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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Ilias und was davon übrig blieb
Eingestellt am 02. 04. 2007 18:52


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dubidu
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Gestern lief Troja im ZDF und ich schaute mir das Spektakel noch einmal an.

Als der zornige Achilles, übrigens sehr überzeugend gespielt von Brad Pitt, Hector zum Kampf herausfordert, um seinen Lieblingsschüler und Vetter Patroklos zu rächen, schossen mir spontan einige Fragen durch den Kopf: Wäre es vorstellbar, dass der zeitgemäße „Universal Soldier“ auf dem Schlachtfeld der „High-Tech-Jetztzeit“ genauso reagierte?

Ist der Zorn des Achilles nicht ein wenig antiquiert und würde der heutige Held in einer ähnlichen Situation vernünftiger handeln?

Wenn mein Vetter ohne meine Zustimmung in meine Rüstung schlüpfte, um sich ins Getümmel zu stürzen und dabei im Kampfe fiele, dann wäre das höchst schmerzlich, doch würde ich sofort denken: Selber Schuld! Wenn mein des heldenhaften Kampfes ungeübter Schüler so blöd wäre, dann ist er sicherlich tollkühn, vielleicht lebensmüde, aber ganz gewiss dumm und hat es nicht besser verdient. Fiele er nicht heute, dann möglicherweise morgen, spätestens übermorgen. Keinesfalls würde ich mich zum Trottel machen, zwei Stunden vorm Stadttor heulend herumschwänzeln und hundertmal „Hector, Hector!“ schreien. Zumal ein Restrisiko bliebe, denn Hector könnte mich um einen Kopf kürzer machen. Und mein Kopf ist mir näher als der bereits abgeschlagene meines Vetters.

Denke ich zu vernünftig? Habe ich zu wenig Ehrgefühl, fehlt mir der natürliche Zorn, das Blutrache-Gen?

Blicken wir ein wenig in Richtung Südosten, dann finden wir mit zunehmender Entfernung vom Ausgangspunkt immer mehr Länder, in denen die Blutrache ein durchaus akzeptables Mittel ist, sein angemessenes Ehrgefühl auszudrücken.

Bin ich also der moralisch bessere Mensch? Mitnichten, denn ich weiß nicht, wie ich reagierte, falls ein Monster meinen Sohn vergewaltigte und ermordete. Die etwas älteren Leser erinnern sich sicherlich noch an Marianne Bachmeier, die Rächerin ihrer ermordeten Tochter Anna. Damals hatte sie mein Mitgefühl und ihren Krebstod kurz nach Verbüßen der Gefängnisstrafe empfand ich als besonders tragisch.

Wir sollten mit unserem Urteil über die „richtige Moral“ sehr vorsichtig sein. Sehr schnell können wir in eine ungewohnte Situation kommen, in der unser Zorn zum Bestimmungsfaktor des Handelns wird. Moralen sind gewiss abhängig von Raum und Zeit, doch die wichtigste Rolle spielt unser Gemüt.

Das letzte Jahrhundert der psychoanalytischen Apologeten hat uns vorgegaukelt, dass unser Eros, also unsere erotischen Triebe unser Sein bestimmen. Alles Humbug: das, was uns Menschen mehr prägt, ist unser Thymos, unsere Lebenskraft. Das sind Gemütsverfassungen, wie Selbstbeherrschung, Gelassenheit, Zorn, Neid, Selbstachtung und Stolz, um nur einige zu nennen. Das Gemüt ist der Hauptdarsteller auf der großen Bühne des Menschseins, der Trieb spielt nur eine Nebenrolle.
__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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Heidi Hof
Hobbydichter
Registriert: Apr 2007

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Hallo dubidu

Es ist schon knapp eine Woche her, als ich deine Kolumne gelesen habe, leider konnte ich dir noch nichts dazu schreiben, weil ich noch aktiviert werden musste.
Auch ich habe diesen Film gesehen, und war erstaunt darüber, welche tiefsinnigen Gedanken man dazu bekommen kann.
Deine Sprache liest sich sehr leicht und fließend, und deine Ironie kommt gut rüber. Es hat mir Spaß gemacht, deinen Text zu lesen.
Aus persönlicher Sicht heraus, hätte ich gerne noch weitere Zeilen gelesen, du hattest das Thema intensivieren können.

Aus Erfahrung weiß ich, dass man im Thema selber keine Diskussionen anfangen darf, schade, denn ich würde gerne über dieses ausgesprochen interessante Thema ein wenig plaudern.


__________________
Liebe Grüße
Heidi

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