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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Im Reich der Sinne
Eingestellt am 29. 12. 2015 13:06


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CPMan
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Mangold entsprach, was seine Beziehung zur neunzehnj├Ąhrigen Rhea anging, nur in einem Punkt nicht dem Klischee: Er hatte keine Ehefrau in den Wechseljahren und keine heranwachsenden Kinder verlassen m├╝ssen, um mit Rhea zusammen zu sein. Er hatte keine Familie gehabt, die er h├Ątte im Stich lassen k├Ânnen. In allem anderen aber war Mangold genau so, wie man sich einen alternden Universit├Ątsprofessor, der junge Frauen verf├╝hrt, vorstellte. Er war mittelgro├č, von leicht f├╝lliger, aber dennoch recht fester Figur, trug gerne lange M├Ąntel und darunter eine Kleidung, die f├╝r sein Alter etwas zu jugendlich war. Er hatte grau meliertes Haar, wache Augen, einen scharfen Verstand, und einen Sprachduktus, mit dem er nicht nur seine ihm h├Ârigen Studenten, sondern auch seine alteingesessenen und ebenb├╝rtig verlebten Kollegen zu beeindrucken wusste. An der Universit├Ąt war er eine der wenigen Koryph├Ąen, f├╝r die sich die akademischen R├Ąte (die sonst das schmale Finanzbudget der alma mater verteidigten, als w├Ąre es ihr eigenes Geld) gro├čz├╝gig, ja, fast schon verschwenderisch zeigten. Mangold genoss diesen Status, aber gleichzeitig war ihm auch bewusst, dass er nur an einer kleinen Universit├Ąt zu den ganz Gro├čen z├Ąhlte. Lieber w├Ąre es ihm da noch gewesen, an einer der gro├čen Universit├Ąten zu einem der Kleinen zu geh├Âren.


Auf seiner Fahrt nach Hause dachte Mangold an Rhea, die er abends zuvor zum ersten Mal nackt gesehen hatte. Allein in Gedanken an diesen nackten K├Ârper kam es Mangold vor, als trinke er von eben dem Jungbrunnen, nach dem er schon solange verzweifelt gesucht hatte. Und in Gedanken erlebte er die Situation noch einmal nach: Er und Rhea waren nach einem Abend im Theater zu ihm nach Hause gegangen, hatten einen Kaffee getrunken, als sie ihn pl├Âtzlich, aus heiterem Himmel, gefragt hatte, ob er sie nackt sehen wolle. Ungeachtet der Abgebr├╝htheit, die Mangold sich in den siebenundf├╝nfzig Jahren seines ereignisreichen Lebens erworben hatte, war seine Antwort mehr ein verlegenes Kr├Ąchzen als ein festes, bestimmtes, wohlwollendes und erfreutes Sprechen gewesen. Aber er hatte Ja gesagt. Rhea war daraufhin ins Wohnzimmer gelaufen, hatte das Licht gedimmt, und sich so vor der Couch und auf dem Perserteppich positioniert, dass Mangold vom K├╝chentisch aus freien Blick auf ihren K├Ârper hatte. Dann hatte sie in einer Mischung aus Verlegenheit und Koketterie zuerst ihren schwarzen Pullover ausgezogen, und Mangold damit zum ersten Mal einen Blick auf ihren nackten Oberk├Ârper gew├Ąhrt. Ihre Haut hatte golden im Schein der Wohnzimmerlampe geschimmert, und das Muskelspiel ihrer Schulterbl├Ątter, die Mangold zu sehen bekommen konnte, als sie sich lasziv und unbeholfen zugleich um ihre eigene Achse drehte, hatte dunkle Schatten ├╝ber ihren eleganten R├╝cken geworfen. Dann hatte sie geniert am B├╝stenhalter zu nesteln begonnen, ihn schlie├člich ge├Âffnet und alsbald auf den Boden fallen lassen. Die Arme vor der Brust verschr├Ąnkt, hatte sie sich f├╝r ein paar Momente im Takt einer offensichtlich imagin├Ąren Musik gewiegt, dabei tr├Ąumerisch die Augen verschlossen , und diesen Moment alleine erlebt, so, als w├Ąre Mangold nicht in der K├╝che gewesen. Letztendlich hatte Rhea ihre schwarze Hose ge├Âffnet, sie langsam ├╝ber die H├╝fte gestreift, und dann fallen gelassen. Das gleiche Prozedere hatte sie mit dem darunter liegenden H├Âschen vollf├╝hrt. Schlie├člich, die Oberschenkel aneinander geschmiegt, ihren Busen und ihre Scham mit ihren H├Ąnden bedeckend, hatte sie da gestanden, verlangend und doch leicht ersch├╝ttert ├╝ber ihren eigenen Mut. Mangold hatte M├╝he gehabt, seinen Augen zu trauen. Mit jedem Kleidungsst├╝ck, das Rhea ihm zuliebe ausgezogen hatte, war sein Atem schwerer geworden. Sich an ihr r├Âtliches Haar und die pigmentlose Haut erinnernd, glaubte Mangold nun, der Geburt der Venus beigewohnt zu haben. In seinen Lackschuhen, der schwarzen Stoffhose und dem schwarzen Rollkragenpullover war Mangold langsam auf Rhea zu gegangen. Als er bei ihr angekommen war, und sie ihn hilflos und scheu angeguckt hatte, muss es angefangen haben. Als er ihre Haut ber├╝hrt hatte, hatte ein Beben eingesetzt, das zun├Ąchst tief aus seinem Innern gekommen war, und dass Mangold selbst jetzt, vierundzwanzig Stunden nach seiner Ber├╝hrung, noch immer sp├╝rte. Er hatte Rheas Haut ber├╝hrt, und war der festen ├ťberzeugung, nie in seinem Leben etwas so Kostbares angefasst zu haben.

*

Rhea lag weinend im Bett. Im Wust der Laken und im Wust ihrer Gedanken verlor sie Tr├Ąnen, die an den H├╝geln ihrer roten Wangen abperlten, und auf das Spannbetttuch fielen. Seit gestern Nacht hatte sie kein Auge zugetan. Immer wieder kehrten ihre Gedanken an den Ort zur├╝ck, an dem sie tags zuvor ihre Unschuld verloren hatte. Immer wieder dachte sie an den Moment, als Alexander sie ber├╝hrt hatte, an den Moment, als ihr sein Zittern aufgefallen war, ein Zittern, von dem sie zuerst gedacht hatte, dass es ihres war. Unabl├Ąssig erinnerte sie sich an den Moment, als sie ihm den schwarzen Rollkragenpullover ├╝ber den Kopf gezogen hatte, und darunter seine freie Brust zum Vorschein gekommen war. Sie war nicht so vertr├Ąumt gewesen, als dass sie darunter einen kr├Ąftigen Waschbrettbauch und eine stolze Brust erwartet h├Ątte, aber doch vertr├Ąumt genug, um das Bild, das sie sich von seinem nackten Oberk├Ârper gemacht hatte, revidieren zu m├╝ssen. Es war kein Ekel, der ├╝ber sie gekommen war, als sie ihn ber├╝hrt hatte, aber auch kein Gef├╝hl der Erl├Âsung. Es war eher ein Gemisch aus ├ťberwindung und Neugier gewesen, das sie dazu bewogen hatte, ihn anzufassen. Aber im Angesicht all dessen, was danach passiert war, stand eine Sache f├╝r Rhea unersch├╝tterlich fest: In der letzten Nacht mit Alexander war neben dem Gef├╝hl der grenzenlosen Liebe ein neues Gef├╝hl aufgetaucht. Ein Gef├╝hl, das sich in den letzten vierundzwanzig Stunden immer mehr in den Vordergrund gedr├Ąngt hatte, und welches innerhalb der letzten Stunde so vehement hervor getreten war, dass Rhea schon l├Ąngst aufgegeben hatte, dagegen anzuk├Ąmpfen. Das Gef├╝hl, das sie hatte, lie├č sich, wenn man einmal davon absieht, dass es f├╝r die meisten Gef├╝hle kein wirklich treffendes Wort gibt, noch am ehesten so definieren: Ern├╝chterung.

Jetzt musste Rhea zur Arbeit. Es blieb keine Zeit, die in ihrem Kopf umherjagenden Gedanken einzufangen und zu strukturieren. Vorl├Ąufig musste sie sich damit begn├╝gen, keine Gewalt ├╝ber ihren Kopf zu haben, und sich mit der ├╝ber ihren K├Ârper zufrieden geben. Sie lief aus ihrer Wohnung in der Rathausgasse in Richtung Ring, wo sie die 16 ins Stadtzentrum nehmen musste. Dort w├╝rde sie in dem Geb├Ąude verschwinden, in dem das Caf├ę Schwartz untergebracht war, um f├╝r insgesamt acht Stunden Latte Machiatto, Caf├ę Cr├Ęme, Espresso, Eiskaffee und Capuccino zu verkaufen. In der Hektik des Treibens, das wusste Rhea, w├╝rde sie nicht dazu kommen, Entscheidungen zu treffen. Sie musste arbeiten, und w├Ąhrend der Arbeit alle pers├Ânlichen Gedanken im Hinterkopf ertragen, zumindest solange, bis sie wieder genug Mu├če hatte, um sich ernsthaft mit ihren Gef├╝hlen gegen├╝ber Alexander Mangold zu besch├Ąftigen.

*

Anfangs hatte Mangold geglaubt, dass es einfacher w├Ąre, ein junges M├Ądchen zu verf├╝hren als eine gleichaltrige Frau. Und anfangs war es auch so gewesen. Rhea hatte an seinen Lippen gehangen, als er begonnen hatte, von seinem Freund Rudi zu reden, der, wie er nachher in einem Nebensatz hatte fallen lassen, tats├Ąchlich ÔÇÜder Rudi DutschkeÔÇÖ war. Es hatte Rhea umgeworfen, als er ihr gestanden hatte, eine kurze Aff├Ąre mit Dutschkes damaliger Freundin gehabt zu haben, noch bevor Dutschke sich schlie├člich f├╝r das amerikanische M├Ądchen, Gretchen, entschieden hatte. Auch seine Rebellion gegen den Vater, der im Zweiten Weltkrieg Mitglied der Totenkopf SS gewesen war, hatte Rhea imponiert. Mangold hatte gemerkt, dass er f├╝r Rhea nicht nur ein Mann in den F├╝nfzigern, sondern ein St├╝ck Zeitgeschichte war. Das Problem war nur, und Mangold hatte das ziemlich schnell realisiert, dass Rhea sofort desinteressiert wirkte, wenn er etwas Banales erz├Ąhlte. St├Ąndig wollte sie spannende Geschichten h├Âren, Geschichten vom Kalten Krieg, vom Leben an der Mauer, vom Leben in der Kommune, vom Deutschen Herbst, und immer sollte Mangold pers├Ânlich involviert sein. Das war schlie├člich soweit gegangen, dass Mangold Geschichten erfunden hatte. Pl├Âtzlich war er derjenige gewesen, der Jan-Carl Raspe mit der Wohnung und der Walther PPK f├╝r die Schleyer Entf├╝hrung versorgt hatte, ohne nat├╝rlich von der Entf├╝hrung gewusst zu haben. Pl├Âtzlich war er einer der Mittelsm├Ąnner gewesen, hatte auch mit Joschka Fischer in der Frankfurter Spontiszene gek├Ąmpft, und dem Revolution├Ąren Kampf angeh├Ârt. All diese Geschichten waren schon so haarstr├Ąubend und teilweise widerspr├╝chlich gewesen, dass Mangold selber nicht mehr wusste, was er davon nun wirklich erlebt, und was davon er dazu erfunden hatte. Eines Abends hatte Rhea ihn schlie├člich gefragt, ob er Kontakte zur dritten Generation der RAF h├Ątte, und ob er sie mit einigen von ihnen bekannt machen k├Ânnte. Das Projekt ist beendet, hatte Mangold gesagt, die Stadtguerilla in Form der RAF existiert nicht mehr. Die Mitglieder sind abgetaucht. Ich kenne keinen von ihnen. Rhea hatte sich damit zufrieden gegeben, aber zum ersten Mal sp├Âttisch geguckt.

Die Orientierungslosigkeit der jungen Rhea war f├╝r Mangold ein gro├čes Problem geworden. Er sp├╝rte innerlich den Druck, ihr eine Richtung, vielleicht sogar ein Ziel, vorzugeben. Rhea schien ihn f├╝r jemanden zu halten, der ÔÇÜes geschafft hatteÔÇÖ, was auch immer das in ihren Augen bedeuten mochte. Und Mangold traute sich nicht, ihr zu sagen, dass er selbst jetzt, mit siebenundf├╝nfzig Jahren, immer noch ein Suchender war. Wenn er den Satz so vor sich hin sagte, kam er ihm l├Ącherlich vor, er kam ihm vor wie das Pseudo-Geblubber eines alternden Hippies, der glaubte, dass man, um eine junge Frau zu erobern, nichts weiter tun m├╝sse, als eine von Weltschmerz gepr├Ągte und vom Leben gezeichnete Miene aufzusetzen, und zu sagen: Ich bin ein Suchender. Mangold f├╝hlte sich leicht ├╝berfordert von Rhea, die unterschwellig von ihm zu erwarten schien, auf alle gro├čen Fragen des Lebens eine Antwort zu wissen, oder zumindest doch eine Methode, die zur Beantwortung dieser Frage f├╝hren w├╝rde. Einmal hatte sie ihn gefragt, ob das Leben die Kunst, oder die Kunst das Leben imitiere. Ich wei├č es nicht, hatte er geantwortet. Er wusste es wirklich nicht.

*

Sp├Ąt in der Nacht kam Rhea von ihrer Schicht nach Hause. Die undefinierbare Angst, die sie f├╝r gew├Âhnlich angesichts der gespenstischen Leere ihrer Zweizimmerwohnung ├╝berkam, blieb jetzt, wahrscheinlich weil sie zu ersch├Âpft war, aus. Sie entledigte sich ihrer Jacke, ├Âffnete das Haar und zog die Schuhe aus. In der K├╝che machte sie sich im Schein der Gl├╝hbirne, die schmucklos an einem Kabel von der Decke herab hing, einen Kaffee. Was tun, dachte sie, was tun. Ich habe mich in einen alten Mann verliebt, den ich anfangs f├╝r meinen Erl├Âser hielt, bis ich gestern merkte, dass er auch nur ein Mensch ist. Kann ich ihm dieses Menschsein zum Vorwurf machen? Nein. Eher muss ich mir die Schuld geben, dass ich mich so habe blenden lassen von meiner eigenen Phantasie. Entgegen aller Vorbehalte, die sie gegen├╝ber Alexander Mangolds Alter gehabt hatte, und trotz aller Vorurteile, die ein so gro├čer Altersunterschied zwischen zwei Liebenden mit sich brachte, hatte sie sich auf ihn eingelassen. Sie hatte sich auf seine warme, sonore Stimme eingelassen, auf seinen wissenden, aber doch liebevollen Blick, auf seine zarten H├Ąnde und auf sein grau meliertes Haar. Was immer sie suchte, ob es nun Geborgenheit, Schutz, Unterricht, Abenteuer, Sinnlichkeit oder einfach Entspannung war, sie hatte geglaubt, es bei ihm, und nur bei ihm finden zu k├Ânnen. Sie hatte geglaubt, durch die Erz├Ąhlungen aus seinem Leben ein St├╝ck Weisheit zu erlangen, eine Abgekl├Ąrtheit und einen Weitblick, den sie nicht hatte. Sie war stolz gewesen, dass Alexander sie nicht wie eine junge, unerfahrene G├Âre behandelte, die von nichts eine Ahnung hatte, sondern wie eine junge Frau, die Potential hatte, dieses Potential aber aus zeitlichen Gr├╝nden noch nicht hatte anwenden k├Ânnen. Wenn sie von ihren Zukunftstr├Ąumen erz├Ąhlte, hatte er nie gesagt, wie schwer der Weg vor ihr war, nein, er hatte gesagt, dass er eine Kraft ihn ihr sp├╝re, die sie zu allem bef├Ąhigen k├Ânnte. Er hatte das in einem so ernsten und sachlichen Ton gesagt, dass Rhea angefangen hatte, daran zu glauben. Sie hatte angefangen, an diese Kraft zu glauben, und begonnen, den banalen, z├Ąhen und zerm├╝rbenden Alltag, den die Arbeit in einem Caf├Ę mit sich brachte, zu vergessen.

Aber jetzt, wo die die Dinge konkret wurden, verlie├č sie ihre Phantasie. Mit den ersten K├Ârperlichkeiten war alles banaler geworden. Mit den ersten K├Ârperlichkeiten war Rhea jeder M├Âglichkeit beraubt wurden, ihre Liebe zu Alexander als ein ├Ątherisches Faszinosum zu verstehen, als etwas, das gr├Â├čer war als sie selbst. Jetzt kamen ihr die Ber├╝hrungen, die sie gestern Nacht mit Alexander ausgetauscht hatte, nicht wesentlich erotischer vor als die Ber├╝hrungen des Geschirrs, das sie gerade unter dem hei├čen, schaumigen Wasser in der Sp├╝le wusch. Jetzt war Alexander Mangold nicht mehr der Mangold, den die Studenten der Universit├Ąt wie einen kleinen Propheten oder Messias verehrten, nein, jetzt war Mangold der Mangold mit Problemzonen, Brustbehaarung und geschmacklosen Boxershorts. Dabei fragte sich Rhea, was sie von Mangold erwartet hatte. Wie konnte sie ihm die Schuld daf├╝r geben, dass sein K├Ârper nicht dem reifen Alabasterk├Ârper entsprach, den sie sich in ihren Tr├Ąumen ausgemalt hatte? Wie konnte sie ihm die Schuld daf├╝r geben, dass ihre letzte Nacht nicht ein explosives Feuerwerk orgastischer Gef├╝hle, sondern einfacher, unbeholfener Sex gewesen war? Sie konnte es nicht. Jetzt, im Nachhinein, sch├Ąmte sich Rhea fast ihrer Erwartungen. Sie hatte geglaubt, nach dem Beischlaf mit Alexander Mangold in einem goldenen, von sechs rassigen Araberhengsten gezogenen Streitwagen gen Himmel empor zu steigen, begleitet von einer Schar Erzengel, die ihnen den Weg ins verloren geglaubte Paradies wiesen. Stattdessen hatte Alexander Mangold seine graue, zerfranste Boxershorts wieder ├╝ber die altersschwachen Lenden gezogen, und gesagt: Das ├╝ben wir noch.

*

Das ├╝ben wir noch. Mangold wusste, dass er das nicht h├Ątte sagen d├╝rfen. Er hatte Rhea mit dem Gef├╝hl zur├╝ck gelassen, sie w├Ąre nur ein M├Ądchen, an dem er seine schw├Ącher gewordene, aber immer noch aktive Libido abreagieren konnte. Und so hatte Rhea dann auch geguckt. Auch sch├Ąmte Mangold sich jetzt seiner Tat. Er kam sich vor wie der Zerst├Ârer eines Kunstwerks. Er kam sich vor wie jemand, der nachts in den Louvre eingebrochen war, und mit einem gro├čen Vorschlaghammer die Nike von Samothrake zerst├Ârt hatte. Ein Kunstwerk, das man unter keinen Umst├Ąnden ber├╝hren, sondern nur betrachten sollte. Ein Kunstwerk, geschaffen und ersonnen f├╝r die reine Kontemplation, und nicht f├╝r die Penetration.

Aber jetzt war es zu sp├Ąt. Was immer Mangold getan hatte, es lie├č sich nicht r├╝ckg├Ąngig machen. Rhea war von nun an keine Jungfrau mehr. Alle Illusionen, Tr├Ąume, Phantasien und vielleicht auch Hoffnungen, die sie bis dato gehabt haben mag, waren nun angekratzt. Mangold w├╝nschte sich jetzt nichts sehnlicher als Wiedergutmachung. Er war pl├Âtzlich von dem Willen beseelt, Rhea wieder zu dem unbefleckten, jungen und reinen M├Ądchen zu machen, das sie einst gewesen war. Aber wie?

Vorl├Ąufig hatte er keine Zeit, sich Gedanken ├╝ber die Form der Kompensation zu machen. Er musste seine Vorlesung planen, und das f├╝r die n├Ąchste Seminarsitzung zu verwendende Material sichten. Er hatte geplant, Vorlesung und Seminar miteinander abzustimmen, und in beiden das Hauptwerk der Kamakura-Muromachi Periode, namentlich das Heike monogatari, das Buch ├╝ber die Geschichte des Hauses Taira, eingehender mit den Studenten zu besprechen. Er wollte dabei auch zum ersten Mal Vermutungen ├╝ber die Urheberschaft des Textes anstellen, und mit den Studenten die Stringenz seiner Vermutungen kritisch hinterleuchten. Um seine These zu untermauern, wollte er auch einige Prim├Ąrquellen des Priesters Kamo no Chōmei, der nur acht Jahre zuvor das Hōjōki ( Aufzeichnungen aus zehn Fu├č im Geviert) geschrieben hatte, mit einbeziehen. Er hatte ein paar Textstellen vorbereitet, in denen der Priester explizit die Nichtigkeit der Welt gei├čelte und gleichzeitig die Tugenden buddhistischer Meditation pries. Die deutsche ├ťbersetzung von einem Kollegen aus Berlin hielt er f├╝r wenig gelungen, und so nahm er einige ├änderungen an ihr vor. Er glaubte damit der Poesie dieser fast achthundert Jahre alten Prosa ihren Tribut zu zollen und er fand, dass seine ├änderungen dem elegischen Charakter des Werks Rechnung trugen. Es ging ihm nicht darum, die Arbeit seines Kollegen schlecht zu machen, es ging ihm vielmehr darum, die oft umst├Ąndlichen, wenn auch akkuraten ├ťbersetzungen in ein studentenfreundlicheres Deutsch zu transkribieren. Er arbeitete bis sp├Ąt in die Nacht, auch deshalb, weil er sich so den Kopf ein wenig von Gedanken an Rhea freihalten konnte. Erst als er zu Bett ging, ├╝berfielen ihn wieder die Gedanken an das junge, nackte M├Ądchen, das er tags zuvor noch in seinen H├Ąnden gehalten hatte. Jetzt, um kurz nach Mitternacht, besch├Ąmte ihn wieder der Gedanke, etwas Kostbares aus reiner Selbstsucht zerst├Ârt zu haben.

*

Nach einer guten Nacht wachte Rhea morgens um zehn Uhr auf. Sie blieb eine lange Weile im Bett liegen, und rauchte zum ersten Mal eine Zigarette in ihrer Wohnung. Noch immer hing sie in Gedanken dieser einen Nacht nach, die sie, wie man so sagt, zur Frau gemacht hatte. Sie konnte sich nicht helfen, aber sie f├╝hlte sich mehr und mehr wie ein Opfer, das sich nach au├čen willig, nach innen aber nur mit dem gr├Â├čten Widerwillen auf dem Altar der Liebe dargeboten hatte. Sie merkte, wie sie sich immer st├Ąrker zu ├╝berreden versuchte, dass es Alexander gewesen war, der sie verf├╝hrt hatte, und nicht umgekehrt. Sie erkl├Ąrte sich ihre laszive Koketterie des besagten Abends so, dass sie aus lauter Minderwertigkeitsgef├╝hl gegen├╝ber dem gro├čen Alexander Mangold auch einmal das Verlangen gehabt habe, das Heft in die Hand zu nehmen. Bisher war es immer Alexander gewesen, der Entscheidungen getroffen, der ihr vom Leben erz├Ąhlt und der sie wortw├Ârtlich wie im ├╝bertragenen Sinne bei der Hand genommen hatte. Und Rhea hatte an jenem Abend realisiert, dass der einzige Bereich, in dem sie Mangold ├╝berlegen war, der k├Ârperliche Bereich war. Sie wusste, dass ihre junge, straffe, glatte und makellose Haut, kurz, ihr junger und sch├Âner K├Ârper, der einzige Joker war, den sie im Spiel mit Alexander hervorzaubern konnte. In allem war er ihr ├╝berlegen: Er war souver├Ąner, intelligenter, reicher, besonnener, humorvoller und erfahrener als sie, aber nicht, und das schien Rheas einziger Trumpf, j├╝nger als sie. Erst nach einigen Treffen mit Alexander hatte sie gemerkt, dass er sie um ihre jugendlichen Probleme fast beneidete. Er beneidete sie um das Leben, das sie noch vor sich hatte, um die Erfahrungen, die sie noch machen w├╝rde, und auch um die M├Âglichkeiten, die sie nun aufgrund der Moderne hatte. Als ich in deinem Alter war, hatte Alexander gesagt, musste man erst Himmel und H├Âlle in Bewegung setzen, um ins Ausland zu gelangen. Heute, fuhr er fort, legt ihr f├╝nfzig Euro auf den Tisch, springt in den Flieger, und fliegt hin, wo immer ihr wollt.

Schon am Nachmittag lie├č Rhea zum ersten Mal den Gedanken Raum greifen, Alexander zu verlassen. In einem gewissen Sinne f├╝rchtete sie sich sogar vor dem Moment, da sie ihm wieder in die Augen blicken m├╝sste. Sie f├╝rchtete sich vor der Intimit├Ąt dieses Blicks, vor der Gr├Â├če dieses Blicks, weil er so viele Dinge, die zwischen Alexander und ihr standen, mit einschloss. Durch die Geschehnisse des vorgestrigen Abends hatte dieser Blick zwischen ihnen jegliche Unbek├╝mmertheit verloren, er war nun beladen mit Fragen, Anspielungen, Missverst├Ąndnissen und aufgesetzten Z├Ąrtlichkeiten. Rhea f├╝rchtete ebenso, nicht die Kraft zu besitzen, mit Alexander Schluss zu machen. Sie hatte keine Ahnung, wie sie die schlagartige Ver├Ąnderung ihrer Gef├╝hle zu ihm plausibel machen sollte. Dabei lag die Wahrheit auf der Hand: Sie hatte ihn geliebt, abg├Âttisch geliebt f├╝r das, was er repr├Ąsentierte, und diese Liebe hatte sich in ihr Gegenteil verkehrt, als sie mit ihm geschlafen, ja, hinter die Fassade des Symbols ÔÇÜMangoldÔÇÖ gesehen und den Menschen dahinter entdeckt hatte. Du bist doch kein Gott, Alexander, dachte Rhea leise bei sich. Du bist doch nicht der Gott, f├╝r den ich dich hielt, du bist nur Alexander Mangold, wohnhaft S├╝dwall 26, Doktor der Japanologie. Du bist nicht gr├Â├čer als du selbst, genauso wenig wie ich. Aber um gr├Â├čer zu werden als ich selbst, brauche ich jemanden, der dieser Welt erhaben ist. Jemand anderen als dich, Alexander.

*

Die Vorlesung war, entgegen Mangolds Erwartungen, nicht gut verlaufen. Die Studenten hatten in der Annahme, er w├╝rde in der Besprechung der japanischen Literatur chronologisch vorgehen, sich intensiv auf die Yamato Periode vorbereitet, weshalb sie ihn nur verst├Ąndnislos angeguckt hatten, als er ihnen einige grundlegende Fragen zur Kamakura-Muromachi Periode stellen wollte. Ein Student war dar├╝ber hinaus so dreist gewesen, ihn zu fragen, ob er seinen Lehrplan nicht ├Ąndern, und mit der Besprechung des um 712 verfassten Kojiki (Berichte ├╝ber Begebenheiten im Altertum) beginnen k├Ânne. Mangold hatte dar├╝ber ein wenig die Fassung verloren, und sch├Ąrfer geantwortet als beabsichtigt. Das hatte zu einer gereizten Atmosph├Ąre gef├╝hrt, die dann ├╝ber die gesamte L├Ąnge der Vorlesung zwischen ihm und den Studenten fortbestanden hatte. Als Zugest├Ąndnis an die Studenten hatte Mangold schlie├člich f├╝r zehn Minuten das Manyō-Shū (Zehntausend-Bl├Ątter Sammlung) vorgestellt, was manche der Studenten wie einen Sieg auf ganzer Linie empfanden. Mangold lie├č ihnen dieses Triumphgef├╝hl, und fuhr dann nach der Vorlesung beinahe schon ├╝berst├╝rzt nach Hause.

Die Ehrverletzung, die Mangold an Rhea begangen zu haben glaubte, verdr├Ąngte die berufliche Unp├Ąsslichkeit. Immer noch und immer mehr nagte sein Schuldgef├╝hl an ihm. Ich h├Ątte nicht mit ihr schlafen sollen. Ich h├Ątte nicht mit ihr schlafen sollen. Unabl├Ąssig steigerte Mangold sich in die Idee hinein, Schande auf sich, vor allem aber auf Rhea geladen zu haben, und f├╝r diese Schande irgendeine Bu├če tun zu m├╝ssen. Er nahm sich fest vor, Rhea anzurufen, sobald er zu Hause angekommen war. Mehr als drei├čig Stunden waren seit ihrem letzten, verh├Ąngnisvollen Aufeinandertreffen vergangen, und seitdem hatte er kein Lebenszeichen ihrerseits vernommen. Er ├╝berlegte, ob es besser w├Ąre, ihr noch ein wenig Zeit zu lassen, oder ob sie vielleicht in diesem Moment in ihrer Wohnung sa├č, und auf seinen Anruf wartete. Tatsache war, dass es einiges zu besprechen gab, und dass es umso schwerer werden w├╝rde, diese Dinge in aller Ruhe zu besprechen, je mehr Zeit verging. Denn Zeit schafft, manchmal schneller als man denkt, eine un├╝berbr├╝ckbare Distanz zwischen zwei Menschen, die einst voneinander geglaubt hatten, ohne den anderen nicht leben zu k├Ânnen. F├╝r Mangold war Rhea noch immer das zarteste, zerbrechlichste und z├Âgerlichste Gesch├Âpf, dem er je begegnet war. Vor seinem inneren Auge projizierte sich das Bild ihres delikaten Gesichts, es brannte sich in ihm fest und wurde zu einer unausl├Âschlichen Erinnerung, die ihn st├Ąndig an seinen gr├Â├čten Fehler erinnerte. Ach, Rhea, dachte Mangold, sag mir, was ich tun soll, und ich tuÔÇÖs. Es tut mir so leid, es tut mir so leid.

Er atmete tief durch, und griff dann zum Telefonh├Ârer. Die Nummer kannte er auswendig, sie war am Anfang ihrer Beziehung f├╝r ihn wie ein Code gewesen, mit dem er eine T├╝r aufschlie├čen konnte, die ihn in eine Welt fernab jeglicher weltlicher Gegebenheiten entf├╝hrte, in eine Welt, wo es nur noch ihn und Rhea gegeben hatte, niemanden und nichts sonst. Nun aber hatte er Angst, dass ihm diese T├╝r f├╝r immer versperrt bleiben, und dass jegliche Hoffnung auf Erl├Âsung sich f├╝r immer verfl├╝chtigen sollte.

Doch dann h├Ârte er, wie am anderen Ende der Leitung der H├Ârer abgenommen wurde. Noch ehe Rhea ihren Namen sagen konnte, begann Mangold wieder zu zittern.

*

Er hatte sie angerufen. Und das Erstaunlichste war, dass Rhea, noch bevor sie ihre eigene Nervosit├Ąt und Aufgeregtheit f├╝hlen konnte, die Fahrigkeit und Angespanntheit Alexanders gesp├╝rt hatte. Noch bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte, war sie sich der Tatsache bewusst geworden, dass er nervlich angeknackst war. Und diese Schw├Ąche hatte ihr Kraft gegeben. Sie hatte zum ersten Mal in einem Gespr├Ąch mit Alexander Mangold das Gef├╝hl gehabt, oben auf zu sein, die St├Ąrkere zu sein. Und sie hatte Gefallen daran gefunden, ihn das sp├╝ren zu lassen. Sie hatte auf alle seine Fragen knapp und klar geantwortet, und auch nicht den Anschein einer einzigen Verlegenheit erkennen lassen. Bald darauf hatte sie gemerkt, dass Alexanders Ansinnen darauf hinaus lief, sich wieder mit ihr zu treffen. In der Formulierung seiner Bitte hatte er dabei einen so devoten, ja fast mitleiderregenden Ton angenommen, dass Rhea ihn nun f├╝r seine Schw├Ąche zu hassen begann. Sie hatte den ersten von ihm vorgeschlagenen Termin unter einem fadenscheinigen Grund abgelehnt, und den zweiten nur z├Âgerlich und mit Widerwillen in der Stimme angenommen. Als sie beide aufgelegt hatten, hatte Rhea noch f├╝r eine Weile sinnierend ├╝ber dem Telefonapparat gestanden, ihn etwas stumpfsinnig angestarrt, und war dann zur├╝ck in ihr Zimmer gegangen.

Sie w├╝rde ihn verlassen, dazu war sie nun fest entschlossen. Sie w├╝rde ihn verlassen, und sich das n├Ąchste Mal in einen gleichaltrigen Jungen verlieben. Je l├Ąnger sie dar├╝ber nachdachte, desto sicherer wurde sie, dass dies die richtige Entscheidung war. ├ťberhaupt wurde ihr immer schleierhafter, wieso sie sich ├╝berhaupt auf Alexander Mangold eingelassen hatte. Nun, im Nachhinein, kam ihr ihre Vernarrtheit in Alexander wie eine fixe Idee vor, der sie aus unlauteren Gr├╝nden aufgesessen war. Sie erkannte, dass das Bild, das sie sich von ihrer Beziehung zu ihm vorab gemacht hatte, nicht im Mindesten der Wirklichkeit entsprach. Sie erkannte auch, dass sie seit jeher versessen darauf gewesen war, erwachsen zu werden, und irgendwie muss sie wohl geglaubt haben, durch ihre Beziehung zu Alexander diese Entwicklung hin zum Erwachsensein beschleunigen zu k├Ânnen. Insgeheim hatte sie vorher auf den Neid ihrer gleichaltrigen Freundinnen abgezielt, die sie fraglos um ihre Romanze mit einem erfahrenen, alten und recht gut aussehenden Universit├Ątsprofessor beneiden w├╝rden. Sie glaubte, der Tag ihrer feinen Rache sei bald gekommen, an dem ihre manchmal geh├Ąssigen Freundinnen endlich verstummen w├╝rden, weil sie im Gegensatz zu Rhea nur mit pickligen, zwanzigj├Ąhrigen Kiffertypen aufwarten konnten, nicht aber mit einem gestandenen, wohlhabenden Mann in den besten Jahren.
Am Freitag w├╝rden sie sich treffen. Ihr blieben also noch drei Tage, um sich gute Gr├╝nde zurecht zu legen, aus denen sie mit Alexander Schluss machen konnte. Sie wollte, dass es keinesfalls so aussah, dass sie sich aufgrund ihrer ersten gemeinsamen Nacht von ihm trennen wollte. Sie ├╝berlegte sich verschiedene, teilweise haneb├╝chene Alibi-Geschichten, die eine Trennung von Alexander n├Âtig machten. Sie wollte vorgeben, dass ihre Eltern gedroht h├Ątten, ihr die finanzielle Unterst├╝tzung zu streichen, gesetzt den Fall, sie setze ihre Beziehung zu ÔÇÜdiesem p├Ądophilen L├╝stlingÔÇÖ fort. Sie wollte vort├Ąuschen, sich wieder in ihren Ex-Freund verliebt zu haben, der sie jetzt mehr br├Ąuchte denn je. Sie ├╝berlegte sich noch weitere Geschichten, verwarf diese, hielt jene f├╝r gut, und schlief mit Gedanken an weitere, phantastische Geschichten ein.

*

Mangold war froh. Er hatte nun drei ganze Tage, um sich ein geeignetes B├╝├čerhemd zu suchen. Ihm war eine bestimmte Anzahl von Tagen verg├Ânnt, um dar├╝ber nachzudenken, wie er den begangenen Fehler wieder gut machen kann. Und dass er einen Fehler begangen hatte, dessen war er sich, nach dem Telefongespr├Ąch mit Rhea, sicher. Er hatte ihre K├Ąlte und Knappheit am Telefon zweifelsfrei als eine unterschwellige Anklage verstanden. Er hatte gemerkt, dass Rhea sich nicht mit seinem bewusst beschwichtigenden und devoten Ton zufrieden geben w├╝rde, sondern dass sie mehr als nur eine Entschuldigung verlangen w├╝rde. Und zu Recht, wie Mangold fand. Jetzt interpretierte er viele seiner Handlungen an jenem ereignisreichen Abend neu. War er es nicht gewesen, fragte er sich, der sie immer leidenschaftlicher gek├╝sst hatte? Und war er es nicht gewesen, der sie behutsam in das Schlafzimmer gedr├Ąngt hatte, um sich dort mit ihr auf das Bett fallen zu lassen? Gut, sie hatte sich nicht gewehrt, aber erkl├Ąrte sich das nicht mit ihrem Vertrauen zu ihm, in der Hoffnung, er w├╝sste schon, was zu tun sei? Nicht einmal w├Ąhrend der gesamten Zeit, in der sie zueinander z├Ąrtlich gewesen waren, hatte er sie gefragt, ob sie mit ihm schlafen wolle. Er hatte ihre Stille als ein Einverst├Ąndnis gedeutet, und ihre vorausgehende Koketterie als Einladung. Eine andere Interpretationsm├Âglichkeit hatte es f├╝r Mangold an jenem Abend nicht gegeben. Nun aber meinte er sich kleiner Zeichen zu erinnern, die Rhea ihm gegeben hatte, und die ihm nun zweideutiger erschienen als an dem Abend. Hatte sie nicht leicht be├Ąngstigt geguckt, als er sich die Hose ausgezogen hatte? Und war ihr Gesichtsausdruck nicht leicht versteinert gewesen, als er pl├Âtzlich ganz nackt gewesen war. Allein ihr Schweigen h├Ątte er als ein Z├Âgern deuten m├╝ssen, und zumindest einmal h├Ątte er sie fragen m├╝ssen, ob sie ├╝berhaupt mit ihm schlafen wolle. Dass er es nicht getan hatte, erzeugte nun in ihm ein Schuldgef├╝hl, das sich exponentiell steigerte. Was er bis gestern fr├╝h noch f├╝r eine bezaubernde, wenn auch leicht misslungene Liebesnacht gehalten hatte, erschien ihm nun in einem ganz anderen Licht. Die Liebesnacht war in seinen Augen nun ein Verbrechen gewesen, eins der schlimmsten, wie er fand. Ja, je l├Ąnger er dar├╝ber nachdachte, desto st├Ąrker wurde die Gewissheit: Er hatte Rhea vergewaltigt.

Um sich zu zerstreuen, nahm Mangold ein Buch ├╝ber den japanischen Film aus dem Regal. Er bl├Ątterte sich durch die Anf├Ąnge des japanischen Kinos, ├╝berschlug das Kapital zu Akira Kurosawa und blieb letztendlich bei einem Text ├╝ber seinen Lieblingsfilm h├Ąngen. Er erinnerte sich daran, wie er 1978 zum ersten Mal in Japan gewesen war, und in Tokio mit seinen frisch erworbenen und noch ausbauf├Ąhigen Japanischkenntnissen in dieses Kino gegangen war. Im Reich der Sinne, so hatte Mangold den Filmtitel damals korrekt ins Deutsche ├╝bersetzt. Mit den ersten Bildern des Films war Mangold dann abgetaucht in dieses Reich der Sinne. Der Film erz├Ąhlte die Geschichte einer t├Âdlich endenden sexuellen Obsession. Die freiz├╝gige Darstellung der Sexualit├Ąt und die brisante Verbindung von Sexualit├Ąt und Tod hatten den Film zu einem Politikum gemacht. In vielen L├Ąndern war er nicht zu sehen gewesen. Und deshalb war Mangold umso gl├╝cklicher, diesen Film gesehen zu haben. Er hatte sich damals in die Hauptdarstellerin Tatsuya Fuji verliebt, in ihren wei├čen Teint, in ihr schwarzes Haar und in die bet├Ârenden Lippen. Am Film hatte ihm besonders die Fatalit├Ąt der Liebe gefallen.

*

Das Warten machte ihr die Sache unertr├Ąglich. Sie wollte die Sache mit Alexander so schnell wie m├Âglich hinter sich bringen. Ich wollte, es w├Ąre morgen, dachte sie. Sie w├╝rden sich bei ihm treffen. In ihrem Kopf ├╝berlegte Rhea schon hin und her. Sie legte sich in Gedanken einen passenden Monolog zurecht, und sah sich in ihrer Vorstellung schon in seinem Wohnzimmer stehen. Sie sah die Farbholzschnitte an der Wand, die Papierw├Ąnde, sie sah das Wakizashi Schwert an der Wand, und sie sah Alexander in dem wei├čen Kimono, den er ihr einmal gezeigt, aber nie wirklich getragen hatte. Rheas anf├Ąngliche Begeisterung f├╝r die japanische Kultur war nun in Verachtung umgeschlagen. Sie befand die Farbholzschnitte nun f├╝r kitschig, vor allem dieses Bild mit der gro├čen Woge, das Alexander ihr erkl├Ąrt hatte. Was sie einst f├╝r hochwertige Kunst gehalten hatte, kam ihr nun wie schlechte Kopien aus einem Manga Comic vor. ├ťberhaupt schien es ihr mehr und mehr albern, sich so sehr in eine andere Kultur hinein zu steigern, dass man die eigene dar├╝ber fast verga├č. War ihm die deutsche Kultur so verhasst, dass er sich einer anderen bediente?

Auf dem Weg zur Arbeit kam Rhea an einer Imbissbude vorbei. Da sie noch nichts gegessen, und pl├Âtzlich Hei├čhunger auf Currywurst hatte, bestellte sie sich eine. Sie stellte sich an einen der Stehtische und betrachtete das Treiben auf der Stra├če. Die Stra├če war in ihrer H├Ąsslichkeit typisch deutsch. Mehrere Zweckstilbauten reihten sich nahtlos aneinander, nur ganz selten von einem Haus aus der Gr├╝nderzeit unterbrochen, und die Asphaltb├╝rgersteige wirkten in ihrem h├Ąsslichen Grau st├Ąrker als die in immer gleichen Abst├Ąnden gepflanzten B├Ąume, die wiederum von Asphalt umgeben waren. Zu jeder Seite der Strasse erstreckte sich eine Schlange aus dicht aneinander geparkten Fahrzeugen, die den fahrenden Wagen in der Stra├čenmitte nur wenig Raum lie├čen, um bei Tempo F├╝nfzig voranzukommen. Die Ger├Ąusche der verschiedenen Motoren erhoben sich zu einer l├Ąrmenden Kakophonie, die fast das Gepl├Ąrre des kleinen M├Ądchens, das gerade mit ihrer Mutter an Rhea vorbei lief, ├╝bert├Ânte. Rhea a├č hastig auf, und lief dann auf die Bushaltestelle zu, die sie zur Arbeit bringen sollte. Der Bus kam eine Minute sp├Ąter. Sie stieg ein, und ging dann bis ganz hinten durch, um sich auf die Sitze vor dem Heckfenster zu setzen. Im ganzen Bus sa├čen, abgesehen von dem Busfahrer, nur drei Leute. Ein sehr alter Mann mit Hut und Kr├╝ckstock, der vor sich hin m├╝mmelnd auf einem der vorderen Pl├Ątze sa├č, ein junger Mann mit strubbeligen Haaren in einer wei├čen Latzhose, die mit Farbklecksen ├╝bers├Ąt war, und eine Frau mittleren Alters, die so schick gekleidet war, dass Rhea sich fragte, warum sie den Bus nahm. Das laute Brummen des Busmotors drang ged├Ąmpft zu ihr durch. So ged├Ąmpft, dass es fast eine Wohltat war.

*

Junshu, Kanshi und Sokotsu-shi. Mangold las. Wieder einmal las er, um sich die Zeit zu verk├╝rzen. In weniger als einer halben Stunde w├╝rde Rhea bei ihm an der Haust├╝r klingeln. Er w├╝rde ihr ├Âffnen, sie herein bitten, und dann w├╝rde er h├Âren, was sie zu sagen hatte. Mit jeder Minute wurde seine Furcht vor diesem Aufeinandertreffen gr├Â├čer. Von seiner anf├Ąnglichen ├ťberlegenheit in seiner Beziehung zu Rhea konnte nun keine Rede mehr sein. Er war, das sp├╝rte er jetzt ganz deutlich, der Unterlegene. Er war ein alternder, einsamer Mann, der bisher nur f├╝r seinen Beruf und nichts anderes gelebt hatte. Und Rhea, die ihm in ihrer Sch├Ânheit nun immer begehrenswerter erschien, hatte er in einem Rausch von Egoismus und in einem libidin├Âsen Anfall vergewaltigt. Vergewaltigt. Dieses Wort war in den letzten Stunden zu einem Vorschlaghammer geworden, den er immer wieder auf den Kopf bekam. Er hatte ein neunzehnj├Ąhriges M├Ądchen seiner Unschuld beraubt, er hatte ihr etwas genommen, was er ihr nicht zur├╝ckgeben konnte, etwas, das von nun an f├╝r immer verloren war. W├Ąhrend manche M├Ąnner angesichts einer solchen Entjungferung Stolz empfanden, sp├╝rte Mangold nur Scham. Sein ganzes Leben, das er bisher mit verhohlenem Stolz gelebt hatte, kam ihm nun so sch├Ąndlich vor. Er hatte seine Intelligenz, seine Kultur missbraucht, um damit ein junges, unerfahrenes M├Ądchen derartig zu verblenden, dass sie ihm f├╝r eine gewisse Zeit h├Ârig gewesen war. Und in dieser Manipulation hatte er es soweit getrieben, dass er seinen eigenen Prinzipien und hohen Wertma├čst├Ąben nicht mehr treu geblieben war. Im Grunde war Mangold tats├Ąchlich das, was er f├╝r viele nach au├čen hin schien: Ein p├Ądophiler Lustmolch. Er hatte die Unerfahrenheit eines jungen M├Ądchens schamlos ausgenutzt, um seinen eigenen Trieben Befriedigung zu verschaffen. Aber in einem gewissen, noch perfideren Sinne hatte er auch sich selbst betrogen. Denn er hatte sich weismachen wollen, dass es ihm in seiner Beziehung zu Rhea nur um die geistige Liebe gehe, nicht die k├Ârperliche. Aber jetzt, gerade nach diesem Abend, wusste er, dass er von Anfang an nur ihren K├Ârper begehrt hatte. Er hatte vom ersten Moment an, als er sie gesehen hatte, mit ihr schlafen wollen. Und nun, da er sein Ziel erreicht hatte, f├╝hlte er sich schmutzig. Er f├╝hlte einen nicht abwaschbaren Schmutz, der unsichtbar, aber doch in einer dicken Schicht auf seiner Haut lag. Er f├╝hlte diesen eigenen Schmutz an seiner Haut, in seinen Haaren, in seinem Innern. Und in ihm war nur ein Gedanke: Ich muss mich von diesem Schmutz reinwaschen.

Es klingelte. Mangold atmete tief durch, legte das Buch mit der aufgeschlagenen Seite vor sich auf den Tisch, stand auf, und ging langsamen und gemessenen Schrittes auf die Haust├╝r zu. R├Ąumlich gesehen trennte nur eine Haust├╝r Mangold von Rhea. In Wirklichkeit aber war Rhea so weit von ihm entfernt, dass jedes Aufeinanderzugehen sinnlos geworden war, weil sie, selbst wenn sie den langen und beschwerlichen Weg aufeinander zu nehmen sollten, letztlich doch nur wieder aneinander vorbei gehen w├╝rden. Mangold wusste, dass Rhea, obwohl sie nun bei ihm eintreten w├╝rde, innerlich schon l├Ąngst vor ihm weggelaufen war.

* * *


* * *

Als die Haust├╝r wieder ins Schloss fiel, f├╝hlte sich Rhea erleichtert. Mehr noch, beschwingt. Sie war aus dem Kampf (denn Liebe war immer auch ein Kampf, das glaubte Rhea mit ihren neunzehn Jahren zu wissen) als Siegerin hervor gegangen. Und bei Gott, es war ein Kampf gewesen. Kein lauter Kampf. Kein Kampf in dem sich zwei Menschen ihre Wut aus dem Bauch schreien, kein Kampf, in dem Porzellan an die W├Ąnde knallt und jeder versucht, den anderen zu ├╝bert├Ânen. Rhea war in diesem Kampf an der Schw├Ąche ihres Gegners erstanden. Sie war angewidert gewesen von dem entschuldigenden und in sich gekehrten Blick Alexanders, und sie hatte ihm mit ihren Worten ein paar empfindliche Stiche versetzt. Kalt und tonlos hatte sie ihm vom Anruf ihrer Eltern erz├Ąhlt, die durch irgendjemanden von ihrer Beziehung zu ihm erfahren hatten. Sie hatte ihre Argumente geh├Ârt und gemerkt, dass sie mit einigen davon Recht hatten. Sie, Rhea, stimmte mit ihren Eltern darin ├╝berein, dass ihre Beziehung zu Alexander keine Zukunft haben k├Ânne. Auch wenn diese Idee in ihrer Beziehung sicherlich noch verfr├╝ht sei, so m├╝sse sie doch an ihre famili├Ąre Zukunft denken. Kinder, Alexander, hatte sie gesagt, kann man mit so einem wie dir nicht haben. Und als w├Ąre dieses ÔÇÜso einem wie dirÔÇÖ nicht schon schlimm genug gewesen, hatte Rhea noch eins drauf gesetzt. Mein Ex-Freund hat mich angerufen, hatte sie Alexander gesagt. Ich habe es vor dir ein wenig verheimlicht, aber ich habe immer noch Gef├╝hle f├╝r ihn. Er m├Âchte sich mit mir treffen, und ich habe zugesagt. Das muss nicht bedeuten, dass wir uns nicht mehr sehen k├Ânnen. Ich brauche einfach ein bisschen Zeit. Gib mir zwei, drei Monate Zeit, Alexander, dann k├Ânnen wir uns vielleicht noch einmal treffen. Du sollst wissen, dass ich die Zeit mit dir genossen habe. Und schlie├člich: Ich hoffe, wir k├Ânnen Freunde bleiben. Dann war sie gegangen.

Erst im Treppenhaus wurde ihr das sonderbare Verhalten Alexanders bewusst. Er hatte regungslos zwei Meter entfernt von ihr im T├╝rrahmen zum Wohnzimmer gestanden, und eher durch sie durchgeschaut als angeschaut. W├Ąhrend ihres ganzen Monologs war er kein einziges Mal dazwischen gefahren, hatte sich keinmal ger├Ąuspert und immerzu nur ehrerbietig genickt, wie ein Japaner. ├ťber sein Verhalten hinaus war ihr auch noch eine andere Sache aufgefallen. Als sie Alexander ├╝ber die Schultern geschaut hatte, um einen Blick ins Wohnzimmer zu erhaschen, hatte sie in der Mitte des Raumes ein Podest aus Holz gesehen. Es hatte ein bisschen wie ein Siegertreppchen ausgesehen, nur schien es keinen zweiten und dritten Platz zu geben. Oben auf dem Holzpodest hatte Alexander anscheinend ein St├╝ck roten Teppichs ausgebreitet. In der Angst, sich noch l├Ąnger in seinem Haus aufzuhalten als unbedingt notwendig, hatte sie ihrem Reflex nicht nachgegeben, und nicht nachgefragt. Aber komisch war es schon gewesen.

*
Auch Mangold war froh, dass es nun vorbei war. Endlich hatte er Gewissheit. Rhea hatte den Anstand und die G├╝te besessen, ihm die Vergewaltigung nicht direkt, sondern durch die Blume sozusagen, anzulasten. Aber er hatte verstanden. Ihre aufgesetzte, aber dennoch gnadenlose K├Ąlte hatte er als eine Aufforderung verstanden. Mit jeder Geste, mit jedem Blick und mit jedem Wort hatte sie es ihm an den Kopf geworfen: Sch├Ąm dich! Und er sch├Ąmte sich. Er sch├Ąmte sich so sehr, dass er nur noch die eine M├Âglichkeit zur Wiedergutmachung sah: Selbstbestrafung. Denn in seinen Augen n├╝tzte es nichts, Rhea um Verzeihung zu bitten, oder ihr teure Geschenke zu machen. Diese Sache musste er mit sich selbst ausmachen, er brauchte Rhea dazu nicht. Nicht von ihr konnte er die Absolution erlangen, sondern nur vor sich selbst und seinem eigenen Gericht.

Er ging ins Schlafzimmer, entkleidete sich, und nahm den wei├čen Kimono aus dem Wandschrank. Nach der japanischen Tradition war dieser Kimono unentbehrlich f├╝r die innere Einkehr, die nun bevorstand. Der Kimono war ein wichtiges Utensil zur Erlangung des Zen, der japanischen Richtung des Buddhismus, die durch Meditation die Erfahrung der Einheit allen Seins und damit t├Ątige Lebenskraft und gr├Â├čte Selbstbeherrschung zu erreichen sucht. In diesem Zustand des Zen w├╝rde Mangold keinen Schmerz mehr sp├╝ren, und sollte er auch noch so gro├č sein.

*

Wie ein siebenj├Ąhriges Schulm├Ądchen h├╝pfte Rhea durch die Stra├čen der Stadt. Die anf├Ąnglichen Gewissensbisse angesichts ihrer schroffen Art, die sie Alexander gegen├╝ber an den Tag gelegt hatte, waren verflogen, und hatten der aufkeimenden Erleichterung Platz gemacht. Sie f├╝hlte sich wie nach einer bestandenen Pr├╝fung, oder wie nach einem Arzttermin mit negativem Befund. Sie war eines ihrer Probleme losgeworden. Es hatte sie M├╝he und ├ťberwindung gekostet, und die Konfrontation mit Alex hatte ihr wahrlich gro├čes Unbehagen bereitet, aber nun hatte sie es hinter sich. Von nun an, das versprach sie sich, w├╝rde sie das Leben bewusster genie├čen, und auch den kleinen Dingen im Leben mehr Wertsch├Ątzung zuteil kommen lassen. Von nun an w├╝rde sie das morgendliche Zeitungslesen, den Kaffee und das Fr├╝hst├╝ck bewusst genie├čen, sie w├╝rde den Wind des goldenen Oktobers, die frischen Brisen des aufkeimenden Fr├╝hlings, den Schnee im dunklen Dezember und das Freibad im allzu hei├čen Sommer als das wahrnehmen, was es war: Eine allt├Ągliche, bescheidene Form des Gl├╝cks. Sie w├╝rde die kurzen Gespr├Ąche mit den oberfl├Ąchlichen Bekanntschaften lachend bestehen, sie w├╝rde jede Menge Leute kennen lernen, auf Partys gehen, tanzen, und sie w├╝rde vor allem nur noch mit Gleichaltrigen verkehren. Ich bin jung, frohlockte Rhea, ich bin so jung, die ganze Welt liegt mir zu F├╝├čen, ich muss nur zugreifen. Und das will ich tun. Ich will hinein greifen, ins Leben, ich will aus dem Vollen sch├Âpfen, ich will ein schnelles, wildes und barbarisches Leben.

Und zwei Stra├čenecken weiter war Alexander vollst├Ąndig vergessen. Innerhalb weniger Minuten hatte Rhea einen ganzen Lebensabschnitt hinter sich gebracht. Sie war den Fragen in ihrem Innern entkommen, bis auf weiteres. Vielleicht w├╝rden diese Fragen irgendwann einmal, Jahre sp├Ąter, wieder aus ihrem Verschlag hervor brechen, aber im Moment waren sie von der Unerbittlichkeit und Grausamkeit der Jugend so erschlagen, dass sie kapitulierten. Es war einfach keine Zeit f├╝r gro├če Fragen.

*

Mangold lief bed├Ąchtig ins Wohnzimmer. In seinen wei├čen Kimono geh├╝llt, stieg er ├╝ber die zwei Stufen auf das Podest. Er kniete nieder, nahm eine f├╝r die Meditation typische Haltung ein, schloss die Augen und kehrte in sich. Er sammelte seine Kr├Ąfte und konzentrierte sich auf seinen Geist. In der ersten meditativen Phase angelangt, war er befreit von der Last der allgegenw├Ąrtigen Gedanken. Er hatte den Fluss unterbrochen, die Fluten aufgehalten und ihnen einen Damm vorgeschoben. Sein Kopf war nun leer, und nichts von au├čen drang mehr in ihn ein. Mehrere Minuten verharrte Mangold in dieser Position.

Dann ├Âffnete er die Augen, nahm das neben ihm liegende Wakizashi Schwert aus seiner Scheide, hob es mit beiden H├Ąnden ├╝ber seinen Kopf, fixierte mit den Augen seinen Unterleib, und lie├č das Schwert dann herunterfahren. Seine Aug├Ąpfel traten hervor, eine ungeahnte Menge Luft schoss ger├Ąuschvoll aus seinem Mund und sein Gesicht lief rot an. Ein grunzendes ├ächzen k├╝ndete von seinem nahen Tod, mehr noch als die Eingeweide, die ihm aus der aufgeschnittenen Bauchdecke hervor traten.

*

Wenige Minuten sp├Ąter war Stille eingekehrt. Ein Windzug, der durch die offene T├╝r zur Veranda kam, bl├Ątterte die Seiten des Buches, in dem Mangold die letzten Tage gelesen hatte, vor und zur├╝ck. Irgendwann blieb das Buch willk├╝rlich auf einer Seite stehen:

Beim rituellen Selbstmord der Japaner, Hara-Kiri oder Seppuku genannt, unterscheidet man drei Formen. Junshu bedeutet verschwenderisch. Durch diese Form des Hara-Kiris folgte man dem verstorbenen Herrn in den Tod. Kanshi ist Selbstmord aus Protest: Wenn alle Versuche der Beeinflussung oder ├ťberzeugung gegen├╝ber dem Dienstherrn gescheitert waren, blieb nur noch Hara-Kiri. Die bekannteste Ursache f├╝r Hara-Kiri ist jedoch Sokotsu-shi: Man praktizierte es als Wiedergutmachung oder Selbstbestrafung f├╝r einen begangenen Fehler.


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