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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Im Abseits
Eingestellt am 02. 08. 2015 10:10


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Ji Rina
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Registriert: Apr 2015

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Mein Platz war immer der vor der Veranda in der NĂ€he des Wasserhahns. FĂŒnf Jahre hatte ich dort gestanden. Es gab nie einen Grund, mich zu beschweren. Ich stand neben kleinen Gruppierungen hĂŒbscher, violetter Blumen und genoss den Blick auf einen schönen Rasen. Er war stets gut gepflegt und verbreitete, besonders abends, nachdem er gegossen wurde, einen angenehmen Duft. Alles um mich herum strahlte in seiner vollen Schönheit. Im Vergleich zu den anderen Blumen und Pflanzen, die mich umgaben, war ich hĂ€sslich. Ein unförmiges GewĂ€chs mit langen Tentakeln, die richtungslos um sich griffen. Ich war nichts weiter als ein gewöhnlicher Kaktus in einem Land voller Kakteen, in dem man normalerweise einem solchen GewĂ€chs, wie ich es war, kaum einen zweiten Blick gewĂ€hrte. Aus diesem Grund war ich mir bewusst, dass ich mich besser ĂŒber nichts beklagen sollte. Und es gab ja auch keinen plausiblen Grund zur Klage: Das Fleckchen Erde, auf das man mich gepflanzt hatte, war ein Geschenk Gottes. Und doch habe ich immer geahnt, dass diese guten Zeiten ein Privileg waren, ein GlĂŒcksfall, der nicht ewig anhalten wĂŒrde.

Dort, wo ich stand, in der NĂ€he der Veranda und des Wasserhahns, hĂ€tte ich bis an mein Lebensende stehen können: Im Winter war ich windgeschĂŒtzt, weil sich die VerandaflĂŒgel hinter mir und die hohen Palmen vor mir befanden. Und im Sommer erwies sich der nahe gelegene Wasserhahn als ein stĂ€ndiger Retter in der Not. Zwar brauchte ich weniger Wasser als alle anderen, aber es war immer vorhanden: Vergaß man, mich zu gießen, so hatte ich immer GlĂŒck. Vielleicht lief jemand an mir vorbei, und es schwappte etwas von einem vollen Eimer oder einer Gießkanne in meine Richtung, oder eine lange PfĂŒtze breitete sich vom Hahn bis zu mir aus. Wasser fehlte mir nie.

Das Übel begann, als man mich eines Tages einfach aus der Erde zog. Es geschah im FrĂŒhling: Eine Hand – oder besser gesagt ein Handschuh – griff nach mir und zog mich mit einem Ruck heraus, einfach so, völlig brutal und ohne zu zögern. Ich erlitt einen Schock, von dem ich mich nie mehr richtig erholt habe. Man steckte mich in ein GefĂ€ĂŸ aus Plastik, das, so meine ich, in der Mitte einfach durchgeschnitten war. Ja, es war nicht einmal ein normaler, dezenter Blumentopf aus Ton oder Keramik, wie die, in denen andere Blumen und Pflanzen ihr Leben verbringen. Möglicherweise hatte man es auf meine GrĂ¶ĂŸe reduzieren wollen. Dann stellte man mich nach draußen, außerhalb des GrundstĂŒcks, neben das Eingangstor.
Bereits nach wenigen Tagen, als ich dort wartete und nichts passierte, wurde mir einiges klar: Ich war ausgeschlossen. Ich gehörte nicht mehr der Gemeinschaft an. Der Garten dieser prachtvollen Villa, in dem ich geboren wurde, war nicht mehr mein Zuhause. Man hatte mich ausgestoßen, verabschiedet, und mich an einen Platz abgeschoben, der mir jede Lebensfreude nahm. Einige Autos fuhren mehrmals am Tage dicht an mir vorbei. Sie fuhren durch das Tor hinaus und irgendwann im Laufe des Tages wieder hinein. Ich atmete Abgase und konnte außer einer asphaltierten Straße kaum noch etwas sehen. Ein winzig kleiner Spalt zwischen den StĂ€ben des Tores gewĂ€hrte mir noch Einblick auf eine kleine hintere Ecke des Gartens, dort, wo die GĂ€nseblĂŒmchen und die Rosen standen. In meiner NĂ€he jedoch stand niemand, ich war allein. Mit der Zeit fand ich mich damit ab, ich schlug die Stunden tot, indem ich dort einfach stand und in den Himmel blickte. Ich wollte die Hoffnung, dass es fĂŒr mich möglicherweise noch ein ZurĂŒck gĂ€be, nicht aufgeben. Ich hoffte, es sei vielleicht nur eine provisorische Lösung. Aber dass dies nicht der Fall war, wurde mir klar, als der Sommer kam, und ich merkte, dass man mir kein Wasser mehr gab. Man vergaß, mich zu gießen. Nicht nur versehentlich, hin und wieder, wie es frĂŒher geschah. Nein, man verweigerte mir absichtlich das Wasser. Ich konnte jedoch sehen, wie alle anderen Blumen, Pflanzen und BĂ€ume im Garten gegossen wurden.

Jeden Abend musste ich mit anschauen, was dort im Garten vor sich ging. Ich sah, wie man sogar den großen, krĂ€ftigen Palmen stundenlang den Wasserschlauch hinlegte. Die Palmen! Die, die es nun wirklich nicht nötig hatten. An manchen Abenden vergaß man dort sogar den Schlauch, und das Wasser sickerte bis auf die andere Seite des Gartens, dort, wo ĂŒberhaupt keine Blumen oder Pflanzen standen. Irgendwann bin auch ich dran, dachte ich, irgendwann werden sie sich an mich erinnern. Sie werden merken, dass ich nicht mehr an meiner gewohnten Stelle stehe, dass man mich versehentlich neben dem Tor abgestellt hat, und dann werden sie kommen.
Aber niemand kam.

Der Sommer brach mit seiner ganzen Kraft herein. Schon am frĂŒhen Morgen warf die Sonne ihre Strahlen erbarmungslos auf mich herab, Stunde um Stunde. Und gegen Mittag, wenn die Luft richtig glĂŒhte, dachte ich, ich mĂŒsse verbrennen. Ich brannte tatsĂ€chlich. Meine Haut entzĂŒndete sich, sie wurde wund und braun. Nach einigen Wochen trocknete sie vollkommen aus, wurde fransig und löcherig. Jegliche Lebenskraft begann, aus meinem Körper zu entschwinden. Es kamen Tage, an denen ich mich kaum noch halten konnte, ich war kraft- und mutlos. Manchmal wehte ein starker Wind. Das machte alles nur noch schlimmer. Kein Schatten, nur noch Sonne und warmer Wind aus Afrika. Eines Tages fegte ein Windstoß mit solch einer Kraft gegen mich, dass der BehĂ€lter, in dem ich stand, umfiel. Da lag ich nun wehrlos am Boden. Niemand hob mich auf. Der BehĂ€lter war viel zu eng geworden. Meine Wurzeln, mein Körper, alles war eingequetscht. Meine Glieder hatten sich lĂ€ngst verformt, sie schmerzten und begannen abzusterben. Als man mich eines Tages, mehr tot als lebendig, von dieser Stelle wegtrug, da dachte ich, man hĂ€tte sich an mich erinnert. Jetzt wĂŒrde man mich wieder an meine alte, gewohnte Stelle bringen, um mich zu bewĂ€ssern und zu pflegen. Doch stattdessen brachte man mich auf ein weites Feld, und ich landete auf einem großen, dunklen Haufen. Als ich mich umschaute, sah ich, dass ich auf einem Riesenberg Unkraut lag, auf verfaultem Laub, Wurzeln, Ästen und herausgerissenen Pflanzen, die lĂ€ngst tot waren. Einige lebten noch und vegetierten stumm vor sich hin. Der Geruch war muffig und abstoßend. Der Anblick war so furchtbar hoffnungslos 
 und ich begriff: Dies war mein Ende.

Nachts hörte ich seltsame Stimmen, die von irgendwoher – weit unter mir – drangen. Es hörte sich an wie ein endloses Klagen. Ich hörte jemanden sagen, man wĂŒrde uns verbrennen. Wir seien zu nichts mehr nĂŒtzlich. Jemand sagte, dass das so ĂŒblich sei: Man wĂŒrde den Haufen mit Benzin betrĂ€ufeln und uns daraufhin anzĂŒnden. Als ich dies hörte, entwickelten sich solche Horrorszenen in meinem Kopf, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte: verbrennen? WĂŒrde man das einfach so tun? Uns bei lebendigem Leibe verbrennen? Obwohl doch jeder wissen mĂŒsste, wie brutal es ist, wie undenkbar brutal, lebende Wesen auf solch eine Art zu quĂ€len. Nachts konnte ich nicht mehr schlafen. Kleine, zarte und hilflose BlĂŒmchen, die unter der Last der Äste lagen, wimmerten stĂ€ndig vor sich hin. Ich erkannte versengte Skelette, die unförmig um mich herum aus der Erde ragten. Im Mondschein sahen sie aus wie Gespenster.
Wochenlang lag ich dort, unbeweglich, gespannt auf eine Folter, in der es nur noch darum ging, die Stunden zu zĂ€hlen, bis man uns umbringen wĂŒrde.

Ich beobachtete den Mond, der sich langsam durch den schwarzen, wolkenlosen Himmel fortbewegte, und ich fragte mich: Wie lange noch? Wie lange mĂŒssen wir das hier noch ĂŒber uns ergehen lassen? Ich begann zu beten: Lieber Gott, lass es ein bisschen regnen, lass ein paar Tropfen auf die Erde fallen, damit ich wieder halbwegs zu KrĂ€ften komme. Wenn ich etwas Wasser aufnehmen könnte, und seien es nur ein paar Tropfen, dann wĂŒrde ich es vielleicht irgendwie schaffen. Mit einem heftigen Windstoß könnte ich von dieser Stelle wegkommen, weg von diesem Haufen. Manchmal fing ich einfach an zu schreien. Ich schrie so laut, dass man mich Kilometer weit hören musste. Blitzige Augen starrten mich dann aus der Dunkelheit verwirrt an. Ich hörte leise Stimmen, die sagten, mein Geschrei wĂŒrde nichts nĂŒtzen. Dass auch andere lange, sehr lange gebetet und gehofft hĂ€tten.

Ich starb am 15. September 2009.

Es war gegen sieben Uhr in der FrĂŒh, und ich erinnere mich, dass ich noch das laute Rauschen des Wasserschlauchs drĂŒben im Garten hörte. Aber ich nahm es kaum noch wahr. Ich wusste nur, es ging jetzt zu Ende. Das endlos weite Feld, auf dem ich lag, begann sich zu bewegen. Es bewegte sich wellenartig, ganz sanft, hin und her. Tausende bunte Blumen tauchten plötzlich auf der FlĂ€che auf, und neigten sanft ihre Köpfe. Das gesamte Feld sowie alle StrĂ€ucher und BĂ€ume verfĂ€rbten sich langsam in ein unendliches Blau und einige Sekunden spĂ€ter in ein zartes Violett. Der Himmel glĂ€nzte rosarot. Ich wusste nicht mehr –, war es ein Traum oder Wirklichkeit? Dann wurde langsam alles dunkler, so, als zöge ein Schwarm großer Vögel vor die Sonne, bis es ganz schwarz wurde.
Kurz danach war ich weg.

Seitdem ist sehr viel Zeit vergangen. Und seit jenem Tage beobachte ich alles von hier oben. Auf diesem Feld, auf dem ich einst lag, sehe ich noch immer einen Haufen mit neuem Laub, verdorrten Ästen und halb toten Blumen. Nachts höre ich ihr Schreien. Aber es gibt nichts, was ich fĂŒr sie tun könnte.

Ich könnte fĂŒr immer hier oben bleiben, denn hier brauche ich nichts und es gibt hier nichts zu befĂŒrchten. Aber ich weiß, dass ich irgendwann wieder dort runter muss. Eine unbestimmte Energie wird mich eines Tages auf völlig unerwartete Weise einfach aufsaugen und wieder herunterziehen. Und mir ist klar, dies kann jederzeit geschehen.

Nun schaue ich tagtÀglich auf all diese HÀuser herab.
Manche haben schöne GÀrten voll saftiger RasenflÀchen und bunter Blumen. Ich entdecke Teiche und jede Menge WasserhÀhne und SchlÀuche. Andere HÀuser hingegen haben verkommene GÀrten; sind kahl und vertrocknet.
Aber ich sehe auch sehr viele HĂ€user, in denen niemand wohnt. Es scheint mir, als seien sie vergessen worden.
Und ich habe Angst.

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Das Foto, das mich zu dieser Geschichte inspiriert hat, ist hier
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Der Leser hatÂŽs gut: Er kann sich seine Schriftsteller aussuchen.
(Kurt Tucholsky)

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