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Leselupe.de > Humor und Satire
Ich verreise
Eingestellt am 17. 06. 2004 16:15


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gareth
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Ich bin auf dem Weg nach Eindhoven.
Ein Treffen der Projektgruppe "Neue Produkte". Wenn ich viertel vor Zehn aus dem Haus komme, reicht das gut. Zehn Minuten zum Bahnhof. Abfahrt 10:14Uhr. Sitzungsbeginn 16 Uhr. Gut, dass der Zahnarzt seine Praxis schon um acht Uhr frĂŒh öffnet. PĂŒnktlich zum Verreisen hat es gestern angefangen, in meinem Zahnfleisch entzĂŒndlich und schmerzhaft zu pochen. Das ist Schicksal. Da hat man keinen Einfluss drauf. NatĂŒrlich habe ich schon eine Woche vorher erste Signale registriert, aber im Umgang mit schmerzhaften, d.h. potentiell leidvollen Erlebnissen, entwickeln wir wohl alle keine wirkliche Routine. PĂŒnktlich um acht Uhr bin ich also da und werde zum ErfĂŒllen der derzeitigen FormalitĂ€ten aufgefordert. Man erbittet meine Versichertenkarte und zehn Euro. Erstere zum Wiedermitnehmen, letztere zum Dalassen. „Das da ist ihre EC-Karte“, sagt die Helferin und hebt die Augenbrauen leicht an. Und dann, das mĂŒssen Frauen so machen, dafĂŒr können sie nichts, fĂŒgt sie hinzu: „mit der können wir hier jetzt nichts anfangen“. Und nach einer sehr kurzen Pause: „leider“, und nach noch einer kurzen Pause: „So. Jetzt. Genau. Die“. Und ins Ausatmen hinein: „o.k.“. Kurz danach, fĂŒnf nach acht, kĂŒmmert sich Dr. Schmitt um mein Zahnfleisch. „Zu sehen ist eigentlich nichts“, sagt er und fĂŒhrt ein sehr einfach geformtes, mit einer Spitze versehenes Instrument in meinen Mund ein. Dann, als ich gerade innerlich aufatme ergĂ€nzt er: „ups, na, jetzt blutet's aber doch recht krĂ€ftig. Das war schon vernĂŒnftig, dass sie noch gekommen sind. Aber, Moment. So“, er quĂ€lt mich nur zwei Minuten, es genĂŒgt aber. "So, jetzt. Also, sie werden diese zwei Tage ohne weiteres in Urlaub fahren können“. „Es ist beruflich“, erinnere ich ihn. „Ja, trotzdem“, sagt er, „machen sie mal noch einen Termin aus. Wir sollten diese lose flatternden Teile besser weg schneiden, das hat ja damals auf der anderen Seite gut geholfen, oder haben sie da in letzter Zeit?“, „Nein“ sage ich, „da war gut“. „Sie wissen ja, die Probleme werden bleiben", plaudert er und spricht von Atrophie und Zahnersatz. „Also dann, nĂ€chsten Dienstag, 09:00 Uhr“ schließt er. Ich habe meinen Terminkalender vergessen. Wird aber schon nicht grad was wichtiges sein an dem Dienstag Morgen.

Als ich meine Jacke wieder anziehe, klimpert Kleingeld in der Tasche. Genau. Geld. Das hĂ€tte ich fast vergessen. Werd ja in Eindhoven ein Taxi brauchen. Zum GlĂŒck bin ich mit dem Fahrrad gefahren. Ein kurzer Ausflug in der Sonne am Bankautomat vorbei. Wird in 15 Minuten erledigt sein. Man muss nur die zeitlichen AblĂ€ufe großzĂŒgig planen. Dann noch andere Hosen und ein neues Hemd. Schuhe sind geputzt. Gute Vorbereitung. Habe ich gestern Nacht noch erledigt, als Letztes, gleich, nachdem ich um 23 Uhr noch einmal ins BĂŒro gefahren bin. Der Ordner mit den Projektunterlagen war noch genau an der Stelle, wo ich ihn auf meinem Schreibtisch zum Mitnehmen bereit gelegt hatte. Man muss nur eine Ordnung haben. Dieses fiebrige KrankheitsgefĂŒhl ist offenbar auch weg, jedenfalls ist es deutlich schwĂ€cher als gestern Nachmittag. Ich denke, ich kann fahren.

Um 9 Uhr bin ich mit dem Geld wieder zuhause, sammle in Ruhe die notwendigsten Tabletten, Pillen und Salben von ihren verschiedenen Deponien in der Wohnung und fĂŒlle sie in meinen Kulturbeutel. „Wenn man Dir zusieht“, sagt meine Frau wenig spĂ€ter, wĂ€hrend ich den Koffer einrĂ€ume. Ihr Blick ist eine Mischung aus Verwunderung, Nachsicht und leisem Spott. „Da tust Du was rein und dann wieder raus und dann wieder rein. Auf, zu und wieder auf und wieder zu“, „Ja“, sage ich. FrĂŒher, vor Jahren, hat sie mir meinen Koffer gepackt, wenn ich verreisen musste. Ich habe gerade den altmodischen, schweren Notebookrechner mit seinem nur unwesentlich leichteren Netzteil wieder aus dem Koffer heraus genommen. Ich wĂŒsste nicht, fĂŒr was ich ihn brauchen sollte. „Hast Du Deine Brieftasche?“ Ja genau. Das ist wahr. Gestern hatte ich die andere Jacke an. Guter Hinweis. "Was machst Du eigentlich da in Eindhoven?“ „Das weiß ich nicht so genau“. Sie glaubt mir nicht. Ich kann es ihr ansehen. Aber es stimmt. Wenn ich etwas ĂŒber die geplanten Diskussionen wĂŒsste, hĂ€tte ich es erheblich einfacher. Und ich könnte ihr vernĂŒnftig antworten. Theoretisch jedenfalls. Meine Frau hat aber Vertrauen in mich. Beruflich. „Was mir gerade noch einfĂ€llt“, sage ich, „ich kann ja nicht ohne Mantel gehen. Es sieht zwar wahrlich nicht nach Regen aus, aber wer weiß. Ich könnte ja einfach die helle Jacke nehmen, die ist leicht und nĂŒtzt doch was bei Wind“. „Du bist doch noch kein Rentner“, sagt meine Frau. Das sagt sie, weil ich diese Jacke von meinem Vater geerbt habe. „Die Dunkelgraue“, sage ich, „sieht noch viel altmodischer aus“. Die Helle hat sogar eine Handytasche innen. Was daran rentnermĂ€ĂŸig sein soll, wĂŒrde mich wirklich mal interessieren. „Ich kann aber auch den leichten, hellen Mantel nehmen, den ich damals JĂŒrgen abgekauft habe“, biete ich als Kompromiss an. Der wĂ€re meiner Meinung nach genau richtig, aber der ist total zerknittert. „Den mĂŒsste man vielleicht nur mal noch kurz aufbĂŒgeln“ sage ich so leichthin und unaufdringlich, wie es mir möglich ist. Plötzlich habe ich den Verdacht, vielleicht doch ein paar hilfreiche Dateien da irgendwo in meinem Rechner abgespeichert zu haben. Ich packe also das Notebook sicherheitshalber doch wieder in den Koffer, mitsamt dem Netzteil. DafĂŒr muss ich die kleine Ledermappe mit den Schreibutensilien wieder heraus nehmen. Der schmale Ordner mit den Projektunterlagen passt jetzt mit Gewalt gerade noch in die Seitentasche des Koffers. „Mach ihn nicht kaputt“ sagt meine Frau. Dann sehe ich, dass es schon nach 9:50 Uhr ist und beschließe, einfach ohne Überjacke zu fahren. Was soll sein. Es ist warm und sonnig und so weit ist Eindhoven ja auch wieder nicht weg, klimageographisch gesehen. Meine Frau nimmt den hellen Mantel wieder vom BĂŒgelbrett herunter und stellt das BĂŒgeleisen weg. Die Ersatzhose passt jetzt nicht mehr hinein. Ich darf eben beim Essen die Serviette nicht vergessen. Ich ĂŒberlege, ob ich doch eine zusĂ€tzliche Tasche mitnehmen soll. Dann wĂ€ren alle Probleme gelöst. Aber nein, ich habe mir vorgenommen, nur mit einem einzigen GepĂ€ckstĂŒck zu fahren und damit Schluss. Meine Frau steht an der offenen WohnungstĂŒr und sieht auf ihre Armbanduhr, wĂ€hrend ich auf dem Koffer knie. Er ist sehr schwer. "Hast Du Deine Fahrkarte und das Handy?" Im Gehen nehme ich das eine vom TelefonschrĂ€nkchen und das andere vom Buchregal im Flur.

Bahnsteig 3. Reservierung fĂŒr Wagen 28, Platz 26. Ich habe noch gute 30 Sekunden, bevor der Zug einfĂ€hrt. FĂŒr das Studium des Wagenstandsanzeigers hat es allerdings nicht mehr gereicht. Ich verfĂŒge leider nicht ĂŒber die FĂ€higkeit, bei einfahrenden ZĂŒgen die Wagennummern abzulesen. Zahlen sehe ich genug, aber sie sehen alle nicht wie Wagennummern aus. Der Zug besteht aus zwei aneinander gekoppelten ICEs. Es gibt also in der Zugmitte, wo sich zwei Triebwagen gegenĂŒber stehen, keinen Durchgang. Das bedeutet, wenn ich jetzt vor der falschen HĂ€lfte stehe, war es das mit der Reservierung. Nein. Direkt vor mir steht der Wagen 28. Das GlĂŒck des TĂŒchtigen. Ich steige sofort ein. Zum Auffinden meines Sitzplatzes habe ich nun ausreichend Zeit. Bei den Platznummern geht es mir Ă€hnlich, wie bei den Wagennummern. In Flugzeugen und Bahnwagen sind diese Schilder in der Regel an Stellen angebracht, die außerhalb meiner Blickrichtungen liegen. Ich habe das nie verstanden.
Eine Stunde unterwegs. Alles deutet bisher darauf hin, dass ich im richtigen Zug bin. ICE bis DĂŒsseldorf, steht in meinen Reiseinformationen. Zwei Stunden Gelegenheit, ungestört die Unterlagen durchzuarbeiten. Aber wenn ich schon mal in Ruhe alleine unterwegs bin, will ich doch erst noch kurz in meine Beethoven CDs reinhören. Brendel. Klaviersonaten. Meine stĂ€ndigen Begleiter. Ich lehne mich zurĂŒck. Da ist es auch schon. 'Beethovens schönstes Lied' hat Kempff den zweiten Satz der 27. genannt. Ich wĂŒrde nicht streiten wollen, deshalb. Eine ergreifend schlichte und schöne Melodie. Ich nicke sanft ein. 13 Uhr, kurz vor Mönchengladbach. Jetzt lohnt es sich auch nicht mehr, den Ordner auszugraben, bei der dauernden Umsteigerei. Es erscheint mir vernĂŒnftiger jetzt, aufmerksam auf die Durchsagen zu achten. Da wird schon noch etwas Zeit sein im Hotel vor Beginn der Besprechung.

Eindhoven. Es ist kalt, windig und es regnet in Strömen. Keine Jacke. Kein Mantel. Kein Schirm. Im Hotelzimmer fÀllt mir ein, dass ich vergessen habe, mir vom Taxifahrer die Quittung geben zu lassen. Was mein Zahnfleisch betrifft, so könnte ich nicht sagen, dass das Pochen nachgelassen hÀtte. Ich hoffe, dass die Schmerzen meine Konzentration nicht zu stark beeintrÀchtigen. Das könnte meinem Renommee als Fachmann abtrÀglich sein. Es ist ja davon auszugehen, dass die Kollegen einerseits meine 40 Jahre Berufserfahrung schÀtzen, in erster Linie werden Sie aber wohl von meiner Entschlussfreudigkeit und von meinem raschen, sicheren Urteil profitieren wollen.

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Lotte Werther
Guest
Registriert: Not Yet

An gareth,

Eine Geschichte mit hohem Wiedererkennungswert. Und deshalb habe ich sie gern gelesen und mit Schmunzeln in den Mundwinkeln.

Dein zahnfleisch-blutender Eindhoven-Reisender ist ja in der Tat ein alter Hase, was Reisevorbereitungen angeht. Seine Gesten kamen beim Lesen so an, wie du sie beabsichtigt hast: umstÀndlich, linkisch, unsicher.

Die daneben stehende Ehefrau mit leicht spöttischem Blick ist genau so wenig wegzudenken, wie der alte Koffer und die beinahe vergessenen wichtigsten Dinge: Handy und Fahrkarte.

Die Helle hat sogar eine Handytasche innen. Was daran rentnermĂ€ĂŸig sein soll, wĂŒrde mich wirklich mal interessieren..

Ja, was ist nun wirklich rentnermĂ€ĂŸig an einer hellen Jacke? Die Tatsache, dass sie mit Vorzug von Rentnern getragen wird. Helles Beige muss es sein, dann noch Ballonseide, wenn möglich, und natĂŒrlich mit gestrickten BĂŒndchen an Ärmeln und zwingend auch die LĂ€nge, die nur bis zum Hosenbund reichen darf.

Im Kontrast zum Text steht dann, natĂŒrlich auch gewollt von dir, die trockene Überlegung:

Es ist ja davon auszugehen, dass die Kollegen einerseits meine 40 Jahre Berufserfahrung schÀtzen, in erster Linie werden Sie aber wohl von meiner Entschlussfreudigkeit und von meinem raschen, sicheren Urteil profitieren wollen.

Der im Privaten linkische, umstĂ€ndliche Reisende wird im Beruf zum sicheren, geschĂ€tzten Kollegen und Fachmann. Und wie gut, dass die Ehefrau dies auch weiß.

Was den Text an sich angeht, gareth, hat er sich flĂŒssig lesen lassen. Ich störte mich an der Stelle:

Ich packe also den Notebook sicherheitshalber doch wieder in den Koffer, mitsamt dem Netzteil....

Heißt es nicht "das Notebook"?

Und den ersten Absatz bitte ersatzlos streichen. Er ist völlig ĂŒberflĂŒssig. Die Geschichte beginnt mit:

Ich bin auf dem Weg nach Eindhoven....

Und dies ist keine Anregung, sondern ein Imperativ.

Lotte Werther

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gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

Werke: 132
Kommentare: 783
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Liebe Lotte Werther,

die ganze Zeit ĂŒber hatte ich wĂ€hrend des Schreibens so ein unbestimmtes GefĂŒhl, als hĂ€tte sich frĂŒhzeitig in die Geschichte ein Abschnitt hinein geschlichen, der vollkommen ĂŒberflĂŒssig sei. Durch Deine tatkrĂ€ftige Mithilfe ist es jetzt gelungen, ihn zu identifizieren und unschĂ€dlich zu machen. Ich spreche Dir meinen Dank aus :o)

Den stand bei Notebook, weil es in diesem Fall als Kurzform des zuvor verwendeten Begriffs Notebookrechner gedacht war. Ich habe es aber der Klarheit halber in ein das umgewandelt.

Ach, könnten doch nur alle Leselupe Mitglieder in den Genuss Deiner Kommentare kommen.

Dies antwortet dir, in einem Anflug von UneigennĂŒtzigkeit
gareth

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

Werke: 27
Kommentare: 399
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Hallo Gareth,

es ist ja eigentlich eine eher unspektakulĂ€re Geschichte, jedoch so spannend niedergeschrieben, dass man am Text förmlich kleben bleibt. Das ist dir gut gelungen. Was mir noch gefĂ€llt: Der leise ErzĂ€hlton, die unaufdringliche, sanft zubeißende Ironie und die bildhafte Sprache. Beispielsweise hier: "Meine Frau steht an der offenen WohnungstĂŒr und sieht auf ihre Armbanduhr, wĂ€hrend ich auf dem Koffer knie." Das war wie Kopfkino. Gut bzw. realistisch auch die Dialoge beim Zahnarzt.

Was mich gestört hat, war der teilweise sehr abgehakte Stil, die einzeln dahingestreuten Worte. Das wirkte auf mich wie eine Lesebremse. Ich erwĂ€rme mich selbst fĂŒr die prĂ€gnante Aussage, meine aber, dass ein Satz ein solcher bleiben und nicht grob zerhackt werden sollte.

Die Platznummern im Flugzeug sehe ich auch nie.

Lieben Gruß
Majissa

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casy01
Guest
Registriert: Not Yet

Wunderbar


RealtitÀt gepaart mit den Schuss Ironie und Humor

die den Leser dazu verfĂŒhren es zu Ende zu lesen

mit Freude

was ich auch hatte

war meine heutige gute Nacht BettlektĂŒre


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