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Leselupe.de > Kurzprosa
Im Speisesaal
Eingestellt am 18. 08. 2007 00:39


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Daunelt
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Im Speisesaal


An Wendenbergs Tisch hat es einen Wechsel gegeben. Ein Patient ist abgereist und alle wissen, da├č Sitzplatz und Zimmer heute noch neu belegt werden. Es ist spannend, auf den Menschen zu warten, der jetzt irgendwo im Zug sitzt oder bereits auf dem Zimmer die Koffer auspackt.

Der Ablauf im Speisesaal ist immer gleich: im Laufe des Tages wird das K├╝chenpersonal eine frische Serviette bringen und quer ├╝ber den Teller legen; da├č hei├čt: ein neuer Patient. Auf dem Serviettenring steht der Name und davor ÔÇ×Hr.ÔÇť oder ÔÇ×Fr.ÔÇť. Wendenberg ist neugierig, schaut nach: Gottseidank, eine Frau. Er ha├čt es, mit soviel M├Ąnnern an einem Tisch sitzen zu m├╝ssen und sich das Neueste aus Motorsport und Bundesliga anzuh├Âren.

Das Mittagessen wird aufgetragen, die Neue kommt nicht. Gerade heute sind viele Menschen angereist. ├ťberall stehen Koffer und Reisetaschen herum, frische Gesichter, ver├Ąngstigte, abweisende, selbstbewu├čte, hilfesuchende. Aber der Platz neben Wendenberg bleibt leer. Die Mahlzeiten sind Fixpunkte, ebenso wie die Therapien und Anwendungen, daran orientiert sich der Tagesablauf. Der Nachmittag vergeht zwischen Entspannungstraining und Gespr├Ąchsgruppe. Abendessen gibt es um halb sechs. Wendenberg ist immer unter den ersten, er mag es nicht leiden, am B├╝fett anzustehen. Jetzt kann er, verborgen hinter seinem vollen Teller, die neu angereisten Frauen beobachten, wie sie sich von den Sch├╝sseln und Platten kleine H├Ąufchen aufpicken. Eine nach der anderen entschwindet in die hinteren Abteilungen des gro├čen Raumes. Er kaut betont langsam, ist aber dennoch fast fertig, als ein versch├╝chtertes weibliches Wesen an seinen Tisch kommt.

Er ist die Liebensw├╝rdigkeit in Person. Susanne. Aha. Aus Bremerhaven. Jaja, kennt man. Station Sieben. Pech. Wendenberg ist auf der Zwei. Pferdeschwanz, schlanke H├Ąnde. Sein Blick wandert ├╝ber den jungen K├Ârper. Blasse, blaue Augen. Er kann fast hindurchsehen in ihren schmalen M├Ądchenkopf. Sie hat auf dem Zimmer gegessen. Soso. Glaubt er ihr nicht. Mit M├╝he h├Ąlt er sich zur├╝ck, sie bereits am ersten Abend irgendwohin einzuladen.

Am Morgen, es ist warm geworden, die Patienten str├Âmen Schlag acht an das Fr├╝hst├╝cksb├╝ffet. Wie immer gibt es einen schweigend, doch verbissen gef├╝hrten Kampf um den rohen Schinken, mit dem die K├╝che knausert. Einige Leute kommen aus dem Schwimmbad, ihre Haare sind noch feucht. Ein alter Mann, der hinter Wendenberg steht, zieht ger├Ąuschvoll den Rotz hoch. Susanne kommt sp├Ąt, l├Ąchelt tapfer. Sie belegt umst├Ąndlich ein Brot, i├čt aber nichts davon. Sie verstr├Âmt eine sanfte Traurigkeit, die ihn mit einh├╝llt wie eine Aura. Die anderen Patienten lachen und schwatzen. Susanne und Wendenberg schweigen sich an. Seine Hand m├Âchte ihre fassen, aber es bleibt bei dem fl├╝chtigen Wunsch.

Am Mittag sieht er sie zum letzten Mal. Susanne sch├Âpft verlegen zwei halbvolle L├Âffel Nudeln auf den Teller, lehnt dankend das von Wendenberg eilfertig angebotene Fleisch ab und schaut and├Ąchtig in die Sauce. Er merkt schon, da├č geht nicht gut. Und er will nicht auf einen neuen Tischnachbarn, nicht auf eine pingelige ├Ąltere Dame und schon gar nicht auf einen b├Ąrtigen Mann mit Hornbrille warten. Diese Augen sind zu sch├Ân. Und wie ihr Haar duftet, wenn er sich zur Seite beugt und dabei wie zuf├Ąllig ihren Arm ber├╝hrt. Er holt ihr Salat, nur wenig, aber sie will nicht. Sie geht. Am Abend wartet Wendenberg vergeblich. Die Serviette mit dem Namensring ist nicht benutzt, das Gedeck abger├Ąumt.

Morgen reisen wieder neue Patienten an, M├Ąnner und Frauen. Mal sehen, was dann auf dem Serviettenring steht. Wendenberg nimmt sich noch eine Portion Gulasch. Wie sch├Ân, da├č abends die Reste vom Mittagessen aufgew├Ąrmt werden. Ganz in Gedanken stellt er ein Sch├╝sselchen Pudding an Susannes leeren Platz.

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Anygirl
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Hallo Daunelt,

eine sch├Âne Geschichte. Ich mag das du dem Leser viel Freiraum f├╝r Interpretation des Geschehens gibst. Du beschreibst eine Art Klinik, die zugleich nach Urlaubsort klingt. Die neu Anreisenden und das Leben im Speisesall. Du erw├Ąhnst auch nie, was es f├╝r Patienten sind, machst nur leise Andeutungen, das ist dir gut gelungen.
├ťber einen Satz bin ich jedoch auch beim zweiten Lesen noch gestolpert

quote:
Er ha├čt es, mit soviel M├Ąnnern an einem Tisch zu sitzen und sich das Neueste aus Motorsport und Bundesliga anh├Âren zu m├╝ssen.

Ich w├╝rde ihn umformulieren, so stockt er den Lesefluss f├╝r mich. Als Vorschlag: Er hasste es, mit soviel M├Ąnnern an einem Tisch sitzen zu m├╝ssen und sich das Neueste aus Motorsport und Bundesliga anzuh├Âren.
Nur so als Anregung ;-)
LG
Anygirl

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Daunelt
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Hallo Anygirl,

Danke f├╝r die Anregung, die ich in den Text eingearbeitet habe. Das "Vorbild" f├╝r diese Geschichte ist ├╝brigens eine psychosomatische Klinik im Rothaargebirge.

Einen sch├Ânen Sonntag w├╝nscht

Daunelt

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