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Leselupe.de > Science Fiction
Im Auge des Bewahrers
Eingestellt am 01. 09. 2011 10:02


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Marco Kaas
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2011

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Im Auge des Bewahrers
Marco Kaas

*
Ein fortw├Ąhrender Krieg herrschte zwischen diesen Welten. Wie die Jahrzehnte verstrichen, schwand die Hoffnung auf einen dauerhaften Frieden mit jedem weiteren Marschbefehl, jedem neuen Angriff, jeder Flotte, die im H├Âllenfeuer all ihrer irrwitzigen Waffen aufgerieben wurde.
Vereint waren die Welten unter dieser Sonne nur gegen den Eindringling. Ein seltenes Bild der Eintracht und doch keine Atempause, kein Funken Hoffnung auf Frieden. Der Eindringling war m├Ąchtig, sehr m├Ąchtig sogar, und im Kampf gegen ihn fielen sie schon wieder, all die m├╝den Soldatinnen und Soldaten.
So entsprang es zumindest der Feder des Bewahrers. Im flackernden Kerzenlicht seiner Kammer schrieb er rastlos Nacht f├╝r Nacht. Federschwung um Federschwung entstand die Geschichte dieses Krieges mit der Detailverliebtheit eines Getriebenen, der kaum noch etwas Anderes im Sinne hatte.
"Darf man fragen, was Sie schreiben, mein Guter?" meldete sie sich h├Âflich zu Wort.
Da war sie wieder, seine fl├╝chtige Besucherin. Langsam und respektvoll, als k├Ânne er ihre Erscheinung abermals verjagen, wandte sich der Bewahrer vom Schreibtisch ab und blickte auf.
"Es ist eine epische Geschichte ├╝ber Krieg und Frieden", verriet er ihr.
Dieses Mal blieb sie in seiner Kammer, l├Ąchelte gar ein bisschen. "Wissen Sie schon, wie sie ausgeht?" erkundigte sie sich.
"Nein", gestand er. "Sie geschieht einfach. Am Ende wird Frieden herrschen, aber ich wei├č noch nicht, wie. Ich schreibe diese Geschichte, wie sie mir einf├Ąllt. Das ist ausgesprochen wichtig, sonst w├Ąre sie nicht ... nun, sie w├Ąre nicht authentisch."
"Ich verstehe", nickte die Besucherin respektvoll.
"Wer sind Sie?" wagte der Bewahrer schlie├člich doch, sich zu erkundigen.
"Mein Name ist Zya", stellte sich die Besucherin vor. "Ich habe lange versucht, zu Ihnen durchzudringen, und es ist mir eine Ehre, nun hier bei Ihnen verweilen zu d├╝rfen."
"Bitte f├╝hlen Sie sich eingeladen", bot der Bewahrer an, "und entschuldigen Sie, nun ... Es ist sehr spartanisch hier. Ich habe nicht mit G├Ąsten gerechnet. Ich wei├č offen gestanden gar nicht mehr, wie lange ich schon keinen Besuch mehr hatte."
"Das haben Sie vergessen ...?" vermutete die Besucherin vorsichtig.
"Ja", nickte der Bewahrer. "Ich habe sehr viel vergessen. Ich schreibe hier schon seit einiger Zeit. Ich wei├č ... Das mag Ihnen l├Ącherlich erscheinen, aber ich wei├č nicht einmal mehr, wie lange." Dabei warf er einen verstohlenen Blick auf das offene Buch, dessen Seiten er Nacht um Nacht beschrieb. Es war sehr dick, und zweifellos w├╝rde es noch viel dicker werden.
"Das klingt keineswegs l├Ącherlich", versicherte ihm Zya freundlich. "Nur ein wenig traurig mag es allerdings sein."
"Vielleicht." Der Bewahrer musste mit den Schultern zucken.
"Umso g├╝nstiger scheint es sich da doch zu treffen, dass ich hier bin, um Sie zu erinnern", verk├╝ndete die Besucherin.
F├╝r einige Augenblicke kam der Bewahrer ins Gr├╝beln, bevor er z├Âgerlich nachhakte: "Wird das lange dauern? Sehen Sie, ich m├Âchte nicht unh├Âflich erscheinen, aber ich habe eine Geschichte zu vollenden."
"Oh, mitnichten, machen Sie sich da keine Sorgen. In der Tat nehme ich an, ich k├Ânnte Ihnen sogar dabei behilflich sein, diese Geschichte zu einem guten Ende zu f├╝hren."
"Aber Sie m├╝ssen verstehen", wand sich der Bewahrer, "dass es sich dabei um meine Geschichte handelt. Ich kann Ihnen kaum einen Eingriff gestatten, so ungern ich das zugebe. Dar├╝ber hinaus habe ich noch immer keine klare Vorstellung davon, wer Sie denn nun sein m├Âgen."
"Sie wissen, wer ich bin", behauptete Zya jedoch. "Sie m├╝ssen lediglich Ihre Geschichte sorgf├Ąltig durchgehen. Schlie├člich komme ich darin vor."
Nur z├Âgerlich wagte sich der Bewahrer nun in seine eigene Vorstellung, durchforstete die schier enorme Gedankenwelt seiner Geschichte nach einer Spur dieser sonderbaren Besucherin. Er fand sie schlie├člich in seiner j├╝ngsten Episode, einer Entwicklung dieses epischen Kriegsdramas, die sich ihm erst k├╝rzlich aufgedr├Ąngt hatte - tief in seiner Phantasie darauf gebrannt hatte, aufgeschrieben zu werden.
"Sie sind der Eindringling", stellte er schlie├člich verbl├╝fft fest.
"In der Tat", nickte die Besucherin. "Aber ich bin nicht hier, um diese Welten zu vernichten, wie Sie es sich vielleicht vorstellen m├Âgen. Vielmehr war es von Anfang an allein mein Ziel, mit Ihnen zu sprechen. Sie m├╝ssen den Fortgang dieser Geschichte ├Ąndern, mein Guter. Das ist von allerh├Âchster Dringlichkeit."
"Und wenn ich es nicht tue?" warf der Bewahrer dagegen.
"Dann bleibt mir leider keine andere Wahl, als Sie zu vernichten. Nicht all diese Welten. Nur Sie."
"Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, worauf Sie hinaus wollen ..." gab der Bewahrer nun etwas versch├╝chtert zu. "Wie ist das m├Âglich?"
"Wenn Sie sich bem├╝hen, werden Sie es wissen", versprach ihm die Besucherin allerdings bedeutungsvoll. "Forschen Sie in Ihrer eigenen Geschichte. Sie kommen selbst darin vor."
"Ja", nickte der Bewahrer. "Ich wei├č. Ich kann nicht ganz nachvollziehen, wieso, aber ja, ich komme darin vor. In dieser Geschichte bin ich ein m├Ąchtiger General."
"Ein sehr m├Ąchtiger General", betonte Zya. "Sie lenken die Geschicke dieser Welten."
"Aber wieso?" dr├Ąngte der Bewahrer nun, da die Besucherin dabei war, das Spiel seiner Gedanken zu entschl├╝sseln. "Wie kann das sein?"
"Sie haben selbst gesagt: Sie haben sehr viel vergessen. Erinnern Sie sich noch an das erste Mal, dass ich erw├Ąhnt wurde? Ich, der Eindringling?"
Als der Bewahrer sie nur verschreckt anstarrte, griff Zya vorsichtig nach dem Buch, hob einen dicken Wulst beschriebener Seiten an und klappte ein lange vergangenes Kapitel dieses Krieges auf - zu Papier gebracht, schon Jahrzehnte, bevor der Eindringling am Himmel all dieser Welten aufgetaucht war.
Und da erinnerte sich der Bewahrer an eine Begebenheit, die er lange Zeit vergessen hatte.

*
"Ich ersuche um eiligen Sternenh├╝terbeistand", verk├╝ndete da eine wichtige Figur dieses Krieges. Er schrie es geradezu tief in die Finsternis des Weltraums, mit allen technischen Mitteln, die ihm auf seiner kriegsgebeutelten Welt zur Verf├╝gung standen. "Dies ist ein Notruf. Unsere V├Âlker leiden. Sie drohen, sich im Krieg gegenseitig zu vernichten. Jemand muss uns helfen, bevor es zu sp├Ąt ist, diesem Wahnsinn noch ein Ende zu setzen.
Der Bewahrer ist besch├Ądigt worden. Ein m├Ąchtiges, intelligentes Verteidigungssystem, einst in Betrieb genommen, um unsere vereinten Welten vor Invasoren und B├╝rgerkriegen zu sch├╝tzen. Es hat den Oberbefehl ├╝ber die Streitkr├Ąfte unserer V├Âlker, doch sie verstehen nicht, dass der Bewahrer nicht mehr vern├╝nftig handelt. Sie verstehen nicht, dass er besch├Ądigt wurde. Unsere Streitkr├Ąfte reiben sich gegenseitig auf, gelenkt in einem irrwitzigen Kriegsspiel, das der Bewahrer uns aufdr├Ąngt.
Es ist mir nicht gelungen, den Bewahrer abzuschalten, nicht einmal, ihn zu kontaktieren, und ich wage zu bezweifeln, dass irgendjemand sonst hier dazu in der Lage w├Ąre. Ich werde das Versenden dieser Nachricht wom├Âglich nicht ├╝berleben, also hoffe ich, Ihnen schon jetzt alle notwendigen Informationen zukommen zu lassen.
Ich kann nur noch einmal ersuchen: Helft uns, werte Sternenh├╝tergemeinschaft, denn der Bewahrer hat unser Volk in die drohende Vernichtung gest├╝rzt. Wir selbst sind nicht mehr in der Lage, ihn aufzuhalten und ben├Âtigen ..."

*
Die Besucherin, der Eindringling - die Sternenh├╝terin - sprach mit klarer Stimme: "Sie schreiben nicht etwa eine Geschichte. Sie schreiben Geschichte. Sie sind der Bewahrer. All das, was Sie zu erfinden glauben, geschieht dort drau├čen, weil Sie es befehlen."
Starr und mechanisch folgte der Bewahrer dem Blick der Sternenh├╝terin aus dem Fensterchen seiner Kammer. Es war finsterste Nacht dort drau├čen, wie so oft, und als er selbst klarer und klarer wurde, da Begriff er, dass es schon sehr lange Zeit Nacht war. Tats├Ąchlich aber, hinter dem dunklen Schleier seiner benebelten Tr├Ąume, da verstand er, dass es alles dort drau├čen geschah. Dort, in der wirklichen Welt, jenseits dieser Kammer, dieser Kerze und dieses Buches. Er begriff, welch f├╝rchterliche Gewalt er ├╝ber seine schutzbefohlenen Welten ergossen hatte, Jahrzehnt ├╝ber Jahrzehnt.
"Das kann nicht wahr sein", stammelte er. "Das darf ... Es darf nicht geschehen sein."
"Es ist geschehen", versicherte ihm die Sternenh├╝terin, "und noch jetzt geschieht es. Sie allein k├Ânnen es ├Ąndern."
"Ja", machte der Bewahrer trocken und nickte schwach aus dem Fenster, vor dem der Krieg st├╝rmte. Es kostete ihn einige Momente des Gr├╝belns, des m├╝hseligen Erinnerns, bevor er bitter verk├╝ndete: "Das konnten sie nicht ernst meinen, meine V├Âlker. Das ist zu viel Verantwortung f├╝r ein denkendes Wesen. Ich kann sie nicht alleine tragen."
"Das mag der Grund sein, weshalb Sie sich in diese Kammer gefl├╝chtet haben, hochgesch├Ątzter Bewahrer. Nichtsdestotrotz tragen Sie die Verantwortung f├╝r diese V├Âlker, f├╝r all diese Welten, Sie ganz alleine. Aber auch das k├Ânnen Sie ├Ąndern, wenn Sie es nur wollen."
"Wie?" stie├č der Bewahrer aus. "Wie kann ich es ├Ąndern ...?"
"Nun", schmunzelte Zya, "Sie sind der Bewahrer." Mit diesen Worten man├Âvrierte sie die Feder aus dem Tintenf├Ąsschen, wischte einen ├╝berfl├╝ssigen Tropfen ab und reichte sie sorgsam dem Bewahrer. "Jemand hat einst die Hypothese formuliert, die Feder sei m├Ąchtiger als das Schwert. Eine vorz├╝gliche Gelegenheit, sie zu pr├╝fen, finden Sie nicht?"

*
Tats├Ąchlich gl├Ąnzte der Bewahrer nat├╝rlich in der Dunkelheit zwischen den Sternen, eine intelligente Festung im All, l├Ąngst umringt von den Tr├╝mmern ihrer eigenen Kriegsmaschinerie.
Wie ein winziges Spielzeug machte sich dagegen die Vertigo aus, Zyas treues Transportmittel inmitten dieser Welten. Langsam und gem├╝tlich zog sie sich von der Festung des Bewahrers zur├╝ck, als die Mission der Sternenh├╝terin erf├╝llt war, auf dem R├╝ckweg in die Geborgenheit ihres riesenhaften Sternenschiffes.
"Als du eine 'geheimdienstliche Operation' erw├Ąhnt hast, wusste ich zwar nicht genau, was ich mir darunter vorzustellen hab'", gab Vertigo zum Besten, "mit Sicherheit hab' ich aber an etwas Spektakul├Ąreres gedacht, als ein kleines Pl├Ąuschchen unter vier Augen."
"Nun, mein gesch├Ątzter Intellekt", entgegnete die Sternenh├╝terin ihrem Schiff, "du siehst, einige treffende Worte k├Ânnen in der Tat Wunder wirken. F├╝r eine ausgewachsene Sternenh├╝teroperation war dieser Einsatz doch ausgesprochen zivil, zivilisiert und ├╝berschaubar."
"Oh, ja", polemisierte der Schiffsintellekt, "abgesehen vielleicht von der gigantischen Invasionsarmada aus fliegenden Kriegsmaschinen, die wir verheizen mussten, um ├╝berhaupt nah genug an diese verdammte Festung heranzukommen. Aber dar├╝ber hinaus, ja, schon recht elegant."
"Nun, ich gestehe, der milit├Ąrische Teil war in der Tat weniger elegant, leider jedoch unvermeidbar. Es l├Ąsst sich allerdings kaum von der Hand weisen, dass zumindest der Bewahrer selbst unsere Invasion ausgesprochen inspirierend fand."
"Naja", seufzte Vertigo, "ich f├╝r meinen Teil fand die Invasion auch inspirierend - zumindest ein bisschen inspirierender, als dein Gespr├Ąch mit dem Bewahrer. 'Die Feder ist m├Ąchtiger als das Schwert', ich bitte dich, Frau Kollegin, ausgelutschter h├Ątte es kaum klingen k├Ânnen."
"In den Augen Einiger, mein gesch├Ątzter Intellekt, kann es durchaus noch inspirierend sein, zuweilen an Altbekanntes erinnert zu werden."
"Hm. Deine Worte in den Ohren des n├Ąchsten durchgeknallten Spinners, vor dem wir irgendeine Zivilisation retten m├╝ssen, Frau Kollegin."
So verschwanden Zya und Vertigo schon bald wieder in ihrem Sternenschiff und letzten Endes auch zwischen all den fernen Sonnen, von denen sie schon vor Jahrzehnten aufgebrochen waren. Der Himmel hatte sie wieder, die Sternenh├╝terin.

Version vom 01. 09. 2011 10:02

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