Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂĽssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5535
Themen:   94728
Momentan online:
339 Gäste und 12 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erzählungen
Im Bordell
Eingestellt am 28. 07. 2017 14:44


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

Werke: 547
Kommentare: 1607
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Frank, ein junger Programmierer, soll am Ende der Woche eine privat entwickelte Software vorstellen - in einem Seniorenheim. Er ist unruhig vor diesem Termin und versucht sich abzulenken. So kommt er auf die Idee, wieder einmal ein Bordell zu besuchen.


Nachts schlief er wie fast immer in den letzten Tagen sehr schlecht. Warf sich unruhig von einer auf die andere Seite. Trotzdem hatte er fast dauerhaft Erektionen. Er beschloss, am Mittwoch nach der Arbeit in ein Bordell zu gehen.

Bordelle gab es offiziell nicht. Der Verkauf sexueller Dienstleistungen stand bereits seit Jahren unter Strafe.
So die offizielle Regelung.

Natürlich war diese Regelung ein frommer Wunsch. Die Behörden wussten: sexuelle Dienstleistungen konnten nicht eliminiert werden, vermutlich nie. Das horizontale Gewerbe war nicht umsonst das angeblich älteste der Welt. Körperliche Lüste und Triebe würde es immer geben, sie waren dem Menschen, auch dem des Zeitalters der Hochtechnologien, immanent. So gut wie alle Verhaltensforscher, Psychologen, Soziologen und sonstige Menschenversteher waren bisher zu keinen wesentlich anderen Schlüssen gekommen, trotz aller Fortschritte von Wissenschaft, Technik und dem ganzen Rest. Insofern blieb dem Staat nur übrig, einen Markt zur Befriedigung dieser fatalen menschlichen Bedürfnisse zumindest zu dulden.
Allerdings behielt er sich das Recht vor, diesen Markt aktiv zu gestalten. Er sorgte fĂĽr seine BĂĽrger, auch in diesem Bereich!

Als Frank gegen zehn Uhr das Rotlichtviertel erreichte, war die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwunden, färbte aber den Abendhimmel fleischfarben ein. Die aufziehende Dunkelheit vermittelte ein Gefühl von Sicherheit.
Viele ahnten: dieses Gefühl trog. Eine eingeschränkte Sicherheit mochte es geben bei Raubüberfällen, Unfällen mit selbstfahrenden Fahrzeugen oder abstürzenden Drohnen, resultierend aus dem hohen technischen Standard von Überwachung und der Technik allgemein.
Aber Sicherheit an sich war eine Illusion. Dafür waren Staat und Organe einfach zu deutlich präsent – mit einer Unzahl von sichtbaren und unsichtbaren Kameras, Sensoren, Drohnen, Chips, welche die Bürger selbst trugen.

Ganz besonders deutlich wurde die Illusion von Sicherheit im Amüsierviertel. Das Gefühl real überwiegender Unsicherheit drückte den Menschen seinen Stempel auf: sie bummelten zwar scheinbar entspannt durch die Straßen des verrufenen Viertels. Wichen aber den Blicken anderer hastig aus. Drehten die Köpfe weg, wenn es Gelegenheit dazu gab, etwa wenn ein selbstfahrendes Fahrzeug vorbeifuhr, eine Transportkugel vorüberschwebte, oder neue Angebote über die Monitore in den Schaufenstern der Etablissements flimmerten.
Die Monitore in den Schaufenstern zeigten keine Bilder von nackten Frauen mit Riesentitten, oder vielleicht gar knackige Männerärsche, erigierte Penisse, Samenspritzerei; sie zeigten auf recht unerotisch-nüchterne Weise Fotos von VR-Kameras nebst technischer Beschreibung, dazu die Preise für die halbstündige Ausleihe und mögliche Kombis.

Frank klapperte einige Schaufenster ab, studierte die Listenpreise, begutachtete die unterschiedlichen Modelle. Entschied sich für ein Kombiangebot einer neuentwickelten VR-Brille für eine halbe Stunde plus einen „Drink like Whisky on the rocks“.
Eine Gruppe schwarzgekleideter Frauen mit äußerst humorlosen Mienen umringte ihn plötzlich. Hielten ihm Schilder so dicht vors Gesicht, dass er nicht mehr lesen konnte, was geschrieben stand; dabei zischten sie ihm kurze Sätze ins Ohr, Phrasen wie „Kein Cybersex!“, „Kein Sex mit Maschinen!“, „Auch ein Roboter ist eine Persönlichkeit!“, „Schützt die Körper der Robos!“ und dergleichen mehr.
Das waren Aktivisten, orthodoxe obendrein! Diese vorgeblich unabhängig handelnden Gruppen, die sich vornehmlich aus ernsthaft-ehrgeizigen, überambitioniert-moralischen und grundsätzlich leicht beeinflussbaren Frauen und ein paar feminin wirkenden Männern zusammensetzten, hatten sich seit einigen Monaten dem Schutz der Maschinen vor sexuellem Missbrauch und seit Jahren dem Kampf gegen die freien Formen der Sexualität verschrieben. Mit denen war nicht zu spaßen! Sie kreuzten unerwartet an den hot spots der dunklen Begierden auf, im Amüsierviertel, vor den VR-Etablissements, vor Kneipen, in denen echt wirkende Alkoholimitate verkauft wurden. Sie filmten die Kundschaft zweifelhafter Angebote, bedrängten sie, agitierten sie, missionierten.
Was sie dabei vor allem erreichten, war an sich das Gegenteil ihrer Bemühungen: nicht den Abscheu vor Cybersex, der Nutzung von VR-Brillen für die sexuelle Stimulation oder dem direkten Sex mit Maschinen förderten sie, sondern das Interesse daran! Viele der Gespräche drehten sich neuerdings genau darum.
Frank senkte den Kopf, nahm drei Schritte Anlauf, schubste eine der Eiferinnen zur Seite.
Ein blechernes Geräusch, ein spitzer Schrei durchschnitten die Luft, als die Dame ausrutschte und mit dem Hinterkopf auf den Bordstein schlug.
Erschrocken hielt Frank inne, starrte auf die am Boden Liegende. Er wollte ihr die Hand reichen, ihr beim Aufstehen helfen, er wollte sich entschuldigen für seine Aggressivität.
Doch er war wie gelähmt.
Die Frau zögerte nicht lange, drehte sich auf die Seite, zog die Beine an, und im nächsten Moment stand sie wieder und wippte auf den Zehenspitzen.
Böse sah sie Frank an. Der Rest der Gruppe umringte ihn. Nahm ihn in die Zange.
Eine Sekunde staunte Frank ĂĽber die Belastbarkeit der Dame.
Schon stieg eine dunkle Ahnung in ihm auf: die Dame war möglicherweise keine, sie war nur ein gutgebauter und toll designter Apparat; die ganze Gruppe bestand möglicherweise aus Maschinen. Aus Robos. Geschickt waren die Robos möglicherweise von irgendeiner staatlichen Stelle, vom Amt für moralisches Verhalten vielleicht, oder vom Amt für sexuelle Hygiene – es gab eine Menge Ämter. Sie sollten die offizielle Moral durchsetzen oder das Gegenteil, man wusste oft nicht, welche Interessen der Staat mit solchen Aktionen verfolgte. Zumindest war vorstellbar, dass die automatisierte Hetze gegen die freien Formen der Sexualität das Gegenteil bewirken sollte: an den VR-Puffs verdiente ja ausschließlich der Staat!
Oder – Frank stockte Atem – war es vielleicht noch ganz anders? Könnte es sein, dass Robodamen so viel Selbstbewusstsein und Persönlichkeit besaßen, um nun in eigenem Interesse unterwegs zu sein? Wie waren die Parolen? Kein Sex mit Maschinen?
Dann wäre die Entwicklung dem Staat aus den Händen geglitten…
Franks erschienen die eigenen Spekulationen plötzlich abstrus. Wie konnte er nur auf solchen verschwörungstheoretischen Unsinn kommen!
Er beschloss, sich von irgendwelchen Wahnideen fern zu halten. Ein selbstfahrendes Einsatzfahrzeug der Polizei nähert sich langsam der Gruppe.
Frank marschierte unvermittelt los.
Niemand trat ihm in den Weg. Niemand behinderte ihn. Das Einsatzfahrzeug stoppte kurz und setzte die Patrouille fort.
Er lief ein paar hundert Meter und betrat das nächstbeste Etablissement.

Und atmete auf. Sein Blick fiel auf einen Mann, der mitten im Raum stand und die Hände um einen unsichtbaren Körper schlang. Natürlich trug der Mann bereits eine VR-Brille! Er schien erregt, seine Hose spannte, die Ohren waren hochrot. Den Blick konnte man sich vorstellen. Ein Glück, dachte Frank, dass die Brillen die Augen der Kunden verdecken…
Der Mann presste den unsichtbaren Körper enger an sich. Begann zu schnaufen. Vollführte kreisende, dann stoßende Bewegungen mit seinem Becken. Von seinem Kinn tropfte Schweiß.
Jemand hĂĽstelte. Lachte dĂĽnn. Ein Glas klirrte. Whisky on the rocks, vielleicht.
Der Kunde stieß unvermittelt einen spitzen Schrei aus, riss sich die Brille vom Gesicht und verschwand im hinteren Teil des Raumes, vermutlich, um sich vom Samenerguss zu reinigen. Dummes Kichern. Jemand gähnte.

An vielleicht fünf Tischen saßen Männer. Allein. Mit Brille. Einer von ihnen stand auf. Lief in die Mitte des Raumes. Streckte die Arme nach vorn. Umschlang einen unsichtbaren Körper. Begann zu tanzen. Bewegte sein Becken stoßartig…
Frank nahm an einem leeren Tisch im hinteren Teil des Raumes Platz. Beobachtete. Sah zu. Erschauerte.
Ekel kroch in ihm hoch, zeitgleich aber auch die Gier nach dem versprochenen Whisky auf Eis. Er stellte sich vor, wie er in wenigen Minuten vor den Augen der anderen Gäste einen ähnlichen Tanz aufführen würde. Vielleicht triebe ihn die VR-Brille ja auch gegen die Wand, oder er griffe sich im Wahn der virtuellen Bilder einen Garderobenständer, der ihm als schlanker weiblicher Körper erschiene.
Ein Mann kam aus dem Toilettenbereich. Ohne Brille. Vermutlich jener, der sich eben hatte waschen müssen. Auf seinem Gesicht: völlige Coolness gleich einer toten, undurchdringlichen Eisesschicht und doch – schwitzte der Mann. Eine kleine Schweißperle auf seiner Nase. Feuchter Glanz auf dem Amorbogen, im Philtrum. Plötzlich drückte der Kunde sein Kreuz durch, atmete hörbar tief durch die Nase, als habe er Witterung bekommen, und lief schnurstracks und zielsicher los.
Die Eisschicht schmolz.
Am Tresen angekommen, bestellte sich der Mann sein Getränk. Führte das Glas gierig an die Lippen. Schloss die Augen. Trank in einem Zug das Glas leer. Stellte es ab.
Hielt die Augen geschlossen. Horchte offenbar in sich hinein. Spürte er dem Geschmack des Getränks hinterher?
Das Getränk war natürlich kein wirklicher Whisky on the rocks: solcherlei Getränke existierten als reale Produkte nicht mehr, es gab sie nur noch in Form beschreibender Einträge in den verschiedenen Netzlexika. Dort wurden vor allem die negativen Folgen des Genusses echter alkoholischer Getränke betont und die Neuerungen bei den Imitaten, den echten (!), in höchsten Tönen gelobt.
Der Mann öffnete langsam die Augen. Schwer mussten seine Lider sein – oder warum benötigte er für einen Lidschlag mehrere Sekunden?
Kaum zurückgekehrt in die Gegenwart des VR-Puffs, war die ätzende, aufgesetzte Lässigkeit, diese winterliche Eisschicht über einer halb lebenden, halb schon erstorbenen Gesichtslandschaft, wieder da.
Der Typ drehte seine obercoole Eismaske unauffällig in den Raum.
Blicke trafen sich, verhakten sich fĂĽr eine Zehntelsekunde. Rissen sich voneinander los.

Eine Erinnerung durchzuckte Frank. Den Typ kannte er doch! Nur woher?
Ohne mit der Wimper zu zucken, ohne das geringste Zeichen eines Wiedererkennens zuzulassen, senkte Frank seinen Kopf, starrte verbissen auf die Tischplatte.
Währenddessen suchte er fieberhaft in seinem Gedächtnis: woher kannte er den Mann? Der war ihm doch bereits mehrmals über den Weg gelaufen? Nur wo?
Der Mann am Tresen benahm sich ähnlich. Stierte abwechselnd gelangweilt in sein hastig geleertes Glas und an die Decke, wo ein Ventilator mit viel Fliegendreck auf den krummen Propellerflügeln träge und augenscheinlich auf völlig vergebliche Weise in der trockenen VR--Puffluft herumrührte: nicht ein Deut Frische konnte aus dieser stupiden Rührerei entstehen, das war eindeutig!
Der Mann am Tresen war Kim, darauf konnte Frank nicht kommen, kannte er den Namen des Abschnittsbevollmächtigten ja nicht. Doch fiel ihm nach längerem Herumrühren im Brei verblasster Erinnerungsschnipsel ein, dass er den Typ bereits mehrmals in der Spur von hübschen, geschminkten Frauen gesehen hatte. Wo? Vermutlich im Wohnviertel seines Vaters. Eindeutig ein Spanner, ein Stalker, ein Fetischist oder gar Triebtäter – war Frank überzeugt.
Dass es sich bei Kim um einen harmlosen Streifenpolizisten in Zivil handelte, einen verdeckten Ermittler also mit dem Spezialauftrag, illegale Prostituierte ausfindig zu machen und zu überführen, konnte er nicht ahnen. Und dass ein durchschnittlicher verdeckter Ermittler auch mal ein Bedürfnis verspürte, seinem Samenstau eine Abfuhr zu verschaffen, darauf wäre Frank nicht gekommen.

Eine junge Kellnerin brachte die Karte. Frank überflog nochmals die Angebote, sie unterschieden sich kaum von denen, die er bereits vor dem anderen Etablissement über den Monitor hatte flimmern sehen. „Neuartige VR-Brille, halbe Stunde, einmalige Stellungswechsel, mit olfaktorischem Begleitkonzert und einem Spitzen-Whisky on the rocks aus der Reihe der echten und ununterscheidbaren Imitate…

Die Kellnerin blieb neben ihm stehen. Wartete auf die Bestellung. Für einen Moment zuckte es in Franks Zeigefinger. Er bräuchte nur auf den Angebotspunkt zeigen.
Er stand auf, zeigte entschuldigend in Richtung Toilette.
Die Kellnerin wich nicht zur Seite. Lächelte ihm dreist ins Gesicht. Öffnete die Lippen ein Stück. Feuchtete sie langsam mit der Zunge. Holte tief Luft, wobei sich ihr Busen hob und Franks Brust berührte. Sie atmete aus, und ein Schwall warmer, feuchter Luft mit einem durchdringenden Frischminzearoma nebelte seine Sinne.
Verdattert trat Frank einen halben Schritt zurĂĽck. Fixierte die Kellnerin. War das ein Angebot?
In Zehntelsekunden wog er Für und Wider ab. Dafür sprach das Aussehen der Dame: fünfundzwanzig Jahre jung, schätzungsweise; schlanke Taille, volle Brüste, straffer Hintern.
Dagegen sprachen jüngere Gerüchte, in denen die Rede war von einer neuen Robotergeneration. Die werde gerade entwickelt und sei probeweise schon im Einsatz. Und zwar in völlig neuen Bereichen!
Die bisherige Domäne der maschinellen Helfer lag vor allem bei Dienstleistungen, also in der Haushaltshilfe, Altenpflege, bei medizinischen Therapien usw. Die neue Generation sollte mehr können und in extrem sensiblen Bereichen zum Einsatz kommen – wurde kolportiert. Bereiche sollten das nun sein wie verdeckte Ermittlung, Drogenkriminalität oder Prostitution. Die Dinger sähen echten Menschen zum Verwechseln nicht nur ähnlich, sie würden genauso sprechen, fühlen und sogar riechen! Man könne keinen Unterschied entdecken… Einzelne Freier seien bereits auf die scheinbar ernsthaften und unverfänglich-überzeugenden Angebote der neuen Maschinen eingegangen, um sich dann in den Klauen der Behörde für moralisches Verhalten wiederzufinden…
Hatte er nicht gerade eine Begegnung mit dieser neuen Art von Mitmensch gehabt?
Auf eine Nummer mit einem Wesen, das möglicherweise eine Maschine war, hatte Frank keine Lust; erst recht keine Lust verspürte er auf unangenehme Fragen oder Tiefenkontrollen vom Amt für moralisches Verhalten. Er entschied, das Angebot auszuschlagen. Außerdem, selbst wenn die Dame echt sein sollte, könnte es teuer werden: Prostituierte ließen sich das Risiko, in die mitleidslosen Mühlen des Staates zu geraten, zumeist entsprechend bezahlen. Er würde viele Einheiten opfern müssen, Kilowattstunden, die er sich mühsam über mehrere Winter in seiner Wohnung durch die herunter gedrehte Heizung vom frierenden Leibe abgespart hatte.
Er warf einen schnellen Blick in die Runde. Die Besucher des Appartements saßen scheinbar teilnahmslos und in Gedanken versunken an ihren Tischen und der Bar. Doch der Schein trog: Die Atmosphäre im Raum war gespannt. Keiner sprach. Die Musik dudelte gedimmt. Die allgemeine Aufmerksamkeit war auf einen Punkt im Raum gerichtet – auf ihn und die Kellnerin!
Frank lächelte der Dame breit ins Gesicht, schlug einen Haken und verdrückte sich in Richtung WC.

Sorgsam schloss er die Toilettentür hinter sich, wischte sich den Schweiß von der Stirn. Zog sein Jackett aus, hängte es an die Türklinke. Öffnete den Gürtel, ließ die Hose herunter, setzte sich auf das WC.
Er sah sich die Wände an. Die üblichen Schmierereien. Big brother to switch off your fridge, fuck your chip, Beende dein Leid – with a little help from a suicide usw. Nichts Neues.
Aus der Innentasche seines Jacketts zog er einen Briefumschlag. Nahm ein paar Bilder heraus.
Nacktbilder. Pornografische Darstellungen weiblicher Körper.
Frank betrachtete die Abbildungen der wohlgeformten Körper, die sich in lasziven Posen räkelten. Sah sich nochmals um, schaute nach oben.
Er konnte keine Kameras erblicken.
Er nahm seinen Schwanz in die Hände und begann zu onanieren.

Mit gemischten GefĂĽhlen.
Einerseits spürte er eine diebische Freude in sich. Das Onanieren galt als höchst ungesund, ja zerstörerisch. Es war zwar nicht offiziell verboten, wer es jedoch in der Öffentlichkeit verteidigte, konnte sehr schnell das Amt für moralisches Verhalten am Hals haben. Dieses Amt war in der Lage, Disziplinarmaßnahmen zu verfügen, etwa den Wechsel des Arbeitsplatzes, was bedeutete, auf irgendeinen Außenposten versetzt zu werden, auf den Mond oder, schlimmer noch, dessen Rückseite; die konnten einen auch ins Meer versenken, auf den Grund oder noch ein Stück tiefer, in tertiäre Schichten oder gar ins Lias Epsilon oder die Unterkreide, von wo man alle fünf bis sieben Jahre einmal auftauchen durfte…
Nun war er an sich anderer Meinung. Denn er hatte viel onaniert; es hatte ihn zwar nie völlig befriedigt, sich aber zumindest als Mittel einer schnellen und einfachen Triebabfuhr bewährt. Sein Gehirn war noch keiner Erweichung erlegen, also – was sollte es!? Der Staat und das Amt hatten vermutlich Unrecht, es handelte sich um übertriebene Angstmache, um Schutzbehauptungen, die nichts schützten bis auf den Mechanismus des schlechten Gewissens bei den Bürgern.
Und er ĂĽberwand diesen fatalen Mechanismus, in dem er heimlich onanierte!
Kein schlechtes GefĂĽhl, einerseits.
Andererseits war sich Frank klar darüber, dass er mit hoher Wahrscheinlichkeit doch beobachtet wurde. Überall waren ja Kameras. Außerdem trug jeder einen Chip, und der übermittelte jeden Herzschlag, jede Pulsbeschleunigung, jeden Blutdruckanstieg… Aus den Mustern konnte – dass wusste er als Programmierer nur zu gut – auf so ziemlich jede Aktivität geschlossen werden.
Verbissen rubbelte er weiter. Strich dabei mit dem Daumen der Linken über die abgenutzten und leicht unscharfen Kopien, die ja Kopien von Kopien von Kopien waren und trotzdem von Wert, denn es bedeutete ein Risiko, derlei Dinge erneut zu kopieren: jede Kopie wurde gespeichert, war nachvollziehbar…
Er versuchte die Gedanken an verborgene Kameras zu verdrängen; die Gedanken an automatisierte Musterleser, die in Klarschrift und bester Phonetik Auskunft erteilten, wenn sie von den Mitarbeitern des Amtes für moralisches Verhalten befragt wurden. Sein Punktestand ging ihm durch den Kopf.
Sein Schwanz wollte nicht. Heute nicht. Trotz der prickelnden Location, trotz der scharfen Pornos auf abgegriffenen Kopien vor ihm – er bekam einfach keine richtige Erektion. Von einem Orgasmus ganz zu schweigen.
Wütend und traurig zugleich nahm er die rechte Hand von seinem Schwanz. Ließ ihn müde ins WC-Becken baumeln. Schaute eine Weile von oben drauf. Sammelte Speichel im Mund. Ließ ihn langsam auf sein bestes Stück tropfen…
Ihm kam eine neue Idee.

Zwei Minuten später durchquerte er den Gastraum. Warf einen letzten Blick auf die Szene. Der Typ am Tresen saß immer noch da, blickte gelangweilt um sich, nippte an einem leeren Glas. Den Whisky on the rocks, das „Echteste aller gelungenen Imitate“, völlig unschädlich und – im Gegenteil zu früheren Mischungen – völlig alkoholfrei, hatte er lange verputzt.
Frank setzte einen langtrainierten Blick der vollendeten GleichgĂĽltigkeit auf und verlieĂź das Etablissement.
Wobei er fast mit einem neuen Besucher zusammengeprallt wäre. Der Typ stutzte eine Sekunde, sah Frank ins Gesicht. Kniff die Augenlider zu einem Spalt, drehte den Kopf zur Seite. Lief weiter.
Franks Blick der vollendeten Gleichgültigkeit löste sich in null Komma nichts auf und wich einem breiten Staunen. Der Neue ähnelte dem Mann am Tresen auf’s Haar!
Das Staunen wollte gar nicht weichen. Vermutlich war der Typ inzwischen schon beim ersten Tanz oder hatte zumindest die Brille auf…
Frank grĂĽbelte: Sollte diese Erscheinung ein demonstrativer Beweis der Quantentheorie sein? Ein Mann gleichzeitig am Tresen und vor dem Zugang zum VR-Puff?
Oder litt er an Halluzinationen?

Diesmal zweifelte Frank zu Unrecht an seiner Wahrnehmung, und auch der Gedanke einer kleinen Quantentheorie-Demo war natürlich spinnige Fantasie. Die Männer waren nicht einer, der zeitgleich zwei Seinszustände einnahm, sondern zwei, und sie sahen sich einfach ziemlich ähnlich, weil sie Zwillingsbrüder waren.
Der eine war schon da, als der andere kam, diesmal mit dem Einsatzfahrzeug.
Auf Kim, den verdeckten Ermittler, folgte Mik, der Polizist, der seinen Dienst meist vor einer Wand von Monitoren verbrachte und nur ganz selten einmal in die Fußstapfen seines Bruders trat und sich auf den mühevollen Weg des verdeckten Ermittlers machte, ein Weg übrigens, der in der Regel ergebnislos endete, obwohl er doch einmal ums Haar erfolgreich hätte sein können, er hätte die Gelegenheit nur beim Schopfe packen müssen, mit ein paar in Aussicht gestellten Kilowattstunden mehr wäre die von seinem Bruder Kim erwischte Prostituierte doch sicher ins Bett zu kriegen gewesen…

Beide waren seit Jahren Stammkunden im Etablissement „Zur scharfen Brille“. Beide besuchten sie einmal die Woche den Laden. Aber nie gemeinsam. Immer war einer schon da, wenn der andere kam, und immer ging einer (oder ließ sich davonfahren), wenn der andere noch in sein leeres Glas starrte.

Frank rief ein fĂĽhrerloses Taxi. Nannte als Ziel die Wohnadresse seines Vaters.
Vor dem tristen Wohnblock stieg er aus. Sein Blick fiel auf Abfallberge, umgestürzte Mülltonnen, streunende Hunde. Kaum zu glauben, wie es sein Vater hier ausgehalten hatte. Auf dem Weg zum Eingang des mit wilden Parolen beschmierten Wohnblockes fiel Frank ein: das Viertel war nicht immer so. Es hatte sogar einmal zu den besser situierten gehört. Zu den bei der Mittelschicht beliebten, weil es einen Bestand sanierter Altbauten mit moderaten Preisen und einige bescheidene Parkflächen bot.
Aber das war einmal. Die Preise waren geblieben oder gestiegen, die Häuser verfallen. Die ehemals durchsanierten Gebäude waren zu ungepflegten, vermüllten, schadhaften Bauten mutiert, zwischen denen streunende Hunde, Stromdiebe und Jugendbanden ihr Unwesen trieben.
Wie kam das? Frank wusste auf diese Frage keine Antwort. Es war, als habe das benachbarte Viertel, das wilde Neukölln, das ehemals ruhige, gepflegt-bürgerliche Schöneberg infiziert und krankgemacht, um es nun langsam aufzufressen.

Der Fahrstuhl war kaputt. Frank nahm die Treppe. Schmierereien an den Wänden. Blätternde Farbe. Er riss sich einen Splitter ein, als er an einem geborstenen Handlauf Halt suchte.

In der Wohnung seines Vaters sah es wĂĽst aus. So wie damals, als er ihn abholte, um ihn ins Krankenhaus zu bringen.
Damals hatte er den MĂĽll liegen sehen, die gebrauchten Binden, die Pflaster mit Eiterflecken, die leeren Tuben mit irgendwelchen Heilsalben.
Es hatte ihn nicht berĂĽhrt. Sein Vater war ihm fremd. Er litt nicht mit ihm, er empfand kaum etwas fĂĽr diesen alten Mann.
In den Regalen standen erstaunlich viele Bücher. Was brauchte sein Vater derart viele Bücher!? Das waren doch Zeugnisse einer vergangenen Zeit, unhandliche Brandlasten, die viel Platz verbrauchten, alterten, von Würmern befallen wurden und als toter Staub endeten. Wer las noch Bücher! Doch nur jene, die mit der neuen Zeit nichts anzufangen wussten; jene, die keinen PC bedienen konnten, kein Handy, kein Tablett! – Alte Leute eben, die keiner mehr brauchte…
Bei diesem Gedanken wurde Frank für einen Moment unwohl. Fiel ihm doch ein: alle alterten, leider. Noch gab es kein Mittel, der verhängnisvollen Entwicklung ein Schnippchen zu schlagen.
Obwohl – man hörte dies und das. Zum Beispiel sollte es bereits die Möglichkeiten eines Organersatzes geben, eines sukzessiven, der schließlich, nach dem Erreichen des Komplettaustausches, zu neuer Dauer- und Nachhaltigkeit führte. Aber Genaues wusste man nicht.

Frank setzte sich an den Schreibtisch. Zog eine Schublade nach der anderen auf. Betrachtete alte, vergilbte Fotos, die aus der Zeit der analogen Techniken stammen mussten.
In der untersten Schublade entdeckte er ein Schreibheft. Schlug es auf. Begann zu lesen.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


2 ausgeblendete Kommentare sind nur fĂĽr Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
ZurĂĽck zu:  Erzählungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Werbung