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Leselupe.de > Humor und Satire
Im Ruheabteil
Eingestellt am 05. 03. 2008 22:37


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anbas
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Im Ruheabteil

Chris Reas melancholischer Blues begleitet mich wĂ€hrend der ersten dreißig Minuten. Die Nacht war kurz und unruhig gewesen. Es ist etwa halb zwölf Uhr Mittags, doch ich fĂŒhle mich so, als wĂ€re es erst sechs Uhr morgens - trotz Cappuccino am Bahnhof.

Ich habe mir einen Sitzplatz in einem Ruheabteil reservieren lassen. Schon vor einigen Jahren hatte ich zufĂ€llig mitbekommen, dass die Bahn solche Abteile anbietet. Der Handyempfang soll nicht so gut sein, und ein Schild mit stilisiertem Gesicht, das sich einen Finger vor den Mund hĂ€lt, macht deutlich, dass man hier um Ruhe bittet. Leider schĂŒtzt es nicht vor den Menschen, die diesen Hinweis nicht sehen oder nicht sehen wollen. Besonders schĂŒtzt es aber nicht vor solchen Idioten, die ihre mobile Soundanlage so laut aufdrehen, dass das Schrappen aus den Kopfhörern im gesamten Abteil zu hören ist. Genau zwei davon sitzen einige PlĂ€tze vor mir. Auch vor ĂŒberdrehten und - um es positiv zu formulieren - recht lebhaften Kindern, die den Begriff "Ruheabteil" sehr schnell ad absurdum fĂŒhren, ist man nichtgefeit, wie ich gerade feststellen muss. Mindestens sechs von dieser Sorte, verteilt auf drei MĂŒtter, befinden sich in dem Großraumwagen in dem ich sitze. Sie kommen von einer Mutter-Kind-Kur, wie sich schnell herumspricht.

Ich setze meinen MP3-Player ein, um mich vor dem LĂ€rm der anderen zu schĂŒtzen. Chris Rea leistet gute Arbeit, ich kann etwas dösen. Auch die Zeitung lese ich einige Zeit spĂ€ter noch mit eingestöpselten Ohrknöpfen. Inzwischen ist Chris fertig und die Mamas And The Papas schwĂ€rmen von Kalifornien.

Es ist mein zweiter Urlaubstag. Mehrere Wochen lĂ€rmende Umbauarbeiten auf meiner Arbeitsstelle bei weiterlaufendem BĂŒrobetrieb liegen hinter mir: Verwaltungsarbeit, Klientenberatung und Verhandlungen am Telefon, wĂ€hrend ein paar Stockwerke unter mir Mauern durchbrochen, TĂŒren erweitert und neue Leitungen unter Putz gelegt werden. - Ich habe ein deutlich erhöhtes RuhebedĂŒrfnis.

"In einer Stunde mĂŒssen wir aussteigen!", schallt es durch das Abteil.

Doch, ich mag Kinder - besonders wenn sie die Klappe halten oder in einem normalen Tonfall reden. Das eben gerade war selbst fĂŒr ein munteres Kind kein normaler Tonfall mehr - das war kreischende Sirene pur. Ich frage mich, ob ich vielleicht nur etwas lĂ€rmempfindlich oder etwa doch intolerant und kleinkariert bin? Andererseits habe ich nun einmal dieses große RuhebedĂŒrfnis und mir genau deshalb einen Platz in einem Ruheabteil reservieren lassen.

OK, Kinder können nicht ĂŒber lĂ€ngere Zeit ruhig sein, versuche ich mir einzureden. Wirklich nicht? Zwei PlĂ€tze vor mir spielt ein Junge schon seit ĂŒber einer Stunde mit seiner Mutter ein Brettspiel. Sie sind in das Spiel vertieft. Manchmal lachen sie oder unterhalten sich. Doch es stört mich nicht. Gerade als ich tiefer in dieses Bild eintauchen möchte, kreischen diesmal gleich zwei Sirenen einige Meter hinter mir los. Ich atme tief durch und beschließe, die eine Stunde noch durchzuhalten und versuche mich in Selbstsuggestion: Es sind Kinder, ich mag Kinder, ich will Kinder weiterhin mögen und ich will lernen, auch die zu mögen, die ich wegen ihres Gekreisches am liebsten aus dem Zug werfen möchte.

Ich merke recht schnell, dass ich mir da eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe gestellt habe. Mein Verstand will das alles akzeptieren, doch meine Muskeln signalisieren zunehmend verkrampfend andere Signale. Dann schrillt plötzlich auch noch ein Handy. So schlecht scheint der Empfang im Ruheabteil doch nicht zu sein. Er reicht zumindest fĂŒr ein etwa fĂŒnfzehnminĂŒtiges GesprĂ€ch ĂŒber die Planung des bevorstehenden Wochenendes aus. Ich spĂŒre, wie mir mein Hals zunehmend anschwillt und sich meine ZĂ€hne in einander verbeißen. Wie schon so oft fange ich an, darĂŒber zu sinnieren, ob man in Anbetracht der beiden Typen mit ihren aufgedrehten Soundanlagen und dem, pardon, Arschloch, welches das Zugabteil mit einer öffentlichen Telefonzelle verwechselt, den Begriff "asozial" nicht neu definieren sollte.

Inzwischen haben sich einige Kinder zusammengesetzt und spielen irgendein Kartenspiel. Eines der Kinder, ein MĂ€dchen, etwa sechs oder sieben Jahre alt, hat ihren I-Pot voll aufgedreht und brĂŒllt seine Kommentare zu dem Spiel ins Abteil. Nach einer Ewigkeit versucht die Mutter einzuschreiten.

"Hey, sei mal etwas leiser."

"Was?"

"Du sollst nicht so brĂŒllen!"

"Was ist??"

"BrĂŒll nicht so, wenn Du mit mir redest!"

"Was??!"

"Du sollst nicht so brĂŒllen!!"

"Ich verstehe dich nicht", gluckst es ausgelassen ĂŒberdreht zurĂŒck.

"Ja, weil Du das Ding so laut aufgedreht hast!"

"Ich kann Dich nicht verstehen! Ich kann Dich nicht verstehen!"

Die Mutter gibt auf, und ich stehe kurz davor, meine Übung der wachsenden Toleranz ebenfalls zu beenden. Stattdessen drehe ich die LautstĂ€rke meines MP3-Players höher. Es ist mir inzwischen egal, ob ich jetzt auch zu den NervensĂ€gen gehöre oder nicht. Das hier ist ein Fall von Notwehr. Nach einiger Zeit tun mir jedoch die Ohren weh und ich schalte das GerĂ€t wieder ab.

"Sandra, wo willst Du jetzt schon wieder hin?" Die erschöpfte Stimme der Mutter gibt dem Übel einen Namen.

" Sandra" - bis eben noch mochte ich diesen Namen. Nun ist er aus der Liste der möglichen Namen fĂŒr die Tochter, die ich vielleicht irgendwann einmal bekommen werde, fĂŒr alle Zeiten gestrichen.

"Alles eine Frage der Erziehung", wĂŒrde meine Mutter wohl stöhnend vor sich hermurmeln, und ich wĂŒrde ihr ausnahmsweise mal beipflichten. Das wĂ€re dann aber eine BankrotterklĂ€rung an meinen eigenen Anspruch und mein gerade begonnenes Training hinsichtlich Toleranz und Empathie. Schließlich handelt es sich hier um Kinder, die nur spielen wollen - aber das sagen all die Hundebesitzer ĂŒber ihre Köter auch, wenn sich diese gerade in die Wade eines Joggers verbissen haben.

Ich unternehme einen erneuten Anlauf meiner Selbstsuggestion. Doch als ich wenig spĂ€ter zu meinem eigenen Verdruss feststelle, dass ich immer wieder zu ganz anderen und nicht gewollten inneren Bildern gelange und in meiner Phantasie der Göre schon mehrfach mit dem grĂ¶ĂŸten VergnĂŒgen das Kabel von ihrem Kopfhörer zerschnitten habe, breche ich meine Übung endgĂŒltig ab. Stattdessen nehme ich das Ringbuch aus dem Rucksack und schreibe ĂŒber meine Erlebnisse in einem Ruheabteil der Deutschen Bahn.


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Marius Speermann
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Mhhh, unsympathisch, zu "spiesserisch". Auch wenn Du vermutlich zum Thema recht hast, nur ist der Text aber keine Satire, sondern nichts anderes als ein Nörgeln, eine "Ein-Mann-sieht-Rot"-Geschichte, in der der Protagonist der Gute und alle anderen die Blöden und Schlechten sind. Ist langweilig und vergrault den Leser, weil er vom Autoren in einen "Privatkrieg" reingezogen wird.

Siehe dazu auch das Forumsgeleit und Humor 1x1 und dort wiederum den Punkt "Selbstironie".

Marius


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Wie man einen humoristischen Text schreibt: Humor fĂŒr Deppen.Mehr auf MarioHerger.at

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anbas
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Hallo Marius,

danke, dass Du Dich mit meinem Text auseinandergesetzt hast.

Problematisch finde ich es, wenn Du Deine persönliche Vorstellung von dem, was Humor ist, und davon, was langweilig ist oder nicht, auf eine pseudo-objektive Ebene stellst und von 'dem Leser' im allgemeinen sprichst. Du bist es, der die Geschichte spießig und langweilig findet. Ich kann durchaus damit leben, wenn meine Texte, mein Humor nicht ĂŒberall und bei jedem ankommen - dafĂŒr sind die GeschmĂ€cker und die Vorstellungen davon, was Humor eigentlich ist, zu verschieden. Ebenso sehe ich das Forumsgeleit als wichtigen und guten Hinweis an, nicht jedoch als "Die heilige unverrĂŒckbare Schrift" des Humorforums der Leselupe .

An den Bewertungen sehe ich schon, dass der Text insgesamt nicht so doll ankommt. Doch auch hierfĂŒr können die Ursachen unterschiedlich sein. So wurde z.B. in einem anderen Forum, in dem ich den Text veröffentlicht habe, bemĂ€ngelt, das er zu viele LĂ€ngen hĂ€tte.

An solchen und Ă€hnlichen konstruktiven Kritiken bin ich sehr interessiert. Ich finde es auch wichtig, zu erfahren, wenn meine Texte nicht ankommen, und warum dies so ist. Doch finde ich es vom Umgang her fairer, solche Kritiken und Anmerkungen als 'Ich-Botschaften' zu senden und nicht in scheinbar allgemeingĂŒltige Aussagen zu verpacken. Entsprechend werde ich auch Deinen Kommentar fĂŒr mich als persönliche Anmerkung bewerten, fĂŒr den ich mich nicht nur formhalber bedanke, sondern mit dem ich mich wirklich auseinandergesetzt habe (was mit ein Grund dafĂŒr ist, weshalb ich so spĂ€t antworte ).

Liebe GrĂŒĂŸe

Andreas

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Marius Speermann
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Was ich im Humor 1x1 zusammen getragen habe, stammt nicht von mir alleine. Ich habe mich durch mindestens 10 US-BĂŒcher zum Thema "How to be funny" durchgeackert, und lese regelmĂ€ssig BeitrĂ€ge von Leuten wie Gene Perret, die fĂŒr diverse Sitcoms und Comedians geschrieben haben und ihre Erfahrungen einbringen. "Self-deprecating Humor" (also schlampig ĂŒbersetzt mit "Selbstironie") ist ein wiederkehrendes Element. Dieses Humor 1x1 ist eine komprimierte Version von all diesen Analysen zum Thema Humor. Und die Leute, die diese BĂŒcher geschrieben haben, sind Standup Comedians, Satiriker etc.
Das ist deshalb wichtig, weil ich selber immer wieder anstehe, nicht weiter weiss und fĂŒhle, dass ein Text einfach nicht klappen will. Und am besten lernt man, wenn man einfach andere Autoren liest und dann analysiert, was super geht und was nicht, warum man gelacht hat oder warum nur ein schales GefĂŒhl zurĂŒckbleibt.

Insofern bin das schon nicht ganz nur ich, der da einen Erfahrungsschatz ausspricht. Da ich eine Satirezeitschrift herausgebe und einen Kabarettpreis gewonnen habe, glaube ich schon einigermassen zu sehen, was geht und was nicht. Und ich lehne solche Grantltexte ĂŒblicherweise fĂŒr die Satirezeitschrift ab. Nichts ist unlustiger, als ein mosernder Ich-ErzĂ€hler, der in allem Recht hat und alle anderen nur "dumm" sind oder sich falsch verhalten. Und auf den (den Ich-ErzĂ€hler) zum Schluss der Humor nicht zurĂŒckfĂ€llt. Als das kannst Du es nehmen.

Und die Bewertungen geben dem offensichtlich recht, auch wenn ich natĂŒrlich nicht behaupten will, dass die anderen Leser genau aus diesem Grund schlecht bewertet haben.

Aber jede Kritik hier ist subjektiv und ich vermute mal, dass Du hier Deine Texte postest, um Feedback zu kriegen, und nicht um nur Lob abzuholen ;-)
Frage nicht, wie oft ich kein Lob gekriegt habe, auch wenn ich meinen Text geliebt habe, aber Du weisst ja: die Leser sind einfach "dumm" und ich habe Recht ;-)

Marius
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