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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Fitnessstudio
Eingestellt am 14. 06. 2014 22:40


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Benni
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2013

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Denkmord an der Langhantel

Schon auf dem Weg ins Studio geht es los. Ich durch die FußgĂ€ngerzone. Zu Fuß. Mir kommt eine Frau entgegen. Damit es nicht knallt, weiche ich nach rechts aus. Sie scheint das nicht zu bemerken und schlĂ€gt ebenfalls rechts ein. Also von ihr aus links. Ich navigiere wieder nach links. Sie guckt und macht es mir nach. Wir sind uns mittlerweile sehr nahe. Ich bleibe stehen, will sie vorĂŒberziehen lassen. Sie hat dasselbe vor. Wir schauen uns in die Augen. Ich gucke böse, denke, blöde Ziege. Sie lĂ€chelt. Ich lĂ€chle zurĂŒck. Sie nimmt Geschwindigkeit auf und zieht links an mir vorbei. Mein LĂ€cheln versiegt. Ich Ă€rgere mich ĂŒber sie und habe gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, mich ĂŒber sie zu Ă€rgern. Ich gehe weiter und Ă€rgere mich, ein schlechtes Gewissen zu haben. Ich verlasse die FußgĂ€ngerzone und Ă€rgere mich, mich ĂŒberhaupt zu Ă€rgern. Wegen ihr. Der Frau, die nicht gucken kann.

Am Studio angekommen habe ich die Wahl. Treppe oder Fahrstuhl. Die meisten nehmen den Fahrstuhl. Viele von denen kommen sogar mit dem Auto. Wohnen zwar um die Ecke, aber nehmen das Auto. Und dann den Fahrstuhl. Und danach ab aufs Laufband. Sich mal so richtig auspowern. Ich nehme immer die Treppe. Alles andere wÀre Selbstverarsche. Ich gucke spöttisch Richtung Fahrstuhl. Zwei MÀdchen steigen gerade ein. Kichernd und selbstverliebt. Sie tragen Leggings. Ein Blick auf die Oberschenkel verrÀt mir, dass sie noch nicht so lange hier sind. Oder sie sind schon lange hier, aber kichern zu viel wÀhrend des Trainings. Sie sollten keine Leggings tragen, denke ich mir. Oder wenigstens noch nicht.

Oben angekommen werde ich von der Thekenkraft freundlich begrĂŒĂŸt. Ich nicke ihr zu. Draußen auf der Straße wĂŒrde sie mich keines Blickes wĂŒrdigen. Aber als Job, wenn man dafĂŒr Geld kriegt, ist das natĂŒrlich was anderes. Da kann man auch ruhig mal freundlich sein. Andere verkaufen ihren Körper und sie muss mich halt nur freundlich begrĂŒĂŸen.

Umziehen muss ich mich nicht. Am Anfang habe ich immer noch die Umkleidekabinen benutzt. Aber das mache ich schon lange nicht mehr. Es ist eklig. Es ist dreckig. Es stinkt widerlich nach Schweiß. Achselschweiß durchzogen mit verbrauchtem Deodorant. UnzĂ€hlige Geruchspartikel schwirren durch den Raum. Lösen sich von den schweißdurchtrĂ€nkten Achseln und finden den Weg direkt in meine Nase. Seitdem ich darĂŒber nachgedacht habe, ziehe ich mich zu Hause um.

Die beiden MĂ€dchen aus dem Fahrstuhl sind scheinbar genauso geruchsempfindlich, denn auch sie haben ihre Sportbekleidung bereits an. Ich gucke ihnen zu, wie sie die beiden letzten LaufbĂ€nder belegen. 30€ zahle ich im Monat und immer sind die LaufbĂ€nder besetzt. Also stelle ich mich an und warte. Ein etwas Ă€lterer Herr ist bereits ganz außer Atem. Lange hĂ€lt er nicht mehr durch, denke ich mir, und bewege mich schon einmal langsam in seine Richtung. Es ist wie auf dem Parkplatz. Wer die ParklĂŒcke zuerst entdeckt, darf rein. Der Mann atmet schwer. Doch sein Wille ist ungebrochen. Von weiter hinten höre ich das vertraute Kichern. Die beiden MĂ€dchen haben schon wieder genug. Dahinter freuen sich zwei Jungs, so schnell an der Reihe zu sein. Der Herr vor mir keucht und hechelt. Weitere 5 Minuten vergehen, bis er dann endlich aufgibt. Ich merke ihm an, dass er gerne noch weiter laufen wĂŒrde, aber sein Körper ist völlig am Ende. Ich male mir aus, wie die Jahre vergehen und er immer weniger Meter zurĂŒcklegen wird, bis er dann irgendwann seinen letzten Meter macht. Vielleicht wĂŒrde er kĂ€mpfen, noch ein paar Meter mehr zu schaffen, aber so sehr er sich auch anstrengt, der letzte Meter wĂŒrde kommen.

Ich nicke ihm beim Absteigen zu. Fordere ihn mit Blicken auf, die Griffe mit dem dafĂŒr bereitstehenden Desinfektionsmittel zu reinigen. Eigentlich eine SelbstverstĂ€ndlichkeit, aber den Unbelehrbaren ist das scheißegal. Er gehört zu den AnstĂ€ndigen und wischt bereitwillig die Griffe ab. Ich warte, bis er fertig ist und ein wenig lĂ€nger, damit das Desinfektionsmittel einwirken kann. Dann besteige ich das Laufband. Keine 5 Minuten vergehen, da nĂ€hert sich mir eine Frau. UngefĂ€hr mein Alter, vielleicht etwas jĂŒnger. BildhĂŒbsch. Sie lĂ€chelt mich an. Ich lĂ€chle zurĂŒck. „Sag mal, wie lange brauchst du ungefĂ€hr noch?“ Meine Miene versteinert sich. Innerlich. Nach außen lĂ€chle ich sie immer noch an „Nicht mehr so lange“, sage ich, „vielleicht so 10 Minuten.“ „Gut, dann warte ich solange“, erwidert sie freundlich. Verpiss dich, denke ich. „Klar, mach das!“ sage ich. Sie lĂ€chelt. Ich lĂ€chle zurĂŒck.

Weil ich es hasse, wenn jemand hinter mir steht, verkĂŒrze ich die 10 Minuten auf 5 Minuten. „Schon fertig?“ fragt sie. Leck mich, denke ich. „Ich mach noch schnell die Griffe sauber“, sage ich. Sie lĂ€chelt. Ich lĂ€chle. Ich mache mich auf den Weg Richtung Fitnessmatten.

Wie immer beginne ich mit LiegestĂŒtzen. 30 am StĂŒck, mehr schaffe ich nicht. Ich bin bei 27, bei 28, bei 29, da höre ich hinter mir Frauenstimmen, die laut mitzĂ€hlen. 30, 31, 32. Ich spĂŒre, wie die Kraft auf einmal zurĂŒckkommt. Ich nehme die 40. Ich gehe auf die 50 zu. Irgendwann ist Schluss. Ich sacke in mich zusammen. Liege wie bewusstlos auf dem Boden. Hinter mir höre ich, wie weiter gezĂ€hlt wird. 70,71,72. Ich blicke auf. HinĂŒber zu den MĂ€dchen. Ich sehe einen durchtrainierten jungen Mann LiegestĂŒtzen machen. Dahinter drei Frauen, die ihn lauthals anfeuern.

Der junge Mann hat eine WollmĂŒtze auf. Er ist nicht der Einzige. Viele junge MĂ€nner laufen herum, die eine WollmĂŒtze aufhaben. Ich verstehe das nicht. Warum hat man beim Sport eine WollmĂŒtze auf? WollmĂŒtzen trĂ€gt man im Winter, wenn es kalt ist. Aber doch nicht beim Sport. Sehen und gesehen werden, denke ich mir. In jeder Lebenslage eine gute Figur machen. Ich schaue hinunter zu den FĂŒĂŸen. Die MĂ€nner tragen vornehmlich Nike. Die Frauen Asics. Eine mit Stöckelschuhen ist nicht dabei.

Der Raum mit den HantelbĂ€nken ist wie immer gut gefĂŒllt. Ein Raum voller MĂŒtzentrĂ€ger. Die meisten kennen sich. Abseits der Herde picke ich mir das schwĂ€chste Glied heraus, um seine Hantelbank zu ĂŒbernehmen. Ich nehme ihn ins Visier. Ebenfalls ein MĂŒtzentrĂ€ger. Arme wie BindfĂ€den. Keine 20kg auf der Langhantel. „Hallo, können wir uns abwechseln?“, frage ich höflich. „Klar!“ sagt er. Wir wechseln uns ab. WĂ€hrend er dran ist, beobachte ich ihn. Nike Schuhe, Muskelshirt, Halskette. Seine Angepasstheit ist mir zuwider. „Ganz schön warm hier, was?“ bemerke ich. „Das kann man wohl sagen!“, erwidert er mit ungetrĂŒbter Freundlichkeit. WĂ€hrend er redet, kratzt er sich an der MĂŒtze. Ein letztes Mal stemmt er die Langhantel, dann verabschiedet er sich Richtung Umkleidekabine.

Ich schaue ihm nach, froh, nun die Bank fĂŒr mich zu haben. Jemand tickt mir von hinten auf die Schulter. „Können wir uns abwechseln?“, höre ich ihn fragen. „Ich bin sowieso gerade fertig“, sage ich betont genervt. Ohne ihn anzugucken nehme ich mein Handtuch und ziehe von dannen.

Die Blase drĂŒckt. Auch das noch, denke ich, denn um zu den Toiletten zu gelangen, muss man durch die Umkleidekabine hindurch. Schon beim Öffnen der TĂŒr kommt mir dieser strenge Schweißgeruch entgegen. Ich versuche, nicht zu atmen. Beim VorĂŒbergehen sehe ich die MĂŒtze des Jungen mit der Langhantel auf der Umkleidebank liegen. Ich schaue mich um. Der Raum ist leer, nur aus der Dusche dringen GerĂ€usche. Irgendetwas ĂŒberkommt mich. Ich greife hastig nach der MĂŒtze und schmeiße sie bei den Toiletten in den MĂŒlleimer. Mit erleichterter Blase kehre ich zurĂŒck. Der Junge steht vor mir. Etwas Trauriges liegt in seinen Augen. „Hi“, sagt er, „hast du zufĂ€llig irgendwo meine MĂŒtze gesehen?“ Ich verneine und ziehe eilig an ihm vorĂŒber. An der TĂŒr angelangt, fĂ€llt mein Blick noch einmal nach hinten. Dem Jungen direkt auf die Glatze. Auf seinem Hinterkopf prangt ein riesiger Blutschwamm.

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Benni,
sehr differenziert und nachvollziehbare Beschreibung eines Fitness"events". Der Prot kommt in seiner negativen Denkweise gut rĂŒber. Gibt ja viele solche Menschen, die alles andere um sie herum verachten. Wo gibt es denn noch so ein heruntergekommenes Center? Bei mir istÂŽs sehr sauber und gepflegt, doch Schweiß muß sein.
Ab und an hast du ein Komma vergessen, wenn ?" Komma und der Satz weitergeht.
LG USch

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