Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5426
Themen:   91596
Momentan online:
347 Gäste und 24 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ich veränderte mein Leben um null Grad
Eingestellt am 12. 10. 2017 18:19


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Cafard
Routinierter Autor
Registriert: May 2013

Werke: 30
Kommentare: 42
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Cafard eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Letzten Samstag war ich abends später noch im Breidenbacher Hof, um die Stones zu treffen. Mir persönlich sind die Stones egal, aber Thomas zuliebe habe ich mich in die Bar vom Breidenbacher Hof gesetzt.

Thomas ist mein bester Freund, er sagt, es vergehe kein Tag, an dem er nicht an die Stones denke, er hat fünfzig Konzerte von denen besucht. Mick Jagger hat gemeint, Konzerte zu geben sei besser als ein weiterer Tag im Büro, das leuchtet mir ein, nur bezahlen diese Typen kaum Steuern, was ein Skandal ist - ein Skandal, den Thomas achselzuckend hinnimmt, auch wenn er sonst gegen solche Tricks und Mauscheleien ist.

Wir haben Mick Jagger nicht getroffen, ich musste für drei kleine Bier zwanzig Euro bezahlen, beim Rauchen in der Lounge kam ich kaum - und dann doch - aus den Chesterfield-Sesseln wieder raus, sie sind für agile Männer gemacht. Eigentlich will man nicht aus einem Chesterfield-Sessel raus, man sitzt herrlich komfortabel in dem cognacbraunen Leder.

Es saßen mehrere Schönheiten um mich rum, es sah so aus, als suchten sie Anschluss, ich wagte es nicht, aus dem tiefen Sessel aufzustehen, es sieht einfach scheiße aus, wenn ich aus tiefen Sesseln aufstehe. Es war aber eh egal, weil diese Osteuropäerinnen garantiert anderen Anschluss suchten als mit mir. Auch für Thomas wurde ich schnell uninteressant, weil sich ein Erzieher mit einem roten Hemd und einem schwarzen Hut an unseren Tisch gesetzt hatte, ein Erzieher, der für die Stones nach Argentinien fliegt - zwei Bekloppte unterhielten sich so angeregt, als wenn es nichts Besseres gäbe, als seine sauerverdienten Kröten für so einen Irrsinn zu verplempern.

Natürlich war Thomas auf dem Stones-Konzert in Düsseldorf, natürlich war es ganz toll, auch wenn sein Lucky-Dip-Ticket nichts Tolles eingebracht hatte, man zahlt 75 Euro und mit etwas Glück landet man auf den 800 Euro-Plätzen, das hat nicht funktioniert, aber trotzdem war alles megatoll, Konzerte sind ja besser als ein weiterer Tag im Büro.

Meine harmloseste Kollegin war auch auf dem Stones-Konzert, sie sieht wirklich brav und altmodisch aus, braver und altmodischer geht es kaum noch, entsprechend war ich verblüfft, dass sie die sexy Hampeleien von diesem spindeldürren Jagger akzeptiert – das gibt’s doch gar nicht, dachte ich, gesagt habe ich es natürlich nicht. Wenn die Osteuropäerinnen aus der Lounge auf so etwas Zweifelhaftes stehen würden, das könnte ich ja noch verstehen, aber: Alte Männer sollten sich mit ihren Hüften nicht so schlecht benehmen wie dieser Jagger, ich schäme mich für ihn.

Ich möchte hier mal eine Bresche schlagen für Männer, die einfach nur in ihrem Büro sitzen und ihre Steuern bezahlen, sie machen Tag für Tag einen vernünftigen Job in einem schwarzen Drehstuhl und bezahlen ihre Steuern, so etwas ist anständig, und nicht diese alte Leier: I can't get no satisfaction, das ist doch lächerlich, befriedigender kann das Leben doch gar nicht sein als das Leben der Stones, die morgens so lange liegenbleiben können, wie sie wollen, und die Erzieher dieser Welt geben ihre letzten Kröten für so einen verlogenen Scheiß aus.

Zwanzig Euro für drei kleine Bier, ich muss verrückt geworden sein, ich tat es aus Liebe zu dem Freund, und dann war ich plötzlich uninteressant für ihn, die Osteuropäerinnen werden meinen Kummer bemerkt haben, sie schauten gezielt an mir vorbei, ich hätte mich selbst auch nicht angeschaut.

Plötzlich stand ich aus dem Chesterfield-Sessel auf, ich hatte mir befohlen, so elegant wie früher aufzustehen, ich trug schwarze Boots aus Nubukleder, sie machen einen Geräusch auf dem Parkett, die Osteuropäerinnen hörten das Geräusch, sie baten mich um Feuer, den Trick kennt man ja, ich gab ihnen Feuer und das war es schon, ich veränderte mein Leben um null Grad, es wäre natürlich mehr drin gewesen, vielleicht eine schöne Unterhaltung, aber ich stand mir mal wieder selbst im Weg.

Auf dem Heimweg regnete es, ich hatte Mick Jagger nicht gesehen, ich hatte viel zu viel Geld für drei kleine Bier bezahlt, ich hatte die Chance auf ein schönes Gespräch verpasst, mein Sakko schützte mich schlecht vor dem Regen, ich fiel missmutig ins Bett, ich las noch ein paar Seiten in dem Buch von Agnes Heller, ich hätte das Buch mitnehmen sollen in den Breidenbacher Hof, ich hätte lange in dem Chesterfield-Sessel sitzenbleiben sollen, mit diesem Buch, die Osteuropäerinnen hätten das sehr intellektuell gefunden.

Ich bereue nichts davon, es war mir gelungen, elegant genug aus dem tiefen Ledersessel aufzustehen, ich hatte meine Würde behalten, zumindest fühlte es sich so an. Als mir das klar wurde, wurde mir klar, dass ich im Bett liege und Sätze lese, deren Inhalt nicht in mein Hirn dringen.

Ich legte das Buch auf den Nachttisch, danach schlief ich sofort ein. Am anderen Morgen beschloss ich, dies alles aufzuschreiben, wenn es mich überkommt, warum auch immer. Wenn es die Foren nicht gäbe, würde ich keinen einzigen Satz schreiben.

Ja, so ist das.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Alberta
???
Registriert: Jun 2017

Werke: 24
Kommentare: 220
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Alberta eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo @Cafard - sehr gerne gelesen, Deinen Text: Großes Kopfkino!
Mein subjektiver Eindruck: Die Geschichte könnte mit der Passage enden, aus dem der Überschrift-Satz (Supersatz!) stammt:

Plötzlich stand ich aus dem Chesterfield-Sessel auf, ich hatte mir befohlen, so elegant wie früher aufzustehen, ich trug schwarze Boots aus Nubukleder, sie machen einen Geräusch auf dem Parkett, die Osteuropäerinnen hörten das Geräusch, sie baten mich um Feuer, den Trick kennt man ja, ich gab ihnen Feuer und das war es schon, ich veränderte mein Leben um null Grad, es wäre natürlich mehr drin gewesen, vielleicht eine schöne Unterhaltung, aber ich stand mir mal wieder selbst im Weg.


ENDE






Auf das was danach folgt, würde ich verzichten, es verwässert die kernige Aussage: "Ich veränderte mein Leben um Null Grad"




Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Tagebuch - Diary Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!