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Leselupe.de > Erzählungen
Im Heim
Eingestellt am 28. 03. 2017 14:29


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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Müller war schwach, aber er konnte sich bewegen. Der Ausstieg aus der Transportkugel gelang ihm ohne fremde Hilfe. Eine sonore Robostimme gab behutsam Anweisungen, wies höflich auf die ausgefahrene Leiter hin, auf Unfallgefahren durch unbeabsichtigtes Stolpern, auf möglicherweise vorhandenes Glatteis im Hof… Er solle auf keinen Fall seine Tasche vergessen!
Die Robostimme schwieg eine Zeit. Müller vernahm ein Seufzen, es klang sehr menschlich. Er zweifelte für einen Moment an der Herkunft des Geräusches aus einem Sprachcomputer. Sah sich um.
Doch er stand allein in einem Hof von vielleicht zehn mal zwölf Meter, zur Straße und den Nachbargrundstücken gesichert durch meterhohe Mauern, in der Tiefe durch die Frontseite eines viergeschossigen Gebäudes mit milchweiß-undurchsichtigen großen Scheiben begrenzt. Unbeeindruckt von der Höhe der Mauern, pfiff ein eisiger Wind durch den Hof. Es war Januar, das neue Jahr erst ein paar Tage alt…
Das Seufzen konnte nur von der Roboterstimme stammen. Es war also ein künstliches Geräusch, erzeugt von einem Stimmengenerator, moduliert von einem Empathie begabten Sprachprogramm. Müller seufzte ebenfalls und sah zu Boden.
„Bitte drehen sie sich zum Gebäude“, hörte er die Robostimme, „gehen sie zum Haupteingang, ich wünsche alles Gute, Gesundheit und eine nette Zeit.“ Es klang fast traurig. Erstaunlich, wie menschlich Technik sein konnte!
Als Müller auf drei Schritte an den Haupteingang heran war, öffnete sich die Tür automatisch. Er zögerte. Drehte sich um. Die nette Stimme… Die Transportkugel hob ab und verschwand in wenigen Sekunden aus seinem Blickfeld. Freundliche Technik, das, ging es ihm durch den Kopf. Wenn die Menschen so freundlich wären. Vielleicht lernen sie’s ja irgendwann wieder, von der Technik…
In die offene Tür trat eine Frau in der weißen Uniform des Pflegepersonals. Sie begrüßte Müller mit einem Lächeln, erklärte mit einem leichten Akzent, sie heiße Maria, sei Deutsch-Türkin – in der vierten Generation in germany – und kümmere sich um die Bewohner des Hauses.
Für einen Moment vergaß Müller den zugigen Innenhof, seine vermutlich ausweglose, vertrackte neue Lage: Maria war ein schöner Name, und deren Trägerin keine hässliche Frau. Hatte er vor Kurzem nicht schon eine Maria getroffen, im Krankenhaus, bei diesem Dr. Wilder? Sahen sich die beiden Marias nicht irgendwie ähnlich?
Apropos Dr. Wilder: mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte ihn dieser Arzt für seine dämlichen Antworten, für sein „P-Dur“, bestrafen wollen, und in eine besonders gesicherte Anstalt überwiesen, in ein Heim für renitente Alte, oder gar in eine geschlossene Psychiatrie, aus der es kein Entkommen mehr gab.
Sie brachte ihn auf sein Zimmer, schloss die TĂĽr hinter ihm.

Müller zitterten die Knie. Er fror. Es schien nicht viel wärmer im Zimmer als draußen auf dem Hof. Heizten die hier überhaupt?
Er sah sich um. Wankte zum Fenster.
Sein Blick ging durch Vierfachglas. Fiel in den Hof. Prallte gegen die Mauer zur Straße, zu den Nachbargrundstücken. Ging darüber hinweg…
Auf Grund der Position – das Zimmer musste sich im vierten oder fünften Stock befinden – konnte er trotz der hohen Mauer die dahinter liegende Straße einsehen. Eine Gruppe von sechzehn Kindern wartete in Blockformation an der Ampel. Vier Reihen je vier Kinder. Ein richtiges Menschenquadrat. Praktisch, quadratisch, gut… Schnell zu zählen, schnell zu überschauen; kein Kind ging in dieser Anordnung verloren.
Eine junge Lehrerin, zum Anbeißen hübsch, daneben. Sie warf einen Blick Richtung Fahrbahn, wandte sich den Kindern zu, hob die Hand, öffnete den Mund. Die Kinder setzten sich gehorsam in Bewegung. Zwar nicht im Gleichschritt, aber in äußerst gleichen Abständen zueinander, zum Vorder- wie Hinter- und Nebenkind, überquerten sie die Straße.
Müller wusste, woher diese Präzision kam: die Chips der Kinder synchronisierten die Bewegungsabläufe. Sie verschalteten sich miteinander, errechneten die Abstände, die Laufgeschwindigkeit, die optimale Gesamtzeit für die Gruppe; gaben ihren Trägern Steuerimpulse für die Einhaltung der errechneten Werte…
An sich nichts Neues. Schon vor Jahrzehnten wurde diese Technik eingeführt. Zunächst für Fahrzeuge auf Autobahnen und vielbefahrenen Straßen; Fußgänger rüsteten sich bald freiwillig mit den Schwarmchips aus, um sich vor aggressiven Radfahrern und den halb erblindeten Autofahrern jenseits der Achtzig zu schützen; mit der Einführung von Körperchips wurden die am Körper zu tragenden elektronischen Abstandshalter überflüssig, die Körperchips verfügten über eigene Distanzkontrollapps…
Müller nickte vor sich hin und schüttelte gleichzeitig den Kopf. Eine solche Form der intelligenten Schwarmsteuerung musste eigentlich als Vorteil gesehen werden, als technischer Fortschritt ohne alle Nachteile: die Überquerung der Straße wurde koordiniert, optimiert, beschleunigt; die Herstellung überschaubarer, klar strukturierter symmetrischer Gebilde – im vorliegenden Fall also einer Marschformation – erhöhte mit Sicherheit die Sicherheit; die Unfallgefahr nahm drastisch ab. Was aber passierte mit den Kindern? Durfte man einem Kind überhaupt eine solche Ordnung überstülpen?
Bilder seines langen Lehrerlebens schossen ihm durch den Kopf: schreiende, grölende, schlagende Kinder, die über Tische und Bänke gingen, sich gegenseitig in den Bauch boxten, mit Linealen auf die Köpfe schlugen, solange, bis er die Klasse betrat, und selbst dann ging das Tohu-wa-bohu mitunter weiter, und er stand schreiend und ohnmächtig dazwischen, gewärtig, von Papierkugeln, Kreidestücken oder durch die Luft segelnden Lehrbüchern getroffen zu werden…
Eine solche Ordnung gab es damals nicht, eindeutig. Aber war diese neue, absolute Ordnung besser?
Schüttelfrost überkam ihn, Schwäche. Er ließ sich auf das Bett fallen. Schloss die Augen, dämmerte weg.

Die Kälte weckte ihn. Seine Schultergelenke schmerzten, die Hände waren gefühllos und steif. Mühsam richtete er sich auf, setzte sich.
Nun erst sah er sich genauer in seinem neuen Zuhause um. Bett, Tisch, Stuhl. Ein paar Bilder an den Wänden, irgendwelche Klees, Picassos; verschobene Gesichter…
Ein brauner Schrank aus unbestimmbarem Material. Holz? Holz gab es nur für höhere Beamte, für Staatsbedienstete, für Besserverdienende. Holz würde man hier, in dieser Anstalt, in diesem Heim für renitente, problematische menschliche Altlasten, kaum finden.
Ein Waschbecken, ein Handtuchhalter. Ein kleines Regal mit Büchern…
Müllers Blick scannte die Wände ab. Es musste doch auch Steckdosen geben? Tatsächlich: neben dem Wachbecken gab es eine Steckdose in vorschriftsmäßiger Feuchtraumausführung. Müller erhob sich, schlurfte zu dem kleinen Tisch, auf dem seine Tasche lag, öffnete den Reißverschluss, zog eine schmutzig-graue Matte mit einem Kabel daran heraus. Sein Heizkissen! Sie hatten es ihm nicht weggenommen.
Der Besitz eines Heizkissens war nicht selbstverständlich. Galten doch solcherart Stromfresser als umweltschädlich, als Störfaktoren für die Netzbelastung, als ineffizient bei der Energieumsetzung und als körperschädlich obendrein, von letztgenannter Eigenschaft hatte man in den letzten Jahren zunehmend in den Medien gehört, gesehen, gelesen.
Müller scherte sich nicht drum. Wenn ihm in seiner Wohnung zu kalt wurde, leistete ihm das Heizkissen gute Dienste. Allerdings waren die Stromabschaltungen in den letzten Jahren immer häufiger geworden.
Lächelnd schob Müller den Stecker seines Heizkissens in die Dose.
Nichts passierte. Sein Lächeln erstarb. War das Teil abgeklemmt, tot?
„Lieber Herr Müller“, hörte er plötzlich eine Stimme, „was möchten sie von mir?“
Er schielte irritiert in die Richtung, aus der Stimme zu vernehmen gewesen war. Wer sprach da? Doch nicht etwa die Dose?
Müller hatte bereits von den neuen, intelligenten Steckdosen gehört, war aber noch keiner begegnet. Er fiel in sich zusammen. Wusste er doch, was ihm bevorstand.
„Ja, hallo, liebe Steckdose“, stammelte er nervös, „wäre es möglich, mir für eine halbe Stunde Strom zu liefern?“
„Sicher, sicher“, flötete die Dose, „doch konnte ich keine IP-Adresse am Versorgung beanspruchenden Gerät feststellen.“
„IP?“, stammelte Müller fassungslos. „Ich hab das Ding von meinem Großvater, der fror immer, weil – er war mal im Krieg, hatte Erfrierungen und, ja, damals hatten nur Computer IP-Adressen, keine Kaffeemühle, kein Kühlschrank, keine Glühlampe…“
„Okay, okay“, meldete sich die Steckdose, „ich weiß, wie übel es in alten, unvernetzten Zeiten zuging, keine Kommunikation war möglich, weder zwischen den Menschen noch zwischen den Menschen und ihren technischen Hilfsmitteln, diesen segensreichen Erfindungen fortschrittlicher Geister…“
„Ja“, fiel Müller der Steckdose ins Wort, „es stimmt: wenn ich meinen Großvater bat, vom Krieg zu erzählen, oder auch der Zeit davor, danach, da wurde er meist ganz still. Entweder konnte oder wollte er nicht über diese Zeiten reden; manchmal hatte ich auch den Eindruck, er friere bei meinen Fragen, na ja, jedenfalls schüttelte er sich manchmal.“
„Gut“, ließ sich die Steckdose vernehmen, „gehen wir mal ein wenig unkonventioneller an die Sache ran. Beschreibe doch, lieber User, bitte kurz den Zweck der Maßnahme, du weißt, es geht stets um sparsame Verwendung des ökologisch erzeugten Stromes, um Schonung der Ressourcen, um Nachhaltigkeit!“
Müller hob hilflos sein Heizkissen ein Stück in die Höhe. Schielte skeptisch zu der netten und umwelttechnisch offenbar sehr gebildeten Steckdose. „Hier, mein Heizkissen. Ich will meine steifen Knochen ein wenig wärmen, sie werden gelenkiger, manchmal…“
„Mhm“, antwortete die Dose nach kurzem Nachdenken. „Ah ja. Ein Heizkissen. Ich sehe, ich verstehe.“
Müller zuckte schon wieder zusammen: Was hatte die Steckdose gesagt? Besaß sie gar Augen, vielleicht auch eine Nase, einen Mund? Er beschloss, sich verhört zu haben; unter Umständen hatte die Steckdose sich ja auch versprochen, oder sie war einfach größenwahnsinnig, hielt sich für ein intelligentes Wesen, menschen-, nein: gottgleich.
Die Steckdose erläuterte beflissen, teilweise mit einer gewissen leidenschaftlichen Hingabe, die Historie des Heizkissens: „Solche ineffizienten Geräte kamen gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Mode. Sie verdrängten die bis dahin üblichen Bettwärmepfannen, welche mit glühender Kohle betrieben wurden, sowie die Wärmesteine, im Prinzip keramische Gebilde, die in den Backröhren der damals weitverbreiteten primitiven Festbrennstoffherde erwärmt wurden. Sie waren oft mit asbesthaltigen Materialien belastet, führten zu vielen Unfällen durch Stromschlag und Brand bei Kontakt mit Schweiß oder Urin und belasteten bei häufigem Gebrauch die Stromrechnung sowie die CO2-Bilanz des Nutzers. Eine echte gesundheitsförderliche Wirkung konnte in keinem der tausendfach durchgeführten Feldversuche zweifelsfrei nachgewiesen werden. Die vermeintliche Wirkung muss damit als subjektiv und also als nicht real existierend eingeschätzt werden. Eine Alternative bietet sich in der Verwendung einer mit Warmwasser gefüllten Gummiflasche an.“
Müller dröhnte es in den Ohren. Ein „du alte Votze“ lag ihm auf der Zunge, er presste im letzten Moment die Lippen zusammen, um das böse Wort nicht frei zu lassen. So ein Biest! Und dabei eine so nette und beflissene Stimme!
Auf jeden Fall war zu konstatieren: das Teil da in der Wand, installiert in sauberer Unterputzausführung, war mit allen Wassern gewaschen, was sich für eine Steckdose seltsam anhört. Und was noch erstaunlicher war: die Steckdose war allseits gebildet, historisch informiert, technisch belesen, extrem selbstbewusst und grundarrogant. Intelligent halt.
Er überlegte eine ganze Zeit, wie er sich verhalten solle. Das Teil wässern? Dann flöge die Sicherung raus. Ihr eine vor den Latz geben? Dann splitterte sie, fiele sie von der Wand oder erlitte gar einen Deckelschaden. Sie mit wüsten Flüchen überziehen? Auch keine Lösung. Denn vermutlich hatte sie ein Gedächtnis, das sich Stöße, Tritte, Beleidigungen oder gemeine Antworten merkte. Die Steckdose war ein gemeines, weibliches Kunstwesen, ein Meisterwerk der KI, kurz gesagt: ein perfektes Miststück!
Wütend und ratlos zerknautschte er das Wärmekissen mit seinen fahrigen Händen. Er zitterte; im Zimmer herrschten gefühlte zwei Grad Minus. Er beschloss, sich aufs Verhandeln zu verlegen.
„Sind Gründe vorstellbar, die eine Nutzung der edlen und selbstverständlich auf hochökologischem Wege erzeugten Stromenergie mittels eines profanen, therapeutisch weitgehend unwirksamen Heizkissens, dessen Grundprinzip einer finsteren, vergangenen Epoche der ineffizienten Verwertung natürlicher Ressourcen zugehört…“
Er verhaspelte sich, schwieg erschöpft, ärgerte sich über sein Gesülze. Begann erneut im Tone eines erschöpften Therapeuten: „Kann man den heutigen Gebrauch von so einem alten Dingens vielleicht doch irgendwie rechtfertigen?“ Erwartungsvoll neigte er sich der Steckdose zu.
„Mhm“, kam es von der Stelle, an der diese, unauffällig-flach und gegen Spritzwasser vorschriftsmäßig mit einem Deckel gesichert, aus der Wand herausschaute. „Zwei Möglichkeiten gibt es. Die erste: Mein Supervisor genehmigt eine Extraportion ohne den Nachweis der Nachhaltigkeit und Mindesteffizienz.“
„Okay, okay“, hustete Müller, sich mühsam beherrschend. „Frag deinen Supervisor. Vielleicht hat er ein wenig Mitleid mit einem alten, frierenden Mann.“ Ihm fiel sein Ofen ein, das schöne, warme Gerät aus einer fernen, märchenhaft anmutenden Zeit, wo man sich die Wärme selbst herstellen konnte, man brauchte nur ein paar Holzscheite, einen Bogen Zeitungspapier, einen Eimer Briketts, ein Feuerzeug und einen Ofen oder Kamin mit Schornsteinanschluss; dann konnte man sich wärmen oder – die Finger verbrennen… In seiner rechten Hand zuckte für einen winzigen Moment ein nadelfeiner Schmerz auf, an der Stelle, wo man ihm den Ersatzchip implantiert hatte.
Die gebildete und entsprechend arrogante Steckdose benötigte nicht lange für die Nachfrage. „Negativ“, säuselte sie.
„Was heißt negativ?“
„Keine Freigabe durch übergeordnetes Kontrollgremium.“
Müller stöhnte wie ein waidwundes Tier. Kontrollgremium. Was sollte das heißen? Saß da eine Obersteckdose in der zentralen Verteilung und schrieb subalternen Unterdosen das Verteilungsverhalten vor?
„Und die zweite Möglichkeit?“, röchelte er hilflos in Richtung Steckdose.
„Mhm; ah ja: Todesgefahr durch Erfrieren.“
Müller ließ sich aufs Bett fallen und wimmerte: „Ich erfriere, ich erfriere…“
Er wimmerte mindestens eine Minute. Sein Wimmern wurde leiser. Verstummte. Lautes Schweigen im Raum.
„Gut gut“, meldete sich die ressourcenbesorgte Steckdose, „ist genehmigt. Eine halbe Stunde. Bitte! Genieße die Wärme deines Heizkissens! Erlebe den Moment, in dem das Blut, das frisch erwärmte, durch deine Adern fühlbar zu fließen beginnt, wenn der Schmerz deiner verkrampften Muskeln nachlässt, neuer Lebensmut in dich kehrt und die negative Sicht auf die Welt einem optimistischen Grundgefühl weicht…“
Wieder konnte sich Müller erst im letzten Moment beherrschen und eine wüste Kanonade übler Flüche und Injurien zurückhalten. Er schob den Stecker in die Dose und sich das Heizkissen unters Gesäß. Sanft floss die Wärme in seinen Körper; tatsächlich entspannte er sich, atmete ruhiger, schlief ein.

Er träumte einen schwierigen Traum, in dem er über den Begriff der Intelligenz nachdachte. Nein, nicht nachdachte: er kämpfte mit dem Begriff, wobei seine Überlegungen und Wertungen immer wieder von Kindern unterbrochen wurden, die völlig ungeordnet, sich gegenseitig schubsend und stoßend, dabei lachend, schimpfend, meckernd und grölend zugleich, über eine dicht befahrene Schnellstraße liefen.
Intelligenz ist – was Schülern fehlt, so scherzten seine Kollegen früher. Sie diskutierten aber auch, ernsthaft, verbissen, endlos: Intelligenz sei erblich determiniert, sprachen die einen und lehnten sich selbstgefällig zurück; das waren meist jene, die sich im Besitz eines wertvollen Genpools glaubten und von ihrer hervorragenden intellektuellen Grundausstattung überzeugt waren. Quatsch, schimpfte die zweite Fraktion und warf Kampfbegriffe wie „Pygmalion-Effekt“ oder „Milwaukee-Projekt in den Ring“: in diesen Versuchen sei doch schon vor Jahrzehnten eindeutig nachgewiesen worden, wie sich soziale Verhältnisse auf die Intelligenz auswirkten! In dieser Fraktion fanden sich offenbar die Aufsteiger wieder, Lehrer, Bekannte und Freunde, die einen nicht ganz geraden Weg bis zum Erwerb eines akademischen Grades gegangen waren, die zunächst einen Beruf erlernten, das Abi auf der Abendschule nachholten, dann studierten…
Aber mit den beiden Fraktionen, deren Zwist man mit dem Schlagwort „nature versus nurture“ hätte bezeichnen können, hatte sich’s noch lange nicht! Neben der zentralen und nie vollständig beantworteten Frage, woher denn Intelligenz komme und ob es möglich sei, sie durch die Gestaltung der sozialen Verhältnisse nachhaltig zu entwickeln, wurde vehement die Frage diskutiert, was das überhaupt sei, Intelligenz.
Der Lateinlehrer sah in der sprachlich-linguistischen Kompetenz des Menschen den Haupt- und Urgrund aller Intelligenz; der Mathelehrer beschwor die logisch-mathematischen, die Musiklehrerin die musikalisch-rhythmischen, der Kunstlehrer die bildlich-räumlichen, der Sportlehrer die körperlich-kinästhetischenFähigkeiten…
Eines schönen Tages weiterer endlos-unfruchtbarer Diskussionen zum Thema Intelligenz –
oder der Frage: Warum werden die Schüler immer dümmer? – lag ein Buch auf dem Lehrertisch, in dem es um Intelligenz in ganz neuen Zusammenhängen ging. Man konnte in diesem Werk nachlesen, wie intelligent doch einfache, bisher für dumm oder völlig geistlos gehaltene Lebensformen, in Wirklichkeit seien: einzelliger Schleim, der sich in einem komplizierten Labyrinth zurechtfand; unscheinbare Pflanzen, die weise, welterfahren und unter Einrechnung einer unendlichen Anzahl von Standortfaktoren wie Lichtstärke, Einstrahlungswinkel, Boden- und Wasserverhältnissen, Wind und Wetter, floratischen Konkurrenten, Kahlfraßinsekten, hungrigen Rehkitzen und Magnetfeldern aus gewaltigen Sonnenstürmen (von denen auf der Erde kein Mensch was mitbekam, wenn er nicht gerade Angestellter eines Himmelsobservatoriums war), richtungsweisende Entscheidungen für ihre Ausrichtung, ja: für ihre zukünftige Wanderung durch Wälder und Täler, über Berge und Felder fanden; Bienen mit stecknadelkopfgroßem Gehirn, die mit abstrakten Begriffen so selbstverständlich umgingen wie die Lehrer mit ihrem Frust und die Schüler mit Handys, Downloads oder Schimpfworten; Ameisen, die unter Einsatz von Antibiotika Pilze züchten; Delfine, die sich im Spiegel erkennen; Pagageien, die sagen, was sie denken: John Locke hatte sich schwer geirrt mit der Behauptung, Tiere abstrahierten nicht!
MĂĽller hielt sich aus den Diskussionen meist raus. Dachte aber mit. Seine Spekulationen gingen weiter als die der anderen, dachte er jedenfalls, ohne zu wissen, was die anderen wirklich dachten; er nahm das einfach an.
Oder hatte ihm je einer zugetraut, dass er den Intelligenzbegriff grandios zu erweitern in der Lage war? Wenn Pflanzen und Bienen intelligent waren, warum es dann nicht auch Flüsse, Wolken, Planeten? Vielleicht war ja am Ende das ganze Universum so mit Intelligenz vollgeknallt, dass es nur so knirschte vor lauter Hochbegabungen? Dumm nur, dass es kaum einer mitbekam, von was man da umgeben war…
Andererseits: wenn alle Schöpfung vor heiliger Intelligenz strotzte und also beobachtete, schätzte, wog, analysierte, sich tiefe Gedanken über den Zustand der Welt, die eigene Position in ihr, die Zukunft und die möglichen Entwicklungen machte und Schlüsse zog und plante und die Erkenntnisse aktiv umsetzte: musste es da nicht zwangsläufig zu einem großen Knall bei all den gegenläufigen Interessen kommen? Also musste es doch zumindest einige weniger hochbegabte Kreaturen geben, die ein bisschen dümmer waren als andere und nicht so gut vorrausschauen und planen und umsetzen konnten.
Es schien MĂĽller gelegentlich, als mĂĽsse man fĂĽr alle Dinge des Universums ein mehrgliedriges Schulsystem einfĂĽhren.


Version vom 28. 03. 2017 14:29
Version vom 29. 05. 2017 08:51

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