Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5538
Themen:   94765
Momentan online:
65 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Im Baumarkt
Eingestellt am 02. 03. 2018 18:14


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
fossie
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2017

Werke: 4
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um fossie eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Im Baumarkt

Er hasst Brückentage. Immer hat diese Spezies Mensch nichts Besseres zu tun, als Baumärkte oder größere Einkaufscenter heimzusuchen, weil sie nichts mit ihrer sinnlos gewonnenen Freizeit anzufangen wissen. In Scharen pilgern sie dorthin und schlagen sich die Köpfe ein wegen der Parkplätze.
Und mittendrin er, Buchhalter und Pseudoheimwerker. Als er beim Baumarkt „Omi“ aus seinem Auto aussteigen will, bringt er die Tür nicht auf, weil sich die Schlange vorm Eingang inzwischen bis zu seinem Parkplatz zurückstaut. Er fühlt sich irgendwie eingequetscht.
Mutig lässt er das Fenster seines Wagens herunter und schreit: „Darf ich vielleicht mal aussteigen?“
„Tut mir leid, Kumpel. Aber da musst du schon warten, bis die Ersten wieder zum Essen heimfahren.“
„Papi, ich muss pinkeln“, plärrt zu allem Überdruss seine kleine Tochter aus dem Heck des Kombi. Die hatte er fast vergessen, musste sie notgedrungen mitnehmen, damit seine Frau daheim in Ruhe die Halloweenfeier mit den Nachbarn vorbereiten kann.
Ein UnglĂĽck kommt selten allein, denkt er sich.
„Jetzt macht doch mal Platz da draußen. Das ist ein Notfall“, tönt er.
Widerwillig rĂĽckt man zur Seite.
Einige meckern. „Selber schuld, wenn man unbedingt mit dem Auto zum Baumarkt fahren muss.“
Das hat er gehört. „Soll ich vielleicht mit dem Fahrrad kommen, wenn ich einen Kleiderschrank brauche?“
„Warum nicht? Das ist doch alles in Kleinteile zerlegt, wenn man es kauft. Das kann man heutzutage sogar in der U-Bahn mitnehmen. Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“
Du mich auch, denkt er und schiebt den KlugscheiĂźer unsanft zur Seite.
„Papa, ich muss pinkeln“, kommt es erneut von einer Etage tiefer mit Nachdruck.
Er ist unheimlich genervt. „Ja, verdammt nochmal!“ Nie mehr nimmt er sein Kind mit zum Baumarkt. Am Eingang hält er zuerst Ausschau nach einem Schild mit der Aufschrift „WC“. Fehlanzeige.
Dann muss eben die Information herhalten. Zum GlĂĽck stehen dort nur zehn Menschen an, also hat er eine reelle Chance, bereits nach einer dreiviertel Stunde eine Antwort auf sein Anliegen zu bekommen.
„Hier werden sie geholfen“, die Mitarbeiterin des Baumarkts kommt sich besonders witzig vor. „Sehen Sie die vielen Leute dort gleich auf der rechten Seite? Dort sind Sie richtig.“ Sie beugt sich zu dem Quälgeist hinunter. „Na Kleine, willst du vielleicht hier bei uns bleiben, solange dein Papa auf dem Klo ist?“
„Nein, ich muss pinkeln und wenn ich das jetzt nicht bald darf, mache ich in die Hose.“
Die Frau macht ein betroffenes Gesicht, da hat sie wohl etwas verwechselt.
„Was machen wir denn da? Das ist ja ein richtiger Notfall. Lass mich mal überlegen.“
Er sieht die Informantin mit einem säuerlichen Lächeln an und sagt ihr lieber nicht, was er gerade denkt. Du dämliche Kuh, jetzt mach doch endlich was, ist der unausgesprochene Gedanke, der ihm im Moment durch den Kopf geht.
Nach weiteren endlosen Minuten verlässt sie ihren Platz hinter der Theke, nimmt seine Tochter an der Hand und verschwindet mit ihr Richtung Personal-WC. Reiner Selbstzweck, die Putzfrau ist krank und sie hat keine Lust, hier noch alles aufzuwischen.
Er aber ist überrascht von der unbürokratischen Hilfe. Wenn es weiter so reibungslos verläuft, kann er zufrieden sein.
Tut es aber nicht. Nach einer Viertelstunde kommt seine Tochter alleine zurĂĽck.
„Was ist passiert“, fragt er. „Wo hast du die Frau gelassen?“
„Die ist noch auf dem Klo. Ich glaube, der ging es nicht gut, weil sie in der Kabine neben mir so gestöhnt hat.“
„Sollen wir mal jemand hinschicken?“
„Das ist nicht nötig, da kümmert sich schon ein Mann drum. Der war nämlich die ganze Zeit mit ihr in der Kabine.“
Er ahnt Schlimmes, um nicht zu sagen, läuft hier eine ziemliche Sauerei ab. Andererseits: Was kümmert´s mich, denkt er.
Er steht unter Druck, im Auto liegen die Kostüme für die besagte Feier, für ihn ein Fledermauskostüm, das eher an Batman in Bermuda-Shorts erinnert und für seine Tochter eine Gruselzwergausrüstung mit Axt. Man wartet daheim auf die Beiden, aber heute ist auch der einzige Tag, wo er im Baumarkt ungestört einkaufen kann. Seiner Meinung nach ist er ein begnadeter Handwerker und es gibt heute einen gruseligen Halloweenrabatt, 20 Prozent, dazu ein geistreiches Getränk, das für die nötige Einkaufsstimmung sorgen soll.
Eine seiner leichtesten Übungen, Bretter für den Kleiderschrank zu besorgen, dachte er beim Losfahren. Fertig montiert kann ihn jeder kaufen, auf die Individualität kommt es ihm an. Alles nach den eigenen Maßen zuschneiden lassen und dann zusammenbauen – das zeichnet den wahren Künstler aus.
Zuhause hatte ihn seine Frau für verrückt erklärt, weil sie wusste, dass er zwei linke Hände hat.
„Wenn du schon etwas selbst in die Hand nehmen willst, dann fang mit der Hundehütte an. Wenn Plutos Behausung zusammenbrechen sollte, kann er immer noch zu uns ins Wohnzimmer umziehen“, lag sie ihm in den Ohren.
„Take it easy, Babe“, machte er auf cool. „Das ist eine meiner leichtesten Übungen. Du musst mir nur beim Ausmessen helfen.“
„Auf was lasse ich mich da nur ein?“, hatte sie halblaut vor sich hin gemurmelt.
Und jetzt, nach einer längeren Diskussion und zwei Nächten, in denen sie deswegen getrennt schliefen, steht er nun beim Holzzuschnitt, fest entschlossen, seinen Traum zu verwirklichen.
Er steht und steht und steht. Die Kleine wird langsam erneut ungeduldig.
„Papi, mir tun die Ohren weh von dem Lärm.“
Das eindringliche Kreischen der Kreissäge nervt auch ihn immer mehr. Noch will er aber ruhigbleiben.
„Du wirst sehen, es kommt gleich jemand um die Ecke.“
Denkste! Eine Viertelstunde später lässt sich immer noch keiner blicken.
„Wart mal hier“, meint er und verschwindet hinter der Wand, von welcher der Lärm hervorkommt. Dort sieht er einen Menschen, der mit Kopfhörer und Schutzbrille bewaffnet eine Kreissäge quält. Entfernt erinnert er an einen Käfer mit Scheuklappen.
Er winkt und gestikuliert, als wollte er ein Flugzeug auf seine Parkposition einweisen.
Als der Käfer ihn sieht, macht er das Ding aus und schreit ihn an, er soll gefälligst vorne im Sicherheitsbereich warten, bis jemand kommt.
“Was meinen Sie, wo ich gerade herkomme?“ Ihm platzt spontan der Kragen. „Ich brauche Bretter für einen Schrank.“
„Dass man sie nicht vor dem Kopf, sondern für Möbel braucht, ist mir klar. Deswegen kommen die meisten hierher. Ich habe auch noch keinen erlebt, der eine Kloschüssel von mir verlangt hätte.“
Was für ein begnadeter Komiker, denkt er. Trotzdem versucht er, die Kommunikation nicht einschlafen zu lassen. „Ich warte auch gerne, bis Sie mit dem Zuschneiden fertig sind. Ich habe ja sonst nichts anderes vor, außer mich um eine quengelnde Tochter zu kümmern, die jede halbe Stunde aufs Klo muss.
„Ihr Pech, aber ich brauche zuerst einen schriftlichen Arbeitsauftrag. Ohne den geht nix“, entgegnet das Insekt. „Wenn Sie ihn ausgefüllt haben, können Sie gerne wiederkommen.“
Er staunt über so viel Bürokratie, hatte angenommen, dass er dem Mitarbeiter vom Holzzuschnitt nur sagen müsse, wie er seine Bretter zuschneiden soll. Ein kumpelhaftes Gespräch unter Heimwerkern und alle Missverständnisse wären beiseite geräumt. Um alles Bürokratische zu vermeiden, hatte er sich daheim nicht mal einen Zettel genommen und die Maße aufgeschrieben, die konnte er sich im Kopf abspeichern.
„Na schön, und wo bekomme ich diesen Wisch?“, fragt er jetzt angesäuert.
„Vorne an der Information.“
Er macht sich auf den Weg, sammelt unterwegs seine Tochter ein, die ungeduldig mit verschränkten Armen auf ihn wartet, und sucht die Information.
Eine halbe Stunde später hat er sie ausgespäht, allerdings ohne menschlichen Inhalt. Wahrscheinlich hat man sich zum Kaffeetrinken verkrümelt, nimmt er an.
„Papi, was wollen wir hier?“
„Wir warten auf die Erfüllung aller meiner Wünsche“, philosophiert er.
Da geschieht das Unmögliche: Ein Mitarbeiter des Baumarkts huscht unauffällig an ihnen vorüber, in der Hoffnung, nicht gesehen zu werden. Aber er hat Pech.
„Stehenbleiben, Polizei.“ Seine Tochter sieht ihn befremdet an, er grinst übers ganze Gesicht.
Der Verkäufer erschrickt und versucht, eine freundliche Miene zum bösen Spiel zu machen, was ihm aber nicht so recht gelingen will.
„Keine Angst, ich verhafte Sie nicht. Ist denn da niemand an der Information? Wir warten hier schon seit gestern Vormittag.“
Der Mann zaubert ein Telefon aus der Hosentasche. „Augenblick“, meint er. „Ich frage mal nach.“
Wieder vergehen kostbare Minuten. Der Mitarbeiter hackt nervös auf seinem Gerät herum, nichts zu machen, niemand geht ran.
“Tut mir leid, aber anscheinend sind alle in einem Kundengespräch.“ Ein Evergreen für das tägliche Leben.
„Das macht nichts. Ich bin sowieso arbeitslos und habe nur noch bis morgen zu leben, weil ich meine Seele dem Teufel verschrieben habe.“
Seine Tochter sieht ihn entsetzt an, ihr kullert die erste Träne ins Gesicht.
„Da sehen sie, was Sie angerichtet haben. Das arme Kind will schließlich bis dahin noch etwas von seinem Vater haben.“
Als sich der Verkäufer wegdreht, um nochmals zu telefonieren, erklärt er ihr, dass man in solchen Fällen manchmal zu drastischen Mitteln greifen muss, um sein Ziel zu erreichen. Das versteht sie und kichert verschwörerisch.
„Sie haben Glück, es kommt gleich jemand.“
Wobei gleich ein relativer Begriff ist, denkt er.
Der Mitarbeiter hat seine Schuldigkeit getan und geht von dannen.
Zehn Minuten später hat er endlich den Kollegen vom Kompetenzzentrum vor sich.
„Um was geht´s denn?“ Eine kurze und präzise Frage folgt auf den Fuß.
„Da gibt es so ein Formular für den Holzzuschnitt.“
„Richtig, das liegt hier vor Ihrer Nase.“
Soll das heißen, er hätte diesen Kerl gar nicht gebraucht? Sein Stimmungsbarometer sinkt rapide.
„Wieso sagt einem das keiner?“
„Weil Sie nicht danach gefragt haben.“
„Wen soll ich denn fragen, wenn keiner da ist?“
„Augen auf im Straßenverkehr“, ist der klare Kommentar des Informanten und er deutet zur Verstärkung mit seinem Wurstfinger auf einen Stapel Papiere, der dort aufliegt.
Er macht sich an die Bearbeitung des Formulars, nachdem er seine Tochter einmal mehr zur Toilette gebracht hat.
Name und Adresse anzugeben, schafft er gerade noch so. Vertrackt wird es, als man ihm ungefähr 100 Holzarten vorschlägt, von denen er sich die richtige aussuchen soll. Seltsam, warum erinnert ihn das ausgerechnet an die Einkommenssteuererklärung?
Nach einer weiteren Stunde, draußen bricht die Nacht herein, nähert er sich endlich dem gefühlten Höhepunkt, den Maßangaben. Da passiert das Unmögliche: Ihm fällt nicht mehr das richtige Messergebnis von zuhause ein. Soll das hier jetzt alles tragisch enden? Das darf doch alles nicht wahr sein.
Er ist in der ZwickmĂĽhle, was soll er machen? Hat er die Schlacht verloren und muss kapitulieren?
„Schätzchen, pass mal auf. Ich fahre dich jetzt nach Hause zur Mama und setze dich dort ab. Dann muss ich nochmal fort.“ Er nimmt sich vor, heimlich ins Schlafzimmer zu schleichen und dort nochmalige Messungen durchzuführen, getreu dem Motto: „Wenn die anderen feiern …. Seine Frau soll auf alle Fälle nichts erfahren, nur keine Blöße geben, ist seine Devise.
„Übrigens, Papi, ich habe etwas für dich.“ Sie zupft ihm am Ärmel und zieht ein Stück Papier aus der Hosentasche.
Während er ihn entfaltet, fügt sie hinzu: „Mami hat gesagt, wenn es länger dauern sollte und es beginnt, draußen dunkel zu werden, dann soll ich dir diesen Zettel geben.“
Er sieht sofort, um was es sich handelt, strahlt ĂĽbers ganze Gesicht und schwebt vor Freude zum Holzzuschnitt.


__________________
hh

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂĽck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung