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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Schatten
Eingestellt am 11. 03. 2007 18:40


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
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Peter Liebenau mochte mittelalterliche Kirchen. Besonders romanische. Ihre mÀchtigen, nahezu schnörkellosen SÀulen trugen sichtbar die ehrliche Last eines nur von kleinen Fenstern unterbrochenen Mauerwerks. Und drinnen herrschte jenes DÀmmerlicht, das ihn förmlich zur Andacht zwang, obwohl er vor Jahren aus der katholischen Kirche austrat.
Er hatte sich nach zehn Jahren Ehe von Selma scheiden lassen und ein paar Jahre spĂ€ter Kathrin geheiratet. Geschiedene Wiederverheiratete waren nicht zur Kommunion zugelassen. Was sollte er in einer Kirche, in der das Hauptgebot der Liebe angeblich ĂŒber allem stand, die ihm aber das Liebesmahl verweigerte?
Gotische Kirchen gefielen ihm weniger. Baumeister, die dem Mauerwerk unter anderem durch möglichst viele und riesige bunt verglaste Fenster Lasten nehmen wollten, um himmelstrebender Schwerelosigkeit willen, bewunderte er zwar, ĂŒberzeugen konnten sie ihn aber nicht mit dem umgrenzten Raum, der zugleich grenzenlos wirken sollte.

Da viele bunte Glasfenster dem zweiten Weltkrieg zum Opfer fielen und durch einfaches Glas ersetzt wurden, war die der heiligen Elisabeth geweihte Hauptkirche ihrer Stadt eine lichtdurchflutete spÀtgotische Hallenkirche.
Gestern stieg er einmal mehr mit Kathrin die Treppen zu ihrem Hauptportal hinauf. Auf der Treppe links vor der KirchentĂŒr kauerte eine Frau, barfuß, den Blick gesenkt. Mit der rechten Hand hielt sie sich ein in Lumpen gewickeltes BĂŒndel vor die Brust, wĂ€hrend sie die linke Hand den vorbeikommenden Kirchenbesuchern entgegenstreckte. „Kind hat Hunger!“ murmelte sie unablĂ€ssig. Und ihre Stimme klang wie die Computerstimme auf einer Endlosschleife eines Telefonservices, nur depressiver.
„Jetzt kommen diese Zigeunerinnen auch schon hierhin!“ Kathrin, bei Peter eingehakt, zog ihn an sich. „Oft haben die gar kein Kind sondern eine Puppe im Arm.“
Die Abendsonne wĂ€rmte Peter den RĂŒcken und die offenbar noch sehr junge Frau auf der Treppe saß in seinem Schatten. FĂŒr einen Moment zog sie ihre linke verschmutzte Hand zurĂŒck, nestelte an ihrem Busen, entblĂ¶ĂŸte eine nicht sonderlich saubere Brust und schob sie dort in das LumpenbĂŒndel, wo der Kopf des SĂ€uglings zu vermuten war.
„Man sollte das Jugendamt verstĂ€ndigen“, empörte sich Katrin leise.
Peter nickte, holte sein Portemonnaie aus der GesĂ€ĂŸtasche und nahm einen Zehn-Euro-Schein heraus.
Kathrin zischte ihn an. „Diese Kinder lernen von Geburt an zu betteln. Und spĂ€ter werden sie von den Eltern zum Klauen abgerichtet.“
Die junge Frau sah kurz auf und streckte ihm die Hand hin. Peter bĂŒckte sich. Kathrin wollte ihm das Geld aus der Hand nehmen. Die Frau am Boden war schneller, riss den Schein aus seiner Hand und ließ ihn irgendwo in ihrem faltenreichen blauroten Lumpenkleid verschwinden.
Kathrin stieß ihm heftig den Ellenbogen in die Seite. „Du bist sentimental, dumm und dem Kind hilfst du auch nicht wirklich!“

Als sie in der Elisabeth-Kirche unweit vom Hochaltar standen, drehte sich Peter um. Die riesige Rosette ĂŒber der Orgel, von der Abendsonne beleuchtet, schimmerte effektheischend rot und blau. „Sieht toll aus!“ befand Kathrin.
Dann gingen sie hinĂŒber ins rechte Seitenschiff. Peter sah zu dem filigranen Gewölbe hinauf.
Kathrin blieb vor einem von vielen Kerzen beleuchteten Marienaltar stehen, in deren Zentrum eine Statue der Gottesmutter mit jenem HimmelwÀrtsblick stand, der nicht nur Gottvater schwach machen konnte.
Grinsend ging Peter voraus. Als er aus dem Hauptportal kam, saß die junge Mutter noch immer auf der Treppe, blickte kurz zu ihm auf, lachte und schob ein wenig die Lumpen von jenem BĂŒndel zurĂŒck, das sie an ihre bloße Brust drĂŒckte. FĂŒr einen Augenblick konnte Peter den braunen abgeschabten Zelluloidkopf einer Puppe erkennen. Die Frau, ein MĂ€dchen noch, sah ihm ins Gesicht. Er zuckte mit den Schultern und lĂ€chelte zurĂŒck.
Als Kathrin kurz darauf aus der Kirche kam, blickte die junge Frau wieder zu Boden und streckte ihr eine Hand entgegen, wĂ€hrend sie mit der anderen das BĂŒndel gegen die Brust drĂŒckte.

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Liebe Hanna,
danke fĂŒr deine Kritik. Die von dir angefĂŒhrten Einzelheiten habe ich inzwischen korrigiert. Insgesamt versuche ich in der Geschichte schon, auch auf einer anderen Ebene "Betteleien und BetrĂŒgereien" (siehe gotische Baummeister und den MadonnenhimmelwĂ€rtsblick) dem Verhalten der jungen Bettlerin gegenĂŒber zu stellen. Möglicher Weise ist das noch nicht deutlich genug. Und deine Idee, beide Frauen jeweils auf ihre Art betteln zu lassen, gefĂ€llt mir. Ich werde sehen, was ich aus deiner Kritik machen kann.
Noch einmal vielen Dank
Karl
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Karl Feldkamp
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Überarbeitung

Meinen ersten Text "Im Schatten" habe ich ĂŒberarbeitet. Die Überarbeitung steht unter dem Titel "Im Schatten - ĂŒberarbeitet" im Forum Kurzgeschichten.
Karl
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