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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Cafe der Musen
Eingestellt am 22. 01. 2004 22:49


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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Im Cafe der Musen

Ich bin der einzige Fallschirmspringer ├╝ber dem Flu├č und die Sekunden dehnen sich zu ├╝berraschender Langsamkeit. Die metallische Mainschleife da weit unter mir teilt die Stadt in zwei H├Ąlften. Die Altstadt angeh├Ąufelt an den Odenwald, die Neustadt wuchert in die Ausl├Ąufer des Spessarts. Da ist das Gymnasium zu erkennen, dort unterrichtete der Vater. Deutsch, Englisch und Ethik. Da ist das Kloster, dessen Bier sehr dunkel und klebrig und stark ist. Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine besch├Ąmende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch ├╝brig bleibt.

Das Rauschen des Fallwindes h├Ąlt deine Nerven gespannt. Der Fallschirm ├Âffnet sich erst beim zweiten Rei├čen an der Leine mit einem Ruck und steift dir den R├╝cken. Du sinkst dann wie eine pendelnde Marionette nach unten. Und schon ist der Vorplatz der sandsteinroten Kirche zu erkennen. Der Aufprall k├Ânnte hart sein, aber du f├╝rchtest ihn nicht. Du bist routiniert, du wei├čt das Tempo zu drosseln und du kannst mit einer t├Ąnzelnden Bewegung federnd den Boden ber├╝hren, ohne dass du hinschl├Ągst.

Au├čerdem, da gibt es eine Gasse hinter der Kirche. Sie f├╝hrt zu einem runden Turm. Es ist nicht so, dass dieser Turm immer zu finden ist. Nein, manchmal wendest du dein Gesicht verzweifelt nach links und nach rechts. Die Fachwerkh├Ąuser scheinen dir vertraut, aber der Turm bleibt verborgen. Suchst du dann - durch die Gasse schreitend - weiter, stehst du pl├Âtzlich in einer kotigen Stra├če, welche die Gasse quert. Kein Asphalt, kein Kopfsteinpflaster. Lehmiger Boden, an manchen Stellen Sand. Dort haben die Mainfischer schon vor hundert Jahren ihre stinkenden Netze im Wind aufgeh├Ąngt. Und Wagenr├Ąder haben ihre Spuren eingedr├╝ckt, Schleifspuren in brackigem Lehm, kleine Wasserpf├╝tzen, darin kleine Leben.

Also ist es ein gro├čes Gl├╝ck, wenn du ihn gefunden hast. Ein Turm mit einem Durchmesser von etwa sieben Metern, gemauert aus rotem Sandstein, im ersten Stock ein Cafe. Darin eine Anrichte, ein Servierraum. Darunter im Erdgeschoss drei Fenster mit Vorh├Ąngen, wohl eine Wohnung, ganz oben ein Glasdach. Zwei Damen bemuttern dich dort im Cafe, wenn du dich auf den gr├╝nen Pl├╝schsessel gesetzt hast bei dem Tisch nahe dem Regal. Ein runder Raum, fensterlos, trotzdem lichterf├╝llt. Manchmal bist du der einzige Gast. Sie haben dich nicht erwartet, aber sie wissen, wann du kommst. Das gibt Sicherheit. Ein Raum f├╝r sich.

Du blickst nach oben. Das Glasdach, zusammengesetzt aus acht Teilen, eingefasst in Eisenstreben, sanftes Licht. Du siehst durch die Scheiben den Himmel ├╝ber dir. Manchmal ein langsam fliegendes Flugzeug. Sehr weit oben. Die alten Damen servieren dampfende Schokolade in wei├čen Tassen, eine Nougattorte auf wei├čem Teller, ihre Gesichter sind rosig, sanfte Gesten, der blaue Teppich d├Ąmpft ihre Schritte. Drau├čen die Stadt ist nur zu ahnen.

Links ein Tisch mit Grammophon, dahinter Schallplatten in einem Drahtgitter aufgestellt. In dem Regal Illustrierte aus den Jahren 1910 bis 1920. Neunzig Jahre sind seither vergangen. Du stehst auf, wohlig durchsuchst du den Stapel. Im Regal ganz oben stehen f├╝nf gro├če B├Ąnde: ÔÇ×Die GartenlaubeÔÇť, gebunden in gr├╝nem Kaliko. Du findest darin einen Fortsetzungsroman von Theodor Fontane. Da geh├Ârst du hin, denkst du, hierher sehnst du dich, seit du das Cafe zum ersten Mal betratest. Die Damen, der warme, gef├╝llte Bauch, der Schokoladegeschmack im Mund, die satte S├╝├če, die wohlige Ermattung. Ach, schon immer hast du das gewollt.

Jetzt eine Energieleistung der beschaulichen Art. Vor dir die Lekt├╝re, du hast die Ellbogen aufgest├╝tzt, Fontane auf gro├čen Bl├Ąttern im Spaltendruck. Die alten Damen bringen dir Schreibpapier. Du machst Dir Notizen, skizzierst etwas, schreibst ein paar Zeilen. Bruchst├╝cke eines Gedichtes. Die Musen singen. Passagen einer Erz├Ąhlung. Du tr├Ągst ja einiges mit dir herum, in deinem Kopf.

Allerdings geht es an solchen Tagen nicht immer gut. Nicht nur, dass du die Gasse zwar findest, nicht aber den Turm. Nein schlimmer. Manchmal springst Du aus dem Flugzeug ab, der Fallschirm ├Âffnet sich eben auch beim zweiten Ziehen an der Rei├čleine nicht und das Glasdach wird immer gr├Â├čer. Du durchbrichst es, ein Splittern um dich, dann ein dumpfer Laut, wenn dein K├Ârper auf den Teppich schl├Ągt.

Allerdings ist das nicht das Ende. Die rundliche Dame mustert die Bescherung auf dem Teppich. Sie schnippst mit den Fingern, der Film l├Ąuft pl├Âtzlich r├╝ckw├Ąrts, es zieht, es saugt dich nach oben, das Glasdach setzt sich unter dir wieder zusammen, bis du dich - Stopp! - an deinem Ausgangspunkt befindest.

Du stehst also oben in der Luke des Flugzeugausstiegs und blickst nach unten. Der Turm ist diesmal gut erkennbar. Das Glasdach des Cafes ist so intakt. Du f├╝hlst nach dem Fallschirm auf deinem R├╝cken, denn du bist bereit zum Absprung.

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Minouche
Guest
Registriert: Not Yet

wundersch├Ân...

Hallo Willibald !

Es existiert allemal in meinem Herzen, dein Caf├ę. Und wenn nicht schon vorher, dann sp├Ątestens jetzt, so sch├Ân hast du es mir beschrieben. Und Musen sind ├Ąu├čerst launische Gesch├Âpfe, das brauche ich dir nicht zu sagen. Meine sucht mich zu den ungelegensten Zeitpunkten heim. Ich mu├č dann mitten in der Nacht aufstehen, anziehen, Kaffe kochen - und schreiben. Nervig die Dame, nervig.

Und manchmal st├╝rzt man ab. Wahrscheinlich hat man sie dann ver├Ąrgert, die Muse. Aber du f├Ąllst ja zum Gl├╝ck weich. Ich werde es demn├Ąchst auch tun. Ich werde der Dame ein Schnippchen schlagen, wenn sie mich mal wieder ├Ąrgern will mit unausgegorenen Texten.

Ich setze mich n├Ąmlich in dein Caf├ę. Ha ! Und damit hat sie nicht gerechnet ! Dann falle ich weich. Es gibt dort dicke Teppiche. Und es gibt Schokolade, dickfl├╝ssig und w├╝rzig, so wie ich es mag. Und nette alte Damen. (sanftm├╝tige Musen ?)

Danke f├╝r den sehr sch├Ânen Text.
Ich habe ihn genossen.

Liebe Gr├╝├če
Minouche

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Hallo Willibald,
auch mich hat diese kleine Geschichte begeistert - ich mu├čte sie gleich ein zweites Mal lesen! Mir gef├Ąllt besonders diese "Du"-Anrede - eine gewagte Perspektive, aber sehr passend in diesem Text.


>>Eine Labsal, wenn du ein Glas trinkst, aber eine besch├Ąmende Hilfe, wenn du so den dumpfen Schlaf suchst, der dir noch ├╝brig bleibt.
<<

An diesem Satz bin ich h├Ąngengeblieben. Wieso eine besch├Ąmende Hilfe? Was ist besch├Ąmend? Da├č die Hilfe ├╝berhaupt gebraucht wird oder da├č sie nicht funktioniert? Mir ist die Funktion dieser Stelle nicht klar; sie scheint auf etwas dauerhaft Unbew├Ąltigtes zu stehen in einem Text, den ich eigentlich als gl├╝cklich empfinde. Oder habe ich da etwas nicht verstanden?

Liebe Gr├╝├če von Zefira,
die auch gern ins Caf├ę kommt
__________________
schmollfisch

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Willibald
???
Registriert: Jul 2002

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Dear minouche, dear zefira,

thanks for lecture

Mir geht es mit dem Motiv und der Textur des literarichen Cafes ein bisschen gemixter, so Stilmischungen halt:

Der Kakao hat so was Gem├╝tliches, dann wieder die Alptraumszene mit den splitterndenScheiben. Dann allerdings auch wieder die Aufhebung der t├Âdlichen Situation. Jou und die Erz├Ąhlperspektive ist auch ein bisschen gemanscht, oder geschwollener ausgedr├╝ckt: oszillierend zwischen ich und du und einem vielleicht vorhandenen anderen Sprecher.

Helfe mir ein wenig damit, dass es in Musencafes, in die man sich zur├╝ckzieht, ein bisschen wuderbar, ein bisschen anheimelnd, ein bisschen grausam, ein bisschen realtit├Ątsabgewandt zugeht. Ein Schonraum, der exterritorial ist, auch bezogen auf die gew├Âhnlichen Gesetze von Zeit und Raum.

Aber das wissen ja wir literarisch Euphorischen und leicht Angeknacksten (?) ziemlich genau.

aes/w

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Minouche
Guest
Registriert: Not Yet

jaaaaa.......

....ich h├Ârte nur Schonraum und texte f├╝r mich gleich Schonzeit. Wunderbar. Ich habe meine Muse auf meinem total ergonomisch-geformten B├╝gelstuhl festgebunden. Ich hasse das Ding. Und manchmal hasse ich diese Muse. Bl├Âdes Weib.
Nun habe ich schon zweierlei zusammengeknebelt.
Irgendwas will sie sagen. Ich lasse sie nicht. Ihr Mund m├╝mmelt so komisch. Kann sein. Vielleicht behagt ihr der Weichsp├╝ler im Tuch nicht. Und dabei ist das extra Sensitive....Sie kann sich nicht losrei├čen, ich habe die W├Ąscheleine genommen, das ist extradicker Draht mit Nylon.


Und nun, nun gehe ich in dein Caf├ę. Scheiben werden nicht splittern, daf├╝r habe ich ausreichend gesorgt. Sie kann nicht weg. W├Ąscheleinen schafft sie nicht. Hoffe ich...

Und ich hoffe, du hast etwas Sch├Ânes zu Lesen da ?! ;-)

Bis in B├Ąlde und inspirierende Stunden bei den Damen im Caf├ę w├╝nsche ich, leicht angeknackst.....

Minouche ;-)





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Gandl

Autorenanw├Ąrter

Registriert: Jul 2003

Werke: 1
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Nachtrag

zu meiner n├Ąchtlichen 9:
Nein, am Morgen danach: es ist eher ne 10!
(ja, die LL schreibt ja: lieber eine Nacht dr├╝ber schlafen,
dann erst urteilen!)
Vergib mir!
Vielen, vielen Dank.
Und das mit dem DU hast du genial hingekriegt.
Liebe Gr├╝├če
Gandl

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