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Leselupe.de > Horror und Psycho
Im Toten Winkel
Eingestellt am 12. 03. 2004 12:25


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jimKaktus
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Registriert: Dec 2003

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Im Toten Winkel


Die Blechhalle blendet mit Sonne. Weiß und gewellt liegt sie da. Unter einem Vordach öffnen sich automatische TĂŒren. Ein Einkaufswagen. Du hörst das Rasseln seiner RĂ€der ĂŒber den Parkplatz. Eine Kinderstimme, die einen Worte langziehenden Kinderdialekt spricht. Das Kind erzĂ€hlt irgendwas und die Frau lĂ€chelt dazu, mĂŒde, aber entspannt. Sie bremst am Heck eines roten Kleinwagens. Sie hebt Beutel in den Kofferraum, stopft nach. Flipflops, von dĂŒnnen PlastikbĂ€ndchen am Fuß gehalten. Auf dem linken Fuß ist eine TĂ€towierung, eine winzige Elfe. Das Kind lacht. Der Einkaufswagen setzt sich unmerklich in Bewegung. Jetzt bekommt er einen krĂ€ftigen Stoß. Und rasselt los.

Mein Kind. Blitzschnell erfasst sie die Nicht-UngefĂ€hrlichkeit der Situation. Der Parkplatz ist abschĂŒssig. Hinten rauscht die Straße. Aber soweit kommt der Wagen nicht. Er trudelt, stĂ¶ĂŸt gegen ein parkendes Durchschnittsauto (Lackschaden) und kippt um. Das Kind heult.

***

Efeu umkraust die Front, eine grĂŒne Gepflegtheit vortĂ€uschend, die dem baulichen Zustand nicht entspricht. Bunte, schon etwas ausgebleichte Markisen schmĂŒcken leere, schmutzige Fenster, um die herum die gelbliche Farbe abblĂ€ttert. Risse haben dort vielfache VerĂ€stelungen ausgebildet. Aber das sieht man nur im Winter. Unter dem Dach sind es wahrhafte Furchen, die quer von einer Seite zur anderen verlaufen. So tief eingekerbt sind sie - als wĂ€re nicht allein der Anstrich spröde geworden, sondern auch der Putz von Verfall betroffen.
Mittig strebt ein verglaster, schmaler Erker aus der Fensterwand, ragt geradewegs auf die Straße hinaus und wirbt aufdringlich um Aufmerksamkeit. Ein Schild schreit mit Neonfarben CLUB X in den Tag hinaus . Nachts ist der Ruf noch lauter. Dann blinkt die Schrift, das heißt, eigentlich flackert sie periodisch, wie Maschinengewehrfeuer. Der Rhythmus sorgt fĂŒr regen Zulauf wĂ€hrend der dunklen Stunden.
Eine Regenrinne klettert das Haus hoch. Und gleich daneben lehnt ein Baum an der Wand, ein großer schlanker; komisch, dass er sich anlehnen muss. An seiner Spitze ist er gespalten. Der Spalt - der die Arbeit eines riesenhaften HolzfĂ€llers sein könnte - weist nach unten, auf seine Ursache: Es sind zwei BĂ€ume, straff verwickelt, einander umschlingend in einer Art, die sie sich vom Efeugeranke der Balkonfront abgeschaut haben. Das Efeu ist ja gleich daneben. SĂ€ĂŸe jemand auf dem Ă€ußersten Ast, könnte er es berĂŒhren. Der Baum fĂ€ngt Feuer, als die Hauswand zu einer einzigen Flamme wird.

***

Ein MĂ€nnchen lĂ€uft die Straße entlang. Das bin ich, auf dem Weg zur Bushaltestelle. Der Bus kommt auch gleich und ich hĂ€ng mich drunter. Ich fahr zum Bahnhof. Dort sitzt der Maler mit seiner Staffelei und portrĂ€tiert fette, amerikanische Touristen. Er hat mich gemalt. Es war meine Strickjacke, meine Jeanshose. Ich fahre jetzt hin. Ich muss es wissen.

Meine Kleidung (bis auf die Schuhe) hab ich einem DreijĂ€hrigen abgenommen. Sie ist mir etwas zu groß. Der Arsch! Aber er wĂ€chst nun nicht mehr. Ich bin zuweilen etwas cholerisch. Kann ich nichts fĂŒr. Die Gene. Meine Schuhe hole ich mir aus Schuh-Sammel-Containern. Ich sammle auch Schuhe. Meine GrĂ¶ĂŸe ist die 43.

Große FußabdrĂŒcke, die ich hinterlasse. Doch keiner sieht mich je. Zu langsam sie, zu schnell ich. Ich sehe genau, jetzt kuckt keiner, jetzt dreht er oder sie sich weg. Mir bleibt noch genug Zeit die Schuhe neu zu binden, bevor ich vorbeihusche. Der Trick: man muss ganz nah an ihnen vorbei. Wenn sie nicht runterschaun, gibt es da einen Toten Winkel.

Ich hasse die Menschen. Ich will ihnen nicht begegnen. Sie ĂŒbersehen dich oder sind freundlicher als nötig. Die Kinder zeigen mit dem Finger auf dich. Kinder hasse ich besonders. Und Frauen. Eine hat mal gelacht und gerufen: Ist der sĂŒĂŸ! Ich weiß, sie meinte es nicht böse. Ich bin ihr gefolgt und hab ihr den Hals umgedreht. Ich lasse mich nur noch sehen, wenn es absolut nicht zu vermeiden ist.

Offiziell heiße ich Samuel MĂŒnz. Aber das war mal. FrĂŒher. In der Schule haben sie mich gehĂ€nselt wegen meiner GrĂ¶ĂŸe. Meine Eltern haben sich bloß ein bisschen gewundert. Der Samuel, haben sie gesagt, wird noch mal richtig groß werden wird der! Wir sind ja auch groß! Bei manchen dauert es eben etwas lĂ€nger! Als klar wurde, dass ich nicht mehr wachse, bin ich weg. Ich glaube, sie waren ganz froh drĂŒber.

Seit etwa einem Jahr schlafe ich bei Benny, meinem Hund. Seine Besitzer rufen ihn Panther, aber er heißt Benny. Meist geben sie ihm mehr zu essen als er braucht. Gute Speisereste. Dadurch bin ich nicht mehr auf Abfall und Fertiggerichte aus dem Supermarkt angewiesen. RestaurantkĂŒchen waren mir auf die Dauer zu viel Stress. Man musste sich so exponieren, nĂ€mlich auf die Arbeitsplatte oder den Herd stellen, um ans Essen ranzukommen. Da blieb meist doch nur die Abfalltonne. Essen auf einem Teller ist schon was Anderes.

Wenn ich mich mal zivilisiert unterhalten möchte, spreche ich mit Pater Sebastian. Ich kam eines Tages zu ihm ins Kabuff, um zu reden, einfach so. Er will aber meine Beichte hören. Da schildere ich ihm halt ein paar meiner «SĂŒnden». Er hat mir seine Nummer gegeben. Ehe ich das nĂ€chste Mal sĂŒndige, sollte ich ihn anrufen. Manchmal telefonieren wir noch. Ich ruf ihn an, stets von einer andern Telefonzelle. Ich glaube, er hat der Polizei einen Tipp gegeben. Deshalb geh ich nicht mehr hin. Ein lieber Kerl eigentlich. Leider versteht er mich nicht. Vielleicht ist der Maler anders. Randexistenzen verstehen einander. Mit Punks und Pennern kann ich allerdings nichts anfangen. Die sind mir zu dumm und zu besoffen. Einem Penner musste ich mit seiner Flasche die Kehle durchschneiden. Von so einem lass ich mich nicht auslachen. Außerdem brauchte ich neuen GesprĂ€chsstoff fĂŒr Pater Sebastian, glaub ich. (töte ja nicht grundlos irgendwelche Leute)

***

Als ich aus der HĂŒtte komme, ist Benny schon aufgestanden. Er steht am Zaun und wedelt mit dem Schwanz. Wahrscheinlich Passanten. Benny wĂŒrde auch Einbrecher mit Schwanzwedeln begrĂŒĂŸen. SchĂ€ferhunde sind die dĂŒmmsten. Mein Kopf schmerzt von gestern.

***

«Ich habe dich erwartet», sagt er.

«Ich weiĂŸÂ», sag ich.

Die Staffelei hatte drei Beine, um die herum ein Tuch gehÀngt war. Ich stand wie in einem zu ihm hin offenen Zelt.

«Sie nennen mich Hieronymus. Weil ich wie Hieronymus Bosch male. Es ist die einzige Art wirklich zu malen.»

«Bin nicht beeindruckt», sag ich. Er lacht und verfÀllt in einen grausigen Raucherhusten. Wenn er atmet klingt es wie eine dicke, eingekochte Bohnensuppe, die gluckernd auf dem Herd meiner Eltern steht.

«Wie der Vater, so der Sohn.»

«Du kennst meinen - ? Du? Du bist nicht mein Vater. Mein Vater ist Gustav MĂŒnz.»

«Du meinst diesen Gustav MĂŒnz?» Er zeigte mir ein Bild mit zwei dĂ€mlichen StrichmĂ€nnchen drauf, einem Mann und einer Frau. Schief und zweidimensional gezeichnet. Das Bild hĂ€tte auch ich gemalt haben können. Als ich vier war.

«Sollen das meine Eltern sein oder was.» Es hÀtten jedermanns Eltern sein können.

Er hatte meine Reaktion beobachtet, ging aber nicht auf meine Worte ein. Er war völlig absorbiert von meinem Anblick.

«Phantastisch. Mein Leben lang hab ich auf diese neue QualitĂ€t von Inspiration gewartet. Ich wusste, dass es sie gibt. Dass meine Vorstellung mir lebendige Bilder zeigen wird, die nur ich sehe. - Ich muss malen.» Und wie ein Besessener fuchtelt und kratzt er mit seinem Pinsel ĂŒber die leere Leinwand. «Ja! Das ist es! Endlich seh ich dich nah! Das ist es! Sieh doch nur ... diese ... lebendige Kraft!»

Ich schaute es mir an. Ein exzentrisches Gewirr von Strichen, aus denen sich meine Gestalt schÀlte. Der Typ ist gaga. Was Ernsthaftes ist mit ihm nicht anzufangen.

«Ich seh schon, Alter. Du willst gar nichts von mir wissen. Ich geh dann.»

«Aber ich weiß doch alles ĂŒber dich.» Er unterbrach die Schmiererei und nahm aus dem Stapel fertiger Bilder ...

Da war die Frau in der Gasse. Da war der Penner in seinem Blut, der brennende Beichtstuhl von Pater Sebastian. «Du liest Zeitung, na und?» Aber woher wusste er, wie alles aussah? Der Schuppen am Hafen, die Chapka des Penners, die UnterwÀsche der Frau, die Laterne. «Du hast mich bespitzelt.»

Er war wieder in seine Kunst versunken und warf nur flĂŒchtige Blicke auf mich, sein Modell. Er schien jede meiner Regungen aufzuzeichnen. Mein Abbild hatte schon 100 Arme.

«Das sieht ĂŒberhaupt nicht aus wie ich.»

»Das werd ich wohl besser wissen als du. Du bist meine Vorstellung.«

Der alte Sack fing an, mich zu nerven. Doch ich hatte auch langsam das - absurde! - BedĂŒrfnis, mich zu ĂŒberzeugen, dass ich noch ich war und ein Mensch. «Ach ja?» machte ich. Ich schlĂŒpfte aus meinem Staffelei-Zelt und schlug auf dem Platz vor Scharen von Leuten einen Purzelbaum. Keiner beachtete mich. Der Irre malte und lachte. Ich trat einem Mann ins Schienbein, er ging weiter mit starrer Miene. Ich schrie und warf mich vor ein Trio glatzköpfiger junger Burschen. Sie gingen mit festen Schritten weiter.

***

Benny kommt angelaufen und leckt meine Blessuren. Die Jungs hatten anstĂ€ndige Stiefel. Manchmal muss man einem alten Sack eine Schere in den Hals rammen, um wahrgenommen zu werden, um sich real zu fĂŒhlen. Sein letztes Bild hab ich mitgehn lassen - und seine Latschen natĂŒrlich. Liegt alles bei den Schuhen im Keller. Bennys Besitzer wirds nicht weiter wundern, wenn sie mal ein Bild finden. Die Schuhberge, die ihr Hund da, wie sie meinen, zusammengeklaubt hat, finden sie auch nur «total lustig». Eine neue Party-Anekdote also! Benny ist fĂŒr sie nicht mehr alsein modisches Accessoire. Aber das ist ok. Ich streichel ihn und er mich. Es ist die Selbst-Vergewisserung, die ich hin und wieder brauche. Wenn keiner dich wahrnimmt, wie sollst du wissen, dass du existierst? Da ist es gut, manchmal was ĂŒber sich in der Zeitung zu lesen. Benny zwickt mich in die Schulter. Er will was sagen. Ja, wenn er sprechen könnte und womöglich BrĂŒste hĂ€tte und weniger Behaarung - unser Leben wĂ€r optimal. Mal sehen, was heute anliegt. Vielleicht ein Spaziergang durch die GĂ€rten, FrĂŒchte essen. Irgendwas Entspanntes.

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