mit rauen Fingern in all meinen AlbtrĂ€umen und brĂŒllt mir ins Ohr: „Die Rose, die Rose ...“ als ob der Krieg die FĂ€higkeit bekommen hĂ€tte zu sprechen und diese schreckliche Stimme ist seine.
Auch jetzt noch, Jahre spÀter bin ich nicht mutig genug, mich der Rose zu nÀhern.
Ja !
Ja, ich habe Angst vor der Rose


Version vom 03. 08. 2019 17:10
Version vom 11. 08. 2019 04:16

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Ralph Ronneberger
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