Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5469
Themen:   92956
Momentan online:
328 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Anonymus
Im Abseits
Eingestellt am 19. 04. 2006 01:01


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Im Abseits

Ich bin in meinem eigenen Traum gefangen, tr├Ąume nur von dem, was dort geschieht. Doch alles ist Wirklichkeit, hart und unausl├Âschlich. Fiktiv, greifbar. Hautnah, wenn auch unbegreiflich, aber... ich lebe.
Es gibt noch nicht einmal ein aber, keine Frage nach einem warum und wieso. Es gibt nur Tatsachen, die sich wie Klauen um meinen Hals legen. Die mir die Luft nehmen, den letzten Lebenswillen ersticken.
Ein lapidarer Brief von Amts wegen ist Ausl├Âser f├╝r diese Situation. Das soziale Netz reicht nicht mehr aus, mir gen├╝gend Geld f├╝r die von mir jahrelang bewohnte Wohnung zu zahlen. Ich bin zu m├╝de zum K├Ąmpfen, zu alt. Habe von einer Minute zur anderen aufgegeben, als ich den Inhalt verstand.
Ich stehe in einer gut zug├Ąnglichen Tiefgarage, schaue mich um. W├Ąhrend der Nacht brennt hier Licht, wird zum Sicherheitsfaktor. Sie wird zuk├╝nftig mein Nachtplatz sein.
Ich will mich abseits etwas hinsetzen. Die Beine versagen mir den Dienst. Meine Augen sehen alles, fast fotografisch genau. Der kunststoffbeschichtete Boden schimmert matt. Flecken von ├ľl, Kaugummis. Eine d├╝nne Pf├╝tze steht darauf. Ich mache einen gro├čen Schritt, trotzdem trete ich hinein.
Urin. Es ekelt mich. Der strenge Geruch setzt sich schon nach Sekunden tief in die Kleider, das Haar. Zieht in die Nase.
Endlich finde ich eine Ecke, die nicht voll einsehbar ist. Ein Platz f├╝r Frauen, unweit einer Begrenzungswand.
Ich wei├č, ich werde mich an diesen Zustand gew├Âhnen, gew├Âhnen m├╝ssen. ├ťber meinen K├Ârper zieht eine G├Ąnsehaut. Wie lange kann ich unter solchen Bedingungen leben, ├╝berleben? Es ist ein aufgezwungener Platz. N├Ąhe mit anderen Menschen, um mich sicherer zu f├╝hlen. Ein Countdown ins Nichts. Irreal die Vorstellungen. Das Nichts und trotzdem die Suche nach Sicherheit.
Verflucht. Ich komme nicht von der Stra├če, sondern werde dazu verurteilt. Passe mich schon mit der Sprache an. Nie werde ich mich mit diesen Menschen identifizieren wollen und k├Ânnen und trotzdem wei├č ich, da├č diese Atmosph├Ąre mich aufsaugen wird. Je eher und bewusster ich mir das zugestehe, desto besser. Der Weg ins Abseits, ins Abw├Ąrts ist immer schneller. Die Talfahrt rasant.
Mein Lachen ist laut, gequ├Ąlt und bitter. Welche Wahl habe ich noch?
Ich ziehe die Schultern zusammen. Ein paar M├Ąnner kommen n├Ąher. Langsam, schlurfend, neugierig und gleichzeitig teilnahmslos. Unrasiert, grau im Gesicht. Alte und junge. Mit glanzlosen Augen, Narben, Zahnl├╝cken. Adams├Ąpfel tanzen zwischen offenen Hemdkragen. ├ťber ausgeleierten Rundabschl├╝ssen von Shirts, die an der G├╝rtellinie der auf den H├╝ften h├Ąngenden Hosen ├╝berh├Ąngen oder sich ├╝ber B├Ąuche spannen. Behaart, glatt Arme und Bauch.
Bizarr, Denken und F├╝hlen. Ich bin nicht allein und doch mehr als allein. Ich habe keine Angst vor diesen Leuten. Sie sind Menschen wie ich. Namenlose Sympathie erw├Ąchst pl├Âtzlich. Noch haben wir kein Wort miteinander gesprochen. Ich begreife: Kreuzungen unserer Lebenslinien sind seit Urzeiten vorausbestimmt. Unabdingbar! Es gibt keinen anderen Weg.
Etwas wehrt sich in mir, es einfach hinzunehmen. Trotzdem glaube ich in einem Zipfel meiner Seele daran. Ich kann es nicht erkl├Ąren, nicht ins Nichts st├╝rzen. Ist es Gott? Schicksal?
Es gab einmal Menschen, mit denen ich dar├╝ber h├Ątte diskutieren k├Ânnen. Nun geh├Ârt auch das der Vergangenheit an, einer Zeit, die nicht mehr relevant ist. Ob wir je ein gemeinsames Ziel gefunden h├Ątten? Fraglich. Doch tr├Âstlich, es war einmal so gewesen. Es war nicht alles nur Alleinsein und Hoffnungslosigkeit.
Ich fl├╝chte mich in diese Vergangenheit. Fl├╝chte in eine Zeit, die nicht nur von positiven Dingen erf├╝llt war. Aber ertr├Ąglicher als das Jetzt.
Schei├če!
Ich m├Âchte dieses Wort laut heraus schreien. Dieses Wort, das nicht zu meinem sprachlichen Vokabular geh├Ârt. Vielleicht ist es die erste Symbiose, die ich mit meinem neuen Leben eingehe. Wahnsinn!
Ich gebe alles auf. Erfahre eine neue Gemeinschaft. Nichts bleibt von Liebe, von Gef├╝hlen, Leidenschaft und K├Ârperlichkeit.
Hier geht es allein ums ├ťberleben. Hunger und Durst, der gestillt werden mu├č. Einen Quadratmeterraum f├╝r die Notdurft.
Ich fange an, mich in diesen Minuten der ersten Begeg┬Čnung anzupassen. Einer Gemeinschaft anzugliedern, die das l├Ąngst durchlebt hat. Meine Angst klammert sich an ihre Erfahrungen. Sie sollen nicht wissen, da├č sie Gewalt ├╝ber mich haben. Ich will mich nicht gleich ausliefern, sie aber auch nicht abweisen.
Nein! Ich bin nicht mehr ich. Habe ich mich wirklich total ├╝ber Bord geworfen? Es erschreckt mich, frustriert.
Dazu kommen Gedanken, die kreuz und quer mein Leben durchforschen: Ist wirklich die Armutsgrenze Grenzen-losigkeit des Lebens? K├Ânnen meine Freunde auf Dauer diesem Gefl├╝ster widerstehen? Den Fragen, den Antworten, dem Nichtwissen? Kann ich es?
Lebensabschnitte mit der Dunkelphase des Alles-├╝ber-Bordwerfens habe ich m├╝hsam ├╝berlebt. Schei├če! Ich bin um kein Gramm besser als die anderen, daran mu├č ich mich gew├Âhnen. Das Jetzt z├Ąhlt, nicht die Vergangenheit. Die anderen haben mir ihre Erfahrungen voraus. Das allein mu├č ich akzeptieren. Wer wei├č, was in zwei Jahren ist, wie ich in zwei Jahren bin? Ob ich noch lebe?
Dieser vorstellbare Zeitraum ist die H├Âlle. Ich trete an wie ein Zivilist. Unerfahren im Abseits der m├Âglichen M├Âglichkeiten. Alles ist fragw├╝rdig.

Epilog

Diese Frau mit Namen Erika hat mir, einer Sozialarbeiterin, als sie dem Tod ins Gesicht sah, ihre Geschichte erz├Ąhlt. Das wichtigste war f├╝r sie ihre letzte Zeit. Sie wurde aufgesogen von der Anonymit├Ąt der Menschen auf der Stra├če, jedoch weit weg von Resignation und Vorw├╝rfen. Sie hatte Frieden gefunden. Der Tod legte ein L├Ącheln auf ihr Gesicht und ihre Hand lag in der meinen.
Sie hatte mich gebeten, falls ich es wollte, einigen Menschen von ihr zu erz├Ąhlen.
Ich erf├╝lle ihr Verm├Ąchtnis. Eines, das ich, ohne in der Pflicht zu sein, ├╝bernehme. Eines, das mich nachdenklich macht. Sehr nachdenklich.
In der Todesanzeige, die ich aufgab stand: Erika lebte ihr Leben, wie es ihr zugewiesen wurde: Tapfer und klaglos.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ENachtigall
Foren-Redakteur
???

Registriert: Nov 2005

Werke: 209
Kommentare: 4065
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um ENachtigall eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Hallo Anonymus,

ich habe den Text gleich zweimal gelesen, weil so viel drinsteht. Ein sehr bewegendes Portrait eines Menschen "im Abseits". Allein am Schluss empfehle ich Dir nach dieser Stelle zu enden:

quote:
Sie hatte mich gebeten, falls ich es wollte, einigen Menschen von ihr zu erz├Ąhlen.
Alles weitere empfinde ich als ├╝berfl├╝ssig. Es "verw├Ąssert" den sonst so starken Eindruck.

Gru├č
Elke
__________________
Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

Bearbeiten/Löschen    


Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Im Abseits

Hallo Elke,

danke f├╝r Deine Mitteilung. Das Ende werde ich k├╝rzen. Ein guter Gedanke.

Texte wie dieser treffen nicht immer den Lesegeschmack. Aber trotzdem, bin ich froh, wenn er gelesen und verstanden wird. Denn auch das ist unsere Welt

Herzliche Gr├╝├če

Anonymus

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Anonymus Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!