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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Im Gedenken an die unzähligen, oft namenlos gebliebenen Opfer dieses Mannes
Eingestellt am 28. 04. 2012 14:59


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Winfried Stanzick
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Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Jürg Amann, Der Kommandant, DTV 2012, ISBN 978-3-423-14104-8


Jürg Amann, der Schweizer Schriftsteller, dem Marcel Reich- Ranicki einmal "virtuose Beschränkung auf die genaue Beschreibung" attestiert hat, überzeugte vor wenigen Monaten erst mit seinem kleinen Buch "Die Reise zum Horizont". In knappen Kapiteln mit einer sehr nüchternen und unprätentiösen Sprache ging Jürg Amann dort einem tatsächlichen Geschehen nach, dem Absturz stürzte des Flugzeugs "Fuerza Aerea five seven one" der Luftwaffe der Uruguay am 13. Oktober 1972 in den Anden in großer eisiger Höhe und dem Überlebenskampf der Menschen, die erst Monate später gefunden wurden.

In dem Buch "Der Kommandant" hingegen hat er kein einziges Wort selbst verfasst. In einer editorischen Notiz am Ende des Buches schreibt er jedoch: "Angesichts der Wirklichkeit ist alles Erfinden obszön. Vor allem da, wo man die Wirklichkeit haben kann. Auch wenn sie immer wieder geleugnet wird."

Kurz bevor ihm die schon 1958 einmal veröffentlichten Aufzeichnungen des Auschwitz -Kommandanten Rudolf Höß in die Hände gefallen seien, habe er, Amann, bei der Lektüre von Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" das schon so empfunden, einer affirmativen Einfühlung in einen NS-Täter in Form eines Romans.

Auf zunächst über dreihundert Seiten hatte Rudolf Höß seine Aufzeichnungen zwischen seiner Verhaftung durch die Briten und seiner Verurteilung zum Tod durch ein Krakauer Gericht in der Untersuchungshaft ohne ein einziges Zeichen von Reue zu Papier gebracht.

In einem langen Prozess, den Amann einen "dramaturgischen Prozess" nennt, hat er den ursprünglichen Text von Rudolf Höß strukturiert, verknappt und ihn "auf seine Essenz hin zugespitzt".
Am Ende stand ein "Monodrama in sechzehn Stationen", das Amann ursprünglich als Hörspiel oder für die Theaterbühne konzipiert hatte. Nun hat er es in einem Buch veröffentlicht, ein Buch, das man schnell gelesen hat und von dem man lange erschüttert bleibt. Die naive und uneinsichtige Selbstdenunziation eines glühenden Nationalsozialisten, der über lange Jahre das größte Vernichtungslager geleitet hat, das die Menschheit kennt und in dem eine unvorstellbare Zahl von Juden, Zigeunern, politischen Häftlingen und "Asozialen" erschossen, später dann systematisch vergast und verbrannt wurden, gibt einen unter die Haut gehenden Einruck, von dem, was damals passiert ist.

Der Leser wird gezwungen, geradezu in den Kopf eines Massenmörders für die Dauer seiner Lektüre eingesperrt, sich mit dem Monolog von Rudolf Höß auseinanderzusetzen. Da ist kein Abstand mehr möglich. Das Grauen und die Unmenschlichkeit solchen Denkens und Handelns werden unmittelbar.

Im Gedenken an die unzähligen, oft namenlos gebliebenen Opfer dieses Mannes.

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