Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5437
Themen:   92200
Momentan online:
413 Gäste und 17 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Humor und Satire
Im Reichstag
Eingestellt am 05. 09. 2005 19:52


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
Digitalia
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2005

Werke: 1
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Digitalia eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Im Reichstag

Nur nachts, werde ich manchmal noch geplagt - von Albtr├Ąumen, dass mich meine sogenannte Vergesslichkeit oder \"Unkonzentriertheit\" doch noch verraten k├Ânnte.
Ansonsten gelingt es mir r├Ątselhaft gut, das beinahe Unm├Âgliche anzupacken. Vor allem das Lesen aller Ausgaben meiner Biografie ist hilfreich.
Damit die Nachwelt meine Leistung - sie erscheint mir in Anbetracht der Schwierigkeiten herakl├Ąisch - wirklich erfassen und w├╝rdigen kann, greife ich in schlaflosen Stunden zu diesem fast vergessenen Fossil - zu Papier und F├╝ller. Sollte mir etwas zusto├čen - immer noch gibt es ja b├Âswillige Zeitgenossen - : Meine engsten Vertrauten haben Kenntnis von der Existenz dieser Zeilen in meinem Geheimtresor.
Mein zweites Leben - wie kam es dazu?

Ich erwachte auf der Wiese vor dem Reichstag. Meine Freundin war verschwunden, kein Zettel von ihr, keine Nachricht auf dem Handy.
Graute die Morgen- oder die Abendr├Âte? Einige Meter vor mir schnarchte ein eng umschlungenes Paar, eingerollt in eine zu kurze blaue Decke.
Es wurde heller. Warum blo├č war ich dann so m├╝de? Ich konnte mich nicht im geringsten daran erinnern, wann und wie ich eingeschlafen war. Aber ohne jeden Zweifel hatte ich hier mit Sybille den Heiligen Abend verbracht, in gro├čartiger Versunkenheit. Der Filmriss entstand erst danach.
\"Welchen Tag haben wir heute?\" fragte ich einen glatzk├Âpfigen Mann mittleren Alters, der sich hinter mir aus seinem Schlafsack sch├Ąlte. Er antwortete nicht, rieb sich, verkl├Ąrt l├Ąchelnd, die Augen. Ich sprang auf und schrie ihm die Frage in ein Ohr. Er zuckte zusammen und ballte eine Faust, sah mir in die Augen und begann zu lachen. \"Ach so, einen zu viel gehoben, Jungchen? Wir haben heute den ersten Weihnachtstag 2033 - 8 Uhr und zwanzig Minuten.\"
\"Danke!\" Ich kroch beruhigt in unseren Schlafsack zur├╝ck. Sicherlich ging alles mit rechten Dingen zu. Bestimmt war Sybille auf der Toilette, hatte blo├č vergessen, mir eins ihrer duftenden blauen Zettelchen unter den Sack zu schieben. Die bunt bemalten Gasleuchten erw├Ąrmten den Platz fast sommerlich - wie gestern Abend, als sich halb Berlin hier getroffen hatte. Hart hob sich das riesenhafte lachende Gesicht des Kanzlers auf einem Wahlplakat am Rand der Wiese gegen den Himmel ab. Er reichte einer Ministerin mit Engelsfl├╝geln Weihnachtskugeln. Daneben grinste das Gesicht seines Herausforderers aus einer Weihnachts-M├╝tze auf mich herab. In den H├Ąnden hielt er einen Sack voller Geschenk-Pakete. Die ganze Wiese war umrahmt von solchen und ├Ąhnlichen Plakaten, die Bundestags-Wahlen waren f├╝r den 16. Januar angesetzt.
Aber wieso f├╝hlte ich mich so zerschlagen? Nat├╝rlich nicht wegen eines Glases zu viel! Nicht einmal Sybille, auch keine Sirene, h├Ątte mich zu solch einem Schluck verleiten k├Ânnen. Alkohol ekelte mich an, schon der Geruch f├╝hrte bei mir zu ├ťbelkeit, erinnerte mich an meinen versoffenen Erzeuger.
├ärgerlich w├Ąlzte ich mich hin und her. \"Einen zu viel gehoben!\" Was f├╝r eine Gemeinheit, mich zu verd├Ąchtigen! Als lebte ich in einer der perversen fr├╝heren Epochen! Ausgerechnet mich! Mich - , der f├╝r die Revolution in den K├Âpfen k├Ąmpfte! Mich, der vorhatte, die Erde durch R├╝ckkehr zur Nat├╝rlichkeit und einem gesunden, verantwortungsvollen Leben zu retten!
\"Ich bin keinen Tag zu fr├╝h geboren.\", hatte ich erst gestern zum Kanzler gesagt, w├Ąhrend er uns einschenkte - ach ja - nat├╝rlich - aber auch das noch vor dem Filmriss! \"Am allerwenigsten h├Ątte ich um das Jahr 2009 geboren sein wollen. Praktisch jede Nacht hatte ich n├Ąmlich Albtr├Ąume, als wir in der Schule die Epoche des Organraub-Terrorismus durchnahmen.\"
Nach den gro├čen Fortschritten in der Gen- und Lasertechnologie hatte ja vor allem 2009 und 2010 der Organkampf aller gegen alle getobt. Jetzt, da der Staat alles sicher unter Kontrolle hatte, war nat├╝rlich der rasante Fortschritt der Technologie der reine Segen. \"Da muss ich Ihnen recht geben\", hatte ich dem Kanzler frei heraus gesagt, \"auch wenn ich mit der Lauheit und dem Zickzack-Kurs Ihrer Amtsf├╝hrung nicht immer einverstanden bin.\"
Trotz der fortgeschrittenen Stunde war ich also heute Nacht beim Gespr├Ąch mit dem Kanzler noch klar im Kopf. Ich hasse Einschleimen - deshalb hatte ich ihm gar nicht an die Nase gebunden, dass ich ihn w├Ąhlen wollte. Und mit dem Wichtigsten, der Verfassungs-├änderung, die gerade stattgefunden hatte, war ich ja voll und ganz einverstanden. In wer-wei├č-wievielen Demos war ich daf├╝r eingetreten - jetzt stand es im Gesetz: Das Tauschen, Verkaufen und Verschenken von Organen war nur noch erlaubt, wenn beide Partner ihren Wunsch vorher schriftlich bei einem ├Ąrztlich ausgebildeten Organtausch-Notar hinterlegten.
Ebenso begeisterte mich an der Moderne, dass sich die Beh├╝tung und Gesunderhaltung des Lebens auf so breiter Front durchgesetzt hatte, der Konsum von Alkohol und anderen sch├Ądlichen Drogen so gut wie out war. Allerdings - der Kanzler hatte sich gestern eine Zigarette angez├╝ndet und uns gebeten, ihn nicht zu verraten.
\"Warum die Zigarette?\" hatte ich ihn, wieder stolz ├╝ber meine Geradlinigkeit, gefragt. \"Ihnen also reicht es gar nicht, dass wir die unsch├Ądlichste aller Drogen endlich per Gesetz ohne die fr├╝here Geheimnis-Kr├Ąmerei bis zum Exzess genie├čen k├Ânnen? Sp├╝ren Sie denn nicht, dass vor dieser Hauptsache - die sie im Geheimen schon immer war - jeder andere Rausch l├Ącherlich unwichtig wird? Dann verschaukeln Sie uns auf Ihren Wahlplakaten?\"
Entt├Ąuscht hatte ich mein Glas leergetrunken. Offiziell war alles Sch├Ądliche verboten, der K├Ârper die einzige noch erlaubte Droge.
Bei diesen Worten hatte ich aus dem Fenster geblickt, um dem Kanzler den R├╝cken zudrehen zu k├Ânnen. Ich wollte mein Grinsen vor ihm verbergen. Ganz deplaziert war mir n├Ąmlich eingefallen, was f├╝r ein nicht enden wollendes ungl├Ąubiges Gel├Ąchter bei uns im Geschichts-Unterricht die perverse Scham fr├╝herer Epochen erregt hatte. Niemand aus unserer Klasse konnte begreifen, dass es so immens lange gedauert hatte, bis der uns angeborene Rausch des Tantra endlich das Leben bestimmte, die nat├╝rliche Lust der selbstverst├Ąndliche und w├╝rdige Schwerpunkt aller Festivit├Ąten wurde.
W├Ąhrend ich aus dem Fenster blickte, hatte der Kanzler mein Glas wieder gef├╝llt.
\"Unserem Land ist ein Quantensprung gelungen.\" hatte ich ihm zugeprostet. \"Unsere wichtigste epochale Aufgabe ist es jetzt, diese Befreiung der Lebensfreude in alle Welt zu tragen. Wie von selbst werden dann ├╝berall die Kriege aufh├Âren. Die Zufriedenheit und Angst-Freiheit aller wird das Paradies einl├Ąuten.\"
Von meinem Enthusiasmus beeindruckt, hatte der Kanzler seine Zigarette nur bis zur Mitte geraucht und mit einem \"Sie haben ja recht\" in den Papierkorb geworfen.

Aus meinem zuletzt wohligen D├Âsen weckten mich die ersten Schneeflocken dieses Winters. Endlich eine Nachricht auf dem Handy: \"Ich habe doch gefroren und wollte dich nicht wecken, bin schon zu Hause. Es war eine tolle Nacht, Knut, ich m├Âchte dich weiter auffressen. Flieg her, sobald du wach wirst!\"
Beim Zusammenfalten des Schlafsacks zitterten meine H├Ąnde in neuer Vorfreude. Noch nie hatte mir eine Frau so gut gefallen wie Sybille. Wenn sich ihre hellen Haare beim ersten St├Âhnen aufstellten, taten es synchron meine schwarzen, etwas stachligen, auch. Wir konnten unseren Rausch so Seelen-verwandt steuern, dass er stundenlang auf- und abschwoll wie eine Welle in der uferlosen Mitte des Meeres.
Auf der Radfahrt nach Hause sp├╝lten meine grauen Zellen noch mehr verwischte Erinnerungen an die Nacht ins Bewusstsein: Die Luft ├╝ber der Wiese vor dem Reichstag war gestern durch einen lauen Wind, durch eine Unzahl von Fackeln, durch die Gasleuchten und die vielen Menschen so warm wie im Sommer, auch als die fr├╝he Nacht hereinbrach. Der neue k├╝nstliche Rasen sah ganz nat├╝rlich aus, federte wie Moos, weich wie Samt. Ich bestieg mit Sybille die Gondel der Lust schon in der D├Ąmmerung. Sie schaukelte uns durch die Brandung eines Ozeans, der aus Sternen bestand.
Als wir wieder auf der Wiese landeten, hatte sich der gr├Â├čte Teil der Menge bereits zerstreut. Die anderen Festtags-G├Ąste schliefen schon in ihren Decken oder Schlafs├Ącken. Die Fackeln waren erloschen.
Als wir unseren Schlafsack aus dem Beutel zerrten, begegneten unsere Blicke den neugierigen Augen des Bundeskanzlers. Zu Wahlzeiten trug er sein markantes Gesicht besonders gern durch die Menge. Er nickte uns leutselig, aber merkw├╝rdigerweise auch etwas verwirrt, zu, schlenderte rasch weiter. Hier und dort blieb er stehen, sah sich jedoch immer wieder nach uns um.
Als er bemerkte, dass auch wir ihm nachblickten, kam er auf uns zu. \"Wie ich sehe, schlafen Sie noch nicht. Ich pflege so gern Kontakt zu meinen Mitb├╝rgern, bin noch gar nicht m├╝de. Aber hier drau├čen wird es jetzt kalt. Haben Sie nicht Lust auf ein Gl├Ąschen frisch gepressten Saft? Ich w├╝rde Sie gerne einladen.\"
Unsere Tantra-ge├╝bten K├Ârper waren nicht erm├╝det, eher beschwingt. Wir willigten ein, voll Freude und Stolz ├╝ber die unerwartete Ehre.
Nach dem Durchqueren der n├╝chternen, fast steril aufger├Ąumten, Arbeitsr├Ąume des Bundeskanzlers, f├╝hrte er uns durch eine blaue T├╝re mit der Aufschrift \"privat\". Wir standen in einem blau schimmernden Raum. Rote Lampen erhellten eine niedrige runde Couch.
Der Mix aus Guave-, Mango- und Orangensaft, den er uns anbot, schmeckte hervorragend. Nach mehrmaligem Ansto├čen verschwand der Kanzler, mitten im Gespr├Ąch, mit einem \"Ich komme gleich wieder\" hinter einer rosa T├╝re. Weiter reichte meine Erinnerung nicht.
Als ich unsere Wohnungst├╝re ├Âffnete, fiel mir Sybille mit einem Schrei um den Hals. Ihre nach Amaryllis duftenden Haare wehten in meine noch d├Âsigen Augen. Sie f├╝hrte mich zu dem gedeckten Fr├╝hst├╝ckstisch, umschlang mich und lehnte ihre Wange an die meine. Bei jedem Bissen, der in mir verschwand, fl├╝sterte sie: \"Mmmmm, das Br├Âtchenst├╝ck ist dir jetzt n├Ąher als ich - Neid, Neid!\" Kaum hatte ich fertiggekaut, zog sie mich ins Bett, riss sich und mir die Fummel vom Leib.
Als mein Slip auf dem Sofa gelandet war, erstarrte sie. Dann stotterte sie mit einer angestrengten und fremden Stimme: \"Ich muss erst noch auf die Toilette!\" Bald danach h├Ârte ich die Wohnungst├╝re ins Schloss fallen, sprang verwirrt auf und rannte in den Flur. Vor dem Garderobe-Spiegel erstarrte auch ich. Statt meines seit je her bewunderten, au├čergew├Âhnlich stattlichen und jugendlich prallen Phallus, schwappte zwischen meinen Beinen ein schlaffer, ├Ąltlich faltiger und noch dazu winziger Zipfel. Ich schwankte, hielt mich am Spiegel fest und fiel zusammen mit dem zersplitternden Glas zu Boden. Der Schmerz war so heftig, dass ich nicht imstande war, mich zu bewegen, geschweige denn, aufzustehen.
Es lag nicht nur an den Schnittwunden, aus denen sich kleine rote Rinnsale ├╝ber das Parkett ergossen, die eigentliche Wunde sa├č tiefer: Wie gl├╝cklich war ich soeben noch gewesen - ├╝ber unsere Liebe, die Verankerung der neuen Moral in der Verfassung, unsere Vorbild-Funktion f├╝r die ganze Welt. Und ├╝ber meinen baldigen Studien-Abschluss. Ich konnte ihn kaum erwarten, wollte mich sofort danach in die Friedens-Arbeit st├╝rzen - weltweit. Deshalb studierte ich Politologie.
Wie konnte ich mich so irren? So verbohrt blind gewesen sein? Der Bundeskanzler als R├Ąuber meines Gem├Ąchts? Wer w├╝rde mir das glauben? Mir nicht - aber Sybille! Klar, dann h├Ątte der Prozess beste Chancen. Warum nur war sie weggerannt?
Besa├č der Kanzler also selbst eine der verbotenen geruchfreien Spr├╝hflaschen, die immer noch heimlich kursierten und deren Besitz mit lebenslanger Haft bestraft wurde? Je nach Menge, reichte deren narkotische Wirkung f├╝r zwei bis vier Stunden. Sie wurden in anderen L├Ąndern immer noch von Organ-R├Ąubern benutzt. Sofort nach dem Spr├╝hen musste solch ein R├Ąuber den Raum verlassen, um nicht selbst in Narkose zu fallen. Wenn er eine Gasmaske aufsetzte, einen der tragbaren, Notebook-gro├čen Organo-Laser und das n├Âtige Now-how besa├č, konnte er f├╝nf Minuten sp├Ąter blut- und narbenfrei die gew├╝nschte Transplantation durchf├╝hren, f├╝r Kundige leider eine Leichtigkeit.
Also sogar der Kanzler!
Ich musste vor Entkr├Ąftung eingeschlafen oder in Ohnmacht gefallen sein. Als ich erwachte, schrak ich zusammen ├╝ber das viele verkrustete Blut an und neben mir. Gut, dass ich beim Hinfallen am Lichtschalter entlang geschrappt war. Daher brannte das Licht in der Diele. Drau├čen war es n├Ąmlich schon wieder dunkel.
Sybille war also nicht zur├╝ckgekehrt. Der Spiegel lag noch auf mir, ringsherum die Splitter. Vorsichtig schob ich sie mit der freien Rechten aus meinem Umkreis, st├╝tzte mich auf die Hand und versuchte, mich aufzusetzen. So gelang es mir, den Spiegel mit dem K├Ârper aufzurichten und wegzuschieben. In die Schuhe waren zum Gl├╝ck keine Splitter gefallen, so konnte ich aufstehen und noch in der Haut steckendes Glas entfernen. Dann hielt ich mich an den W├Ąnden und Gegenst├Ąnden fest, schaffte es so, bis in die K├╝che und dort auf einen Stuhl zu wanken. Auf dem Tisch standen Wasser- und Saftflaschen. Ich trank sie alle leer und sank wieder in Schlaf, diesmal in meinem Bett.
Ich erwachte erst, als es wieder hell wurde. Mir war noch ein wenig schwindelig, aber ich konnte problemlos stehen und gehen. Immer noch keine Nachricht von Sybille. Ich traktierte ihr Handy jede Stunde mit Nachrichten. Keine Antwort. Ich duschte und bespr├╝hte mich mit antibiotischem Spray.
Dann schaltete ich den Fernseher ein. Auf der Wiese vor dem Reichstag richtete der Bundeskanzler gerade Gru├čworte an die G├Ąste, die dort den zweiten Weihnachtstag feierten. Als er vom Rednerpult herabstieg, reichte er seinen Arm Sybille, die dort wartend, die Haare hochgesteckt, in ihrem aufregendsten Mini, stand.

Der einzige Mensch, dem ich jetzt noch wirklich zu vertrauen wagte, war meine Cousine. Von klein an waren wir durch dick und d├╝nn gegangen. Sie half mir, meine Ersch├╝tterung zu ├╝berwinden, es dauerte fast ein Jahr.
Erst jetzt war ich imstande, einen Plan auszuhecken, wie ich mich mit der ganzen Wucht meiner Wut r├Ąchen k├Ânnte und zugleich der Gerechtigkeit zum Sieg verhelfen. Der Bundeskanzler hatte die Wahlen zum zweiten Mal gewonnen. Er und Sybille waren immer noch ein Paar. Bei Festlichkeiten lebten sie ihr Tantra ├Âffentlich in stundenlangen Exzessen - wegen des haarstr├Ąubenden Hintergrundes kann ich es nicht anders benennen. Noch mehr als ├╝ber den Bundeskanzler war ich ├╝ber Sybille schockiert. Sie liebte und meinte nicht mich, den Menschen und meine Tiefe, sondern mein Werkzeug.
Meine Cousine hatte ein paar Jahre als Krankenschwester gearbeitet, jetzt stand sie vor ihrer Abschluss-Pr├╝fung als Kellnerin. Ihr Mann war ein bekannter Rechtsanwalt, wurde von hohen Tieren jeder Couleur gern zu Empf├Ąngen eingeladen. Wahrscheinlich, weil er so manchen Politiker, der wegen Korruption angeklagt war, erfolgreich verteidigt hatte. \"Du kannst ihm trotzdem trauen!\" versicherte meine Cousine.
Ihm war es auch zu verdanken, dass meine Cousine, ein weiteres Jahr sp├Ąter, auf der Warteliste der Reichstags-Kantine stand, trotz ihrer erst einj├Ąhrigen Erfahrung als Kellnerin.
Der Bundeskanzler und Sybille traten immer noch als verliebtes Paar auf.
Und wieder musste ich warten - ein z├Ąhfl├╝ssig verrinnendes halbes Jahr! Danach wurde meine Cousine endlich im Reichstag eingestellt - erst einmal als Springerin. Wegen ihrer doppelten Einsatz-F├Ąhigkeit wurde sie anderen vorgezogen. Denn keine andere Bewerberin konnte kranke KollegInnen sowohl in der Erste-Hilfe-Ecke wie auch in der Kantine vertreten.
Und wieder ein halbes Jahr, das kaum verging! Dann war es soweit.
Zwei Tage vor dem Weihnachtsfest, an dem das 3-j├Ąhrige Jubil├Ąum des Raubes zu betrauern gewesen w├Ąre, rief meine Cousine atemlos ins Telefon \"Komm sofort zu mir!\"
Als ich bei ihr klingelte, kam sie heruntergebraust, nahm mich, wie in Kindertagen, an der Hand, ungeschminkt und ungek├Ąmmt wie damals, zog mich hinter sich her. Erst, als wir auf einem Feldweg standen, wo weit und breit kein Lauschger├Ąt montiert sein konnte, r├╝ckte sie mit der Sprache heraus: \"Sybille fliegt Heilig Abend zu ihrer Familie. Deshalb feiern sie und der Kanzler ihr Weihnachts-Tantra schon im Voraus am Nachmittag - diesmal ganz intim, im rosa Salon. Und vorher, um 15 Uhr, muss ich den beiden im blauen Salon servieren. Ab da blinkt an der T├╝re das Schild: \"Nicht st├Âren!\" Wenn ich auf Empf├Ąngen meinen Mann begleitete, habe ich immer so getan, als w├╝rde ich den Kanzler anhimmeln, das kam gut an. Deshalb bevorzugt er in letzter Zeit immer mich mit Auftr├Ągen. Einmal hat er mich sogar abgeknutscht - nicht einmal unangenehm.\"
Die Wiese und der Himmel begannen sich langsam zu drehen. Wie lange hatte ich auf diese Nachricht gewartet! Wie als Kind hielt ich mich an meiner Cousine fest, mir war ├╝bel. \"Endlich, Cornelia! Mein armer Kopf - und der Plan - wie - wie besprochen?\"
\" Klaro, Kleiner! Ich wette, wir zwei haben den Pimmeltausch in der Theorie so oft ge├╝bt, dass es ein Kinderspiel wird! Mein Dienst beginnt Heilig Abend um 14 Uhr. Wie gesagt, f├Ąllt es nicht auf, wenn ich dich als meinen Gast in die Cafeteria mitnehme.\"
Cornelia umarmte mich. Ihre Klarheit und Kraft beruhigten mich. Ich erinnerte mich wieder an die Einzelheiten unseres Planes: In der Cafeteria wollte ich mein Gesicht hinter Zeitungs-Lekt├╝re verstecken.
Wahrscheinlich guckte ich immer noch ramponiert, denn Cornelia wiederholte zum 1000sten Mal: \"Wenn es soweit ist, fahre ich mit dem Servierwagen an dir vorbei.\"
\"Und ich folge dir.\"
\"Der Servierwagen ist gro├č und hat Schrankt├╝ren, du und der Operationskoffer, ihr passt hinein. Keine Sorge: Der Koffer liegt sicher hinter meinem Mantel in meinem privaten verschlossenen Schrank.\"
Noch nie hatte mich meine Cousine so fest umarmt wie nach diesem Spaziergang.
Wie meistens hatte sie auch diesmal recht: Der Rest war ein Kinderspiel. Ich erfuhr am eigenen Leib, dass eine Narkose bei Operationen heute wirklich nicht mehr n├Âtig ist. Der Organtausch schmerzte nicht mehr als das Ausrei├čen eines Haares. Und ich war wieder ganz, betastete und koste ergriffen den zur├╝ck gekehrten Ausrei├čer.
Der Kanzler lag in tiefer Narkose, mit rosigen Wangen, auf der runden Couch. Befriedigt betrachtete ich ihn: Die Gerechtigkeit hatte gesiegt.
Neben ihm lag Sybille, nat├╝rlich ebenfalls narkotisiert. Die drei Jahre hatten keine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Auch an den Armen und Beinen war ihre Haut so seidig wie fr├╝her. Recht w├╝rde es ihr geschehen - auf meinen Rausch-Spender m├╝sste sie jetzt verzichten. Mein Herz empfand keine W├Ąrme mehr f├╝r sie, mein neues altes Rohr keine Erregung, kein Verlangen.
Oder doch? Nein - etwas anderes, auch Erregendes, aber bisher Fremdes, str├Âmte - nein - explodierte in mich hinein. Ich hielt mir den Kopf und den Bauch, kr├╝mmte mich.
Meine Cousine schrie laut auf, hielt mich entsetzt fest.
War es sein Blut, seine Lymphe, die jetzt mein Gem├Ącht durchflutete? Und vertrug sich etwa nicht mit meinen S├Ąften? Cornelia st├╝rzte zu dem Heilungs-Lazer, bestrahlte mich noch einmal, ihre Hand bebte.
Gott sei Dank - ich konnte wieder aufrecht stehen. Aber weiterhin wirbelte etwas von oben bis unten durch mich hindurch - wie ein Virenschwarm - \"Bua!\" Ich schwankte immer noch, hielt mir den fast platzenden Kopf - \"Bua!\"
Meine erblasste Cousine bestrahlte mich noch einmal.
\"Ich bin der Gr├Â├čte\" schoss es gebieterisch durch meine Adern, \"mein Platz ist ganz oben, die Chance ist da, wehe - wenn du sie verpasst! Geh weiter - den letzten klitzekleinen Schritt! Er ist f├╝r die Menschheit ein gro├čer!\"
Mir tat nichts mehr weh, der Schwindel war fort, aber ich war nicht mehr imstande, meinen Blick vom Kanzler zu l├Âsen. Diese Unverfrorenheit gegen├╝ber Mitmenschen und dem Gesetz! Er hatte das gemeingef├Ąhrliche Herz der Schnee-K├Ânigin in Andersens M├Ąrchen. Und das bei seiner Machtf├╝lle - das konnte, musste unserem Land, der ganzen Welt schaden - wie in den letzten Jahren mir!
Ich blickte nach oben. Es waren die Tiefen der Galaxis, einer h├Âheren Macht, die schon so Vieles zum Besseren gewendet hatten - sie gaben mir ein Zeichen - jetzt - pochten in mich hinein: \"Komm endlich in die G├Ąnge, Knut, wir legen es in deine H├Ąnde, rette die Erde!\"
Ich sp├╝rte eine unendliche Kraft. Sie war schon so gut wie meine - die Machtf├╝lle des Kanzlers. Gleich morgen w├╝rde ich beginnen: erst Korruptionen aufdecken und nach und nach, aufrecht und z├Ąh, der Freiheit, Gleichheit, Br├╝derlichkeit endg├╝ltig ganz zum Sieg verhelfen, bis in die letzte H├╝tte.
Ich beugte mich ├╝ber das Gesicht des Bundeskanzlers. Es gefiel mir noch besser als meins. Denn meine zu kleine Nase verlieh mir ein Babyface. Vor Freude zitternd gab ich dem Gebot nach, das durch meine Adern brandete, und bat meine Cousine, mir das Gesicht und die Haare des Kanzlers zu transplantieren. Die Augen konnte sie mir lassen, sie hatten fast exakt seine Farbe und Gr├Â├če.
Den Leib des Kanzlers verband sie mit meinem Gesicht und meinem Skalp. Sein kaltes Herz w├╝rde in der Position eines Normalb├╝rgers, noch dazu eines mittellosen Studenten, weniger Schaden anrichten.
Mit fast blutleeren Lippen stammelte meine Cousine: \"Wenn er Beweise sammelt - wenn er behauptet, der K├Ârper des \"falschen\" neuen Bundeskanzlers - also dir - habe sich verj├╝ngt?\"
Auf meinem neuen Gesicht sammelte sich Angstschwei├č. \"Ach was - ich gebe als Grund daf├╝r die tantrischen Aktivit├Ąten an! Cornelia, meine Macht, meine Argumente, meine Anw├Ąlte werden ihn einsch├╝chtern. F├╝r die Halluzinationen eines offensichtlich Geistes-gest├Ârten Studenten werden sich bei einer Anklage nur Psychiater interessieren.\"
Ein Rest von Unsicherheit blieb nat├╝rlich, das war auch mir klar. Aber ich opferte sie gern, diese letzte Absicherung. Sie verblasst vor der Gr├Â├če der Aufgabe, die Welt in einen Quantensprung hineinzuf├╝hren.

Neben dem blauen Salon befindet sich mein rosa gehaltenes Ruhezimmer. Dort legte ich vorsichtig die leise schnarchende Sybille ins Bett.
Meine Cousine musste in die Kantine zur├╝ck und verschwand mit dem Servierwagen. Ich verteilte Reste von frisch gepresstem Guave-, Mango- und Orangensaft, die ich im K├╝hlschrank fand, auf zwei Gl├Ąser. Den Beutel des Studenten mit dem klein gefalteten Schlafsack, seinen Papieren, seinem Ausweis, Geldbeutel und Wohnungs-Schl├╝ssel stellte ich gut sichtbar neben die runde Couch.
Da einige Stunden verstrichen waren, musste die Narkose nachgelassen haben. Mit gl├Ąnzend gespieltem Erstaunen weckte ich den Mann mit dem K├Ârper des Kanzlers und meinem Ex-Gesicht. Er starrte an die Decke, die aus einem einzigen gro├čen, indirekt beleuchteten, Spiegel besteht, und hatte sichtlich M├╝he, sich zurechtzufinden.
\"Sie sind ja auf meiner Couch eingeschlafen, als ich ans Telefon musste\", l├Ąchelte ich leutselig. \"Aber ich muss jetzt nach Hause. Erinnern Sie sich denn nicht? Die meisten lagen bereits im Schlafsack, es wurde kalt auf der Wiese - und ich habe Sie zu einem Saft eingeladen. Ich hoffe, er hat Ihnen geschmeckt. Sie sehen wirklich schon sehr m├╝de aus, ich begleite Sie zum Ausgang, vergessen Sie nicht Ihren Beutel!\"

Seitdem sind schon zwei Jahre ins Land gegangen. Ich bin - wie ich meine zurecht - stolz ├╝ber meine politischen Erfolge im In- und Ausland. Allerdings sind sie im Ausland noch nicht viel mehr als ein Rinnsal auf dem hei├čen Stein. Besonders hier bleibt die Aufgabe und Herausforderung gigantisch.
Sybille ist verliebter denn je. Sie st├Ârt mich inzwischen nicht mehr. Denn ich bin viel unterwegs, meistens ohne sie. Und in meinem zweiten Leben sto├če ich beim weiblichen Geschlecht auf eine besonders gro├če Offenheit.



7

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Marius Speermann
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jul 2005

Werke: 51
Kommentare: 464
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Marius Speermann eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

F├╝r den ersten Text hier in der Leselupe ziemlich gut, obwohl ich anf├Ąnglich einigermassen mit mir k├Ąmpfen musste, ob das wirklich zu Humor&Satire passt, und nicht eigentlich zu SciFi geh├Ârt. Nachdem ich die ganze Geschichte durch habe, bin ich aber der Meinung, dass sie hier schon ihren berechtigten Platz hat.

Die Geschichte passt stilistisch und vom Thema zu denen, die in der Computerzeitschrift c't immer wieder gedruckt werden.

Marius

Bearbeiten/Löschen    


Digitalia
Festzeitungsschreiber
Registriert: Sep 2005

Werke: 1
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Digitalia eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Im Reichstag

Hallo, Marius,
Herzlichen Dank f├╝r Dein Feedback und den Tip mit der Computer-Zeitschrift!
Beste Gr├╝├če, Digitalia

Bearbeiten/Löschen    


Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Digitalia,

mal so von Neumitglied zu Neumitglied: Deine Geschichte gef├Ąllt mir! Ganz besonders die dahinter stehende Botschaft (jedenfalls lese ich sie so), dass m├Ąnnlicher Gr├Â├čenwahn aus dem Schwanz kommt *gg*. Oder warum sonst w├╝rde sich nach erfolgreicher R├╝cktransplantation das Ego des Ich-Erz├Ąhlers bauschen wie ein Vorhang im Wind, w├Ąhrend Herz und Hirn offenbar unber├╝hrt bleiben.

Was mir nicht ganz einsichtig war: Wie kann man am 24. Dezember in Berlin im Freien ├╝bernachten? Ist das nicht ein bisschen kalt? Warum finden die Leute es normal, bei Temperaturen um den Nullpunkt im Schlafsack im Freien zu kampieren?

Oh, und - dein erster Beistrich ist ├╝berz├Ąhlig. "Nur nachts werde ich manchmal noch geplagt ..." - ohne Beistrich. (Sonst hab ich sprachlich noch nicht so genau Acht gegeben, weil mich der Inhalt gefesselt hat.)

LG Melusine

Bearbeiten/Löschen    


flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um flammarion eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
nun,

melusine, die geschichte spielt doch in der zukunft. und da hat berlin - so wie alle anderen gro├čen st├Ądte - ein dach dr├╝ber. autos fahren elektrisch, also keine abgase. die stadt wird beheizt. man braucht keine obdachlosenheime mehr. blumen und andere pflanzen sorgen f├╝r gute luft . . .
lg
__________________
Old Icke

Bearbeiten/Löschen    


Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

@flammarion:

quote:
Aus meinem zuletzt wohligen D├Âsen weckten mich die ersten Schneeflocken dieses Winters. Endlich eine Nachricht auf dem Handy: \"Ich habe doch gefroren und wollte dich nicht wecken, bin schon zu Hause. Es war eine tolle Nacht, Knut, ich m├Âchte dich weiter auffressen. Flieg her, sobald du wach wirst!\"

Siehst du? Keine ├ťberdachung!

Ich bin aber in Sci-Fi nicht sehr bewandert, wie ich zugeben muss. Vielleicht ist es ja logisch, dass die neuen Erdbewohner robuster sind als wir heute, weil sie genetisch schon so viele Schadstoffe ├╝berlebt haben.

LGM

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Humor und Satire Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!