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Leselupe.de > Krimis und Thriller
Im Keller
Eingestellt am 01. 02. 2005 17:04


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Yoanna
???
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Im Keller

"Es war ein Unfall, Herr Oberstaatsanwalt. Ich w√ľrde doch niemals mit Absicht ‚Ķ Die Treppe ist schon sehr alt. Ich war gerade dabei, sie zu reparieren. Im Keller. Ich war im Keller, als es passiert ist. Ich suchte nach passenden Schrauben f√ľr das Gel√§nder. Es ist so eine alte, ausladende Holztreppe, wissen Sie, sehr steil und mit vielen Stufen, die im rechten Winkel vom ersten Stock in die Eingangshalle hinunterl√§uft. Wie man das im 19. Jahrhundert in den gro√üen Landh√§usern eben so hatte. Seit dem Tod meines Vaters lebten wir beide in dem alten Kasten. Da fiel eine Menge Arbeit an. Hier war das Dach undicht, dort musste ein Fenster erneuert werden, im Esszimmer drang die Feuchtigkeit durch die W√§nde. Wenn ich von meiner Arbeit zur√ľckkam, hatte ich mit dem Haus immer noch alle H√§nde voll zu tun. Ihr Job war das Essen, die W√§sche, der Haushalt eben. Sie erledigte immer alles p√ľnktlich und ordentlich, da gab es nichts zu beanstanden.
Wir f√ľhrten ein ruhiges Leben. Keine gro√üen Streitereien, wie man das in anderen Familien so oft sieht. Keine Extravaganzen. Den Feierabend verbrachten wir meistens gem√ľtlich vorm Fernseher. Sie legte dabei Patiencen, ich l√∂ste Kreuzwortr√§tsel. Nur am Wochenende, da luden wir manchmal Freunde ein. Das hei√üt, sie lud welche ein. Das gesellschaftliche Leben, wie man so sagt, das war ihr Ressort. Ab und zu hatten wir also G√§ste zum Abendessen, und nachher spielten wir alle zusammen Karten. Romm√©e, manchmal sogar R√§uberromm√©e, um die Spannung zu erh√∂hen.

Einmal im Monat ging ich allein weg. Das war unser Vertrag: Der erste Samstag im Monat geh√∂rte mir, die anderen begleitete ich sie auf ihren Besorgungsg√§ngen. Sie hatte keinen F√ľhrerschein, wissen Sie. Ich spiele Golf. Meistens allein, aber manchmal schlie√üe ich mich auch einer Gruppe an, wenn mir die Gesichter zusagen. So lernte ich Laura kennen. Sie war die faszinierendste Frau, die mir je vor die Augen gekommen ist. Wenn sie den Ball mit pr√§zisem Schwung durch die Luft schleuderte, flatterten ihre blonden Haare ungeb√§ndigt im Wind und verbreiteten einen Duft nach Heu und Waldboden. Sobald sie auftauchte, konnte ich den Blick von ihr nicht mehr l√∂sen. Selbstverst√§ndlich hielt ich meine Gef√ľhle zu Hause geheim, das kann ich sehr gut, denn ich bin ein beherrschter Mann. Auch Laura gegen√ľber war ich stets zur√ľckhaltend, bin ihr nie zu nahe getreten. Bis zu dem Tag, an dem ich sie gefragt habe, ob sie einmal mit mir essen gehen wollte. F√ľr den Fall, dass sie Ja sagen w√ľrde, hatte ich mir schon eine Entschuldigung zurechtgelegt: ein Arbeitsessen mit den Kollegen.
Zuerst schaute Laura mich an, als ob sie mich nicht richtig verstanden h√§tte. Dann zog ein ungl√§ubiger Ausdruck √ľber ihr Gesicht, und schlie√ülich brach ein schallendes Gel√§chter aus ihrem Mund, der sich zu einer grotesken Maske verzogen hatte.
"Das kann doch wohl nicht Ihr Ernst sein", kicherte sie nur noch und ließ mich einfach stehen. Ich sah ihr schweigend hinterher, die Arme wie Bleigewichte an meinem Körper hängend, zu jeder Reaktion unfähig. Und dann bäumte sich etwas in mir auf. Wissen Sie eigentlich, wie schmerzhaft Wut sein kann, Herr Oberstaatsanwalt? Mein Atem setzte einen Moment lang aus vor Qual. Die Beine gaben unter mir nach, ich sackte auf dem Rasen zusammen.

Am n√§chsten Morgen stand ich fr√ľh auf. Holte mein Handwerkszeug aus dem Keller und fing an, das Treppengel√§nder im ersten Stock, gleich vor ihrer Schlafzimmert√ľr, loszuschrauben. Eine alte, gef√§hrliche Treppe war das, ich musste sie sofort reparieren. Nachdem die Schrauben gelockert waren, ging ich noch einmal in den Keller hinunter, um einen Hammer zu holen, den ich vergessen hatte. Ich konnte ihn aber nicht finden, und da wurde ich ungeduldig. Vom Keller bis in den ersten Stock habe ich gerufen, ob sie vielleicht den Hammer gesehen h√§tte. Als ich die Stufen bis in die Eingangshalle hinaufgestiegen war, erschien sie auch schon oben an der Br√ľstung. Und wie immer, wenn sie mir von dort oben etwas herunterrief, legte sie ihre H√§nde auf das Gel√§nder und beugte sich vor. Das Ger√§usch, mit dem ihr K√∂rper auf dem Marmorboden aufschlug, war dumpf und kurz. Ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte. Ohne Echo in meinem Leben danach.

Es war ein Unfall, Herr Oberstaatsanwalt. Sie m√ľssen das verstehen. Ich k√∂nnte doch niemals absichtlich meine Mutter ‚Ķ"


Version vom 01. 02. 2005 17:04

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MDSpinoza
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Hehe, eine schöne Pointe und gut daraufhingearbeitet! Glatte "9"!
__________________
Lieber ein verf√ľhrter Verbraucher als ein verbrauchter Verf√ľhrer...

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MarleneGeselle
???
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Redet wie ein Buch

Hallo Yoanna,

kann mich im Großen und Ganzen Spinoza anschließen.

Mir f√§llt jedoch auf, dass dein Prot. so redet, wie ein Autor schreibt, wenn er eine Szene in allen Einzelheiten beschreiben will. Kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch in einem Verh√∂r so redet. W√ľrde da mehr in die Alltagssprache gehen.

Gr√ľ√üe
Marlene

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Yoanna
???
Registriert: May 2003

Werke: 8
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Vom Denken und Reden

Hallo Spinoza und Marlene,

danke f√ľr eure Antworten! Marlene, du magst Recht haben. Am Stil k√∂nnte ich noch arbeiten, damit es "geredeter" klingt und nicht geschrieben.

Anscheinend hat euch die Pointe also gefallen? Man kommt nicht schon vorher drauf, dass der gute Mann mit Mami zusammen lebte?
War bloß mal so ne Idee. Scheint ja tatsächlich solche Männer zu geben ...

Gr√ľ√üle,

Yoanna

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Roni
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Registriert: Feb 2003

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schoen, yoanna, mal wieder von dir zu lesen

und

ach schade, yoanna,

dass du hier auf den club der nichtbewerter triffst.
aber wie du aus den kommentaren ja siehst, haettest du, sofern wir denn punkten wuerden.

schoene geschichte, genau die richtige laenge und gewohnt yoanna-maessig ironisch-distanziert erzaehlt und gut pointiert.

wenn ueberhaupt aendern, dann wuerde ich mir vielleicht die stelle mit laura nochmal ansehen und ein ganz klein wenig deutlicher werden. den (gerechtfertigten oder eben auch nicht) rueckschluss, sie geht "ihretwegen" nicht mit mir aus, etwas deutlicher machen.

lg
roni

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Yoanna
???
Registriert: May 2003

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"Ihretwegen"

Hallo Roni,

danke f√ľr deinen Kommentar. Vorab: Ich war l√§nger nicht mehr in der Leselupe und habe nicht ganz verstanden, was es mit dem Club der Nichtbewerter auf sich hat. Nat√ľrlich war mir aufgefallen, das Spinoza mir eine glatte Neun geben wollte, es dann aber nicht gemacht hat , aber ehrlich gesagt, was soll diese Benoterei auch, wir sind ja nicht in der Schule. - Ich spreche da bestimmt ein Thema an, das schon lange und ausf√ľhrlichst diskutiert wurde.
Du schl√§gst vor, Laura deutlicher werden zu lassen; ich habe mir √ľberlegt, dass es vielleicht noch subtiler w√§re, wenn er, also Ich, so ein merkw√ľrdiges Mar√∂ttchen h√§tte, z.B. morgens und abends den Wetterbericht in ein Tagebuch eintragen oder so. Gibt's was Absto√üenderes? - Ja, gibt's, aber im Rahmen dieser Geschichte vielleicht nicht.

Liebe Gr√ľ√üe,

Yoanna

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