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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Programmkino
Eingestellt am 22. 07. 2008 19:10


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Justina
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 5
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Der Film hatte zahlreiche Preise erhalten. Die Kritik sprach von gewagter KamerafĂŒhrung, von klaustrophobisch anmutenden Sequenzen und von Menschen, die erschĂŒttert die KinosĂ€le verließen. Mich langweilte er. Immer, wenn mir im Kino langweilig ist, trinke ich Alkohol. Ich verließ den Saal, stellte mich an die Bar. Niemand war da. Nach etwa 5 Minuten, ich hatte schon ĂŒberlegt, ob ich mich selbst bedienen sollte, kam ein Mann aus einer von mir bislang unbemerkt gebliebenen TĂŒr in der Ecke des Raums.

Es war ein altes HutzelmĂ€nnchen, ein vom Leben Betrogener, ein Freak. Seine WirbelsĂ€ule wirkte seltsam verdreht und dem Gesicht mit dem grotesk spitzen Kinn und den weit auseinander liegenden Augen fehlte jede Symmetrie. Mit jener unterwĂŒrfigen Mischung aus vorauseilendem Gehorsam und Angst vor der nĂ€chsten DemĂŒtigung der ewig Benachteiligten fragte er, was er fĂŒr mich tun könne. Freude und MitgefĂŒhl ĂŒberkamen mich. Freude darĂŒber, dass jemand diesem Ă€lteren, offensichtlich behinderten Herrn noch einen Job gab. MitgefĂŒhl, da ich wegen einer angeborenen HĂŒftdysplasie unter leichtem Hinken leide und die sozialen Folgen einer Behinderung nur allzu gut kenne.

Mein Wunsch nach GlĂŒhwein brachte ihn nahezu aus der Fassung. Nein, damit könne er nicht dienen, sprach er und schaute mich an, als drohe ihm jetzt der Tod. Ich lĂ€chelte und sein Gesicht hellte sich auf. „Eine Mischung halb Rotwein, halb Orangensaft wĂ€re eine prima Alternative". Er stutzte, nahm aber eilfertig ein riesiges Burgunderglas, goss einen geschĂ€tzten Viertelliter Rotwein hinein und fĂŒllte Orangensaft hinzu. WĂ€hrenddessen kam eine etwa vierzigjĂ€hrige, streng aussehende Frau aus der TĂŒr hinter der Theke und schaute ihm zu. Nachdem er mir das Glas mit einem leisen „bitte schön, Madame" gereicht hatte, nannte er den Preis – 2,50 Euro. Ich glaubte, mich verhört zu haben. Das sei aber sehr preiswert, meinte ich und gab ihm den abgezĂ€hlten Betrag. Er errötete und wandte sich mit fragendem Blick an die neben ihm stehende Frau. Sie lachte kurz auf und meinte, das GetrĂ€nk mĂŒsse dem Volumen nach eher sechs Euro kosten, aber nun sei es zu spĂ€t. Der alte Herr lĂ€chelte beschĂ€mt. Meinem DrĂ€ngen, einen angemessenen Preis zahlen zu wollen, gab er aber nicht nach.

ZurĂŒck im Kinosaal konnte ich mich nun gar nicht mehr auf das Filmgeschehen konzentrieren. Mich quĂ€lte die Sorge, der Mann könne wegen meines exzentrischen GetrĂ€nkewunsches seinen Job verlieren. Nach Ende des Films öffnete eben jener Mann die FlĂŒgeltĂŒren zum Ausgang und wachte sorgfĂ€ltig darĂŒber, dass auch jeder Kinobesucher den Weg zum Ausgang fand. Wirkte er nicht noch unsicherer als zuvor? Ich verabschiedete mich regelrecht unterwĂŒrfig von ihm und ging erneut zur Theke, an der wieder die strenge Frau stand. „Bitte nehmen Sie das noch fĂŒr den Riesen-Rotweinmix" sagte ich und legte einen FĂŒnf-Euro-Schein auf die Theke. „Ich möchte nicht, dass der der nette Herr wegen mir seine Stelle verliert." Die Frau schaute mich zunĂ€chst erstaunt an, lachte dann aber und meinte lakonisch, da mĂŒsse ich mir keine Sorgen machen. Schließlich sei er ihr Schwiegervater und Besitzer des Kinos.




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Justina
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 5
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Vielen lieben Dank, R.Herder, Hakan Tezkan und Hieronymus. Es freut mich, dass Euch die kleine Geschichte gefÀllt.

Hieronymus,
Kernaussage ist, dass man oftmals dazu neigt, einem Menschen aufgrund seines Aussehens Attribute, Erfahrungen und Erlebnisse zuzuschreiben, die vielleicht vollkommen an der RealitĂ€t vorbei gehen. Aber dazu neigen wir wohl: mit den jungen Schönen wird GlĂŒck und Erfolg assoziiert, den alten, weniger wohlgestalteten Menschen aber Einsamkeit, UnglĂŒck und Armut unterstellt.

LG
Justina

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @justina,

ĂŒber deine geschichte hab' ich mich weniger amĂŒsiert als ĂŒber die kommentare dazu. wie die autorin selbst nehmen die applausgeber nĂ€mlich an, die pointe der story bestĂŒnde darin, dass sich quasimodo am ende als eigner der immobilie herausstellt.

in wirklichkeit aber ist er wohl doch nur ein wicht, dessen angejahrtes kino lĂ€ngst von den motten und den schulden angefressen ist und der, nolens volens, nicht nur den besuchern selber die tĂŒr halten muss, sondern darĂŒber hinaus eine schwiegertochter am hals hat, die ihn vor dem publikum als trottel hinstellt.

private kinobesitzer gehören heute zu den loosern; sind sie, wie in deiner story offensichtlich, schon von der mitarbeit der familie abhÀngig, dann sind sie lÀngst keine armen schweine mehr, sondern arme sÀue und sehen aus wie die deine.

deine geschichte ist gleichwohl außergewöhnlich, finde ich: weil die ihr innewohnende tragik weder von der autorin selbst noch vom publikum bemerkt wird.

der Ă€ußere schein trĂŒgt meist nur dann, wenn nicht genau genug hingeschaut wird. es ist wie im zirkus - alle lachen laut, wĂ€hrend der clown heimlich weint.

nichts fĂŒr ungut, liebe @justina - just my 2 cents. schreiben kannst du gut.

lg

bluefin

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

das grundmuster, lieber @retep (kleider machen leute, des kaisers neue kleider etc. etc.) ist so alt wie die menschheit; sogar der olle odysseus hatte, homer zufolge, die "mimikry" schon drauf.

es gibt, wie gesagt, novellen wie die gottfried kellers, mĂ€rchen wie das von andersen, den "hauptmann von köpenick", der gleich mehrfach dramatisiert wurde, sketche, witze und kaulauer zuhauf ĂŒber das genre "verwechslungskomödie". der einzige witz, den ich gleich parat habe dazu, geht so, dass eine polizeistreife aufmerksam wird, als ein offenbar betrunkener aus der wirtschaft auf die straße geworfen wird und die frage des beamten "was ist denn da fĂŒr ein wirt drin?" mit einem gelallten "ich" beantwortet wird.

ich bin absolut sicher, dass justina ihre eigene geschichte geschrieben hat - vielleicht hat sie die ja noch woanders publiziert. aber das kann sie dir ja selber sagen.

lg

bluefin

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

ich versuchs noch mal: der reiz der story liegt fĂŒr mich darin, dass die prota und die autorin ziemlich daneben liegen, denn sie halten beide einen kinobesitzer mit schauderhafter familie fĂŒr einen gemachten mann und beruhigen sich damit das gewissen. dabei wĂ€r’s bestimmt gesĂŒnder fĂŒr den, wenn er ein harzvierler ohne anhang wĂ€r. da trau ich mich wetten.

tipp: schreib doch noch einen epilog, @justina. als die prota das nĂ€chste mal ins kintopp ging und den alten vermisste, wurde ihr bescheid getan, dass er sich hinter der bĂŒhne erhĂ€ngt hatte, nach einem furchtbaren streit mit der schwieto wegen eines glases kalten glĂŒhweins. oder halt, besser: er erdrosselt die schwiegertochter und wird wĂ€hrend der nĂ€chsten vorstellung verhaftet, als er mit der prota kalten glĂŒhwein trinkt und eben mit ihr zu flirten beginnen will.

oder so.

nichts fĂŒr ungut, liebe @justina (was fĂŒr ein name, was fĂŒr ein nick!). und liebe grĂŒĂŸe aus der mĂŒnchner unterwelt!

bluefin

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Justina
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 5
Kommentare: 86
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Oder im Epilog lÀdt das HutzelmÀnnchen zu einer spektakulÀren Vorpremiere ein und sprengt das Kino mitsamt Schwiegertochter und Cineasten in die Luft...

Ja, auch vorstellbar.

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

an das hatte ich auch gedacht, liebe @justina; es erschien mir aber angesichts deines strengen nicks und der moralischen anmutung deiner an sich ja sehr schön erzĂ€hlten geschichte zu unseriös...außerdem: die armen cineasten! bestimmt sind unter den 20, die sich in der vorstellung verliefen, ungefĂ€hr zweieinhalb, die's nicht verdient hĂ€tten (z. b. ganz bestimmt deine prota).

lg

bluefin

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