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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich kann Lyrik nicht ausstehen!
Eingestellt am 18. 02. 2003 20:26


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Vergiss es, Junge, ich sage nichts zu deinem Text.
Warum? Weil er mir nichts sagt. Er unterhĂ€lt sich nicht mit mir. Ich habe keine Lust beim Lesen auf einen Sinn zu warten, der sich mir erst offenbart, wenn ich genĂŒgend Bierblumen gepflĂŒckt habe.
Schreib was du willst, aber verlange nicht von mir, es verstehen zu mĂŒssen, geschweige denn es gut zu finden. FĂŒr Lyrik gibt es sicherlich die ein oder andere Technik. Aber im Grunde kannst du machen, was du willst: Dein Erfolg ist nichts als Wohlgefallen.
Reime sind Pinguinkacke. Sie lassen Blumen blĂŒhen, damit sie von prĂ€pubertĂ€ren Einhörnern zertrampelt werden. Ich brauche Struktur, keine Adjektive. Ganze SĂ€tze. Subjekt-PrĂ€dikat-Objekt. Nenner unter ZĂ€hlern. Sinn statt Senf. Achten vor dem Loch. Punkt statt Semikolon. Paff-Paff-Paff-Paff! Tut mir echt leid, mein Freund, aber ich kann Lyrik einfach nicht ausstehen. Ich denke mir zu viel dabei. Oder zu wenig. Oder gar nichts. Jedenfalls nicht das, was du dir möglicherweise dabei gedacht hast. Will ich auch gar nicht.
Ich habe keine Lust mehr, in Nordstadtkneipen herumzulungern und MetapherrÀstel von Möchte-gern-literarischen Rebus-Zeichnern zu lösen.
Ja, ja, ich weiß, du schreibst ja bloß, weil es dir Spaß macht. Du willst den Ruhm ohne Bestseller. Scheiße! Gleich sagst du mir noch, dass man dich zwingt intellektuell zu sein.
Hey, fang jetzt bloss nicht an, mir den Sinn deiner Lyrik zu erklĂ€ren. Lyrik ist meistens Un-Sinn. Gedankenverdreherei. Stimmungsgemauschel. Wortdrechselei. Absatzgestaltung, die sich anhört, als huste der Tresenpoet seinen Hirntumor aufs Papier. Deine Lyrik eingeschlossen, und sowas lasse ich mir nicht ins Gehirn drĂŒcken. Kein Mensch redet so! WĂŒrdest du es tun, dĂŒrfte man dich bald nur sehen, wenn man sich an Besuchszeiten hĂ€lt.
Okay, ein Rat zur GĂŒte. Weißt du, deinen Zeilen fehlt einfach die gewisse StĂ€rke. Ehrlichkeit. Immer auf die Fresse, Mann! VerbalsprĂŒgel! Es gibt nur eine RealitĂ€t! Und sie kotzt Blut, merk es dir. Schreib aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf. Und wenn deine Zeilen nach BlĂ€hungen klingen, dann soll das eben so sein.
Gut, schön, du hast nicht den Anspruch stark zu sein. Endlich jemand, der SchwĂ€che zeigt, was? ZĂŒgellocker Einhörner schubsen, hm? Herz-Schmerz-Tintensymphonie in Reim-Moll. Vergeigen und -trompeten. Herrje! Auch wenn du den Liebesakt als ‚Verschmelzung' metaphierst: Ein Mann und einen Frau bleiben ein Mann und eine Frau. Sie ficken, Herrgott nochmal! Das Wort ist lĂ€ngst legitimiert. Es kommt in jedem zweiten Text vor. Verkauf mir ein Gedicht wenigstens als Minnegesang deines persönlichen Wahnsinns!
Wie du es schaffen sollst, so zu schreiben? Na, schau dich um, setz dich hin und fang an. Schreibe ĂŒber den Typen, der blass, mit offenen Hosenstall und um zwei Kilo leichter von der Damentoilette kommt. Über das MĂ€del, dass den Eingang versperrt, weil es Gratis-Karten aussucht, statt den Stapel mitzunehmen. Denk dir aus, woher sie den Knutschfleck unterm Auge statt am Arm hat, warum der Wirt besoffen ist oder der Kaffeetrinker gĂ€hnt. Mensch, was weiß ich, denk dir aus, warum morgen Sonntag ist. Schreib um dein, aber bloss nicht von deinem Leben.
Und entscheide dich um Gottes Willen fĂŒr Prosa. Ich kann Lyrik nicht ausstehen. Und wehe, ich erwische dich, wenn du das eine im anderen versteckst. Ich polier' dir die Fresse. Und darĂŒber wirst du dann schreiben können, das schwöre ich dir.

__________________
"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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unbekannt2581
???
Registriert: Jan 2002

Werke: 0
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Klasse !

mikel

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Otto Lenk
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2001

Werke: 620
Kommentare: 3361
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Ja-Klasse...Gruß Otto

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Arno1808
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Markus,

ich hoffe, ich bringe Deinen Text mit meinen 10 Punkten wieder dahin, wo er hingehört: in die Bestenliste!

Bewundernden Gruß

Arno

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Quidam
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Markus,

ich kann mich meinen Vorrednern nur anschließen:
Ein wirkliches Meisterwerk ist dir da gelungen!

*winke*
quid

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

Werke: 115
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Meint ihr das ernst, Jungs?

Nicht zu fassen.
Ich meine, vielen Dank fĂŒr euren Lob, doch ich bin einigermaßen verwirrt. Ich finde den Text eigentlich gar nicht so klasse. Nicht zuletzt, weil ich mich damit selbst durch den Kakao ziehe.
Mit literarischen GrĂŒĂŸen
Markus Veith

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"Ich wollte der Welt nur ein einziges Wort sagen. Da ich es nicht konnte, wurde ich Schriftsteller." - Stanislaw J. Lec

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