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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Monsoon
Eingestellt am 24. 04. 2006 22:45


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Marc Hecht
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Registriert: Apr 2006

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Im Monsoon

Er war jetzt drei Monate hier und das Land begann ihm zu gefallen. Als er ankam, im Mai, war es zu hei├č. Und als er sich an die Hitze gew├Âhnt hatte, einen Hut trug und mittags im Schatten blieb, kam der Monsoon. Wolken zogen heran, bis sie morgens aufget├╝rmt ├╝ber der Bucht standen.
Bald wurde er geweckt, wenn der Regen aufs Dach schlug. Der Wind fegte durch die Palmen und ├╝ber die Veranda, tagelang jagten immer neue Regenschauer heran, sie prasselten herunter und der Wind trieb sie weiter.
Feucht und k├╝hl wurde es, seine W├Ąsche war nicht mehr nach einer Stunde trocken, wie vorher in der Sonne; manchmal hing sie noch am Abend klamm ├╝ber der Leine. Das war sehr ungem├╝tlich, er ├╝berlegte manchmal fortzugehen; dorthin, wo kein Monsoon war.
Doch er blieb, las viel - und schrieb. Ein beschauliches Leben war das, er ging zeitig schlafen und wachte fr├╝h auf. Morgens spazierte er zum Strand und sah zu, wie die Fischer ihren Fang sortierten und die Netze aufspannten. Andere machten sich an Tauen zu schaffen, an Reusen oder an einem der schwarzen oder dunkelgr├╝nen Segel.
Immer regnete es - aber der Anlandeplatz war voller Leben, am fr├╝hen Morgen. Die Boote wurden hier an Land geschoben, f├╝nf, sechs M├Ąnner halfen jeweils, um sie ├╝ber den Sand zu ziehen und den Fang zu entladen.
Jetzt, im Monsoon, war es wenig Fisch. Trotzdem - die M├Ąnner riefen durcheinander, ihre Stimmen zerrissen die Ruhe in der Bucht.
Sp├Ąter lag der Fisch dann bereit, manchmal waren ein paar Salme dabei, King-Fishes - dick wie Baumst├Ąmme. Der Regen tropfte von ihrer silbernen Haut. Katzen und Hunde umkreisten den Anlandeplatz, und dahinter sa├čen die Kr├Ąhen, h├╝pften hin und her und warteten.
Die Frauen brachten den Fisch ins Dorf. In K├Ârben trugen sie ihn weg vom Strand - auf dem Kopf. Flink ging das, sie stemmten ihre nackten F├╝├če durch den nassen Sand.
Manchmal scherzte er mit ihnen und zeigte seine Narbe und erz├Ąhlte, dass sie von einem Hai stammte. Ein harter Kampf w├Ąre das gewesen. Stundenlang, mit einem Hai, so gro├č, dass sie drei von ihren niedlichen King-Fishes hergeben m├╝ssten. Die Frauen blieben dann stehen, im Halbkreis vor ihm, und lachten. Der Regen st├Ârte sie nicht, sie wischten ihr nasses Haar aus dem Gesicht und lachten.
Danach sa├č er auf der Veranda und las die Indian News. Er lieh sie von Timothy aus, seinem Vermieter. Timo hob alle Zeitungen auf.
*
Joana brachte das Fr├╝hst├╝ck. Sie streifte die Sandalen ab, bevor sie mit dem Tablett auf die Veranda kam.
„Your Breakfast."
Er legte die Zeitung beiseite. „Wo ist Timothy?"
„In Anjuna. Einkaufen."
„War er nicht fischen?", fragte er.
„No", sie zeigte auf die Wolken.
Bevor das schlechte Wetter kam, war Timothy jeden Morgen am Meer, dachte er, Timo konnte vom Strand aus fischen. Die Schnur hatte er dabei ├╝ber ein St├╝ck Nussschale gewickelt und am Ende mit etwas Blei beschwert. Als K├Âder benutzte Timo Krabbenfleisch. Jetzt kauft er den Fisch im Dorf. Der Monsoon ist f├╝r alle eine schlechte Zeit.
*
Die Wochen vergingen. War er noch ein Tourist? Ein Besucher, wie die anderen, die Engl├Ąnder und Australier, die hier ein bisschen Zeit verbrachten und Parties am Strand feierten?
Die D’Souzas jedenfalls hatten ihn eingeweiht in ihre Angelegenheit.
Sie hatten ihn geweckt, als Timo starb.
In der Nacht hatte es an der T├╝r geklopft - es war Mrs. D’Souza. Hinter ihr stand Jane, mit einem Fu├č auf dem anderen. Joana war an der Pforte geblieben, ihre Lampe blitzte durch den Garten.
So standen sie da, still, bis er herauskam, schweigend gingen sie hin├╝ber ins Haus.
Timo lag auf dem roten Steinboden im Schlafzimmer. Er hatte noch gek├Ąmpft, mit dem Anfall, und er war dabei aus seinem Bett gefallen.
Mrs. D'Souza blickte zur Seite. Die M├Ądchen waren verschwunden.
„Ich bringe ihn in die Kammer", hatte er gesagt und Timo dann vorsichtig vom Boden und ├╝ber die Schulter gehoben.
„Nat├╝rlich, jemand muss ihn vom Boden heben", hatte er gedacht, „die Frauen sind zu schwach."
Timo war noch warm, wie ein Schlafender.
Er legte den Toten in der Kammer ab, neben der K├╝che, behutsam, und bedeckte sein Gesicht mit einem hellen St├╝ck Tuch, das ├╝ber einem Korb lag. Es gab sonst keine Decken oder Laken, er verschloss die T├╝r und ging zur├╝ck zu Mrs. D’Souza, ins gro├če Zimmer. Sie stand am Fenster, starr.
„Ich fahre nach Anjuna, ... Hilfe holen", sagte er.
Mrs. D’ Souza sch├╝ttelte den Kopf. Die M├Ądchen w├Ąren schon auf dem Wege.
Er hatte genickt und sich verabschiedet, unbeholfen - und war dann schnell zur├╝ck gegangen, in seine H├╝tte.
Am n├Ąchsten Morgen sah er die alten M├Ąnner von Anjuna.
Sie sa├čen im Garten, einige auf der Steinbank, andere auf der Veranda, schweigend blickten sie zu Boden oder lehnten ├╝ber ihren St├Âcken.
Dann war Mrs. D’Souza aus dem Haus gekommen, sie trug ein schwarzes Kleid. Hinter ihr kamen noch eine Frau und ein Mann aus dem Haus. Die andere Frau war in einen schwarzen Sari geh├╝llt, mit Goldbrokat durchzogen. Der Mann trug feste Schuhe, ein Hemd, eine Krawatte und einen dunklen Anzug.
„Er soll morgen beerdigt werden, gleich morgen", sagte der Mann zu den Alten im Garten.
Die alten M├Ąnner nickten, murmelten - zustimmend - hoben aber kaum den Blick.
Wenig sp├Ąter brachten sie den Toten weg.
Auch dies war nun wieder lange her.
*
Was war er? Ein Blatt im Wind? Das sich treiben lie├č, gleichg├╝ltig, aus welcher Richtung der Wind kam? Er wusste es nicht, er schrieb.
Und er mochte die D’Souzas, er freute sich, wenn Joana morgens mit dem Tablett kam und sein Fr├╝hst├╝ck brachte, wenn sie plauderten.
Joana blickte dann auf das viele Papier, jedesmal erstaunt, und sie versuchte zu lesen. Aber es war ja in deutscher Sprache, doch sie traute sich nie recht zu fragen.
Er zog sie deshalb h├Ąufig auf: Dies w├Ąren also alles Briefe an den indischen Schulminister, weil hier ein M├Ądchen so h├Ąufig die Schule schw├Ąnzte.
Joana sah ihn dann an und kicherte. Sie w├Ąre doch nun schon 21 und seit Jahren nicht mehr in der Schule. Seit vielen Jahren, m├Ąhhnni Years.
So verging die Zeit. Der Monsoon war weiter gezogen und die Tage wurden wieder hei├č.

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