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Leselupe.de > Horror und Psycho
Im Schatten der Nacht
Eingestellt am 05. 06. 2004 11:27


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Cirias
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Im Schatten der Nacht


In der Nacht war Schnee gefallen. Leon folgte den Spuren seiner H├╝ndin in den Wald. Ein durchsichtiges Licht stand auf den gefrorenen Wegen. Behutsam trat er in die Schneekrusten. Irgendwo, in unverr├╝ckbarer Entfernung hatte der Tag begonnen, ein heller, unter den Bewegungen seiner Schritte zitternder Streif ├╝ber der Schattenhaut des Waldes.

Ein Schuss durchfuhr die Stille. Leon blieb stehen. Pl├Âtzlich sp├╝rte er die K├Ąlte auf seiner Haut. Er rannte tiefer in den Wald. Sein Schatten fuhr ├╝ber die dunkle Rinde der B├Ąume. Abrupt blieb er stehen. Ein Steinwurf von ihm entfernt, da wo die Spuren endeten, lag Freias K├Ârper auf einer Lichtung. Sie lag mit offenen Augen da. Leon bettete seinen Kopf auf ihren Bauch. Ihr K├Ârper war noch warm. Er presste seine Lippen in ihr Fell. Wenn er weiter gemacht h├Ątte, mit immer rascheren Atemz├╝gen, h├Ątte er sie gewiss wieder atmen h├Âren k├Ânnen, so wie er manchmal das Eis an der Scheibe seines Kinderzimmers aufhauchte. Aber es gab Dinge, die immer unsichtbar blieben.
In diesem Augenblick fiel ein Schatten ├╝ber ihn. Leon wollte sich umdrehen, als ihn ein Schlag am Hinterkopf traf und er bewusstlos zur Seite sank.

Der Regen hatte die Landschaft zu einem fahlen, durchsichtigen Himmel zerrinnen lassen. Ein z├Ąher Regenfilm klebte auf der Windschutzscheibe. David fluchte leise vor sich hin. Ein grauer Backsteinbau tauchte hinter den B├Ąumen am Stra├čenrand aus den Schemen des Regens. Das musste das Haus sein. David folgte den tiefen Fahrspuren auf den Hof. Er stieg aus und ├Âffnete die T├╝r. Ein abgestandener, dumpfer Geruch schlug ihm entgegen. David sog die Luft ein. Dieses Haus war der Ort, zu dem nach Leons Verschwinden alle Spuren gef├╝hrt hatten.


Inzwischen waren fast zwei Jahre vergangen. Man hatte die Ermittlungen eingestellt. David wollte nur eines: herausfinden, was mit seinem Sohn passiert war.
Das Haus war seit vielen Jahren unbewohnt. David ging durch die R├Ąume. Spinnweben hafteten sich an seine Kleidung. Der Regen stand wie eine grau schimmernde Wand vor den Fenstern. Es wurde rasch dunkel. Er beschloss, nicht mehr in den Gasthof zur├╝ckzufahren. David nahm seinen Schlafsack aus dem Auto. Er legte sich auf ein altes Sofa, das die Zeiten im Parterre des Hauses ├╝berstanden hatte. Der Regen schlug trommelnd auf das Dach. Aber da war noch etwas anderes. Oder war es nur der Widerhall seiner qu├Ąlenden Fragen: Warum gerade hier, f├╝nfhundert Kilometer von zu Hause entfernt? Warum hatten sie Leon an jenem Wintertag allein in den Wald laufen lassen? Vielleicht war Leon gar nicht tot. Die M├╝digkeit legte sich wie ein finsterer Schleier auf seine Gedanken. David fiel in einen unruhigen Schlaf.

Als er erwachte, war die Dunkelheit wie ein rauschendes schwarzes Meer um ihn. Es musste mitten in der Nacht sein. Durch das Rauschen des Regens konnte er deutlich Klopfger├Ąusche h├Âren. Sie kamen direkt aus dem Haus, irgendwo unter ihm. Sein K├Ârper schnellte in die H├Âhe. Durch das Klopfen hindurch glaubte er eine Stimme rufen zu h├Âren. Eine Kinderstimme. Er zog die Taschenlampe unter dem Kopfkissen hervor und lie├č den Lichtkegel durch den Raum wandern. Sein Herz raste. Er sch├Ąlte sich aus dem Schlafsack und ging in den Flur. Der verdammte Regen schluckte jeden Laut von drau├čen. Hier drinnen gab es nur das grauenvolle Klopfen. Es kehrte in regelm├Ą├čigen Abst├Ąnden wieder und es schien direkt aus dem Keller zu kommen. David leuchtete die Kellertreppe hinab. Das Ding war eine morsche Stiege, an deren Ende der Lichtstrahl der Taschenlampe von der Finsternis aufgesogen wurde. Er stieg hinab. Seine Beine zitterten. Die Klopfger├Ąusche erstarben, so als h├Ątte ihn jemand geh├Ârt. Pl├Âtzlich glitt er auf den Stufen aus. Die Lampe schlug gegen die Wand. Er fiel auf einen Holzverschlag, der unter dem Gewicht seines K├Ârpers zerbarst. Ein stechender Schmerz fuhr durch sein rechtes Knie. Auf allen vieren tastete sich David an den feuchten Kellerw├Ąnden entlang, bis er die Taschenlampe in seiner Hand sp├╝rte. Das Klopfen hallte als dumpfer, pochender Laut an den W├Ąnden wieder. Offensichtlich war er gegen einen Schrank gest├╝rzt, aus dessen R├╝ckwand nun ein eigenartiger Lichtschimmer drang. Sein Knie schmerzte bei jeder Bewegung. Mit dem anderen Bein trat er gegen die R├╝ckwand, die splitternd nachgab. Er erstarrte.
Ein langer, beleuchteter Gang f├╝hrte in die Tiefe. Er hatte bei seiner Ankunft im Haus noch gesehen, dass der Verteilerkasten aus der Wand gerissen war. Es konnte also gar keinen Strom mehr geben. Ein modriger, undefinierbar s├╝├člicher Geruch schlug ihm entgegen. Flackernd fuhr das Licht aus Dutzenden von der Decke baumelnden Gl├╝hbirnen ├╝ber die W├Ąnde. Er humpelte in die Tiefe. Das Klopfen und Rufen schnitt wie eine grausame Melodie in seinen Kopf. Der Gang endete in einem Verlies mit unz├Ąhligen Verschl├Ągen. Die Rufe schienen wie ein Echo aus tausend Kinderstimmen in seinem K├Ârper wiederzuhallen. Es war, als ob jemand mit seinen F├Ąusten verzweifelt gegen eine Stahlwand schlug. Taumelnd drehte er sich im Kreis. Pl├Âtzlich erstarrte er. Da waren deutlich Schritte zu h├Âren. Schritte auf der Kellerstiege. Den Gl├╝hbirnen entfuhr ein unheilvolles Summen. David ergriff Panik. Er st├╝rzte nach oben, riss die T├╝r auf und lief in den Regen. Zitternd drehte er sich um.
Hatte er nicht selbst die T├╝r abgeschlossen? Starr vor Angst stieg er in sein Auto. Er schaltete das Radio ein. David lie├č die Scheibenwischer ├╝ber den z├Ąhen Regenfilm auf der Windschutzscheibe laufen und leuchtete mit den Scheinwerfern auf das Haus. Aus den fahlen Konturen der Regennacht wuchs der d├╝stere Backsteinbau ins Licht. Das Haus schien sich zu bewegen. David ahnte in diesem Augenblick, dass es ein schreckliches Geheimnis in sich barg.

Damals hatten sie nicht mehr als Leons Baseballkappe mit dem `Darkman┬┤-Aufdruck auf der Stra├če vor dem Haus gefunden. Das war alles. In dem Haus hatte man nichts Verd├Ąchtiges gefunden. David atmete tief durch. Das Bild des Kellers lie├č ihn nicht mehr los.
Im ersten Morgengrauen humpelte er durch die Pf├╝tzen auf das Haus zu. Es war still. Der Regen hatte nachgelassen. Er fand die Kellert├╝r verschlossen vor. David ging in den Nebenraum. Was er sah, lie├č ihn erstarren. Auf seinem Schlafsack lag eine Baseballkappe. Jemand war hier. Jemand erlaubte sich einen ├╝blen Scherz. Eine eisige K├Ąlte schlich ├╝ber seine Haut.

David fuhr den ganzen Tag in der Gegend herum. Er sprach mit jedem, den er traf. Niemand konnte oder wollte ihm etwas ├╝ber das Haus sagen. Im Ged├Ąchtnis der Leute hier hatte es schon immer leer gestanden. Der Gastwirt gab ihm mehrere Kartons voll mit alten Wochenzeitungen, die sein Vater auf dem Dachboden aufbewahrt hatte. Den ganzen Nachmittag suchte er vergeblich in den vergilbten Seiten .

In der Abendd├Ąmmerung kehrte er zur├╝ck in das Haus. Wieder begann es zu regnen. Das Regenlicht lag wie ein kalter grauer Strom in den leeren Zimmern des Hauses. Das Haus schien in sich eingesunken wie ein still gewordener Schatten auf die Nacht zu warten. Der Ascheton des Regens hatte die Fenster erblinden lassen. David schlief nicht. ├ängstlich horchte er in die Stille. Er sah auf die Uhr. Ein Schatten glitt durch den Raum. Die Stiege knarrte unter schweren Schritten. Stimmen schienen aus den W├Ąnden zu fl├╝stern. Oder war es der Regen auf dem Dach?
David stieg in den Keller hinab. Wieder brannte das Licht. Das Klopfen kratzte wie ein Echo an den W├Ąnden. Er hatte das deutliche Gef├╝hl, sich in einem lebenden dunklen Organismus zu befinden, der sich dehnte und wieder zusammenzog als w├╝rde er atmen. Die Verschl├Ąge waren von schweren Stahlt├╝ren verschlossen. So sehr er auch daran r├╝ttelte, sie gaben nicht nach. Wie Flugschatten hallten die Stimmen, Kinderstimmen, an den Fels, verzweifelt und angsterf├╝llt. David wurde schwindlig. Und pl├Âtzlich sah er auf einen Mann mit zerlumpter Gestalt. Seine muskul├Âsen Unterarme ragten aus einer sch├Ąbigen Filzjacke und waren ├╝ber und ├╝ber beharrt. Seine Gestalt war gedrungen und seine Augen, die fast nur aus der Pupille zu bestehen schienen, funkelten. David schrie. Der Mann verschwand. Unter den Klopfger├Ąuschen schien das Haus zu bersten. David rannte hinaus. Vor der T├╝r stand eine zahnlose Alte. Sie hatte riesige hervorstehende Augen, wie die eines Fisches, und starrte David hasserf├╝llt an. Er startete den Wagen und raste in die Nacht. Sein K├Ârper zitterte. Es konnte nicht sein. Seine verdammte Phantasie ging mit ihm durch.

Am n├Ąchsten Tag durchsuchte er die ├╝brigen Kartons mit den alten Wochenzeitungen.
Es war sp├Ąter Nachmittag, als er f├╝ndig wurde. Es begann zu regnen. David hielt eine unscheinbare kleine Zeitungsmeldung mit einer Fotografie des Hauses in der Hand, die ihn erstarren lie├č:


22. M├Ąrz 1932

Die Polizei durchsuchte vor einigen Tagen das Haus des ehemaligen Hausmeisterehepaares Darkling. Ein Kraftfahrer hatte beobachtet, wie das Ehepaar einen kleinen Jungen vom Bahnhof der Kreisstadt in ihrem Wagen mit nach Hause gebracht hatten und gewaltsam in das Haus gezerrt hatten.
Die Durchsuchung verlief ergebnislos. Es werde auch kein Kind vermisst, teilten die Schutzm├Ąnner mit.


1932... Das war fast achtzig Jahre her. Hatte sich irgendein Verr├╝ckter in das Haus geschlichen und trieb dort sein Unwesen? Er musste wissen, was dort geschehen war. Er musste wissen, was mit Leon geschehen war.

In der Nacht fuhr er zur├╝ck in das Haus. Regenschatten gl├Ąnzten auf der dunklen Fassade des Hauses. Das Klopfen war da. Es schlug zitternd an die Fenster des Hauses. David nahm die Benzinkanister aus dem Kofferraum und leerte sie an den Hausw├Ąnden. Er entz├╝ndete ein Streichholz und warf es in die Benzinlachen.
Das Haus brannte die ganze Nacht. Wie in einem Fiebertraum loderten die Flammen in den Himmel. Im Morgengrauen ging er durch die schwelenden Tr├╝mmer. In der Mitte ├Âffnete sich eine gro├če Vertiefung. Die verkohlten menschlichen Knochen von Kindern ragten bizarr in die Luft. In der Ferne, am Waldrand, glaubte David f├╝r einen Augenblick einen Schatten stehen sehen. Es schien, als w├╝rde er winken, bevor er im Wald verschwand.

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