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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ich weiss dass du weisst, Roman von Ulla Berkéwicz, Suhrkamp
Eingestellt am 23. 04. 2001 12:18


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Torquato
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Die Maus in der Trommel
Über den Roman «Ich weiß, daß du weißt» von Ulla Berkéwicz, Suhrkamp Verlag

Eine Schreibende, die sich querstellt zur Wirklichkeit, hat das Absolute im Blick. So erhob Ilse Aichinger für sich das Postulat, Schreiben (wie Beten) könne man eigentlich nur, »anstatt sich umzubringen«, - und dann ist das Schreiben das Leben selbst. Befremdet Ulla Berkéwicz deshalb, weil in ihrer Romanstimme etwas mitschwingt, das dem deutschen Kritikerohr unbekannt ist? Nämlich, - daß die Welt unannehmbar ist? Ein Leben, das nicht zu leben ist. Davon ist Olgas Gehirn in »Ich weiß, daß du weißt» bis zur Selbstentfremdung angefüllt.

Olga Michelizki, geb. 15. November 1961. Sie wird im Roman (November 1987) die Kleine genannt. - Ich kratzte meine Matratze auf, riß an ihren Eisenfedern. - Sie war zu jung, zu frech, ihre Nägel waren zu abgebissen. - Hatte ihre alte ungelüftete Sehnsucht in der Nase und hatte Sachen gesagt. - I am scared, sagte der Kopf zwischen den Brüsten, sie beschloß, das noch nachzuschlagen im Wörterbuch. - Sie lockte, warb, führte sich vor, und er war uncharmant und wehrlos. - Ich, schrie sie, war plötzlich im falschen Leben drin, wußte das plötzlich und fragte mich, wann ich je im richtigen gewesen war. - Ich spürte mich selber nicht, und mein Mund war mir zu klein, was ich sagen wollte. - Die Selbstmordjacke hängt immer griffbereit. - Sah ihr zu, wie sie trank und lachte, gab ihr zu essen, lachte und trank mit. - Mein Herz hämmerte und trieb eine Beule aus meiner Brust, die mit lautem Knall zu platzen drohte. - Wenn er den Mund hält und den Augenblitz nicht macht. - Versuchte ich Lea zu erreichen, um wenigstens einen Fuß in der Wirklichkeit unterzukriegen. - Ich würde an nichts glauben ausser an meine Kalaschnikow und meine Lebenslügen. - Brauchst du einen Assistenten, fragte Olga und sah Alon hart an. - Ja, sagte der und sah hart zurück. - Ich kotze gleich ein bißchen, hatte ich gesagt. - Er war Kampfschwimmer der israelischen Marine gewesen, eines jener schwarzen Fabelwesen mit dem Emblem der Fledermaus auf der Brusttasche. - Es war kalt, wir sahen zu, wie unser Atem ineinander kroch. - Erzählte von dem Zweifelschub, der mich die halbe Nacht unter den Herbstlinden auf und ab getrieben hatte. Um die Ecke toter Fisch im Spreekanal, totes Hemd mit Hose im Bauch des Arbeiter- und Bauernstaats, Wohnküchenasthma! - Und ich, wie üblich, gefesselt und geknebelt, nichts hören und nichts sehen konnte, nur riechen und fühlen, was man mir tat.

Die Lust an der Übertretung. Das Verbotene fürchten und es auskosten. Über die Liebe hohnlachen und dahinschmelzen in der Erwartung, sich ihr hinzugeben. Oder alles zu zerfetzen. Verstümmelungsphantasien. Auf der Hut sein und sich im selben Moment wehtun. Den Feind schonen, - sich selber verletzen. Da möchte man der Romanfigur zurufen: Komm nach Hause, Olga!

Einige Kritiker sind mit dem Roman hart ins Gericht gegangen. Es hieß, Ulla Berkéwicz nehme der Handlung die Spannung, sie bremse die Aktionen aus, sie relativiere alles durch ihre verschiedenen Erzählfilter. Ich weise heute auf einen anderen Aspekt hin, auf die Sprache des Romans.

Die Schriftstellerin Ulla Berkéwicz ist eine Grenzgängerin ihrer Sprechweise. Der Roman schaukelt. Er hat das heikle Gleichgewicht eines im Zuströmen aktiven, durchfluteten Bewußtseins. Nach G. Wilson Knight muß höchste Leidenschaft mit einem Minimum an Erfüllung verknüpft werden, damit das menschliche Begehren vom Leib weggedrängt wird und die Energien in den Blick und in den Geist fließen. Erst dann, »in einem durchflutetem Bewußtsein«, könne schöpferische Arbeit geleistet werden.

Ein Schriftsteller, heißt es, erlebt wenig und schreibt viel darüber. In dieser Zuspitzung liegt ein Körnchen Wahrheit. Zuallererst muß der Schriftsteller aber einer sein, der viel wahrnimmt. Er hat eine hochintensive, abnorme Reizbereitschaft. Was anderen überhaupt nichts sagt („das reizt mich nicht“), überflutet im Raum der Wirklichkeit den Schriftsteller total.

Unsere Nervenzellen unterscheiden sich nur wenig von denen einer Schnecke. Sie sind bei uns nur viel komplexer vernetzt. Durch die Vermehrung der Großhirnrinde ist es offenbar möglich, hirninterne Prozesse erneut den gleichen kognitiven Operationen zu unterziehen, welche vom primären Hirnrind-Arealen vorgenommen werden, um Sinnessignale zu verarbeiten. Auf diese Weise entstehen Beschreibungen von Beschreibungen (Hirnforscher Wolf Singer).

Das Sehen als räuberischer Akt? Die Wahrnehmung ist ein kreativer Prozeß. Neuerdings meint man, daß das Gehirn einen großen Teil der an Sinneswahrnehmungen beteiligten Informationen selbst erzeugt. Das Gehirn integriert die eingehenden Signale mit anderen Signalen, die bereits im Gehirn kreisen. Auch die Wahrnehmungsorgane (Auge, Ohr) sind nicht passiv aufnehmend. So ist die Basilalmembran des Ohrs kein passives Schwingungssystem, sondern es ist befähigt, kleinste Erregungsmuster so weit zu verstärken, daß sie voneinander unterschieden werden können. Man nimmt an, daß bei einem extrem niedrigen Signalniveau das Ohr erst in einen aktiven Resonanzmodus umschaltet, um sich dann auf die Signale einzuschwingen, um so eine korrespondierende Eigenschwingung zu erzeugen.

Solche kreativen Prozesse sensibilisierter Selektion sinnlicher Eindrücke und geistiger Phänomene sind Themen des Romans «Ich weiß, daß du weißt». Besonders die Frage, wie Bewusstsein und Bewusstsein (ich und der andere) im Extrem miteinander kommunizieren, - wortlos, durch Einschwingen.

Der Roman hat Zugänge, Öffnungen. In Stimme und Stimmung, im Duft der Sprache, in harten Beleuchtungen und aus Gestanks-Einbrüchen entsteht ein schwingendes Kontinuum, Loch an Loch, der Text ist durchwirkt von Stich, Schlitz, Spalt, klaffender Wunde. Da sind Öffnungen, die das Plötzliche haben, den Schmerz und den Einblick in das Entsetzen. Dem Leser strömen beunruhigend schaukelnde und vorandrängende Proben des Daseins entgegen.

Ulla Berkéwicz hat eine ins unheimlich Tiefe gestaffelte Sprache. Streckenweise wirkt der Roman wie ein Körper, den man über den Boden geschleift hat. Ein gescheckter Text, bunt-, grau-, blutfleckig. Die Teppichknüpferin setzt dem Überdeutlichen noch eins drauf. Raritätenkabinett oder die Personnage aus einem russischen Roman? - Die Ostdeutsche Olga und der Israeli Alon, - zwei Königskinder in Schmutz und Terror. - Suff und Zigaretten, weiße Linie des Stoffs, der ins Nasenloch gezogen wird.

Ja, die Sprache in ihrer Vielfalt. Ihre Gelenkstellen, ihre Gabelungen, ihre Reißverschlüsse, ihre Verdickungen, ihre Noppen und Verdrehungen, ihre Fließgeschwindigkeit, ihr Spinnradvibrieren, ihr Torkeln, ihr Schwanken und ihr aufrechter Gang. Es gibt intensive Sätze und Satzfolgen, - Nester mit einer eingebauten Kraft. Dort pocht, klopft und schwingt es. Die Intensität dieser Proben lässt alles, was die Autorin für ihr Buch an Inhalten aufbietet, weit hinter sich. Diese magische Prosa ist den besten Passagen Wolfgang Koeppens an die Seite zu stellen.

Der blosse Duft, in dem die Worte schweben, die Energie des Zeichens, sie finden sich in der rhythmischen Sprache. Sie ist aufgeladen. Sie transportiert etwas. Die kleinen Dinge treten prall, geschmückt auf. Oft hängen Zündschnüre heraus. - Hörte jemanden schreien, sah den Affen springen, und dann sah ich sie. - Der Boden rutschte mir weg, als wärs ein Teppich. - Ging schlafen, wie alte Hunde schlafen gehen, japsend und zusammengerollt. - Sah die Ermüdungsrisse sich in Stuck und Deckenputz verzweigen. - Der Boden war mit Teppich beklebt, hinterhältige, ineinander verschlungene gemeine Schlingen waren da zu Mustern ausgelegt. - Ich sah ihn über einen Stadtraben stolpern.

Auch Gegensätze, schrill, kantig, hart herausgearbeitet, kennzeichnen den Roman. - Er wickelte mich in mein Wintertuch. - Ich rauchte tapfer gegen meinen Magen an. - Sie aber stand auf festen Turnschuhfüßen da und kaute Fingernägel. - Sie sahen einander nicht an, aber ich sah, daß ihr Atem wie giftige junge Seelen aus ihnen herausstieß. - Glaubst du, drüben ist die Wirklichkeit, flüsterte Gigi. - Ich konnte die Wirklichkeit nie glauben, sagte sie, fühlte mich immer eingekörpert und verschaukelt hier.

Die wirksamste Waffe gegen das Fließende der Natur ist die Kunst. Kunst ist inspiriert von Angst (Camille Paglia, die Masken der Sexualität). Die Strömung, das Feuchte, das Auseinanderlaufen der Dinge. Der Textfluß selbst hat etwas über die Ufer Tretendes. Der Schwellcharakter der Schöpfung, die Stülprituale des Weiter und Voran, bis hin ins schleimige Schneckenschleichen. Es ist das Zerfließen einer unbändigen, unstillbaren, auf Umwandlung, auf Verdauung, auf Stoff- und Ortswechsel versessenen Natur (Camille Paglia).

Wir finden das Ineinanderfliessen im Roman, das Einswerden mit dem, was unterwegs ist. Es gurgelt, mit Unterströmung, in der Bewegung der Steine, die im Flußbett mittrudeln, seitwärts wandern, sich loslassen. - Das ewige Kieseltreiben am Grunde der Newa. - Über einer stinkenden Gracht zündelten zwei Pausgesichter an einem Wachsberg mit Federn herum, der gerupfte Hahn dümpelte tot im Amstelwasser. - Ich sah dem Fluß der Amstel nach, geriet in ihre Strömung, trank, stieß ans Amstelende – wurde in ihren Raum gespült. - Ich konnte nicht aufhören mit dem Zählen, wie der Fluß nicht aufhört mit dem Fließen. - Ein Wasser, das nach oben fließt, sagte er, ein kräuselndes, flimmerndes Lichtwasser. Zwei Meter über der Tigerin sei es stehengeblieben, habe sich zu einer Masse zusammengesammelt und hänge jetzt dort oben in der Luft.

Skurriles gibt es im Roman, Luftnummern. - Die Heringsmänner abgezählt wie Gänseblümchenblätter. - Ich weiß, daß ich weiß, daß ich weiß, sagte er, und ich weiß, daß ich imstande bin, darüber nachzudenken, daß ich weiß, daß ich nicht weiß, daß ich weiß. - - Die Laufmaus in der Trommel, im Tretrad. - - Ich wurde immer wieder gesogen und geschluckt. - Die Frau hatte einen schlimmen Lachmund. - In der Hosentasche rumorte der Eichhorn. - Wenn es Zeichen dafür gibt, daß es mehr gibt, als es gibt. - Der Friedhof lag kahl unterm Eishimmel. - Hörte die Katzen aus ihren Wurfkästen schreien. - Ging ein Hagelwetter von der Galerie auf die Köpfe mit den Käppchen runter, kleine knallharte knallbunte Knallbonbons, gezielter Gotteshagel. - Nahm mir mein Tuch ab, schlang es um seinen Kopf, zog es ihm über Mund und Nase, so daß nur noch der Schlitz blieb für den blauen absoluten Augenblitz. - Im Garten wurde es dunkel, Erlkönigs Töchter krochen hinter den Büschen hervor, trugen Ostjeans, führten ihren Feixtanz auf, und ich fragte mich, was ich über mich weiß, und ob sie weiß, daß ich weiß.

Wilhelm Fink
(e-mail Litfink@aol.com)

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