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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ich sehe etwas, was du nicht siehst.
Eingestellt am 23. 07. 2005 13:02


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Cynthia
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Registriert: Mar 2005

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Ich sehe etwas, was du nicht siehst

Wie so oft gehe ich mit Georg in der N├Ąhe des Wohnheimes spazieren. Ich schiebe seinen Rollstuhl den kleinen Berg hinauf und wir gehen durch die nahe gelegene Siedlung. Georg lacht. Die Sonnenstrahlen w├Ąrmen seine Haut. Er schaut interessiert den vorbeifliegenden V├Âgeln nach.

Georg ist 50 Jahre alt und wohnt schon viele Jahre in einem Wohnheim f├╝r behinderte Menschen. F├╝r mich ist er nicht nur mein Job, sondern ein Mensch, den ich im Laufe der Jahre sehr gut kennen gelernt habe. Fr├╝her konnte er noch gehen. In unserem Fotoalbum haben wir ein Foto auf dem wir beide in einem Park spazieren gehen. Er, bestimmt drei K├Âpfe gr├Â├čer als ich, mit weit ausholenden Schritten an meiner Hand.
Seit ein paar Monaten ist er auf den Rollstuhl angewiesen. Laufen kann er nicht mehr alleine, aber stehen und mit einer Gehhilfe kurze Strecken zur├╝cklegen. Georg tr├Ągt einen Helm, denn immer wieder bekommt er unvorhersehbare Anf├Ąlle.
Er lacht mich mit seinen gro├čen braunen Augen fr├Âhlich an, wenn ich morgens in das Heim komme und begr├╝├čt mich mit lautem Gejohle. Georg redet sehr gerne und viel. Ich verstehe, was er sagt. Fremde Menschen schauen mich immer fragend an und ich „dolmetsche“. Georg ist aber nicht immer nur gut gelaunt! Wenn es ihm nicht gut geht oder er ├ärger mit einem anderen Bewohner hat zeigt er dies ohne Skrupel. Er schreit und beschimpft die Mitbewohner.
Es gibt Tage, da wiederholt er ein und denselben Satz wieder und wieder. Er fragt dann etwa, „wo ist Klaus“? und das zig Mal obwohl ihm schon mehrmals gesagt wurde, „Klaus ist einkaufen gegangen“. Georg fragt so lange, bis ich ihm in die Augen schaue und sage „Wo ist Klaus?“ Pl├Âtzlich huscht ein L├Ącheln ├╝ber sein Gesicht und er sagt „Einkaufen?“ „Ja, genau!“ Von nun an ist die Frage beantwortet. Der Kreis seiner Gedanken wird unterbrochen und er kann sich anderen Dingen zuwenden.

Auf unserem Spaziergang begegnen uns Anwohner der Siedlung. Sie sind daran gewohnt, in der N├Ąhe des Wohnheimes zu leben und kennen auch den einen oder anderen Heimbewohner. Dennoch ereignen sich immer wieder Situationen, die mich sehr nachdenklich werden lassen...
Eine ├Ąltere Dame kommt uns entgegen, sie schaut uns nicht an, bis sie dicht neben uns angelangt ist. Ich gr├╝├če freundlich und l├Ąchle sie an. Auch Georg l├Ąchelt. Sie gr├╝├čt zur├╝ck und es kommt ein kleines Gespr├Ąch in Gang. „Ja, das ist schon schwer... dass sie das so k├Ânnen.“ „Also ich finde es nicht schwer, es ist meine Arbeit und sie macht mir Freude.“ „Ja, die Menschen sind ja auch bestimmt dankbar f├╝r jede Hilfe.“ Georg schaut die Dame sehr konzentriert mit seinen gro├čen braunen Augen an. Ein Tropfen Speichel flie├čt hinunter auf seine Jacke. Die Dame schaut dezent zur Seite.
"Gut, dass es Menschen wie sie gibt, die das machen k├Ânnen."
Wir gehen weiter und ich denke mir, wie schade es doch ist, dass die „normalen“ Menschen so wenig Gelegenheit haben zu erfahren wie einzigartig und liebenswert jeder unserer Heimbewohner ist. Wie schade ist es, dass sie au├čer Mitleid nichts f├╝r sie empfinden k├Ânnen. Schwer ist es nicht f├╝r die Behinderten. Sie haben in den seltensten F├Ąllen Vorurteile oder festgefahrene Ansichten. Sie haben auch keine Scheu vor den Anderen. Sie sind offen, ehrlich, herzlich und in den meisten F├Ąllen gl├╝cklicher als der ein oder andere „Gesunde“.
Sie k├Ânnen in ihrer Einfachheit so viel vermitteln. Das wirklich Wichtige und Wertvolle. F├╝r den Einen kann es schon das Gr├Â├čte sein, dass ich ihm eine sch├Âne bunte Folient├╝te mitbringe, in die er seine Legosteine hineinsortieren kann. Der andere ist gl├╝cklich, wenn ich mir einen Vormittag lang Zeit f├╝r ihn nehmen kann und wir einfach nur mit dem Zug von Stadt zu Stadt fahren.
F├╝r Personen, die es nicht gewohnt sind mit Menschen wie Georg Kontakt zu haben, ist es schwer, in einem so gro├čen erwachsenen Mann die Seele eines drei-, sechs- oder neunj├Ąhrigen Jungen zu erkennen. Sie haben Hemmungen und Scheu sich auf das Unbekannte einzulassen. Schade, sonst k├Ânnten sie auch sehen, was ich sehe. Diese Menschen sind nicht so arm, wie oftmals geglaubt wird.

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Josef
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Registriert: Nov 2001

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Hallo Cynthia!
Eine klare und eindrucksvolle Beschreibung dessen, was man im Umgang mit Menschen erleben kann. Es hat mich an meine Zivildienstzeit erinnert.
Ausgezeichneter Schreibstil, der ohne Moralisierung auskommt.
Viele Gr├╝├če!

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