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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ihr Duft
Eingestellt am 20. 01. 2007 20:33


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Astrid
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Registriert: Jun 2003

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Ich wohne hinter dem gelben Streifen, dort im neunten Stock.
Auf unsere Hauswand hat der Vermieter einen dicken Regenbogen malen lassen. Soll wohl schöner aussehen als die anderen Hochhäuser.

Da, wo das Rot beginnt, ist vor zwei Tagen ein Mädchen eingezogen. Sonst kenne ich hier nicht wirklich jemanden. Und die ist auch bloß eine Zicke, habe sie im Fahrstuhl nur so ein bisschen gekitzelt, aber die hat gleich so hysterisch rumgeschrieen, ich soll das lassen.
Da habe ich angefangen, zu schwitzen. Sie ist dann im Sechsten raus.

Immer, wenn ich so kribbelig werde, fange ich an zu schwitzen.
Das habe ich von meinem Vater, sagt meine Mutter oft, wobei sie das Wort Vater ganz lang zieht und betont, als wäre er was Besonderes. Dabei erzählt sie mir nie was von ihm.
„In diesem Hause wird er nicht mehr erwähnt, hast du verstanden?“
Und doch sagt sie immer wieder: „Wie dein Vater, genauso!“ Ich kann das nicht mehr hören.

Ich will ihr nicht auch noch Ärger machen. Bisher kamen wir zwei auch ganz gut klar. Jedenfalls bis zum letzten Sommer. Da hat sie sich irgendwie verändert, war nur noch mit so einem Typen zusammen, Klaus hieß der. Sie trafen sich immer in seiner Kneipe.
„Er braucht das halt, aber sonst ist er total in Ordnung, wirst schon sehen.“
Gesehen habe ich Klaus aber dann doch nie und meine Mutter auch immer seltener.

Eines Morgens hatte ich verpennt, die erste Schulstunde hatte schon begonnen. Ich schlurfte zum Klo, als ich sie schnarchen hörte. Sie lag in ihren Straßenklamotten auf dem Sofa, ein Arm hing schlaff auf dem Teppich und ihre Finger waren in einem stinkenden Fleck Kotze.
Aus ihrem Mund lief Speichel und sie sah so unendlich alt und hässlich aus. Ich wollte sie nicht anfassen, brüllte, sie solle aufstehen, rannte in mein Zimmer, zog mich an und lief aus der Wohnung.

Wenn Mutter die Arbeit schwänzte, brauchte ich auch nicht in die Schule.

Manchmal ging ich aber hin.
„Sollst es doch mal besser haben als ich“, sagte Mutter, wenn sie gut drauf war.
Letzte Woche zum Beispiel, da hatte sie Kuchen gekauft, für jeden ein Stück. Und sie setzte sich zu mir an den Küchentisch.
Das hätte richtig schön werden können, aber dann klingelte das Telefon und Mutter wurde ganz hektisch und bekam so einen glasigen Blick.
Sie schob mich aus der Küche. „Husch, husch, du musst verschwinden, Bernd kommt gleich.“
Wer zum Teufel war Bernd und warum sollte ich verschwinden?
„Geh ein bisschen vors Haus!“

Glaubte sie etwa, ich sei noch ein Baby und wüsste nicht, was sie treibt?
Alle wussten es, also na ja ein paar und manchmal quatschten sie mich doof an: „Na, hat deine Alte wieder einen Kerl oben?“

Nein, mit Mädchen hatte ich nichts am Hut. Die machen doch bloß Stress. Mit denen in meiner Klasse konnte ich überhaupt nichts anfangen, außerdem machten die immer Witze, weil ich jünger aussehe, als ich eigentlich bin. Das ärgerte mich.
Darum rasierte ich mich auch neuerdings, soll den Bartwuchs fördern, hat mir ein Kumpel gesagt.
Nicht wirklich so ein richtiger Kumpel. Er sah mich ein paar Mal vor dem Haus und wir quatschten. Was ich so mache und später mal werden will hat er mich sogar gefragt. Habe schon gedacht, der ist Lehrer. Ist er aber nicht.

Was ich mal will? Früher wollte ich was mit Tieren werden. Ich habe Mutter so lange bequatscht, bis sie mir eine Katze kaufte. Doch irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf die Katze und der eine Typ von Mama bekam immer so ein Keuchen in der Lunge wegen dem Viech.

Ich glaube, da fing das mit dem Schwitzen an. So eine Unruhe, die in mir hoch kommt und dann muss ich was machen, irgendwo draufhauen oder so. Oder jemanden ärgern. Habe ich dann mit der Katze gemacht, erst wenn die jaulte, wurde ich wieder ruhiger.

„Wie dein Vater!“
Ich kann das nicht mehr hören.
Letztens habe ich ihr eine geknallt, als sie das wieder zu mir gesagt hat. Sofort hatte ich zwei zurück.
Es tat mir ja auch leid.

Ob sie mich bestraft hat? Nein, sie ist nicht so, für sie war die Sache erledigt. Aber da kam wieder so Einer, Giovanni, so ein Spagetti-Heini mit Gel im Haar und dem hat sie das erzählt. Da grinste der nur und meinte, „na dann wollen wir dem Bürschchen doch mal zeigen, wer hier das Sagen hat.“

Diesmal schickte sie mich nicht runter.
Der Gel-Heini grinste mich an und Mutter stöhnte so entsetzlich laut und ich konnte mir doch nicht die Ohren zuhalten, weil sie mir die Hände festgebunden hatten. Da musste ich an den Sabber denken, der ihr aus den Mund gelaufen war und an den Fleck vor der Couch und ich schrie sie an, sie solle aufhören und dann endlich banden sie mich los vom Stuhl und ich rannte ins Bad und übergab mich.

Spät am Abend, ich hatte mich nicht mehr aus meinem Zimmer getraut, kam sie zu mir. Ich stellte mich schlafend. Sie strich mir über das Haar und legte mir meinen alten Teddy in den Arm. Manchmal war sie so. Wie eine richtige Mutter.

In dieser Nacht träumte ich, dass wir im Zoo waren. Früher einmal waren wir wirklich dort gewesen und danach wollte ich Tierarzt werden oder Zoodirektor.
Aber das habe ich mir schon längst versaut, habe eine Ehrenrunde gedreht in der Siebenten und keine Ahnung, ob ich die Achte noch schaffe. Wozu auch?

Lieber hänge ich hier ab, sitze einfach nur da, beobachte die Leute, die vorbeikommen und denke mir so Geschichten aus.
Ein Lehrer hatte mal gesagt, ich hätte viel Fantasie, nur meine Rechtschreibung sei katastrophal, aber da könne man ja was machen.
Der war aber nur zur Vertretung bei uns.

Vor ’ner Woche hatte mich der Kumpel gefragt, ob ich Lust hätte, ein Video bei ihm zu gucken. Warum nicht.
Er wohnte im Zehnten. Er gab mir ein Bier und legte einen Porno ein. Mann, da ging es richtig ab, die Frauen waren nicht so zimperlich wie die Kleene neulich im Fahrstuhl. Eines Tages würde ich auch solche richtigen Frauen finden.
Vielleicht würde ich sogar selbst mal in so einem Film mitspielen. Das sagte ich dem Kumpel. Da gab er mir ein zweites Bier, von dem ich Schluckauf bekam. Dann musterte er mich langsam von oben bis unten. „Dreh dich mal! Hast ’nen schönen Arsch. Warte mal, ich habe da noch einen anderen Film.“
In dem waren aber nur Männer zu sehen, das fand ich eklig. Und dann fing der Kumpel auch noch an, mir auf die Pelle zu rücken, da bin ich abgehauen.
Ist eben nicht einfach, Freunde zu finden. Nicht mal in so einem Regenbogenhaus.

Einmal kam ich nach der Schule nach Hause und im Fahrstuhl passierte es dann. So musste es sich anfühlen, wenn man sich verliebt.
Die Frau war zwar nicht mehr da, aber ihr Duft. So etwas hatte ich noch nie erlebt! Mir wurden die Knie weich, ich sog die Nase voll, bis tief in die Lungen. Lange blieb ich dann vor unserer Wohnungstür stehen, weil ich wusste, welcher Gestank mich dahinter wieder erwarten würde. Ich huschte mit meinen Duftlungen ins Zimmer und warf mich aufs Bett. Dort blieb ich bis zum Abend liegen.

Das kann nur jemand gewesen sein, dachte ich, der hierher zu Besuch kam. Wer so duftete, konnte unmöglich hier wohnen.

Ich hatte nur noch ein Ziel, ich musste herausfinden, wer die Frau war.
Jeden Morgen und Abend rasierte ich mich und beäugte argwöhnisch mein Kinn auf der Suche nach dem Bart. Von nun an achtete ich auf mein Äußeres, was nicht wirklich einfach war. Zumindest kämmte ich mir nun öfter die Haare und wenn ich vor dem Haus abhing, passte ich auf, dass mein knackiger Hintern zu sehen war.

Ich roch sie, bevor ich sie sah und ärgerte mich, weil ich auf der Treppe saß. Zwei rote, hochhackige Schuhe blieben vor mir stehen. Langsam hob ich den Kopf, hielt eine Hand gegen die Sonne.
Ich bekam keinen Ton heraus.
„Wohnst du hier?“ Ich nickte.
„Ich versorge die Katze von einem Freund.“
Ich nickte wieder. Also konnte man hier doch Freunde haben.

An der Tür drehte sie sich noch einmal um.
Ich begann zu schwitzen. Nein, jetzt nicht, ich muss ruhig bleiben, sie ist so schön, so unbeschreiblich, so wunderbar.
„Hinterher“, dachte ich, aber die Tür fiel schon hinter ihr zu.

Ich lief auf den Hof und suchte nach etwas, wo ich gegen treten konnte.
Bei ihr wollte ich nicht schwitzen!
Ich biss mich in den Arm, hatte ich irgendwann mal entdeckt, wenn gar nichts half. Das kam gut. Meine Zähne gruben sich in das Fleisch, das tat kurz weh und dann war wieder alles gut.
Bloß im Sommer war das blöd, dann musste ich immer was Langärmliges anziehen, weil man sonst die blauen Stellen sah und mir doofe Fragen stellte.
Mutter hatte mich mal verkloppt deswegen. „Das hast du alles von deinem Vater!“

Gestern kam die Frau wieder. Diesmal stand ich.
„Ich hatte früher auch eine Katze“, sagte ich schnell.
„Du bist nett.“

Wie sie duftete! Nicht schwitzen, bitte nicht schwitzen. Meine Hand tastete zur Stirn, die war trocken.
„Bist du nervös?“
„Nö.“
Wir fuhren mit dem Fahrstuhl in den zehnten Stock. Ihr Duft hüllte mich ein; ich stand so dicht neben ihr, dass der Stoff ihrer Bluse meinen Arm berührte.

Als der Fahrstuhl hielt, steuerte sie auf eine Tür zu, hatte den Schlüssel schon in der Hand. Das konnte doch unmöglich sein!
Ich zögerte.
„Was ist?“
„Ach nichts.“

Nacheinander betraten wir die Wohnung. Die Katze kam aus der Küche und strich mir um die Beine.
„Warste hier schon mal?“

„Klar war er hier schon mal!“
Der Kumpel.
„Hey, du bist schon zurück? Warum hast du nicht angerufen?“
Jetzt küsste er sie doch tatsächlich.
„Na“ meinte er und schlug mir auf die Schulter. Dabei ließ er sie nicht los und ein Grinsen riss seinen Mund auf. „Geile Braut, was?“ Und er küsste sie wieder.
Nein, schrie es in mir, das durfte nicht sein!
„Ach lass, nicht vor dem Kleinen.“
„Der ist vielleicht noch klein, aber er hat es schon faustdick hinter den Ohren!“ Er hörte nicht auf zu grinsen.

Ich spürte, wie ich rot wurde. Rot werden war fast noch schlimmer als schwitzen. Ich fuhr mit der Hand über die Stirn. Sie war feucht.

Der Kumpel klatschte in die Hände. „Wisst ihr was, ich rutsche schnell zum Kiosk runter und hole uns was zu Trinken und dann machen wir drei Hübschen uns einen schönen Abend!“

Mein Hemd klebte am Rücken.
Sie ging in die Küche und goss sich ein Glas Wasser ein. Ich folgte ihr. Sie hielt mir ihr Glas hin. „Willste auch?“
Dabei strich sie mir eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht, „dir scheint warm zu sein.“ Wie sie lächelte!

Sie drehte sich um und öffnete den Kühlschrank. Ich sah nur ihren Hals, diese sanfte Linie und das Weiß, so hell wie zartes Fleisch. Meine Hand zuckte. Sie war klitschnass. Ich wischte sie an der Hose ab.

Ich wusste nicht, wie das Messer in meine Hand gekommen war. Ihre Haut war so zart, zu zart für den Anderen.

Ich hätte ihr so gern noch einmal in die Augen gesehen, ihr gesagt, dass sie es besser haben würde bei mir. Doch sie drehte sich nicht mehr um. Sie sackte zusammen, ihre Finger krallten sich in die Kante der Arbeitsplatte, rutschten ab, und ihr Duft erfüllte noch einmal den Raum.

Ich hatte aufgehört zu schwitzen.

__________________
Astrid

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AaronCaelis
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Werke: 7
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Der Übergang am Schluß könnte ein wenig Politur vertragen, ab "...Hose ab. Ich wusste nicht...", vor allem die Stelle "...ihre Haut war so zart..." Die Beschreibung des Sterbens selbst 'holpert' ein wenig.

Fast druckreif. Gute Arbeit.

schöne Grüße
AC
__________________
What a man thinks - really thinks - goes down into him and grows in silence.
What a man writes in books are the thoughts that he wishes to be thought to think.

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