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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich sehe was, was du nicht siehst...
Eingestellt am 31. 01. 2002 21:42


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Murmel
Festzeitungsschreiber
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Irrtum mit Folgen
I
Es war stickig im Abteil. Tagesm√ľde blinzelte die Sonne durch die tr√ľben Fensterscheiben und warf ihr letztes Licht auf ein Werbeschild der Bahn, das unter dem gesprungenen Glas das verblichene Lachen einer jungen Schaffnerin zeigte. Abgewetzte Kunstlederbez√ľge lie√üen tief in ihr gesch√§umtes Innenleben blicken. Ein paar gr√ľnschillernde Fliegen umgierten sirrend einen angebissenen Apfelgriebs.
Langsam nahm er seine Tasche auf den Scho√ü, √∂ffnete ihre beiden Schnappverschl√ľsse und klappte umst√§ndlich den Deckel zur√ľck, um eine Flasche Saft herauszuholen. Er f√ľllte bed√§chtig sein Glas, bevor er die Tasche millimetergenau an ihren Platz zur√ľck stellte.
Es war nicht mehr weit bis Iksstadt, der Tunnel m√ľsste auch gleich kommen, dachte er noch beim Wegnicken, und das gleichm√§√üige Rattern √ľber die Schienenschwellen wog ihn sanft in den Schlaf.
Hochspannungsmasten flogen in stumpfer Gleichm√§√üigkeit vor√ľber. Das Gr√ľn des Sommers hatte bereits kr√§ftig an Farbe verloren, √ľberall webten die Bl√§tter schon ihren herbstbunte Teppich f√ľr die noch warme Erde. Wenn man das Fenster √∂ffnete, roch man den nahen Oktober. Dennoch holte die Sonne in diesen Tagen den Sommer zur√ľck.
Die Abteilt√ľr √∂ffnete sich. Sehr weibliche h√∂chstens 22 Lenze schoben sich durch die T√ľr. Nach einem kurzen Blick durchs Abteil lie√ü sie das Gep√§ck mit gebotener L√§ssigkeit auf den Boden fallen und schwang ihre langen Beine auf die alters-schwachen Polster gegen√ľber.
Das Erste was sie sah, war seine Armbinde. Dazu der wei√üe Stock, der inzwischen durch das R√ľtteln auf den Boden gefallen war. Ach Gottchen, der Arme. Sp√∂ttisch zog sie ihre Mundwinkel nach unten. Der kann wenigstens nicht spannen. Und nicht fummeln, dachte sie, w√§hrend sie die Tasche nach etwas Lesbarem durchw√ľhlte.
Nur ganz langsam schob sich dieser s√ľ√üe Geruch in seinen Traum und holte ihn in die Zwischenwelt, die die Tr√§ume real werden l√§sst und Ewigkeiten zu dauern vermag. Er kannte diesen Duft, irgendwoher kannte er ihn...

II
Diesmal musste er lange diskutieren. Sein Ohr schmerzte schon, und sie war stur wie immer. Dabei hatte sie Hilfe wirklich n√∂tig. Nat√ľrlich w√ľrde er fahren. Es war schlie√ülich nicht das erste Mal, dass er allein mit dem Zug fuhr. Aber nach √ľber vierzig Jahren hatte sie immernoch nicht begriffen, dass er erwachsen war. Ja, er w√ľrde auch an den Ausweis denken. Und den Stock mitnehmen. Die Armbinde zur Sicherheit, nat√ľrlich. Und auch den Schaffner fragen, wie weit es noch sei. Ja Mutter. Es gibt doch soviele hilfsbereite Menschen, schlie√ülich.
Endlich konnte er sich verabschieden und sein strapaziertes Ohr massieren. Er w√ľrde ihr einen Korb mit Kuchen und Wein mitnehmen. Wie seinerzeit Rotk√§ppchen. Damit sie bald wieder zu Kr√§ften kommt.
Die kleine Tasche mit den wenigen benötigten Sachen stand neben dem kleinen Präsentkorb schon seit einiger Zeit bereit. In der Linken das Gepäck und mit dem Stock in der Rechten klopfte er sich seinen Weg frei. Er hatte es nicht weit und brauchte deshalb auch nicht den vollen Bus zu nehmen. Nun war es doch noch einmal richtig warm geworden, wer hätte das gedacht. Er hielt sein Gesicht in die wärmende Nachmittagssonne. Ferne Kirchenglocken verrieten ihm das Übermaß an Zeit, bis sein Zug fuhr.

Ein Abstecher an den Teich war eine gute Idee. Er war gern dort, lauschte der Gro√ümutter, die geduldig mit ihrem Enkel die wenigen Schw√§ne f√ľtterten oder dem Hundebesitzer, der sich gerade vergeblich m√ľhte, seinem vierbeinigen Liebling ein paar Kommandos beizubringen.
Schon von weitem war es zu h√∂ren, das Gr√∂len der Meute. Vielleicht f√ľnf oder sechs, auch M√§dchen darunter. Bewegten sich direkt in seine Richtung. Peitschende Musik unter heiseren Stimmen dr√∂hnte aus ihrem Recorder. Er zog instinktiv den Kopf zwischen die Schultern. Stampfende Schritte, die schnell n√§herkamen und vor ihm stoppten. Die lauernde Stille lie√ü seine feuchten H√§nde zittern. "Na Opa, was haben wir denn da?" Schon griffen sie nach seinem Korb. Sekt gischte zu gellendem M√§dchengekicher auf den Weg. Raschelnde Geschenkfolie im Wind, Konfekt fiel ins Nirgendwo. "Der sieht ja echt nischt!" Eines der M√§dchen war ganz nah an ihn herangetreten und fuchtelte wie wild mit den H√§nden vor seinem Gesicht herum. Er sp√ľrte nur den Windzug. Und roch dieses Parf√ľm, ein frischer Geruch nach Obst... Dann war schon alles vorbei. So schnell wie sie gekommen waren, lie√üen sie ihn mit seinem Schrecken allein. Weiter vorn aufgeregtes Hundegebell, dann das Ger√§usch von zerspringendem Glas. Eine Weile stand er reglos, dann ging er langsam weiter. Um diese Zeit waren hier kaum Leute im Park. Ein kleiner Ort, wo wenig passierte. Eigentlich.

III

Die Sonne war in dunklem Violett hinter dem d√§mmrigen Wald verschwunden, kaum waren drau√üen noch Konturen auszumachen. Ihr Gegen√ľber schlief noch immer. Das gleichm√§√üige Rattern √ľber die Schienen machte auch sie m√ľde. Sie streckte ihre langen Beine auf der Sitzbank gegen√ľber aus und schloss die Augen.

IV

Die Vorlesung war wegen Krankheit des Dozenten abgesagt worden. So konnte sie mit ihren Freundinnen in diese Behelfssauna gehen. Schon längst sollte die Baracke abgerissen werden, angeblich weil sie nicht mehr den geltenden hygienischen Bestimmungen entsprach. Aber das war den Mädchen egal. Schließlich konnten sie es nirgendwo preiswerter haben. Und es hatte auch was, in dieser Bruchbude, die die morschen Balken kaum zusammen-hielt, wo es nach faulem Holz roch und zentimeterdicke Farbschichten auf den wenigen Heizkörpern einander ablösten. An den fleckigen Decken hatten langbeinige Spinnen ihre Netze ausgehängt, wacklige Fliesen mit abgeschlagenen Ecken knirschten unter jedem Schritt. Doch das störte niemanden, im Gegenteil. Dadurch bevorzugte gerade die nahegelegene Uni diesen Ort der, wie die Studenten beinahe liebevoll sagten, Selbstfindung und Meditation.
Am Vormittag hatte es Regen gegeben. Dort wo die Sonne jetzt hinschien, hatte sie schon ganze Arbeit geleistet und die Pf√ľtzen getrocknet, aber im Schatten stand immernoch der Schlamm...
Sie stand mit dem R√ľcken zu dem einzigen Fenster, das krustige Schmutzr√§nder verklebte und so nur wenig Tageslicht hereinlie√ü und und hatte f√ľr dieses Mal ihren letzten Saunagang hinter sich. Das kalte Wasser trieb ihr den Pulsschlag in die Schl√§fen. Mit geschlossenen Augen genoss sie die prasselnde K√ľhle und dachte an nichts, eine Minute oder drei, lie√ü sich einh√ľllen in ein sanftes k√ľhlendes Tuch... Dann, von einer Sekunde auf die andere, passierte etwas. Sie h√§tte es nicht beschreiben k√∂nnen, es war nur so ein Gef√ľhl.... Ein pl√∂tzliches Unwohlsein, ein leichter Schauer, den man sich nicht erkl√§ren kann und der doch da ist. Instinktiv verschr√§nkte sie die Arme vor der Brust und √∂ffnete die Augen. Au√üer ihr war niemand mehr im Raum. Von fern l√§rmten die Freundinnen aus dem Umkleideraum und stritten wie immer √ľber schlecht sitzende Anz√ľge einiger Professoren. Wie immer waren sie auch heute im Gegensatz zu ihr schon fast fertig. Sie drehte das Wasser ab, angelte auf Zehenspitzen ihr Handtuch und stopfte ihre wenigen Utensilien in die Waschtasche. Dann sah sie ihn. Durch das Fenster blickten sie zwei Augen unverwandt an. "Elender Spanner!" Bevor sie recht wusste, was geschah, war das Gesicht verschwunden. Als sie sp√§ter nachsahen, fanden sie im frischgeschnittenen Rasen schmale Reifenspuren.
Ein kurzer Blick auf die Uhr gebot Eile, schnell zum Bus, damit sie ihren Zug noch erwischte. Der Bus war voll, vor den Feiertagen war es kaum zum Aushalten, zwischen ihren F√ľ√üen die viel zu kleine Tasche vollgestopft mit schmutziger W√§sche und guten Vors√§tzen. Ganz in Gedanken d√∂ste sie mit der wogenden Menge. Zu viele K√∂rper in zu gro√üer N√§he. Dann sp√ľrte sie die Hand. Zum Umdrehen war es zu voll. Erregter pfeifender Atem in ihrem Nacken. Die Hand kroch langsam an der Au√üenseite ihres rechten Schenkels hinauf. Noch zwei Stationen. Jemand schob sich dazwischen, wollte aussteigen. Sie w√§hnte sich sicher, bevor die Hand wieder da war. Diesmal weiter oben, dort wo sie gerade gestern ihre Jeans geschlitzt hatte. Fuhr langsam nach innen. Ihr wurde hei√ü und √ľbel. Noch eine Station. Pl√∂tzlich ruckte es hart, Menschen samt Gep√§ck- alles flog nach vorn. Endlich konnte sie sich aufrappeln und umsehen. Er lag wie viele andere auf dem Boden, eine Kr√ľcke unter dem rechten Arm. Ein Bein fehlte. Helfende H√§nde hoben ihn auf, boten mitf√ľhlend einen Sitzplatz an. Einen Wimpernschlag lang sah er ihr ins Gesicht. Triumphierende H√§me um schmale harte Lippen. Sie stolperte den Ausstieg hinab, bevor sie sich am n√§chsten M√ľlleimer erbrach.

V

Sie schreckte auf. War sie doch eingenickt.
Ihr suchender Blick nach liegengebliebenen Zeitschriften wurde schnell f√ľndig. Die Illustrierte auf der oberen Ablage, um an sie heranzukommen, musste sie ganz nah an ihn heran. Er hielt noch immer sein Saftglas mit beiden H√§nden, w√§hrend sein Kopf leicht zur Seite gerutscht war und er leise schnarchte. Sie stand ger√§uschlos auf, bem√ľht, ihn nicht zu ber√ľhren und versuchte sich die Zeitschrift zu angeln. Pl√∂tzlich ruckte der Waggon, die Zeitschrift glitt ihr aus der Hand und schlug ihm im Herabfallen sein Saftglas aus der Hand. Semig und orangefarben ergo√ü es sich √ľber seinen Hosenbund hinab in die Leistengegend. Im Nu hatte es Hose und Unterhose durchschlagen. Er war mit einer erstaunlichen Behendigkeit aufgesprungen und nestelte umst√§ndlich an seiner Jacke. Dabei hielt er mit einer Hand die klebrige Hose vom K√∂rper fern, w√§hrend die andere verzweifelt versuchte, an die Taschent√ľcher zu gelangen. Sie war in einen Winkel des Abteils zur√ľck-gewichen. Wieder und wieder wurde sie von einem stummen Lachanfall gesch√ľttelt, bis sie es nicht mehr unterdr√ľcken konnte und laut losprustete. "Am√ľsiert Sie das?" Seine Stimme klang ganz ruhig. "Nein wirklich, sie ist mir aus der Hand gefallen, sorry, es war nur so-" Pl√∂tzlich erlosch das Deckenlicht. Auch von au√üen drang kein Lichtstrahl herein. Ihre Worte und das Lachen blieb ihr im Hals stecken. Als er seine Frage wiederholte, sp√ľrte er ganz deutlich, dass sich etwas ver√§ndert hatte. Erstaunt horchte er auf.
Einen Atemzug lang war es still.
Ihre Stimme wirkte plötzlich angespannt. "Das Licht, es ist aus, es ist total dunkel!" "Ach -" Vorsichtig setzte er sich wieder hin. Er ließ sich Zeit. Holte Luft, räusperte sich. "Wissen Sie, es gibt Dinge im Leben, die sind nun mal nicht so wichtig. Licht zum Beispiel. Oder Dunkelheit. Weil es vergänglich ist und nichts am Wesentlichen ändert." Er begleitete seine Worte mit einem kurzatmigen heiseren Lachen, während er sich seines durchgeweichten Taschentuchs mit spitzen Fingern entledigte.
Es war stockdunkel. Wo sie waren, war nicht auszumachen. Erst jetzt bemerkte sie, dass der Zug immer mehr an Geschwindigkeit verlor, bis er gänzlich zum Stehen kam. Sie stieß die eingesogene Luft geräuschvoll zwischen ihren Zähnen hinaus. "Jetzt halten wir auch noch. Na super"-
Ihr Ton war jetzt gereizt und eine Spur zu laut. Das gefiel ihm. Er liebte Situationen, in denen Menschen mit besonderen Ereignissen konfrontiert wurden. Wenn sie plötzlich gezwungen waren, ihre Maske fallenzulassen. Er gab sich betont locker: "Wir sollten uns die Zeit nicht lang werden lassen, sicher ist das nur ein technischer Defekt, der bald behoben ist. Vielleicht erzählen Sie mir inzwischen, wohin Sie wollen?" "Ich bin das Rotkäppchen und bringe der Großmutter Kuchen und Wein, weil sie krank ist!" schnippte sie ihm spitz entgegen. Da durchschoss es ihn siedendheiss. Dieser Geruch nach frischen Obst. Jetzt wusste er, woher er ihn kannte.

VI

Noch immer drang kein Geräusch an ihr Ohr, gab es kein Licht. Es war, als wären sie auf einem anderen Planeten, in einer Zwischenwelt. Nur sie und er.
Eine Weile sprachen sie kein Wort. Sie r√ľhrte sich nicht. Lauschte angestrengt auf jedes Ger√§usch, auf seinen heiseren Atem und das Scharren seiner Schuhe auf dem klebrigen Boden des Abteils. Sie hockte zusammengekauert in einer Ecke des Abteils, w√§hrend er immer noch am Fenster sa√ü. Er klopfte einen unbestimmten Takt auf das Fensterbrett, um seiner Aufregung Herr zu werden. "K√∂nnen Sie das nicht lassen? Sie machen mich ganz nerv√∂s!", fauchte sie endlich. "Das lag nicht in meiner Absicht. Vielleicht k√∂nnten wir etwas das Fenster √∂ffnen, es ist sehr stickig hier. Falls Sie nichts dagegen haben." Ohne ihre Antwort abzuwarten, h√∂rte sie am Knarren der Bez√ľge, dass er sich bereits erhoben hatte. Aber das Ger√§usch des sich √∂ffnenden Fensters blieb aus. Wieder war es still. "Was ist denn nun mit dem Fenster?" Sie versuchte ihrer Stimme einen festen Klang zu geben. Er antwortete nicht. Sie horchte angestrengt in die Dunkelheit, bis sie ihren Pulsschlag in den Schl√§fen sp√ľrte. Dann wieder ein Ger√§usch, es klang als w√ľrde etwas auf dem Boden schleifen, oder war es ein Schritt? Sie war sich nicht sicher, das Blut in ihren Schl√§fen rauschte laut, vielleicht hatte sie sich geirrt? Sekunden vergingen, Minuten. Eine halbe Ewigkeit starrte sie sich in der Dunkelheit die Augen wund. Pl√∂tzlich sp√ľrte sie es. Er musste kurz vor ihr sein, vielleicht einen knappen Meter. Sein pfeifender Atem kam langsam n√§her.

VII

Was war mit ihm los? Vielleicht hatte er sich zu schnell erhoben, vielleicht spielte wieder mal sein Kreislauf nicht mit. Ihm war schwindlig, seine weichen Knie mahnten zu Vorsicht. Das hatte er manchmal, wie sein Arzt meinte stre√übedingt. Mutter war anderer Ansicht, sicher l√§ge es an den Tabletten. Er wollte sich wieder hinsetzen, verfehlte jedoch knapp die Sitzbank und fand sich auf dem Abteilboden wieder. Eine Weile verharrte er so, dann versuchte er, sich auf allen Vieren in ihre Richtung zu bewegen. Sicher w√ľrde sie ihm helfen. Seine Zunge klebte am Gaumen. Er versuchte zu sprechen, doch das gelang nicht. Angst schn√ľrte ihm die Kehle zu, sodass er nach Atem rang. Er musste dicht vor ihr sein und streckte hilfesuchend seine Hand aus. Da traf ihn unvermittelt ein harter Schlag ins Gesicht. Er fiel zur√ľck, benommen, entsetzt, fassungslos und wurde ohnm√§chtig.

VIII
Irgendwann ruckte der Zug an. Ein schnarrender Bordlautsprecher sprach von technischem Versagen und k√ľndigte Iksstadt an. Licht flackerte auf und erhellte die grausige Szenerie. Sie hockte noch immer zitternd und bleich in ihrer Ecke gleich neben der Abteilt√ľr. Auf dem Boden zu ihren F√ľ√üen ein Mann mit blutverschmiertem Gesicht. Seine Nase war geschwollen, √ľber dem rechten Auge klaffte eine Platzwunde. Seine rechte Hand umklammerte ein Tablettenr√∂hrchen. Er blinzelte sie aus hohlen Augen an. "Was passiert? Warum haben Sie...?"
Endlich konnte sie sich aus ihrer Bewegungslosigkeit befreien. Ihre Ohren gl√ľhten. Sie hatte M√ľhe, den dicke Klo√ü in ihrem Hals herunterzuschlucken, w√§hrend sie ihm hochhalf. "Ich dachte, Sie wollten-" Sie schluckte. "Sehe ich aus wie ein B√∂sewicht?" Sie schluckte noch einmal, bevor sie antworten konnte. "Niemand sieht so aus. Das w√§re zu einfach. Bitte, es tut mir leid." Und nach einer Pause: "Wo sind eigentlich Ihre Taschent√ľcher?" Beide fingen an zu lachen. Vorsichtig wischte sie ihm sp√§ter das Blut aus dem Gesicht. Dann schwiegen sie, bis der Zug in Iksstadt einfuhr.
Auf dem Bahnsteig ber√ľhrte er leicht ihren Arm: "Was ist das f√ľr ein Deo, das Sie benutzen?" "Melonenfrische f√ľr den ganzen Tag- verspricht jedenfalls die Werbung."
"Sie sollten es wechseln." Dann ging er davon.

3. Dezember 2001


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Murmel

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Zeder
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Melonenduft

Liebe Murmel,
ich will Dir kurz beschreiben, wie ich die Erzählung beim Lesen empfunden habe:
Bei der Erkenntnis, dass es mehrere Kapitel mit unterschiedlichen Erz√§hlstr√§ngen gibt, dachte ich kurz dar√ľber nach, nicht mehr weiterzulesen (zu anstrengend).
Allerdings ist Dein Schreibstil so fl√ľssig und spannend, dass ich meine eigene Faulheit besiegt habe.
Und - das muss ich sagen: Ich bin sehr beeindruckt von Deiner Erz√§hlung, meine sogar jetzt, dass die verschiedenen R√ľckblenden sein m√ľssen, um sich den zwei Personen nach und nach ann√§hern zu k√∂nnen.
Der Duft, der Erinnerungen auslöst: Genau so geht es mir auch des öfteren, und der Duft spricht dann ganze Geschichten.
Viele liebe Gr√ľ√üe,

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"Die Ceder ist ein hoher Baum, oft schmeckt man die Citrone kaum" (Wilhelm Busch)

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Murmel
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Liebe Zeder,
ich abe mich sehr gefreut √ľber deine Nachricht. Ausser meiner Familie hat die Geschichte n√§mlich noch keiner gelesen. Und du warst die Erste im Netz! Ich habe mich damit bei einem Wettbewerb angemeldet (eigntlich mehr aus neugier, was ich so zustande bringe). Thema war: Irrtum mit Folgen. Es musste also in der Geschichte etwas v√∂llig kippen. ich hatte schon lange die Idee, zwei Personen in eine absurde Situation zu schicken, in der sie sich v√∂llig ver√§ndern. Ob sie sich letztendlich auch aufeinander zubewegen, war v√∂llig offen. Inspiriert hat mich ein Film mit Judy Winter (schon etliche Jahre alt), in dem sie in einer Doppelrolle sich und ihre schizophrene Schwester spielt...Die Situation eskaliert und letztendlich ist die "Normale" verr√ľckt und die Verr√ľckte "normal"...
Einige "Stolperstellen" sind noch drin in meiner Geschichte, finde ich. Z.B. die Situation nach dem Duschen, die Reifenspuren in der feuchten Erde. Ist das tats√§chlich schl√ľssig?
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Murmel

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Zeder
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Liebe Murmel,
da bin ich ja sehr gespannt, wie Deine Geschichte bei dem Wettbewerb ankommt!
Ich halte die Stelle mit dem Duschen und den Reifenspuren f√ľr absolut schl√ľssig. Der Leser muss halt eins und eins zusammenz√§hlen.
Nur ganz am Schluss schreibst Du:
"Er fiel zur√ľck, benommen, entsetzt, fassungslos und wurde ohnm√§chtig." Ich w√ľrde das "ohnm√§chtig" herausnehmen, denn im n√§chsten Absatz ist er ja schon wieder des Sprechens m√§chtig.
Nein, ich persönlich sehe keine Stolperstellen, aber vielleicht werden ja auch noch andere Leser Deine Geschichte analysieren und Dinge finden, die ich nicht gesehen habe.
Viele liebe Gr√ľ√üe

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