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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ich habe selten eine so radikale Gesellschaftskritik gelesen
Eingestellt am 14. 02. 2013 08:20


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Reimer Gronemeyer, Das 4. Lebensalter. Demenz ist keine Krankheit, Pattloch 2013, ISBN 978-3-629-13010-5

Demenz ist das Thema in unserem Land. Schon gibt es 1,3 Millionen betroffene Menschen in Deutschland und ihre Zahl wird auch wegen der höheren Lebenserwartung noch steigen. Reimer Gronemeyer benennt in seinem neuen Buch, in dem er heftig gegen die Klassifizierung von Demenz als Krankheit polemisiert und von einem regelrechten durchaus für eine wuchernde Demenzindustrie lukrativen Krieg gegen die Demenz spricht, die Fakten.

Zuletzt hat der Theologe und Philosoph Christoph Türcke im Zusammenhang seines Buches „Hyperaktiv“ einen Zusammenhang zwischen gesellschaftlichen Entwicklungen und der steigenden Zahl von dementen Menschen hergestellt. Die Menschen, so führte er aus, in deren ersten Lebensmonaten die Aufmerksamkeit der Eltern für ihr Kind immer wieder gestört wurde durch die mikroelektronische Reizkultur, wenn nebenher der Fernseher läuft, telefoniert wird, oder E-Mails gescheckt werden, haben dann, irgendwann erwachsen geworden, nie die Fähigkeit entwickelt, bei einem Sachverhalt zu bleiben, sie können keine klaren Gedanken mehr fassen. Auch ihre Einbildungskraft, die Fähigkeit innere Bilder zu erzeugen (z. b. auch in Träumen) schwindet, und das beeinträchtigt die Fähigkeit der Menschen zu nachhaltiger Erfahrung.

Ähnlich fragt auch Gronemeyer: „Wie stark nähern sich eine vergessliche, um nicht zu sagen schwach-sinnige Gesellschaft und die individuelle Demenz der Menschen einander an?“

Und er plädiert für ein Umdenken: „Die Burn-outer, die ADHS-Kinder, die Menschen mit Demenz sind die Aussteiger, deren Scheitern uns noch nicht Gescheiterten zeigen kann, wohin die Fahrt gehen müsste, dass wir das Ruder herumreißen müssen – wenn wir das denn hören wollen.“

Es gehe darum, Menschen mit Demenz gastfreundlich aufzunehmen und sie nicht zu behandeln wie Aussätzige. „Wir brauchen Nachbarschaftlichkeit, Freundlichkeit, Wärme“. Und: „Ein Ausweg aus dem Demenzdilemma muss künftig eher in der Konstruktion einer gastfreundlichen Lebenswelt als in der Perfektionierung spezialisierter Versorgung gesucht werden.“

Demenz als Rückseite einer vom Beschleunigungsprozess zerfetzten Gesellschaft zu begreifen, dazu will Gronemeyer in seinem Buch beitragen, das radikaler ist, als es auf den ersten Blick scheint. Demente Menschen, so sagt er, kratzen an unserem moderne Bild von Persönlichkeit, vom Ich, von Individualität, und er gibt eine Zusammenfassung seines Verständnisses von Demenz, die mir sehr schmerzhaft einleuchtet:

„Ich verstehe die Demenz als Zeichen für einen radikalen kulturellen Bruch mit der Vergangenheit. Vor allem sind uns unsere Ahnen vollkommen gleichgültig geworden. Unsere Toten sind nicht mehr gegenwärtig, die Welle der Anonymisierung in der Friedhofskultur ist ein deutliches Anzeichen dafür. Sie sind nicht mehr unter uns. Und ich kann nicht glauben, dass das Phänomen Demenz abzulösen ist von dieser radikalen Erinnerungslosigkeit an das, was zu uns gehört. Vielleicht ist das eine weitere Mitteilung, die Menschen mit Demenz uns machen: Sie wissen, dass sie sofort vergessen sein werden, wenn sie tot sind. Und deshalb vergessen sie uns, die gesund Lebenden, bevor wir sie vergessen.“

Ich habe selten eine so radikale Gesellschaftskritik gelesen.


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Sigurt Funk
???
Registriert: Nov 2005

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Radikal vereinfachen

Vielleicht ein durchaus lesenswerter Beitrag. Der erste Teil hat mich aber leider davon abgehalten, den Text zu Ende zu lesen.

Zitat:

„Reimer Gronemeyer benennt in seinem neuen Buch, in dem er heftig gegen die Klassifizierung von Demenz als Krankheit polemisiert und von einem regelrechten durchaus für eine wuchernde Demenzindustrie lukrativen Krieg gegen die Demenz spricht, die Fakten.“

Den Satz zu verstehen, erfordert unbedingt mehrfaches Lesen. Warum muss man es dem Leser so schwer machen?
Ich würde das „Gebilde“ vereinfachen.


Mein Vorschlag:
1. Zumindest zwei, besser aber drei Sätze machen.
2. „….benennt“ …… dazwischen ein Wust von etwas ungeordneter Information, bis man vergessen hat, worum’s geht und dann kommt….. „die Fakten.“
3. Die Satzstellung ist offensichtlich etwas durcheinander geraten. Vielleicht wäre es besser, das eine oder andere einfach wegzulassen. ( regelrecht, lukrativ, wuchernd….und durchaus)
Vorschlag: Gronemeyer spricht von einem lukrativen Krieg gegen die Demenz.
Er vertritt sogar die Ansicht, dass rund um „die Demenz“ eine regelrechte Industrie zu wuchern beginnt.


Ähnliche Probleme ergeben sich auch in den nächsten Sätzen.

Mit freundlichem GruĂź
S.F.

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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

Werke: 289
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Lieber Sigburt Funk,


vielen Dank fĂĽr die Kritik. Wieso aber, so frage ich mich, muss man diesen nun wirklich nicht ĂĽberaus komplizierten Satz mehrfach lesen um ihn zu verstehen ? Ein wenig sprachliucher Anspruch und ein wenig Anstrengung beim Lesen sollte schon sein, oder? Sonst kann ich gleich in die sms und twitter Kultur absinken - und das mache ich mit Sicherheit nicht.

Ich habe einfach Freude an der Sprache und was man alles mit ihr machen kann. Ich bitte dafĂĽr um Nachsicht und grĂĽĂźe herzlich


Winfried Stanzick

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