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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ich wollte nie Ballett tanzen
Eingestellt am 29. 12. 2015 20:39


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Mistralgitter
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Ich wollte nie Ballett tanzen
(alternativer Titel: "Aus der Reihe tanzen")

Seltsamerweise geschah es immer, wenn wir GrießklĂ¶ĂŸchensuppe aßen. Wir zankten uns.
„FĂŒr deine Haltung! Es ist fĂŒr deine Haltung wichtig!“, schimpfte sie, weil ich rebellierte. Sie war aufgebracht und ließ nicht locker. Ich war noch ein Kind. Es half alles nichts. Mir fiel nichts ein, wie ich mich erfolgreich wehren konnte. Jede Woche dasselbe.
Widerwillig zwĂ€ngte ich mich in die Ballettschuhe und schnĂŒrte sie zu. Dazu diese FlattergewĂ€nder um meinen Leib, die Leichtigkeit vortĂ€uschten, wo doch alles nur harte Knochenarbeit war – auch die wollte ich nicht anziehen.
„Wer im Leben etwas erreichen will, muss sich und seinem Körper Haltung beibringen, einen geraden RĂŒcken, straffe Muskeln haben und durchtrainiert sein. Wie will man durchkommen, wenn man sich nicht unterordnet? Auf Kommando tanzt und lĂ€chelt?“

Nein, es war mir ein Graus, so eingezwĂ€ngt zu sein trotz der FlattergewĂ€nder, so gebunden, nach einer vorgeschriebenen Musik mit vorgeschriebenen Schritten den Raum ausmessend und erfassend mich bewegen zu mĂŒssen wie eine Marionette an den SchnĂŒren des Meisters oder der Meisterin und dabei lĂ€cheln, als ob das alles der Himmel auf Erden sei. Ich wollte nicht vorgaukeln mĂŒssen, was nicht stimmt. Ehrlich wollte ich sein. Nach meinem Willen entscheiden dĂŒrfen.

„Du kannst nur frei entscheiden, wenn dein Wille vorher geschult und geformt worden ist.“
Wie ich diese Worte hasste.
„Wenn du gelernt hast, Befehle von außen deine eigenen werden zu lassen, dann hast du RĂŒckgrat fĂŒr deine spĂ€teren Entscheidungen.“
Nein, dachte ich, dann hat man mich zerbrochen, bis dahin habe ich meine TrÀume zertreten. Mit spitzen Schuhen. Auf leisen Sohlen. Habe die Resignation ins Haus gelassen und ihr ein Sofa angeboten, auf dem ich zusammen mit ihr sitze. Und noch nicht einmal heule.

„Tanzt sie nicht entzĂŒckend“, ereiferte sie sich und alle nickten zustimmend. Ich hopste an allen Familienfesten etwas zusammen, möglichst steif und ungekonnt, um allen zu beweisen, wie ungeeignet ich war. Es half nichts. Sie klatschten und bewunderten mich und meinten doch eigentlich nur sich selber - sich und anderen zu beweisen, dass sie „kĂŒnstlerisch“ seien. Ambitioniert. Kenner. Sie waren einfach nur eitel.

Bis ich eines Tages wĂ€hrend der Probe stolperte und umknickte. Mein Fuß musste behandelt werden. Unser Hausarzt, der einen solch guten Ruf hatte, dass niemand sein Können in Frage stellte, war so wenig geeignet und völlig ungeschickt, dass die Verletzung nie richtig ausheilte. Diesmal ergab ich mich wortlos und hielt widerspruchslos durch. Meine Vorahnung tĂ€uschte mich nicht. Ich durfte nicht mehr tanzen. Bis heute nicht.

Seitdem sind Jahrzehnte vergangen. Ich wurde erwachsen und betreibe eine Anwaltskanzlei. Und wenn sie mich bei einem meiner seltenen Besuche kritisch anschaut und unzufrieden feststellt: „Du humpelst immer noch schrecklich und hast so eine schlechte Haltung! Dabei habe ich doch alles fĂŒr dich getan, damit das nicht passiert. Wer hĂ€tte auch ahnen können, dass du dich so ungeschickt anstellst?“, dann lĂ€chle ich, halte ihr einen meiner dicken roten Sammelordner hin und frage sie: „Welchen Paragrafen möchtest du fĂŒr deine Anklage anwenden? Und wen willst du zur Rechenschaft ziehen?“
NatĂŒrlich bekomme ich keine Antwort. Wir schweigen und löffeln anschließend unsere Suppe. Inzwischen ist es FlĂ€dlesuppe.

__________________
AST: "Ach, wissen Sie, in meinem Alter wird man bescheiden - man begnĂŒgt sich mit einem guten Anfang und macht dem Ende einen kurzen Prozess."

Version vom 29. 12. 2015 20:39
Version vom 30. 12. 2015 06:52
Version vom 30. 12. 2015 08:49

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