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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ich liebe dich!
Eingestellt am 01. 11. 2006 09:26


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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NĂŒrnberg und Umgebung in den Jahren von 1849 bis 1909: Der Vater von Daniel Nothafft stirbt viel zu frĂŒh. Vom garstigen Onkel um das Erbteil betrogen, schlĂ€gt sich der Junge mĂŒhsam durch. Trotz aller Widernisse geht Daniel seinen Weg als Komponist. Er komponiert und komponiert. Mit dem GlĂŒck des TĂŒchtigen, auch ein wenig protegiert vom ortsansĂ€ssigen Adel, wird Daniel Organist in einer NĂŒrnberger Kirche. Letztendlich - mal im Zeitraffer nacherzĂ€hlt - verschafft ihm der Vater seiner dritten Ehefrau einen Posten an einer NĂŒrnberger Musikschule. Schließlich steht er mit leeren HĂ€nden da und muß erkennen, er hat alles falsch gemacht - hat nur seiner Musik gelebt, hat die Liebe der Frauen nicht erwidert. Daniel fĂ€ngt neu an. Mit jungen SchĂŒlern geht der 42-jĂ€hrige in seinen Geburtsort Eschenbach (bei Ansbach) zurĂŒck. Er wendet sich also ab von den BĂŒrgern. Ein schöner optimistischer Romanschluß! Nach Eschenbach gehen; in Wolframs Geburtsort. Wenn wir das könnten.
Noch mal von vorn. Bei dem großen Wort Liebe wollen wir heute einhaken. Ich liebe dich! ruft Daniel der jungen Gertrud zu. Und das Schaf glaubt es. Wir können zusammenfassen - mit hĂŒndischer Ergebenheit schaut Gertrud zu dem immerfort komponierenden Gatten auf. Gertrud schenkt Daniel ein Kind. Gertrud sieht wortlos mit an, wie sich der Gatte an ihre Schwester Lenore heranmacht. Das DreiecksverhĂ€ltnis wird stadtbekannt. Eine Handvoll ĂŒbelwollender NĂŒrnberger BĂŒrger setzen den Komponisten mit dem bronzenen GĂ€nsemĂ€nnchen auf dem NĂŒrnberger Obstmarkt gleich, und die zwei GĂ€nse unter seinen Armen sollen die Schwestern Gertrud und Lenore sein.
Gertrud kann dann jenes VerhĂ€ltnis doch nicht lĂ€nger mitansehen und erhĂ€ngt sich auf dem Dachboden. Lenore gibt ihrem aktuellen Freund den Laufpaß, verzichtet aus Liebe zu Daniel auf ihre Karriere, heiratet den Komponisten und verblutet bei der Geburt eines toten Knaben. Kaum erwĂ€hnenswert ist die verschwenderische Dorothea, die dritte Ehefrau Daniels, die ihm einen Stammhalter schenkt, dann fremdgeht, dabei entdeckt wird und auf Nimmerwiedersehen aus NĂŒrnberg flĂŒchtet. Oder doch erwĂ€hnenswert? Ja. Dorothea fĂŒhrt uns zu unserem heutigen Thema - der Liebe. Daniel hat ĂŒber den ganzen langen Roman hinweg immer nur sich selbst geliebt. Gertrud und Lenore haben Daniel wirklich, von Herzen geliebt, aber die Liebe war, wie gesagt, jeweils einseitig. Dorothea hat sich lediglich fĂŒr den Komponisten Daniel interessiert. Aber da ist noch Daniels Cousine Philippine, ein hĂ€ĂŸliches MĂ€dchen, mit zu großem Kopf, von Daniel das Gestell geschimpft. Philippine hatte einst an der Wand gehorcht und mitbekommen, sie sollte mit Daniel verheiratet werden. Diese Idee ihres Vaters hatte sie sich seinerzeit in den Kopf gesetzt, und sie macht sich - nacheinander - an alle drei Ehefrauen Daniels heran, erledigt in Daniels Haushalt die Drecksarbeit und hĂŒtet Daniels Kinder. Der Autor versĂ€umt kaum eine Gelegenheit, um Philippine als widerwĂ€rtiges Geschöpf hinzustellen. Jeder Leser empfindet normalerweise eine starke Antipathie gegen Philippine. Diese Aversion wird noch verstĂ€rkt durch zwei BrĂ€nde, die Philippine legt. Dem letzten der beiden fallen sogar Daniels sĂ€mtliche Notenhandschriften zum Opfer. Ein Lebenswerk liegt verkohlt herum.
Wir schauen zurĂŒck. Philippine freute sich, wenn es mit Daniels Haushalt bergab ging. Philippine half Dorothea beim Ehebruch und fĂŒhrte Daniel zur passenden Zeit an den Ort des Geschehens. Live is live.
Trotzdem liebt Philippine Daniel, kann ihn aber nicht kriegen, weil sie so abgrundtief hĂ€ĂŸlich ist. Die Liebe der schönen Menschen - Gertrud, Lenore, Dorothea und Daniel sind als Liebende gemeint - wird vor uns ausgebreitet. Wir genießen die LektĂŒre - selbst wenn jede der drei Ehen tragisch endet. Aber warum muß denn Philippine die Teufelin sein? Sie liebt doch ebenso. Philippine ist auch ein Mensch.
Philippine liebt Daniel von Anfang des Romans an und bloß, weil sie hĂ€ĂŸlich ist, wird sie zur Hasserin, zur zweifachen Brandstifterin sogar. Gewiß, Philippine war schon vor ihrer Liebe zu Daniel eine kleine Diebin; stahl aus dem elterlichen Haushalt mehr oder weniger regelmĂ€ĂŸig kleinere Mengen Geldes, versteckte die MĂŒnzen und hĂ€ufte so mit den Jahren ein erkleckliches "Vermögen" an. Bleiben wir aber bei der Hauptsache: Jeder Mensch ist einmal gut gewesen. Sogar die Brandstifterin. Nichtsdestotrotz, es lohnt sich, Das GĂ€nsemĂ€nnchen unter diesem - zugegeben ungewöhnlichen - Gesichtswinkel zu lesen: Wir wollen VerstĂ€ndnis fĂŒr ein hĂ€ĂŸliches junges MĂ€dchen und ihren viel Jahre langen Lebensweg an der Seite ihres Geliebten Daniel aufbringen, der sie nur als Aschenputtel in seinem Haushalt braucht.

In dem umfĂ€nglichen Roman finden sich noch andere lesenswerte Sachen. Das hat jetzt nichts mehr mit unserem heutigen Thema "Das Recht auf Liebe" zu tun. Die Rede ist von dem guten GefĂŒhl, in einem urig-deutschen Leseraum zu wandeln. Zwar ist der Raum vollgepfropft mit muffigen, schwer ertrĂ€glichen KleinbĂŒrgern, doch garantiert jeder, der in deutschen Landen aufgewachsen ist, fĂŒhlt sich nach einigen Seiten LektĂŒre zwar nicht wohl, doch heimisch darin - ungeachtet dessen, daß den Protagonisten fast alles schiefgeht. Dies "Daheimsein" des Lesers in jener merkwĂŒrdigen Wassermann-Welt ist unerklĂ€rlich, ist aber so. Wassermann konnte eben schreiben - mit das höchste Lob, das wir fĂŒr einen Autor vergeben können.

Dann ist noch ein Zweites und letztes fĂŒr heute. Vor unser erstauntes Leserauge wird eine mitteleuropĂ€ische Szenerie am Vorabend des Ersten Weltkrieges aufgestellt. Wassermann hat die Arbeit am Manuskript des Romans im Juli 1914 beendet. Kein Wort, geschweige denn ein klitzekleiner Nebensatz, lĂ€ĂŸt auf das unmittelbar bevorstehende grausige, millionenfache Menschen Abschlachten schließen. Erstaunlich. Lesen Sie!

Jakob Wassermann wurde am 10. MĂ€rz 1873 in FĂŒrth geboren und starb am 1. Januar 1934 in Altaussee (Steiermark).

Jakob Wassermann: Das GÀnsemÀnnchen.
Roman (1915)

Jakob Wassermann: Das GÀnsemÀnnchen. Verlag ars vivendi 2004, 544 Seiten, ISBN 3897165082.

Hedwig Storch 11/2006

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Hedwig

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