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Leselupe.de > Lange Texte
Im Fadenkreuz (Prolog)
Eingestellt am 01. 12. 2000 17:36


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Marcel Sommerick
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2000

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Im Fadenkreuz

Prolog



Es war ein vergeblicher Versuch. Er lag im Sichtschutz der kahlen Betonwand und zĂ€hlte die Sekunden. Durch das Visier des Lasergewehrs zeichnete sich die Silhouette des Diktators ĂŒberdeutlich gegen die Flutlichter vom Ende des Tunnels ab und schien die Grenzen von Zeit und Raum zu sprengen wie ein lĂ€ngst vergessenes DĂ©jĂ -vu. Sein Atem ging schwer, und der Zeigefinger krampfte sich um den Abzug. Gerne hĂ€tte er sofort abgedrĂŒckt, aber immer störte ein winziges Detail. Die Sicherheitsleute mit ihren kugelsicheren Westen tauchten immer wieder in die Schusslinie, die jubelnden Passanten verdeckten die Sicht, und der Marschall selbst schien die Gefahr zu spĂŒren, die von dem abrissreifen GebĂ€ude am Ende der unterirdischen Passage ausging. Zappa schwitzte. Eigentlich sollte der Bau schon seit Wochen gesprengt werden, um einem großen Einkaufszentrum Platz zu machen. Jedesmal war die Angst da, wenn er das GebĂ€ude betrat. Die Sprengladungen waren installiert, und der Sprengmeister musste nur auf den Knopf drĂŒcken in der Kommandozentrale, um den ganzen Komplex in Schutt und Asche zu legen. Sicher wusste Zappa, dass an dem Paradetag keine Sprengung vorgesehen war. Sicher brauchte er auch das komplizierte Überwachungssystem nicht zu fĂŒrchten, denn seine Komplizen hatten jahrelang an den Vorkehrungen fĂŒr die Operation gearbeitet. Aber die Angst war da, lĂ€hmte den Verstand und blockierte die Gedanken. Ein kleines Husten hĂ€tte genĂŒgt, um den Anschlag zu vereiteln.
Unten in der Passage spulte sich das Programm ab, als wĂ€re alles nur ein schlecht geratener Film. BegrĂŒĂŸung durch den BĂŒrgermeister, LĂ€cheln fĂŒr die Fernsehkameras, BlumenstrĂ€uße, die von unwissenden Schulkindern ĂŒberreicht wurden. Zappa sah auf die Uhr. Noch drei Minuten bis zum Schuss. In seiner Phantasie vermischte sich die unwirkliche Szenerie des Nationalfeiertags mit verschwommenen Kindheitsbildern und Stationen aus seinem Leben, die er lange verdrĂ€ngt hatte. Er tastete in der Jackentasche nach dem Messer. Die Worte seines Vaters klangen in seinen Ohren, der ihm eines Tages ein kleines Terrarium gezeigt hatte. Ein Grille, ein SchĂ€lchen mit Wasser, und, unter einem grauen Stein lauernd, ein schwarzer Skorpion. Das Gift aus seinem Stachel hĂ€tte genĂŒgt, um einen ausgewachsenen Rappen ins Jenseits zu befördern. Vater zeigte bemerkenswerte GemĂŒtsruhe und wedelte mit dem Benzinfeuerzeug, um seine Worte zu untermalen. „Skorpione zĂŒcken ihren Stachel nur, wenn sie angegriffen werden. Aber sehen sie keinen Ausweg mehr, zum Beispiel so“ – er zeichnete mit der Hand einen imaginĂ€ren Flammenring um das reglose Spinnentier – „dann richten sie ihren Stachel gegen sich selbst.“ Zappa war von Sternzeichen Skorpion, und das Messer in seiner Jackentasche war scharf geschliffen.
Noch zwei Minuten. Es musste eine Höllenarbeit gewesen sein, sich in den Zentralrechner einzuloggen, um die elektronische Schutzglocke außer Gefecht zu setzen. Er zĂŒndete sich eine Zigarette an. Man mochte von seinem verstorbenen KampfgefĂ€hrten Timo Lechner halten, was man wollte, aber diese Aufgabe hatte er fachmĂ€nnisch erledigt. Begonnen hatte alles mit einem einfachen Computervirus, der aktiv wurde, als Lechner das Zeitliche segnete. Seitdem lief der Zentralrechner nicht mehr so, wie er sollte, und die Spezialisten hatten alle HĂ€nde voll zu tun, um den Virus – der sich stĂ€ndig modifizierte und dazu alte Dateien aus dem Hypernet herunterlud – in Schach zu halten. Ja, Lechner hatte das Zeitliche gesegnet. Zappa zog noch einmal an seiner Zigarette und warf sie dann in eine verölte PfĂŒtze am Fuße der BrĂŒstung. Seiner Meinung nach war er nur eine Schachfigur im Spiel, die unwissentlich fĂŒr die PlĂ€ne der AufstĂ€ndischen gearbeitet hatte. Er hatte den Schneid, öffentlich abzutreten, aber niemand wĂŒrde ihm auch nur eine TrĂ€ne widmen, denn sein Cousin Armin weinte nicht, und seine Eltern waren lĂ€ngst verblichen.
Zappa zĂŒndete eine weitere Zigarette an und sah noch einmal auf die Uhr. Noch eine Minute. Wenn das Programm zielsicher arbeitete, musste gleich die Bahn frei sein. Seine Gedanken drehten sich im Karussell. Es war so schwierig, jetzt, da sich die Situation zuspitzte, die Nerven zu behalten. Mehr als einmal hatte er das Gewehr in Anschlag gehabt, und jedesmal erschien ihm der Moment vor dem Schuss erregender als jeder Orgasmus, den er in seinem kurzen Leben genossen hatte. Zappa war ein Killer.
Unten in der Passage sprangen die riesigen Ventilatoren zu beiden Seiten des Schachtes an, um frische Luft in die Menge zu pressen. Eine junge Frau sank ohnmĂ€chtig zusammen und wurde von den OrdnungskrĂ€ften zum SanitĂ€tszelt getragen. Die Schreie wurden frenetischer, die Menge jubelte und rief im Chor den Namen des großen Diktators. Feuerwerk wurde gezĂŒndet, und Zappa registrierte erleichtert, dass der Schuss im allgemeinen Getöse nicht weiter auffallen wĂŒrde. Selbst wenn er das Ziel verfehlte, bliebe ihm vielleicht noch die Möglichkeit zur Flucht. Der Marschall hob grĂŒĂŸend die Hand, trat an das Rednerpult und wartete geduldig darauf, dass der Beifall verebbte. Die Spannung knisterte in der Luft, jeder der Zuhörer konnte sie spĂŒren. Was wĂŒrde der große Tribun diesmal verkĂŒnden? WĂŒrde er die Löhne und GehĂ€lter fĂŒr das kommende Jahr anheben? Sollte die Schulpflicht verkĂŒrzt werden oder der Einstieg in das Rentenalter herabgesetzt werden? „Nur die Leistung zĂ€hlt“, lautete die Parole fĂŒr das vergangene Jahr, doch in welchem Zeichen wĂŒrde das kommende Jahr stehen? Der Diktator holte tief Luft, setzte zum Sprechen an, und in diesem Moment ereignete sich dreierlei. Die Stromversorgung brach zusammen, ein peitschender Schuss zerteilte die Stille, und auf dem GebĂ€ude gegenĂŒber griff eine kleine Gestalt zum Messer, die Chancen abwĂ€gend zwischen zwischen dem Möglichkeit zur Flucht und dem Wunsch, das eigene Leben so teuer wie möglich zu verkaufen. Die große Gelegenheit war vorĂŒber, und niemand konnte wissen, wie die Dinge ihren Lauf nehmen wĂŒrden und ob das, wofĂŒr Zappa kĂ€mpfte, eines Tages den Menschen in Megalopolis K ein friedvolleres Leben ermöglichen wĂŒrde. Denn das Attentat war von langer Hand vorbereitet, aber die Dynamik des Staatsterrors war schwer einzuschĂ€tzen. Und wĂ€hrend unten auf der Straße die erwartete Panik ausbrach, sah Zappa sein Leben wie einen Film vor dem inneren Auge ablaufen, sah die Höhen und Tiefen der vergangenen Monate, dachte daran, wie alles begonnen hatte...


© 2000 by Marcel Sommerick

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jon
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Toll, ein ziemlich gut gemachter Einstieg – lockt wirklich "rein".

Aber: Was war ein vergeblicher Versuch?
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

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