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Leselupe.de > Kurzprosa
Ich war unterwegs
Eingestellt am 30. 03. 2006 11:41


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eprager
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2006

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Ich war unterwegs. Ich war seit Jahr und Tag unterwegs. Ich war seit Jahr und Tag unterwegs in einem Wald wie er tiefer nicht sein k√∂nnte. Ich wei√ü nicht wie lange ich schon umher wanderte, aber auch wenn ich es w√ľsste, t√§te es nichts zur Sache. Eins steht fest: Die Wanderung ist mein Leben und mein Leben ist ganz und gar Weg. Um mich herum seit eh und je B√§ume. Die B√§ume trugen Namen, f√ľhrten ein eigenes Leben, dachten, f√ľhlten wie ein jeder Wanderer, waren selbst Wanderer, waren selbst Suchende. Heute wei√ü ich, dass auch ich f√ľr die vielen B√§ume und die Wanderer in ihnen, nichts anderes bin als ein Baum. Durch unsichtbare B√§nder waren sie untereinander verbunden; sie kommunizierten √ľber ihr Blattwerk, wenn es sich im Winde wog. Im Lauf der Jahre hatte auch ich ihre Sprache gelernt und konnte mich so mit ihnen verst√§ndigen, mit unterschiedlichem Erfolg. Die B√§ume schenkten Leuten wie mir ihre Fr√ľchte, doch nur wenn sie freundlich gesinnt waren, waren diese auch wirklich genie√übar, wobei manche von ihnen sogar k√∂stlich im Geschmack waren. Leider hatten alle Fr√ľchte einen Fehler: Man konnte sie nicht aufbewahren; man musste sie schnell und frisch essen sonst verfaulten sie in Windeseile; dies machte es unm√∂glich sie mit sich herum zu tragen. Dennoch ern√§hrten sie mich; wie sollte ich ohne Nahrung wandern, wie ohne sie suchen. Mit ihnen als Ern√§hrern lie√ü es sich recht gut leben. So h√§tte ich mich an einen Platz in diesem Wald legen k√∂nnen, an dem ich von wohlgesinnten B√§umen umringt gewesen w√§re, h√§tte mich ausruhen und meine Suche beenden k√∂nnen. Aber etwas in mir trieb mich weiter, trieb mich fort von Orten dieser Art, hie√ü mich aufstehen und die Suche fortsetzen, denn mit der Zeit wurden diese Fr√ľchte entweder fad, bitter oder sie schlugen mir auf den Magen. Manchmal trifft man einen Baum wieder an Orten an denen man ihn nie vermutet h√§tte. Man gr√ľ√üt freundlich, nimmt vielleicht eine seiner Fr√ľchte in Empfang, geht vorbei, blickt sich vielleicht noch einmal der alten Zeiten gedenkend um und setzt schlie√ülich den Weg fort. Es gibt auch Gebiete in diesem Wald, die besonders unwirtlich und teilweise sogar etwas furchterregend sind. Manchmal dauert es Tage bis man wieder auf einen Baum trifft, dessen Frucht genie√übar ist. Eine solche Phase hatte ich k√ľrzlich: Es waren fast 2 Wochen vergangen, seitdem ich das letzte Mal etwas zu mir genommen hatte. Mein Hunger wuchs. Ich traf auf B√§ume, sprach zu ihnen, schmeichelte ihnen, doch ihre Fr√ľchte blieben hart, sauer, ungenie√übar. Schlie√ülich war mein Hunger aufs √Ąu√üerste angewachsen. Ich f√ľhlte mich schwach, immer schw√§cher. Ich wusste, dass ich nun bald etwas essbares finden musste oder mein Weg w√§re f√ľr immer beendet. Ich begann mich laut daf√ľr zu verfluchen, dass ich mich nicht an einem geruhsamen Pl√§tzchen niedergesetzt hatte und den m√∂glicherweise immer fader werdenden Geschmack der Fr√ľchte akzeptiert hatte. Denn so w√§ren mit der Zeit vielleicht meine Geschmacksnerven verk√ľmmert, aber ich h√§tte gelebt (im Nachhinein ist mir bewusst, dass ich auf ein Leben dieser Art gut h√§tte verzichten k√∂nnen, denn was bringt es zu leben ohne Ziel, ohne zu wissen, wohin die Suche f√ľhren w√ľrde). Die B√§ume begannen sich schon √ľber meine st√∂renden Fl√ľche zu √§rgern, sch√ľttelten schon ihr Astwerk √ľber mich, da erblickten meine m√ľden Augen etwas in weiter Ferne, das mich schneller laufen lie√ü: Ich sah eine Art glei√üendes Licht. Ich begann zu rennen, meinen schwachen K√∂rper vergessend. Insgeheim f√ľrchtete ich, es k√∂nnte Einbildung sein, m√∂glicherweise eine Art Fata Morgana (die B√§ume erz√§hlten sich, diese g√§be es auch im Wald, wobei ich das bezweifle), doch je n√§her ich kam desto heller wurde das Licht und als ich schon ziemlich nah war, erblickte ich ein Schild, dessen Aufschrift ich jedoch nicht lesen konnte. Die Helligkeit entpuppte sich als gro√üe Lichtung. Es war dies die erste ihrer Art, die mir zu erblicken verg√∂nnt war. Der Boden war √ľbers√§t von den sch√∂nsten Wiesenblumen, die ich je gesehen hatte. Bienen summten umher auf der Suche nach Bl√ľtenstaub, den es in rauen Mengen gab. Am gegen√ľberliegenden Rand der Lichtung pl√§tscherte ein kleiner Bach, dessen Wasser so klar war, wie man es sich nur vorstellen kann. Die Sonne spiegelte sich in ihm und bescherte einem ein Glitzern in allen Farben des Regenbogens. V√∂gel zwitscherten so wundersch√∂n, dass man hoffte es w√ľrde nie Abend werden, damit sie nie aufh√∂rten ihr heiteres Lied zu singen. In der Mitte der Lichtung jedoch stand ein einzelner Baum, der meine Ankunft freundlich, aber nicht √ľberschw√§nglich zur Kenntnis zu nehmen schien. Er war von sch√∂nem Wuchs, sein pr√§chtiges Blattwerk wiegte sich sanft im leisen Wind. Doch soll man keineswegs meinen, er sei v√∂llig anders gewesen als alle B√§ume, die ich bisher gesehen hatte. Im Gegenteil: √Ąu√üerlich war er ein ganz normaler Baum, der sich nur in Details von anderen absetzte. Doch innerlich wusste ich dass er keineswegs so durchschnittlich war, wie es den Anschein machte. Es gibt da eine Legende, die einem der Wind manchmal nachts erz√§hlt. Wenn alles still ist im Wald, beginnt er ab und zu ein leises Lied zu singen. Mit einer zarten Melodik erz√§hlt er von besonderen B√§umen. Diese B√§ume gew√§hren, der Legende nach, ihre Frucht nur einem einzigen bestimmten Wanderer. Diese Frucht soll die perfekte sein, f√ľr den jeweiligen Suchenden. Wenn er sie einmal gekostet hat, will er angeblich nie wieder eine andere kosten. Sie verliert f√ľr ihn nie an Geschmack, sie bleibt immer gleich s√ľ√ü, gleich w√ľrzig, gleich salzig, je nach dem wie der Empf√§nger es mag. Aus irgendeinem Grund wusste ich, dass ich einen solchen Baum gefunden hatte. Da fiel mein Blick auf das Schild, das ich aus einiger Entfernung gesehen hatte. Es war ein kleines Holzschild, das an einem Pfahl angebracht war, der mir bis zum Bauchnabel ging. Moos hatte sich an diesem gebildet und lie√ü ihn noch verwitterter und morscher aussehen als er ohnehin schon war. Das Schild schien seit Ewigkeiten, an dieser Stelle zu stehen und darauf zu warten gelesen zu werden. Im Nachhinein frage ich mich, wer es dort angebracht hat, habe ich doch in all den Jahren noch nie ein anderes menschliches Wesen in diesem Wald zu Gesicht bekommen. Doch mit solch unbedeutenden Gedanken besch√§ftigte ich mich in diesem Moment nicht. Ich nahm nun auch die Aufschrift auf dem Schild wahr. Es stand darauf nur ein einziger Satz: Willst du die Frucht, so rede. Und eins stand fest: Ich wollte diese Frucht, wie ich noch nie zuvor in meinem Leben etwas gewollt hatte und so begann ich zu reden. Ich sprach von allem, was mir einfiel und ging dabei auf den Baum zu. Ich erz√§hlte ihm mein gesamtes Leben, meine gesamten Erfahrungen, alles, was ich bisher erlebt hatte, alles, was ich wusste. Meine Geschichten zerfielen zu S√§tzen, meine S√§tze zerbrachen in der Luft zu Worten, meine Worte fielen zu Boden und zersprangen dort zu Buchstaben, die sich in Form von Sand und Staub anzusammeln begannen. Nach und nach verschwanden die Wiesenblumen, die Bienen, der Bach, das Gezwitscher der V√∂gel, einfach alles wurde von meinen Geschichten bedeckt. Ich ging langsam weiter, immer wackliger in den Knien. Mein Wortschwall schien nie zu enden. Das Laufen fiel mir immer schwerer und mit ihm das Atmen. Ich blickte besorgt auf meine F√ľ√üe, besser gesagt dorthin, wo ich meine F√ľ√üe erwartet hatte. Denn ich wusste nun, wieso mir das Gehen so schwer fiel. Ich steckte bis zu den Knien im Sand, kam kaum vorw√§rts und einen Augenblick sp√§ter konnte ich mich gar nicht mehr bewegen. Stattdessen zog mich irgendetwas in die Tiefe. Ich flehte den Baum an mir zu helfen, mir seine √Ąste zur Rettung zu reichen. Aber meine Bitten versenkten mich nur noch tiefer im Sand. Ich war in Treibsand geraten, aus dem es keinen Ausweg gab; nicht einmal Schweigen half jetzt noch. Traurige Abschiedsworte sprechend sank ich immer tiefer, blickte den Baum ein letztes Mal an und war schlie√ülich v√∂llig versunken. Ich wurde weiter hinabgezogen, um mich war es stockfinster. Vom Druck des auf mir lastenden Sandes verlor ich dann irgendwann das Bewusstsein. Niemand wei√ü, wie lange ich mich in diesem Zustand befand. Ich wei√ü nur, dass ich vor wenigen Stunden erwacht bin. Ich bin sterbensm√ľde, habe unglaubliche Schmerzen und einen bei√üenden Hunger. Aber ich werde mich aufraffen. Ich werde mich aufraffen, Nahrung suchen und weiter wandern. Immerhin wei√ü ich jetzt, was ich suche.

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