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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Im Trinken ertrunken
Eingestellt am 02. 08. 2008 19:56


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Walther
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Frank W. – Im Suff gehste druff – oder: Im Trinken ertrunken


Heute Morgen steht Frank W. zeitig auf. Hänschen kommt. Und Hänschen soll seinen Vater nicht so abgewrackt sehen. Irgendwie denkt er, dass er sein Gesicht wahren müsse, wenigstens dem Sohn gegenüber.

Er schleppt sich mĂĽde auf die Toilette. Der Hangover ist einer der schlimmsten der vergangenen Wochen. Das totale Scheitern, erst die Ehe, dann die KĂĽndigung, danach die Bewerbungsabsagen im Dutzend, haben Frank W. abstĂĽrzen lassen.

Vor dem Spiegel angekommen, sieht er in sein Gesicht. In ihm sieht er Verfall, Alter, Schlafmangel, den Alkohol und die Zigaretten der vergangenen vierzehn Tage ebenso wie sein blankes Entsetzen über das, was er dort sieht. Die grüngrauen Augen liegen tief in den Höhlen, das Augenweiß ist an einigen Stellen rot unterlaufen, die Haare, fast zur Gänze ergraut, kleben schweißnass an den Schläfen, die Backen sind aufgedunsen, der Atem geht rasselnd.

Sein Mund ist trocken, und er nimmt aus dem Zahnputzbecher einen tiefen Schluck des lauwarmen Wassers, der eigentlich für das Zähneputzen vorgesehen war. Im Magen angekommen, führt das Wasser nicht zu einer entspannenden und erfrischenden Wirkung, sondern zu einem konvulsivischen Zucken des Magen-Darm-Trakts. Er krümmt sich zusammen und hält sich seinen Bauch.

Die Betrachtung desselben lässt einen weiteren Schrecken in seiner Glieder fahren: So schlimm war es mit dem Übergewicht noch nie gewesen. Er kann fast seine Fußspitzen nicht mehr sehen. „Weit ist es mit mir gekommen“, hört er seine heisere Stimme flüstern. „Ich sehe aus wie mein eigenes Wrack. Ich sollte mich schämen.“

Er schaut auf die Uhr und erkennt, dass es gerade noch zum Duschen, Einkaufen und zum Friseur reichen wĂĽrde, wenn das FrĂĽhstĂĽck, zu dem er sowieso gerade keinen groĂźen Drang verspĂĽrte, ausfiele. Dieses Vorhaben setzt er danach sofort um.

Zur Mittagszeit beginnt Frank W. mit dem Aufräumen, Saugen, Wäschewaschen, Spülen. Er trinkt viel Kaffee und viel Wasser. Irgendwie geht es ihm nicht besonders gut. Herzklopfen und Schweißausbrüche zwingen ihn immer wieder zu Pausen.

Als Edith klingelt, kann er sich zusammenraufen und aufrecht zur Tür gehen. Als er die Tasche Hänschens in die Hand nimmt, zittert sie. Er atmet tief durch und drückt seinen Sohn an sich. „Vati, Du siehst nicht gut aus. Was ist mit Dir?“ fragt Hänschen besorgt. „Nichts“, antwortet Frank W. ungewollt mürrisch. „Was macht die Schule?“ lenkt er ab. Wie meist bekommt er darauf keine Antwort. Auch der Sohn hat da so seine offene Flanke.

Der Tag vergeht wie im Flug, aber immer wieder fühlt er eine kleine dumpfe Schlechtigkeit aufsteigen. Als Edith den gemeinsamen Sohn abholt, schafft er es kaum, die Türe sauber zu schließen. Er lehnt sich an sie, rutscht an ihr herunter und bricht in hoffnungsloses Schluchzen aus. Erst viele Minuten später, am Ende ist es über eine Stunde, kann er sich aufraffen und in die Wohnküche schleppen. Dort setzt er sich an den Tisch, gießt sich ein Glas Wasser ein, stellt es ab, nimmt einen großen Schluck und kippt – bildlich gesprochen - einfach weg.

Er erwacht erst weitere drei Stunden später wieder aus seinem Erschöpfungsschlaf, als sein BlackBerry klingelt. „Hallo“ meldet er sich mit kratzender Stimme. „Bist Du das, Frank?“ hört er ein tiefe Stimme sagen, die ihm bekannt vorkommt, die er aber nicht zuordnen kann. „Wer…“ stottert er in das Mobilfunkgerät, das schweißbefeuchtet an seinem rechten Ohr klebt, „wer bist Du äh sind Sie?“

„Ich bin es, Günther!“ – „Gott!“, entfährt es Frank W. “Entschuldige, ich habe Dich nicht erkannt. Du bist der Letzte, dessen Anruf ich erwartet hätte, ehrlich.“ – „Das denke ich mir. Es ging die Mär, ich hätte Dich ans Messer geliefert, um von den Problemen im Service abzulenken. Nichts ist falscher als das. Ich bin auch seit einiger Zeit draußen. Hast Du heute Abend Zeit für mich?“

Frank W. schaut auf die Uhr. Sein schweizer Chronometer zeigt 19:53 Uhr. Donner, so spät schon, schießt ihm durchs Gehirn. „Muss das heute sein?“ fragt er unschlüssig. „Ja, es muss!“ ist die kurz angebundene Antwort von Günther Peters, der einmal sein bester Freund und der technische Leiter seiner Produktsparte gewesen war. „Es muss sein, und Du weißt auch, warum. Edith hat mich angerufen, Dir ins Gewissen zu reden.“

Eine halbe Stunde später treffen sie sich in ihrer Kneipe. Frank W. will schon ein Bier bestellen, als Günther zu ihm sagt: „Das wirst Du schön bleiben lassen. Zlatko, mach uns zwei große Apfelschorle!“ Der Wirt schaut erst ungläubig und dann zustimmend. „Ich habe mit Zlatko ein langes Gespräch gehabt vor ein paar Tagen, Frank. So kann das nicht weitergehen. Du trinkst zuviel, Du schaust dem letzten weiblichen Abschaum in die Bluse, lässt Dich abschleppen und hältst den halben Laden hier aus, und das seit Wochen. Jetzt ist Ende Gelände.“

Die Ansage des Freundes tritt hart. Frank W. will sich erst wehren, als Zlatko mit den Getränken kommt und ihn begütigend wieder in die Sitzbank drückt. „Ich hab nicht mär zusähen kennen diesem Elend! Ich hab angerufen Daine Frau!“ stellt er die Situation klar, sein kroatischer Akzent schimmert gestochen scharf durch die Anspannung. „Damit Du waißt. Du nix mär kriegst hier Alkohol. Schluss mit lustig ischt.“ Sein Gesichtsausdruck ist sehr ernst und verdammt entschlossen.

Frank W. schaut betreten in das Apfelschorleglas. „Frank, das konnte ich als Dein Freund nicht weiter treiben lassen. Alle machen sich Sorgen um Dich. Das geht so nicht weiter. Hast Du mich gehört?“ Er legt seinen Arm um die Schulter des Freundes, der zu schluchzen beginnt.

GĂĽnther Schmid, ein groĂźer schlanker Mann mit eisgrauen kurzen Haaren, drahtig und ein Muster an Disziplin, bekommt selbst feuchte Augen und einen Klops im Hals, als er die Verzweiflung des anderen wahrnimmt. Er klopft sanft und beruhigend auf den RĂĽcken des Freundes, der sich fast nicht wieder in den Griff bekommen kann.

„Lass uns heute ein wenig über die alten Zeiten sprechen und danach überlegen, was wir tun können. Ich bin auch gefeuert worden und habe noch nichts in Aussicht. Mit Anfang 50 ist man wohl auf dem Abstellgleis“, sagt der Freund. Frank W. putzt sich seine Nase lautstark mit einem Stofftaschentuch und antwortet mit kleiner Stimme und feiner Ironie: „Erst mit Anfang 50? Mir geht es kein Deut besser.“

„Ich habe vergangenen Mittwoch einen überraschenden Anruf aus Italien bekommen, Du weißt, von unserem Lieblingswettbewerber. Man fragte mich nach Dir. Das ist doch ein Ansatz, den wir verfolgen könnten.“

Der Abend vergeht wie im Flug, Frank W. isst zum ersten Mal seit Wochen vernĂĽnftig und trinkt nichts auĂźer Sprudel und Apfelsaft. Um 22 Uhr bringt GĂĽnther ihn nach Hause. Die beiden Freunde verabschieden sich an der TĂĽr und umarmen sich schulterklopfend. Man vereinbart, sich am Mittwochmorgen bei Frank W. erneut zu treffen.

Frank W. geht danach aufgeräumt ins Bett, irgendwie glücklich und mit neuer Hoffnung. Um 3 Uhr morgens erwacht er schweißgebadet und mit wahnsinnigem Herzrasen, das sich nicht beruhigen will. Als der Schüttelfrost beginnt, ruft Frank W. den Notarzt an. Danach wird es schwarz um ihn, und er erwacht erst im Krankenhaus wieder.

Wer einen Freund hat, kann sich glücklich schätzen. Und wer dann zusätzlich noch einen Schutzengel hat, der ist gesegnet.

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Walther
"Gelegenheit.Macht.Dichtung"

Version vom 02. 08. 2008 19:56
Version vom 03. 08. 2008 19:43
Version vom 04. 08. 2008 11:46
Version vom 04. 08. 2008 14:52
Version vom 04. 08. 2008 19:55

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